Archivbild: Antje Fuhrmann steht am Montag (10.09.2012) in Berlin nach einer Pressekonferenz des Kinder- und Jugendhilfe-Verbundes mit ihrem Kurzpflegekind vor einem Plakat. (Quelle: dpa/Marc Tirl)
Audio: Inforadio | 11.10.2019 | Sebastian Schöbel | Bild: dpa/Marc Tirl

Überlastete Jugendämter - Berliner Pflegeeltern beklagen fehlende Unterstützung

Mit einer Werbekampagne sucht der Senat derzeit neue Pflegefamilien, der Mangel in Berlin ist groß. Doch viele Pflegeeltern fühlen sich alleingelassen. Das System, das sie eigentlich unterstützen soll, ist an vielen Stellen überlastet. Von Sarah Mühlberger

Angesprochen werden eigentlich alle: Verheiratete Paare, unverheiratete, gleichgeschlechtliche Paare. Familien mit leiblichen Kindern. Patchwork-Familien. Singles. Alleinerziehende. Familien mit Migrationshintergrund. Unter dem Motto "Pflegekinder bringen Lebendigkeit in die Familie" sucht Berlin seit einigen Wochen mit einer neuen Kampagne dringend Menschen, die ein Pflegekind bei sich aufnehmen möchten.

Die Kampagne ist einerseits wichtig, denn schon jetzt fehlen in der Hauptstadt jährlich mehr als 500 Pflegefamilien, Tendenz steigend. Andererseits ärgern die Plakate auch viele - besonders jene, die mit dem Thema am besten vertraut sind.

"Da wird so getan, als ob alles ganz einfach ist", sagt eine Pflegemutter aus dem Norden Berlins. "Das ist haarsträubend." Eine andere: "Die Pflegefamilien werden seit Jahren von den Jugendämtern zunehmend allein gelassen, weil auch die dortigen Mitarbeiter am Limit sind." Und ein Pflegevater sagt: "Das Problem ist: Sobald das Kind bei einem lebt, steht man relativ allein auf weiter Flur." Die Koordination zwischen Jugendamt und Pflegekinderdienst funktioniere nicht, Hausbesuche gebe es faktisch keine, da es nicht ausreichend Personal dafür gibt. "Dass sich da nur schwer Pflegefamilien finden, ist verständlich."

Viele Pflegeeltern beklagen die mangelnde Unterstützung

Als rbb|24 vor einigen Monaten über den steigenden Bedarf an Pflegefamilien berichtete, meldeten sich zahlreiche Pflegemütter und Pflegeväter, die ihrem Ärger Luft machen wollten: Viele Pflegefamilien beklagen eine mangelnde Unterstützung. Die Jugendämter seien überlastet und überfordert, man werde mit Problemen allein gelassen. Der Vorwurf zielt dabei meist nicht auf die Behörden selbst, sondern auf eine Politik, die zugelassen hat, dass Jugendämter derart überlastet sind. Auf Fälle, bei denen ein Sozialarbeiter im Jugendamt parallel mehr als 100 Fälle betreut.

Berlins Jugendämtern fehlen nach wie vor 100 Sozialarbeiter

Doch wie ist die Lage tatsächlich? Auf Anfrage teilt die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie mit, dass eine Stichtagserhebung zum 1.9.2018 in den Regionalen Sozialpädagogischen Diensten (RSD) der Jugendämter eine durchschnittliche Fachkraft-Fall-Rate von 1:69 ergeben habe. Zwischen den Bezirken schwankte die Zahl zwischen 52,3 (Charlottenburg-Wilmersdorf) und 82,6 (Treptow-Köpenick).

Allerdings bezieht sich diese Fallzahl auf die Planstellen, nicht auf die real vorhandenen Sozialarbeiter. Die tatsächliche Zahl der Fälle, die ein Sozialarbeiter parallel bearbeitet, kann deswegen deutlich höher liegen, wenn Stellen unbesetzt sind oder Kollegen lange krank.

"Das Land Berlin hat die RSD-Stellen in den vergangenen Jahren wiederholt aufgestockt", sagt eine Sprecherin der Senatsverwaltung. "Es bleibt aber das Problem, dass die Bezirke aufgrund des Fachkräftemangels nicht alle Stellen besetzen können."

So sind derzeit rund 100 finanzierte RSD-Stellen nicht besetzt. Noch im Juli 2018 lag die Zahl bei 144. Berlin habe sich erfolgreich für eine Gehaltsverbesserung eingesetzt, so die Sprecherin, und unterstütze die Personalgewinnung mit Stipendien, einem dualen Studiengang und gezielter Fachkräftegewinnung. Doch auch sie räumt ein: "Die Entwicklung ist positiv, sie ist allerdings noch nicht ausreichend."

2.400 Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien

In Berlin gibt es jährlich etwa 2.000 "Inobhutnahmen", also Fälle, in denen das Jugendamt Kinder oder Jugendliche in Notsituationen aus ihren Familien holt und vorläufig anderweitig unterbringt. Oft kehren die Kinder später in ihre Ursprungsfamilien zurück, bei Kindeswohlgefährdungen jedoch suchen die Jugendämter nach dauerhaften Möglichkeiten der Unterbringung.

