Eine obdachlose Person liegt im Kältebahnhof Moritzplatz (Bild: imago/Sabine Gudath)
Video: Abendschau | 31.10.2019 | Max Kell | Bild: imago/Sabine Gudath

Obdachlose in Berlin - Senat ersetzt Kältebahnhöfe durch Wärmehalle

Die ersten Minusgrade sind schon da - und für Obdachlose beginnt die härteste Zeit des Jahres. Anders als in früheren Jahren hat der Senat rechtzeitig einen Beschluss gefasst: Statt der umstrittenen Kältebahnhöfe soll es diesmal eine zentrale Wärmehalle geben.

In Berlin werden in diesem Winter nachts keine U-Bahnhöfe für die Notübernachtung Obdachloser öffnen. Das sagte die Sprecherin der Sozialverwaltung, Regina Kneiding, dem rbb am Donnerstag und bestätigte damit einen Bericht der "Berliner Zeitung". Stattdessen werde es in Kreuzberg eine Warte- und Wärmehalle geben, in der obdachlose Menschen übernachten könnten.

Halle soll am 15. November öffnen

Die Halle werde in Kooperation mit der Sozialgenossenschaft Karuna vom 15. November an jeweils in der Zeit zwischen 22.00 Uhr und 6.00 Uhr öffnen. Sie solle in den Räumen des Sozialen Zentrums "Gitschiner 15" der Evangelischen Kirchengemeinde "Heilig-Kreuz-Passion" in der Gitschiner Straße 15 eingerichtet werden.

Die Aufnahmekriterien seien niedrigschwelliger als in regulären Notunterkünften, in denen Hunde, Drogen oder Alkohol verboten sind. In der Wärmehalle finden auch diejenigen Platz, die aufgrund der Regeln in den Unterkünften sonst lieber im Freien schlafen.

Langer Streit um Kältebahnhöfe

Hintergrund für die Entscheidung seien die Erfahrungen aus den Vorjahren, in denen oft bis weit in den November nicht klar war, ob in kalten Nächten alle Obdachlosen untergebracht werden können. Vor einem Jahr hatten Senat und BVG nach einer wochenlangen Hängepartie Ende November entschieden, die U-Bahnhöfe Lichtenberg und Moritzplatz in der Nacht als Kältebahnhöfe offenzuhalten.

Die neue Warte- und Wärmehalle solle nun als Ersatz für diese Bahnhöfe dienen, wobei die Entscheidung dazu offenbar kurzfristig gefallen sei: Noch im September hatte BVG-Chefin Sigrid Nikutta angekündigt, dass auch in diesem Winter wieder zwei Bahnhöfe von der BVG für Obdachlose bereitgestellt würden.

Die geplante Warte- und Wärmehalle ist zwischen den U-Bahnhöfen Hallesches Tor und Prinzenstraße gelegen. Von dort sollen die Obdachlosen mit einem Leitsystem über das Angebot informiert werden, so Kneiding. Zusätzlich werde Betreuungspersonal eingesetzt, das die Obdachlosen zu der Wärmehalle geleiten sollen. In der Halle selbst sollen sich dann Sozialarbeiter um die Menschen kümmern.

Auch Kältehilfe stockt Angebot auf

Die Berliner Kältehilfe hatte Ende September mitgeteilt, in diesem Herbst und Winter ihr Schlafplatz-Angebot für Obdachlose nochmals aufzustocken. Zum Schutz vor niedrigen Temperaturen werden mehr als 1.100 Plätze zur Verfügung gestellt, hieß es. Bereits im vergangenen Winter hatte die Berliner Kältehilfe ihr Angebot auf 1.000 Schlafplätze aufgestockt.

Die ersten 443 Plätze wurden ab dem 1. Oktober bereitgestellt. Zu den Angeboten für Notübernachtungen, die am Freitag in die Saison starten, zählt unter anderem die zentral gelegene und mit 100 Plätzen versehene Einrichtung in der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg, wie die Johanniter ankündigten. Für den Betrieb würden noch ehrenamtliche Helfer gesucht, sagte Regionalvorstand Björn Teuteberg.

Bis zum Jahresende soll die Zahl der Kälthilfeangebote auf 1.162 steigen. Die Kältehilfesaison beginnt im Herbst und dauert bis April.

FDP begrüßt neues Angebot

Die oppositionelle FDP im Abgeordnetenhaus hat die Entscheidung für eine Wärmehalle in Kreuzberg begrüßt. Es sei gut, dass rechtzeitig zum Winter die Zukunft der Kältebahnhöfe geklärt sei, teilte Thomas Seerig, sozialpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, mit. "Eine zentrale Anlaufstelle mit vernünftiger Sanitärversorgung statt U-Bahnhöfen vorzuhalten ist sinnvoll, um Menschen vor dem Kältetod zu bewahren", so Seerig. Allerdings müsse der Senat vor allem die Ursachen von Obdachlosigkeit angehen, anstatt weiter "nur die Mangelverwaltung zu verbessern".

