Symbolbild: eine Mutter hält ihr Baby in die Luft
Bild: dpa/Patrick Pleul

Protokoll | Berliner Pflegemutter für Krisenkinder - "Der Abschied ist immer ein bisschen wie Sterben"

Familien, die Kurzzeit-Pflegekinder aufnehmen, helfen in der Not, müssen aber selbst unglaublich viel aushalten. Eine langjährige Pflegemutter erzählt, wie es sich anfühlt, ein Kind abzugeben, das "Mama" zu einem sagt. Protokoll von Sarah Mühlberger

Oft liegen nur wenige Stunden zwischen dem Anruf des Jugendamts und der Ankunft des Kindes: Kurzzeit-Pflegefamilien müssen am Anfang besonders flexibel sein. Dann besonders einfühlsam: Die Kinder kommen aus familiären Notsituationen, viele sind vernachlässigt oder misshandelt worden. Und am Ende müssen Kurzzeit-Pflegefamilien einen großen Abschied wegstecken: Nach wenigen Wochen, manchmal aber auch erst nach einem Jahr, ziehen die Kinder weiter, zurück zu ihren Herkunftseltern oder zur nächsten Pflegefamilie.

Im Folgenden erzählt eine langjährige Pflegemutter von ihren Erfahrungen - zum Schutz ihrer Kinder haben wir den Text anonymisiert:

Ich bin seit 13 Jahren Pflegemutter. Es sah lange so aus, als ob wir keine eigenen Kinder bekommen können, und für eine Adoption war mein Mann damals zu alt. Kurz vor der Vermittlung des ersten Pflegekindes bin ich dann schwanger geworden, später noch ein zweites Mal. Das Thema Pflegekind war aber immer noch in unserem Kopf und als unsere Söhne fast erwachsen waren, nahmen wir das erste Kind bei uns auf, inzwischen lebt das 13. Pflegekind bei uns.

Ich mache das alles sehr gerne, kann es aber eigentlich niemandem empfehlen: Man kriegt keine Unterstützung, die Jugendämter sind überlastet und viele Gerichte überfordert. Ich ärgere mich, wenn ich in der U-Bahn die Werbung sehe, mit der neue Pflegeeltern gesucht werden und so getan wird, als ob alles ganz einfach sei. Das ist haarsträubend.

Ein Anruf - und Stunden später ein kleines Kind

Ich bin Pflegemutter für sogenannte Krisenkinder in Notsituationen. Man muss da sehr flexibel sein, oft kommt ein Anruf und wenige Tage oder sogar Stunden später ein kleines Kind zu einem. Auch wenn man immer nein sagen kann, aber wenn man von den Schicksalen erfährt, möchte man natürlich gerne helfen. Manche Kinder kehren anschließend in ihre Herkunftsfamilien zurück, für andere wird eine Pflegefamilie gefunden, in der sie dauerhaft leben.

In jedem Fall soll für diese Kinder laut Gesetz innerhalb von drei bis sechs Monaten eine dauerhafte Lösung gefunden werden. Das hat bei den 13 Kindern, die bisher bei uns lebten, nur ein einziges Mal geklappt. Die meisten waren mindestens ein Jahr bei uns. In meinem Umfeld gibt es mehrere Frauen, die sich vorstellen könnten, als Pflegemütter zu arbeiten. Aber ein Jahr oder länger für ein Kind zu sorgen, um es dann wieder abzugeben, schreckt sie ab – man entwickelt in dieser Zeit ja eine intensive Bindung.

"Aber Sie sind doch Profi", sagt das Jugendamt

Oft handelt es sich um Babys. Die bauen sehr schnell eine Beziehung zu einem auf, wir sind “Mama” und “Papa” für sie. Wenn die einen das erste Mal anlächeln oder selig in ihren Betten schlafen, ist das einfach toll. Bis dann das dicke Ende kommt. Der Abschied von den Kindern ist jedes Mal ein bisschen wie Sterben. Eines der Pflegekinder kam als Baby zu uns und kehrte mit zwei Jahren zu seiner leiblichen Mutter zurück. Das war für uns alle eine extreme Belastung, die nirgends aufgefangen wurde. Vom Jugendamt heißt es dann: Aber Sie sind doch Profi. Und eine Woche später kommt der nächste Anruf, die nächste Bitte, ein Kind aufzunehmen.

Besonders schlimm finde ich, dass Elternrechte vor Kinderrechten kommen. Deswegen gehen viele Kinder zwei oder drei Mal zurück zu ihren leiblichen Eltern, in schlimmste Verhältnisse, bis endgültig klar ist, dass es nichts wird. Und dann muss eine neue Pflegefamilie für sie gefunden werden, denn in die alte sollen sie nicht zurückkehren.

Babys mit Knochenbrüchen - die vielleicht in ihre Familien zurückkehren

Je höher die Instanz, desto schwieriger. Im Familiengericht hat niemand einen pädagogischen Background, es gibt keine psychologische Beratung der Beteiligten. Es wird vor allem viel zu selten gefragt, wie es den Kindern bei all dem geht.