Nach Zahlen der Senatsverwaltung für Familie lebten im vergangenen Jahr 2.400 Berliner Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien. Weitere 6.000 lebten in Heimen, mitunter selbst Säuglinge. Gerade bei jüngeren Kindern raten Experten dringend zu einer Unterbringung in Familien, weil es leichter ist, eine Bindung aufzubauen, wenn es feste Bezugspersonen gibt.

Es gibt also gute Gründe dafür, die Suche nach Pflegefamilien zu verstärken. Gleichzeitig ist die Frage, wie lange das jetzige System die Belastung noch aushält.

"Das notwendige Spezialwissen über Pflegekinder ist kaum verbreitet"

"Ich habe schon mehrfach aus den Jugendämtern gehört: Vielleicht muss hier in Berlin erst ein Kind sterben, bis etwas passiert", sagt Barbara Heinemann-Milde. Sie hat seit vielen Jahren mit Pflegefamilien zu tun, sie kennt alle Seiten: Lange Zeit arbeitete sie im Regionalen Sozialpädagogischen Dienst des Jugendamts, später im Pflegekinderdienst und schließlich unter anderem als Dozentin in der Pflegeelternschule. Sie sieht in Berlin mehrere strukturelle Probleme, die sich auf diesen Nenner bringen lassen: Überall fehlt Geld, überall fehlen Stellen, überall fehlt Zeit.  

"Eigentlich müsste genau hingeschaut werden, was dem Kind förderlich ist, besonders was eine Klärung seiner Perspektive angeht", sagt Heinemann-Milde. Zumal Kinder ein anderes Zeitempfinden hätten, wie Heinemann-Milde betont. "Die Situation von Pflegekindern ist insgesamt eine ganz besondere, doch das erforderliche Spezialwissen ist kaum verbreitet." Angesichts des Personalmangels und der hohen Fluktuation im Jugendamt ist die Einarbeitungszeit neuer Mitarbeiter ohnehin sehr kurz, für Spezialisierungen fehlt schlicht die Zeit.

Gemeinsame Termine mit allen Ämtern? Eine Herausforderung

Für die Vermittlung und Betreuung von Pflegefamilien sind in Berlin die Bezirke zuständig. Die Jugendämter sind dabei über den RSD sowohl für die Herkunftseltern als auch über den Pflegekinderdienst für die Pflegeeltern zuständig. Manchmal handelt es sich um zwei Anlaufstellen einer Behörde, manchmal sind gleich zwei Jugendämter involviert: zuständig ist jeweils der Wohnort der Eltern. Gemeinsame Termine zu koordinieren, etwa für die jährlichen Hilfeplangespräche, ist deswegen oft eine große Herausforderung.

Schon 2001 fing der erste Berliner Bezirk damit an, Aufgaben an freie Träger abzugeben - sie kümmern sich um Auswahl, Qualifizierung und Betreuung der Pflegeeltern. Heute machen nur noch die Jugendämter von Charlottenburg-Wilmersdorf, Mitte, Pankow und Treptow-Köpenick alles selbst. Dort, wo es eine Zusammenarbeit zwischen freien Trägern und Jugendamt gibt, kann das Hierarchieverhältnis zum Problem werden: Schließlich sind die freien Träger finanziell vom Jugendamt abhängig. Noch größere Probleme scheint es jedoch in den Bezirken zu geben, wo gar keine freien Träger mit im Boot sitzen, wo die Jugendämter also alle Aufgaben selbst übernehmen und bei Personalmangel entsprechend ins Schlingern kommen.

Die Qualifizierung kommt erst lange nach dem Pflegekind

Dass jeder Bezirk sein eigenes System hat und die Anlaufstellen teils sogar unterschiedliche Namen tragen, macht die Sache für Pflegeeltern besonders anspruchvoll.

Das Zuständigkeitsnetz mit all seinen Fallstricken ist eigentlich einer der Inhalte, die in der Pflegeelternschule auf dem Lehrplan stehen. Ebenso Basics wie rechtliche Grundlagen, Entwicklungspsychologie oder Verhaltensauffälligkeiten. Nur: Kaum eine Pflegefamilie nimmt an der halbjährlichen Qualifizierung teil, bevor das Kind in die Familie kommt, also genau dann, wenn es sinnvoll wäre. Stattdessen sitzen in den Seminaren, so berichten es Pflegeeltern und Dozenten übereinstimmend, häufig Eltern, die seit mehreren Jahren ein Pflegekind haben, manchmal sogar eines, das kurz vorm Auszug steht.

Eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie sagt dazu auf Anfrage von rbb|24, es sei wegen der Wartelisten für Plätze an der Pflegeelternschule inzwischen auf Fachebene ein Austausch angeregt worden: "Es laufen Gespräche, wie man hier möglichst umgehend Abhilfe schaffen kann."

Statt Familienidylle warten Auseinandersetzungen mit den Herkunftseltern

Kamen Pflegekinder früher vor allem zu Familien, in denen bereits leibliche Kinder lebten, sind es zunehmend Kinderlose, die sich der Aufgabe stellen. Zum einen also Menschen, die bislang keine Erfahrung mit Kindern hatten und deswegen im doppelten Sinne in eine neue Welt eintauchen.