Nach Schätzungen leben in Berlin mehrere Tausend Menschen auf der Straße. Die Zahl der Menschen ohne eigene Wohnung, die bei Verwandten, Freunden, in Übergangsunterkünften oder Wohnheimen leben, wird auf etwa 50.000 geschätzt. Wohlfahrtsverbände und Hilfsorganisationen stellen mit der Kältehilfe jeden Winter Angebote auf die Beine, damit möglichst niemand auf den Straßen erfriert. Dazu gehören Notübernachtungen, Nachtcafés und mehrere Kleinbusse, die etwa mit Decken und Tee ausrücken und Menschen auf Wunsch auch in Unterkünfte bringen.

Sendung: Abendschau, 31.10.2019, 19.30 Uhr

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15 Kommentare

  1. 15.

    "Aufnahmekriterien sind niedrigschwelliger.....".
    Drogen-/Alkoholverbot soll es nicht geben.....
    Wer denkt dabei eigentlich an die Betreuer in der Wärmehalle?
    Die Umsetzung/Betreuung aus Sicht der Helfer stelle ich mir sehr schwierig vor.
    An dieser Stelle meine volle Hochachtung an die Helfer. Denen wünsche ich viel Kraft.

  2. 14.

    Wir reden hier über Menschen, die oft unverschuldet in diese Situation geraten sind. Ich vermisse oft , nicht nur in Berlin,Mildtätigkeit und Verständnis und ein nicht staatlich gefördertes Engagement der Religionen.

  3. 13.

    Eine gute Sache, jedes Angebot ist eine Hilfe.
    Ob das allerdings funktioniert, wenn vor Ort dann Drogen und Alkohol - übrigens auch eine Droge, diese Unterscheidung seitens der Medien nervt! - konsumiert und auch Hunde mitgebracht werden dürfen, kann ich mir noch nicht so richtig vorstellen. In anderen Städten gibt es spezielle Unterkünfte nur für Hundebesitzer, das finde ich ganz gut gelöst.
    Ich drücke jedenfalls die Daumen, dass das Angebot angenommen wird und die Umsetzung funktioniert, so wie man sich das vorstellt.

  4. 12.

    Deutsche Politiker wollten aus einigen nationalen Staaten ein gesamtes Europa machen. Nicht jedes Land bringt die gleichen sozialen Standards mit und so kommen die ärmsten der Armen auch nach Deutschland. und durch die enorme Spendenbereitschaft und Nächstenliebe, kommen viele Menschen zu uns. diese müssen nach EU und Menschen Rechtsbestimmungen Sicher und in einem hygienischen Umfeld Untergebracht werden. Dazu gibst dann eine warme Suppe, Kleidung , Duschen, einen warmen Schlafplatz und Ehrenamtliche Helfer die das Leiten oder Unterstützen und Firmen die das nach der Unterbringung wieder reinigen. Das finden Sie nicht unter freien Himmel oder in Bahnhöfen! Ich habe mich selber während so einer putz Aktion nur übergeben müssen. Die Hilfsbereitschaft anderer findet auf dem klo oder den Unterkünften , Null Wert. Spendet mal freiwilligen Dienst und Unterstützt mal Reinigungskräfte bei BSR, U-Bahn und bei der Stadtmission.

  5. 11.

    Deutsche Politiker wollten aus einigen nationalen Staaten ein gesamtes Europa machen. Nicht jedes Land bringt die gleichen sozialen Standards mit und so kommen die ärmsten der Armen auch nach Deutschland. und durch die enorme Spendenbereitschaft und Nächstenliebe, kommen viele Menschen zu uns. diese müssen nach EU und Menschen Rechtsbestimmungen Sicher und in einem hygienischen Umfeld Untergebracht werden. Dazu gibst dann eine warme Suppe, Kleidung , Duschen, einen warmen Schlafplatz und Ehrenamtliche Helfer die das Leiten oder Unterstützen und Firmen die das nach der Unterbringung wieder reinigen. Das finden Sie nicht unter freien Himmel oder in Bahnhöfen! Ich habe mich selber während so einer putz Aktion nur übergeben müssen. Die Hilfsbereitschaft anderer findet auf dem klo oder den Unterkünften , Null Wert. Spendet mal freiwilligen Dienst und Unterstützt mal Reinigungskräfte bei BSR, U-Bahn und bei der Stadtmission.

