Archiv: Verteidiger der Angeklagten vor Prozessbeginn gegen eine Berliner Hells-Angels-Rocker im Berliner Kriminalgericht (Quelle: dpa/Matthias Balk)
Video: Abendschau | 01.10.2019 | Norbert Siegmund | Bild: dpa/Matthias Balk

Lebenslänglich für acht Hells Angels - Gericht: "Es kommt einer Hinrichtung gleich"

Nach 300 Verhandlungstagen sind der frühere "Präsident" einer Berliner Hells-Angels-Gruppe und neun Mitangeklagte wegen eines Auftragsmordes zu hohen Haftstrafen verurteilt worden. Das Gericht kritisierte auch die Rolle der Polizei. Von Ulf Morling

Es war einer der bundesweit größten Prozesse gegen Rocker: Nach einem fünfjährigem Prozess um den Auftragsmord an einem 26-jährigen Mann in Reinickendorf wird am 300. Verhandlungstag gegen zehn Mitglieder der Berliner Hells Angels das Urteil gesprochen. Die 15. Große Strafkammer sei überzeugt, dass die Umstände der Tat völlig aufgeklärt sind, hieß es beim Urteilsspruch am Dienstag. Danach hat Rockerboss Kadir P. (35) acht der neun Mitangeklagten den Auftrag erteilt, Tahir Ö. (26) in dem Reinickendorfer Wettbüro "Expekt" zu töten.

Während der "Präsident" der Rockergruppierung wegen Anstiftung zum Mord lebenslang hinter Gitter muss, werden sieben der Mitangeklagten wegen gemeinschaftlichen Mordes aus niedrigen Beweggründen ebenfalls zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Sie sollen in das Wettbüro eingefallen sein und die Tat begangen haben.

Ein weiterer 32-jähriger mutmaßlicher Mittäter wird nur zu einer zwölfjährigen Haftstrafe verurteilt, weil er den Ermittlern wertvolle Hinweise gegeben hat. Dem zehnten Angeklagten sei nur illegaler Waffenbesitz nachzuweisen, so die Kammer. Seine Strafe von einem Jahr und zehn Monaten gilt wegen seiner Zeit in der Untersuchungshaft als verbüßt.

Abstruse Szenen im Hochsicherheitssaal

"Es kommt einer Hinrichtung gleich", sagt der vorsitzende Richter Thomas Groß in der Urteilsbegründung. Die zehn Angeklagten murren teilweise, unterhalten sich, werfen Kusshände Richtung Zuschauer aus dem Sympathisantenkreis der Hells Angels. Dutzende Wachtmeister beobachten die Angeklagten und deren Publikum. "Ich muss auf Toilette", ruft einer der Hells Angels im schusssicheren Glaskasten des Saales 500, kaum ist eine Pause in der mehrstündigen Urteilsbegründung vorüber.

Das Gericht lässt sich davon nicht beirren. 13 zum Teil vermummte Personen waren in der Tatnacht in das Hinterzimmer des Reinickendorfer Wettbüros hineingestürmt, nach 25 Sekunden war die Tat beendet und ein Mensch getötet. Von acht Schüssen hatten sechs Tahir Ö. tödlich getroffen. Dieser Mord habe quasi zwingend zum Geschäftsmodell der Hells Angels gehört, um ein wirtschaftlich wichtiges Drohpotential zu demonstrieren, so der vorsitzende Richter.

Mit Täter und Opfer seien zwei dissoziale Persönlichkeiten aufeinander getroffen, die ihre persönliche Fehde ausgetragen hätten. Tahir Ö. habe geahnt, dass er nach gegenseitigen körperlichen Attacken gefährdet ist, hieß es im Urteil. Aber am Tatabend habe seine schusssichere Weste beim Kartenspielen in dem Wettbüro über der Stuhllehne gehangen, seine Pistole hatte er nicht griffbereit. 

"Staatliches Fehlverhalten nicht auszuschließen"

Fest steht für die 15. Große Strafkammer nach 300 Prozesstagen auch, dass das Opfer besser hätte geschützt werden können. Die Polizei habe mindestens fünf Tage vor der Tat von dem Mordkomplott erfahren. "Unbekannte Kräfte im Landeskriminalamt" hätten trotzdem zwingende Maßnahmen zum Schutz des Opfers unterlassen.

