Archivbild: Ein homosexuelles Paar, das in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft lebt, mit ihren zwei Kindern bei einem Familienausflug am 11.04.2013 in Berlin. (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
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Protokoll | Berliner Pflegevater über Herausforderungen - "Wir als Pflegeeltern sind immer die Bittsteller"

Das Leben mit einem Pflegekind bringt besondere Herausforderungen mit sich. Unterstützung sollte es eigentlich durch die Jugendämter geben – doch die sind dazu kaum in der Lage, erzählt ein Berliner Pflegevater. Protokoll von Sarah Mühlberger

Mit einer Werbekampagne sucht der Senat derzeit neue Pflegefamilien, der Mangel in Berlin ist groß. Doch viele Pflegeeltern fühlen sich alleingelassen, sobald sie ein Kind aufnehmen.

Im Folgenden erzählt ein Pflegevater aus Berlin von seinen Erfahrungen - zum Schutz seines Kindes haben wir den Text anonymisiert:

Bei einem leiblichen Kind kannst du dich neun Monate vorbereiten, ein Pflegekind ist irgendwann einfach da. Bei uns lagen vier Wochen zwischen dem ersten Anruf des Jugendamts und dem Tag, an dem der Kleine bei uns eingezogen ist. Das ist zwei Jahre her, inzwischen ist er fünf. Für uns war der Start besonders herausfordernd, weil wir zuvor kein leibliches Kind hatten.

In unserer Überprüfung, die etwa neun Monate gedauert hat, fand keine fachliche Qualifizierung statt. Einen Platz in der Pflegeelternschule, die eigentlich obligatorisch ist, wo Basiswissen vermittelt wird, zum Beispiel über das Ämter-Wirrwarr oder Kindheitstraumata, haben wir erst bekommen, als der Kleine schon anderthalb Jahre bei uns lebte – und auch nur, weil wir darauf gedrängt haben.

Wir haben es grundsätzlich mit zwei Abteilungen des Jugendamts zu tun: Für die Überprüfung und Betreuung von Pflegefamilien ist der Pflegekinderdienst (PKD) zuständig, das sind in unserem Bezirk nur drei Mitarbeiter. Und für das Kind und dessen Herkunftseltern ist der Regionale Sozialpädagogische Dienst (RSD) zuständig. Die haben noch weniger Zeit. Pflegekinderdienst und RSD arbeiten komplett getrennt, sitzen sogar getrennt.

Im Zweifel bin ich ein Angestellter des Amts

Wir als Pflegeeltern sind immer die Bittsteller. Dabei sind wir diejenigen, die Kosten sparen. Mit Kindergeld bekommen wir 900 Euro für die Betreuung unseres Pflegekindes. Ein Platz im Mutter-Kind-Heim kostet zum Vergleich etwa 10.000 Euro im Monat.

Ich fühle mich meist als Störfaktor, wenn ich ein Anliegen habe. Ich kann auch keinen Stress machen, denn im Zweifel bin ich ein Angestellter des Amts. Theoretisch könnten sie uns das Kind auch wieder wegnehmen.

Leibliche Mutter weckt falsche Hoffnungen

Unser Kleiner hat regelmäßig unbegleitete Umgänge mit der Mutter. Sie erzählt dann manchmal leider auch Quatsch und weckt falsche Hoffnungen. Das ging schon so weit, dass der Kleine total durch den Wind war. Er war völlig unausgeglichen, hat grundlos geweint. Und ich habe gemerkt, dass er uns vorwirft, dass er nicht zu seiner Mama darf. Was macht man in einer solchen Situation?

Die Dozenten in der Pflegeelternschule haben uns hier sehr geholfen, indem sie gesagt haben: aus der Situation müsst ihr raus, das ist Sache des Amts, das ist nicht eure Aufgabe. Und dann haben wir darauf bestanden, dass das Jugendamt ein Gespräch führt mit dem Kleinen und ihm irgendwie erklärt, dass nicht wir diejenigen sind, die ihm das verbieten. "Jetzt bin ich die Doofe", sagte uns danach die Mitarbeiterin vom RSD. "Wieder ein Kind, das mich später nicht grüßt und hasst." Uns als Familie hat das aber unglaublich geholfen. Das nimmt bei uns ganz viel Druck raus.