Zum anderen melden sich immer mehr Menschen, deren Kinderwunsch bislang unerfüllt blieb und für die das Pflegekind nun eine riesige Erwartung erfüllen soll. "Es gibt einen Wunsch nach heiler Welt, doch statt Familienidylle warten Auseinandersetzungen mit den Herkunftsseltern oder Fachkräften auf viele Pflegeeltern", fasst Barbara Heinemann-Milde zusammen.  

Aus all diesen Gründen müsste es eigentlich deutlich mehr Betreuungsangebote geben als früher. Doch das Gegenteil ist der Fall. Zuletzt wurden die Beratungsstunden für die freien Träger sogar noch reduziert.

Keinen Anspruch auf Elterngeld

Zwar wird von Pflegeeltern erwartet, eine Zeitlang aus dem Beruf auszusteigen oder zumindest deutlich kürzer zu treten. Doch es gibt abgesehen von den 740 bis 1060 Euro, die im Monat pauschal für das Pflegekind gezahlt werden und die alle Ausgaben decken sollen, keinerlei finanzielle Unterstützung der Eltern. Nur wenn das Kind eine schwere Krankheit oder einen sogenannten erhöhten Förderbedarf hat, wird für die Erziehungsleistung der Pflegeeltern eine rund 600 Euro höhere Pauschale gezahlt. Einen Anspruch auf Elterngeld gibt es in keinem Fall.

"Pflegeeltern und Pflegekinder haben keine Lobby", fasst Heinemann-Milde zusammen. Sie würde trotz allem niemandem abraten, ein Pflegekind aufzunehmen. Aber sie rät angehenden Pflegeeltern dringend, sich auch mit den Rechtsgrundlagen selbst vertraut zu machen und kontinuierliche fachliche Beratung einzufordern.

Beitrag von Sarah Mühlberger

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5 Kommentare

  1. 5.

    Das was dort berichtet wird kann ich nur beståtigen. Auch in Hamburg sind die aufgezeigten Probleme vorhanden. Nach der Devise ^zum Wohle des Kindes^ ist man weit entfernt. Eine einheitliche zentrale Unterstützung findet nicht statt.

  2. 4.

    Ich möchte kurz ergänzen: es ist nicht in allen Bezirken so brenzlig. Wir werden als Pflegefamilie seit Jahren vom KJHV und der Pflegekinderhilfe in Neukölln begleitet. Wir haben eine Sozialarbeiterin, die uns bei allen Fragen und Nöten unterstützt. Sie bereitet auch die Umgangskontakte vor, und vermittelt, wenn nötig. Dank ihr, den Gesprächsgruppen und der Unterstützung des Jugendamtes Neukölln, in dem Pflegekinder eine verdammt starke Lobby haben, gelingt es uns, die Herausforderung zu wuppen.

  3. 3.

    "Die Jugendämter seien überlastet und überfordert"

    Was jetzt aber auch nicht neu ist. Und auch nicht verwunderlich. Berlin ist eine hochverschuldete Stadt. Die Verwaltung wurde damals unter Sarrazin kaputtgespart. Finanziell steht man heute nicht viel besser da. Alles ist auf Kante genäht. Neues Personal für die Verwaltung zu finden ist schwierig.

  4. 2.

    Lieber rbb,

    danke, dass ihr das Thema so ausführlich beleuchtet und den Pflegekindern eine Stimme gebt!

    Schon erstaunlich, dass die Senatsverwaltung nun ganz schnell mehr Plätze in der Pflegeelternschule schaffen möchte und bisher nicht vom Mangel wusste.
    Ein Blick auf die Zahlen hätte da ja genügt. 4 Kurse im Jahr mit ca. 20 Plätzen veglichen mit den Zahlen neuer Pflegeeltern. Schon hätte man eine Aussage ob das Angebot genügt.
    Aber mit dem Rechnen scheint es in der Politik nicht so gut zu laufen. Klappt ja bei Schulplätzen ja auch nicht. x Kinder in der Kita + x Jahre = Anzahl der Grundschulplätze

  5. 1.

    Beim lesen bemerke ich bei mir eine steigende Politikverdrossenheit. Ich bin entsetzt über diesen Umgang und der mangelnden Unterstützung mit so engagierten Menschen. In der Folge werden sicher wieder große Trostpflaster vergeben und rasch ein neues, wohlklingendes Gesetz entwickelt. Kann denn kein Verantwortlicher mehr in Zusammenhängen denken und Dinge über die Länge einer Legislaturperiode begleiten? Ich bin sehr beunruhigt, fürchte um den sozialen Frieden und finde es entmutigend wenn ich beobachte wie das Ehrenamt ( in allen Bereichen ) als völlig selbstverständlich gesehen wird, es aber keine wirkliche Anerkennung und Unterstützung erhält. Keine Gala, kein Ehrentag und keine Floskeln helfen diesen Menschen bei ihren alltäglichen Leistungen.

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