  6. 10.

    Was heißt, eine ungewollte Meinung. Es ist wohl allgemein bekannt, und wird auch nicht von christlichen Sozialarbeitern bestritten, das unter den Berliner Obdachlosen eine sehr hohe Prozentzahl Osteuropäer ist.

  7. 9.

    Keine "Mangelverwaltung" sondern mMn peinliche, halbgare "Elendsbeschwichtung"!

  8. 7.

    "Gute Maßnahme an sich, aber warum man dieses Angebot nicht optional gestaltet u. die Kältebahnhöfe offen hält, erschließt sich mir nicht. Denn Unterkünfte sind personenbegrenzt und rar gesät. "
    Das steht im verlinkten Artikel der Berliner Zeitung. 1. Es gibt mit den Hallen genug Plätze: "Die Kapazität des Standorts sei nach den Erfahrungen der vergangenen Winter ausreichend, heißt es aus der Verwaltung." 2. Man will, dass die Menschen in die Unterkünfte und nciht aufr die Bahnhöfe gehen. Zitat: "„Es ist unser gemeinsames Ziel, dass keine Obdachlosen in Bahnhöfen übernachten müssen [...] Wir wollen deshalb so viele betroffene Menschen wie möglich dazu bewegen, Notübernachtungen aufzusuchen“, betonte Fischer." 3. Anwohner der Kältebahnhöfe haben sich beschwert: "Anwohner beschwerten sich – wegen Müll, Scherben, Fäkalien und weil offensiv Drogen genommen wurden."

  9. 6.

    Ja es ist schlimm, dass es in einem der reichsten Länder der Welt noch immer Armut gibt. Aber man sollte schon etwas realistischer und faierer bei der Beurteilung in dieser speziellen Sache sein. Ein Großteil der hier angesprochenen Armut im Sinne der Obdachlosigkeit ist schlicht und ergreifend eine improtierte Armut. Das macht die Armut nicht besser, allerdings hat sie eigentlich nichts in diesem Land zu suchen! Wenn Obdachlose aus Osteuropa und Co nach Deutschland kommen, weil es ihnen hier damit immer noch besser geht, dann wäre die "alte europäische Weltordnung" m.M. nach deutlich besser. Denn diese Armen sind nicht die Armen unseres Landes (und nein ich wähle nicht die AfD)! Weiterhin löst die aktuelle Entscheidung auch nur bedingt das Problem in den Bahnhöfen. Denn viele haben eh dauerhaft offen und sind damit auch von Alkoholikern und Drogensüchtigen belegt....ein sehr schönes und sicheres Stadtbild, wenn man früh zur Arbeit fährt. Aber ich weiß...eine ungewollte Meinung.

  10. 5.

    Das wahre Armutszeugniss ist, dass es in einem der reichsten Länder der Welt, immer noch Armut gibt.

  11. 4.

    Gute Maßnahme an sich, aber warum man dieses Angebot nicht optional gestaltet u. die Kältebahnhöfe offen hält, erschließt sich mir nicht. Denn Unterkünfte sind personenbegrenzt und rar gesät.

    Dass sich ausgerechnet Seerig äußert, ist zynisch. Er zählt neben der CDU-Fraktion zu einem der Hauptabsender*innen von klassistischen Ausgrenzungen gerade gegenüber Wohnungslosen. Hier will er angeblich froh über die Alternative zu Kältebahnhöfen sein, an anderer Stelle hat er sich als Sozialdarwinist gezeigt, der die tatsächlichen Notunterkünfte etc. auf ihre Kosten und "Steuerlast" reduziert: das alte Klischee vom Leistungstragenden auf der einen Seite und dem Nutznießenden auf der anderen Seite, dem auch weniger Rechte zustehen sollen.

    Wenn man sich ernsthaft um Klärung der Ursachen für Wohnungslosigkeit bemühte, sollte man mal häufiger die Ausschüsse besuchen oder sich um Bekämpfung von Gentrifizierung kümmern. Neoliberalismus: Individualisierung von gesellschaftlichen Problemen.

  12. 3.

    ist ja praktisch für die angedachte Zählung der Obdachlosen.

  13. 2.

    Nicht verkehrt. Aber ich lese gar nichts von sanitären Anlagen? Toiletten? Wieder nicht vorgesehen? Die würden ja auch zwischen 6:00 und 22:00. Das wäre im Interesse aller.

  14. 1.

    Gute Notlösung. Herzlichen Dank an alle Mitwirkenden insbesondere von Karuna und Heilig Kreuz, die sich schon seit Jahrzehnten engagieren. Ist es nächstes Jahr möglich mit Beginn der Heizperiode "schon" dieses Angebot zu machen?

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