Unsere Sachbearbeiterin ist völlig überarbeitet

Familie, das sind für unseren Sohn nicht nur wir drei, sondern auch ganz selbstverständlich seine Mutter. Umso wichtiger ist es für uns, dass wir mit der Herkunftsmutter ein gutes Verhältnis hinbekommen. Dass die Umgänge mit ihr aber unbegleitet sind, anfangs sogar einen ganzen Tag lang, habe ich echt nicht verstanden. Denn seine Mutter ist ja ganz offiziell nicht in der Lage, sich um ihn zu kümmern, auch nicht unter 24-Stunden-Betreuung im Mutter-Kind-Heim. "Bei uns machen wir das so", hieß es dazu. Es ist aber natürlich auch eine Ressourcenfrage.  Wir sehen die Stapel an Akten im Büro unserer Sachbearbeiterin. Die ist total unter Strom, völlig überarbeitet.

Für einen detaillierten Blick auf die Kinder fehlen die Ressourcen

Beim letzten Besuch hat sie uns erzählt, dass sie gerade ein Kind aus der Obhut seiner Eltern genommen und in einem Heim untergebracht hatte – von dort kam er jetzt mit blauen Flecken zurück, muss also im Heim misshandelt worden sein. Das ist die Spannweite der Fälle im Jugendamt, da relativiert sich viel. Aus deren Sicht sind die Probleme, die wir als Pflegefamilie haben, ein Witz. Die sind weder faul noch inkompetent, die sind schlicht und ergreifend maßlos überfordert. Aus der Mangelwirtschaft heraus, müssen die Mitarbeiter täglich schlimme Kompromisse eingehen. Die sehen das so: Das Kind ist bei uns ernährt, es gibt keine Kindswohlgefährdung, Hauptsache so wenig Probleme wie möglich, es warten "schlimmere" Fälle in den Bergen von Akten.

Für einen kleinteiligen Blick auf die Biografien der Kinder sind gar nicht die Ressourcen da. Unser Kleiner fing vor einigen Monaten an, nach seinem Vater zu fragen und zu weinen. Dabei hat er den nur zweimal gesehen, seit er bei uns lebt. In der Pflegeschule lehrte man uns Offenheit und Ehrlichkeit gegenüber dem Kind. Das haben wir alles beim Jugendamt angesprochen, die hatten da keinerlei Verständnis. "Jetzt lasst doch den Vater raus, da haben wir ja noch mehr Stress", hieß es. Jetzt wurde festgeschrieben, dass die sorgeberechtigte Mutter zustimmen müsste, bevor wir den Vater kontaktieren. Das wird sie aber niemals machen, die beiden sind sich spinnefeind. So kann sich der Kleine kein realistisches Bild von seinem Vater machen.

Es fehlt das Spezialwissen über Pflegeeltern

Unsere Sozialarbeiterin betreut weit mehr als 100 Fälle, davon nur eine Handvoll Pflegekinder. Die beim RSD haben mit dem Thema selten zu tun. Wir merken das zum Beispiel, wenn es heißt: Na, bei Scheidungen geht das alles doch auch. Aber das ist bei uns ein komplett anderer Fall, wir sind doch mit den Herkunftseltern ganz anders verbunden. Es fehlt einfach Spezialwissen über Pflegeeltern.

Wenn ich nachmittags meinen Kleinen aus der Kita abhole, lächelt der mich an und freut sich, mich zu sehen – da ist all der Stress am Rande vergessen. Nichts in der Welt kann das Gefühl ersetzen, das ich habe, wenn unser Kleiner in meinem Arm einschläft. Was aber nicht ginge, wäre Vollzeit zu arbeiten. Es ist nochmal ein anderer Aufwand als bei einem leiblichen Kind, es hängt mehr dran. Neben dem häufig genannten "Rucksack", den so ein Pflegekind mitbringt, leider auch viel bürokratischer Aufwand.

Pflegevater

Welchen Sinn hat eine weitere Kampagne, die bei möglichen Pflegeeltern völlig falsche Erwartungen erzeugt, die die Jugendämter gar nicht erfüllen können?

Die neue Werbekampagne empfinde ich als zynisch

Deswegen empfinde ich die neue Werbekampagne auch als zynisch, dieses lockere Werben im Sinne von: "Pflegeeltern, bitte kommt doch." Aber wie denn? Welcher Arbeitgeber spielt denn mit, wenn man ihm sagt, man wird eventuell Vater, weiß aber nicht wann. Und auch nicht, ob es ein dreijähriges Kind wird, das in die Kita geht, oder ein Säugling, der mindestens ein Jahr lang rundum-Betreuung braucht. Und dann gibt es nicht einmal einen Anspruch auf Elterngeld. Wie soll da eine Auszeit mit Pflegegeld überbrückt werden, womöglich noch als alleinerziehendes Pflegeelternteil?