Wegen dieser Verletzung des rechtsstaalichen Verfahrens, sowohl dem Mordopfer als auch den Angeklagten gegenüber, habe die Kammer Strafabschläge beschlossen, die bei den neun wegen Mordes verurteilten Angeklagten jeweils mindestens zwei Jahre ausmachen, so die Urteilsbegründung. Der Nebenklagevertreter der Opferfamilie, Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, bezeichnet das Verhalten der Polizei im Vorfeld des Mordes als skandalös. "Zahlreiche Polizeibeamten und Polizeibeamtinnen wussten Bescheid über die geplante Tötung und haben rein garnichts unternommen, um das Opfer zu schützen. Das ist für die Eltern und die Geschwister bitter", sagte er. Die Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaften dazu laufen noch.

Gegen das Urteil werden die Verteidiger der zehn Verurteilten aller Voraussicht nach in Revision gehen.

Sendung: Inforadio, 01.10.2019, 16 Uhr

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11 Kommentare

  1. 11.

    Mal ganz ehrlich . Durch euch Medien werden alle über einen kam geschert . Kennt ihr einige Rocker persönlich? Wenn nein, dann lasst es sein alle über einen kam zu scheren . Habt ihr nix anderes zu tun als die immer und immer wieder alle als schlechte Menschen hin zu stellen es sind NICHT alle schlecht . Und häter Antwort reagiere ich nicht .

  2. 9.

    Ach Fabian, dann befassen Sie sich bitte zuerst mit der Historie unserer Judikative und Legislative, insbesondere nach WWII und der Änderung durch die damaligen Siegermächte im Vergleich zu deren Gesetzgebungen und der nach dem Krieg bewirkten Folgen durch die Änderungen in Bezug auf die Befürchtungen der Alliierten, die die hiesige Gesetzgebung wegen ihrer Vorbehalte so dermaßen geschwächt haben. Ich rede nicht von der Todesstrafe, die ist auch kein Thema, sondern die Behandlung von Straftatbeständen bei Mord.
    Ich würde mich gerne mit Ihnen geistig duellieren, aber ich sehe, Sie sind unbewaffnet.

  3. 8.

    Kommentatoren mit solchem Halbwissen finde ich immer wieder putzig und verweise erstmal auf Fabian (Nr. 5) und zweitens empfehle ich, einfach mal die Revision abzuwarten. Es ist im Bereich des Denkbaren, dass sich für die Tatbeteiligten eventuell noch etwas am Strafmaß ändern kann; nur Geduld.

  4. 6.

    Als einfacher Bürger sage ich, - das ist ein Fehlurteil. Das ist Rechtsbruch. Wenn einer geschossen hat, darf man nicht 7 andere wegen der gleichen Tat verurteilen. Wenn ein Mann eine Frau vergewaltigt und neun Leute stehen herum, werden nicht 10 Leute wegen Vergewaltigung verurteilt. Einer wird wegen Vergewaltigung abgeurteilt, die 9 anderen wegen unterlassener Hilfeleistung. Für mich sind das böse Vorzeichen, - das Urteile nach Muster nationalsozialistischer Willkür gesprochen werden. Alles wird weggesperrt, was außerhalb der Gesellschaft steht. Wenn werden die ersten Kritiker wegen > Volksverhetzung < weggesperrt.

  5. 5.

    „Lebenslang sollte auch lebenslang sein, vor allem bei nachgewiesenen Mord.“
    Bitte befassen Sie sich mal etwas genauer mit der deutschen Legislative und Judikative, bevor sie Dinge fordern, die der deutschen Verfassung widersprechen. Es ist müßig, gegenüber Hobby-Juristen immer wieder darauf hinweisen zu müssen.

  6. 2.

    “Ein 35-Jähriger, der als Rockerchef der Hells Angels gilt und die tödlichen Schüsse in einem Wettbüro in Auftrag gegeben haben soll, wurde wegen Anstiftung zum Mord verurteilt.“

    Und was ist die verhängte Strafe für diesen Angeklagten? Kann rbb diese Information noch nachreichen?

  7. 1.

    Zitat:" Ein 32 Jahre alter Angeklagter, der bei der Aufklärung des Falls geholfen haben soll, sagte, "die ganze Geschichte tut mir unfassbar leid". Es hätte so nicht passieren dürfen."
    Wie hätte es denn dann" passieren sollen?
    Und "lebenslang" für die anderen ist lachhaft. Die U-Haft wird sicher angerechnet, im Knast bekommen die Unterstützung vom Clan, werden dort bereits ihr Netzwerk gesponnen haben und nach 15 Jahren gibt's Haftprüfung.
    Lebenslang sollte auch lebenslang sein, vor allem bei nachgewiesenen Mord.

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