Welchen Sinn hat eine weitere Kampagne, die bei möglichen Pflegeeltern völlig falsche Erwartungen erzeugt, die die Jugendämter gar nicht erfüllen können? Die Energie, die jetzt in diese Kampagne gesteckt wird, sollte man lieber nutzen, um einen Blick in die Ämter zu werfen und dort für echte Verbesserungen zu sorgen. Die Mitarbeiter dort werden verbrannt, und die Leidtragenden sind am Ende die Kinder.

Das sagt die Senatsverwaltung

Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie teilt rbb|24 auf Anfrage mit: "Die Werbekampagne ist ein geeignetes Instrument, um in der Bevölkerung kontinuierlich auf diese für die Gesellschaft wertvolle Hilfe aufmerksam zu machen. Deshalb sind die Jugendämter und unser Haus übereingekommen, nach sieben Jahren wieder eine Werbekampagne zu starten. Diese ist auf fünf Monate befristet und lädt Interessierte ein sich über die Aufnahme eines Kindes in den Privathaushalt beraten zu lassen. Statistiken zeigen, dass Interessenten und Interessentinnen erst nach etwa fünf Berührungspunkten mit diesem Angebot, sich tatsächlich dafür entscheiden. Daher braucht es auch Impulse durch Kampagnen. Zugleich werden die Rahmenbedingungen immer wieder auf den Prüfstand gestellt und Vorschriften stetig angepasst."

(...) "Nachdem die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie  von einer Warteliste von geeigneten Pflegeeltern/-personen für die Pflegeelternschulungskurse erfahren hat,  wurde auf Fachebene ein Austausch angeregt und es laufen Gespräche, wie man hier möglichst umgehend Abhilfe schaffen kann."

(...) "Die Senatsverwaltung hat keine Weisungshoheit gegenüber den Bezirken. Die Weiterentwicklung im Bereich der Pflegekinderhilfe wird durch die Senatsverwaltung stets mit unterstützt – sie darf sie jedoch nicht vorgeben. Die Berliner Bezirke und die für Jugend zuständige Senatsverwaltung befinden sich daher kontinuierlich in Gesprächen, um gemeinsam für das Land Berlin eine bestmögliche Entwicklung der Pflegekinderhilfe zum Wohle aller (Pflegekinder, Herkunftsfamilien, Pflegeeltern/-personen, kommunale/örtliche und freie Träger zu ermöglichen." 

 

 

Beitrag von Sarah Mühlberger

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7 Kommentare

  1. 7.

    Bei mir ist das so nahm vor 11 jahren das Kind als Baby zu mir,mir wurde jede Unterstützung vom Jugendamt zugesagt.erst war das Kind für ein Jahr bei mir untergebracht da haben die Eltern das schriftlich gemacht als ich dann sah das sich dort nichts geändert hat,habe ich mit den Jugendamt geklärt das das Kind bei mir bleibt.sollte dann gesundheitszeugnis Führungszeugnis bringen um dann als Pflegemutter tätig zu werden.ständig Hausbesuche vom Jugendamt und von kinserpflegedienst,dann alles geklärt als das dann hieß Pflegegeld, hieß es ja Pech gehabt Paragraph keine Ahnung jetzt ,bekomme kein Pflegegeld dann auf der Suche nach einem Anwalt Pech gehabt gegen das Jugendamt in Brandenburg kein Chance einen Anwalt zu bekommen.muss alles von der Sozialhilfe die das Kind bekommt bezahlen Zahnarzt op 180.00 Euro nächstes Jahr Zahnspange und Jugendamt hält sich komplett raus .

  2. 6.

    Ich bin selber Pflegemutter, seit 6 Jahren. Ich kann das geschriebene teilweise nachvollziehen, kann aber auch sagen, dass es auch anders geht. Klar, auch unsere Sachberarbeiterin hat zu viele Fälle. ABER sie ist immer ansprechbar und sie hat sich immer für das PK eingesetzt. Hilfeplangespräche finden sogar zweimal im Jahr statt, Hilfen wurden IMMER angeboten. Seit Jahren werde ich von einer Supervisorin begleitet, die immer für Fragen und Probleme da ist. Die zuständige Mitarbeiterin des PKD hat immer ein offenes Ohr und ist auch jederzeit erreichbar. Der Amtsvormund kommt monatlich und handelt auch jederzeit im Interesse des Kindes. Trotz allem, ja das Jugendamt braucht dringend mehr Personal, damit die Mitarbeiter, die sich echt reinknien nicht auf der Strecke bleiben. Und gerade deshalb, ein großes Dank an die uns betreuenden Mitarbeiter des JA Pankow.

  3. 5.

    Ich sehe das anderst.Das Jugendamt nahm mir meine beiden Kinder weg weil ich Hilfe suchte als mein Ex-Mann schwer Gewalttätig den Kindern und mir gegenüber wurde.Und die Pflegefamilie redet meinen Kinder lauter Quatsch ein.Meine Tochter hat sogar Angst vor ihrem Pflegevater.Das Jugendamt sagt das ist normal.Finde ich nicht! Und ich empfinde es so das die Pflegefamilie extrem gegen mich als Mutter arbeiten um für immer meine Kinder behalten zu dürfen.Ich habe nach Hilfe gefragt und würde dafür schwer bestraft und bekomme sehr wahrscheinlich meine Kinder nie wieder.Meine Wut und Trauer wächst jeden Tag mehr.Ich fühle mich so machtlos.Ich wollte doch nur Hilfe für meine Kinder und mich und jetzt sind wir für immer getrennt.

  4. 4.

    Der Artikel spricht mir aus der Seele...auch im südlichsten Zipfel Brandenburgs sieht die Lage kein Deut besser aus. Wie soll ich da - als ehemalige Pflegemutter und Therapeutin, die schwerpunktmäßig Pflegekinder mit ihrem Bezugssystem begleitet, interessierten Männern und Frauen guten Gewissens dazu raten, Pflegeeltern zu werden!

  5. 3.

    Der Senat hat das Interesse, die Kinder möglichst preiswert unterzubringen. Die Pflegeeltern möchten ein Kind aufnehmen und sich um es kümmern, das aus einer Notsituation zu ihnen kommt und es bei ihnen gut haben soll.
    Sie bekommen aber nicht einfach ein Kind, sondern ein in frühen Jahren durch den Verlust der leiblichen Mutter und des Vaters früh-traumatisiertes Kind.
    Im Erwachsenenalter gehen Menschen mit schweren Traumata und Verlusten in eine spezialisierte (Trauma-) Therapie bei gut ausgebildeten Psychotherapeuten. Bei Kindern sind die Folgen von Traumata aber noch schwerer und komplexer. Sie kommen dann als Pflegekinder zu fremden Menschen, die dafür keinerlei Ausbildung haben.
    Die abwesenden leiblichen Eltern werden oft in der Fantasie idealisiert. Die Wut und Trauer über die Abwesenheit wird im besseren Fall bei den anwesenden Pflegeeltern rausgelassen, die das nicht verstehen können, weil sie doch gut zu dem Kind sind, im Gegensatz zu den leiblichen Eltern.

  6. 2.

    Das ist typisch für den total überforderten und unfähigen Senat. Dinge ins leben rufen und sich damit wichtig tun die überhaupt nicht funktionieren können. Das natürlich zu Lasten der Kleinsten. Die Jugendämter in Berlin sind komplett überfordert, kaum noch arbeitsfähig und sollen hier beraten ? Diese Form der ahnungsloser und gewissenloser Politik ist verachtungswürdig. Es wir Zeit das Herr Müller und Frau Scheeres endlich ihre Sachen packen und verschwinden. Ich freue mich auf die nächste Wahl, da bekommen diese Herrschaften die Quittung.

  7. 1.

    Vielen Dank für diesen interessanten Bericht. Und einen grossen Dank an die Pflegeeltern, die einem Kind die Geborgenheit, Fürsorge und Zuneigung geben, welches für das kindgerechte Heranwachsen braucht. Es ist traurig mit anzusehen, wie die Politik ihre Augen verschließt. Es werden Gelder ausgegeben an Stellen, die keine Nachhaltigkeit haben (z.B. die Einheitswippe), anstatt in die wirkliche Zukunft zu investieren. Nämlich in unsere Kinder. Die Unterstützung wird in den Ämtern und in den Familien benötigt, sonst fallen diese Kinder, die Hilfe benötigen und eine stabile Kindheit haben sollen, hinten weg. Wenigsten gibt es noch die helfenden Menschen, die Pflegeeltern, die trotz der Misstände weiter machen und dem Pflegekindern das ermöglichen, was andere versäumt haben. Danke dafür. Und an die Politik sage ich nur: Es schadet nicht, für eine lebenswerte Zukunft der Kinder, auch mal sozialer zu denken.

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