Momentan lebt ein Kind bei uns, das vor einem Jahr als Säugling zu uns kam. Mit Frakturen ohne Ende, Knochen in allen Armen und Beinen waren gebrochen. Die Herkunftseltern haben sich gegenseitig belastet, so dass keinem von beidem etwas nachgewiesen werden konnte. Es kann sein, dass dieses Kind zur Mutter oder zum Vater zurückkehrt. Eine unglaubliche Vorstellung, die schwer auszuhalten ist. Überhaupt ist es das Schlimmste, Kinder wieder abzugeben, wenn man weiß, dass sie nicht gut untergebracht sind.

Es müsste sich dringend gesetzlich etwas ändern, um Kinder besser zu schützen. Aber keine Partei nimmt sich der Sache ernsthaft an.

Ein Stundenlohn von 1,28 Euro

Kinder zurück zu den Herkunftsfamilien zu schicken, ist im Übrigen die preiswerteste Variante. Ein Platz im Heim kostet rund 4.000 Euro im Monat, für eine Pflegefamilie sind es ein paar Hundert Euro. In der Pauschale ist dann schon alles enthalten, Windeln, Essen, Kleidung… Ich habe mal ausgerechnet, dass ich 1,28 Euro in der Stunde verdiene – man macht diese Aufgabe ganz klar nicht wegen des Geldes. Im Gegenteil: Momentan arbeite ich zwei Nächte in der Woche als Krankenschwester. Mit nur einem Dienst mehr in der Woche würde ich mehr Geld verdienen, als ich für die Pflege der Kinder in einem Monat bekomme.

Die Pflegekinder, die zu uns kommen, haben meist besondere Herausforderungen. Viele haben Gewalt erlebt, sind vernachlässig worden oder kommen aus Familien, in denen die Eltern drogenabhängig sind. Man kennt oft nur einen Teil der Vorgeschichten der Kinder. Bei unserem zweiten Pflegekind haben wir erst im Laufe der Zeit gemerkt, dass es offenbar sexuell missbraucht worden war. "Ich glaube das nicht“, sagte die Jugendamts-Mitarbeiterin. Und dann war erstmal wochenlang niemand erreichbar. Heute wissen wir viel besser über das System und unsere Rechte Bescheid und setzen uns notfalls mit Ellenbogen durch, wenn es dem Wohle der Kinder dient.

Klagen, um eine kinderfreundliche Rückführung zu ermöglichen

Bei unserem letzten Pflegekind wollte das Familiengericht, dass das Kind innerhalb von 14 Tagen zurück zur Herkunftsfamilie zieht. Nachdem es ein Jahr bei uns gelebt hatte. Das war selbst der leiblichen Mutter zu schnell. Für uns war in dieser Situation die einzige Möglichkeit, den Prozess zu verlangsamen, gegen den Bescheid des Familiengerichts zu klagen. Nicht weil wir verhindern wollten, dass das Kind zurück zur Mutter geht. Einfach nur, damit wir alle Zeit gewinnen. So eine Rückführung muss man behutsam angehen. Am Ende sind wir auf 1.500 Euro Gerichtskosten sitzengeblieben, aber das war es uns wert: Die Rückführung war erfolgreich und wir haben bis heute zum Kind Kontakt, was alles andere als selbstverständlich ist.

Gerade Babys können sich nicht wehren

Manchmal hören wir von anderen: Ihr habt entweder ein Helfersyndrom oder einen an der Meise. Warum tut man sich das an? Tja. Ich habe mal  ein Kinderheim besucht, das habe ich kaum ausgehalten. Das Weinen der kleinen Kinder war so grausam, das hat mich lange verfolgt. Bei Pflegeeltern wie uns sind sie definitiv besser aufgehoben als im Heim.

Aber das ganze System müsste dringend professionalisiert werden, gerade Babys können sich nicht wehren. Man ist als Pflegefamilie in schwierigen Situationen sehr allein. Es gibt eine Supervisionsgruppe vom Träger, aber das ist ein Witz. Beim Jugendamt hat nie jemand Zeit.

Auf der anderen Seite müssen wir Pflegeeltern ständig parat stehen und uns rechtfertigen, wenn wir mal einen Termin nicht wahrnehmen können. Und der wenigen Unterstützung muss man ständig hinterher laufen. Wir warten zum Beispiel seit acht Monaten auf eine Nachzahlung, weil sich die Ämter nicht einigen können, wer zuständig ist und aus welchem Topf bezahlt werden soll.

Zum Glück haben wir ein gutes Netz aus Freunden und Familie. Mein Mann ist selbständig und übernimmt viel, vor allem die Nächte, in denen ich arbeite. Unsere Söhne sind heute Erzieher und springen als Babysitter ein. Bei uns zieht die ganze Familie mit. Anders ginge das alles nicht.

Das sagt die Senatsverwaltung

Wie die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie auf Anfrage mitteilt, liegt die durchschnittliche Verweildauer in befristeter Vollzeitpflege nach aktuellen Erkenntnisse berlinweit bei neun Monaten statt der gesetzlich vorgegebenen drei bis sechs Monate. "Die Verweildauer wird auch durch Faktoren bedingt, die sich der Einflussnahme der Jugendämter entziehen (z.B. Stellungnahmen und Sachverständigengutachten im familiengerichtlichen Verfahren zur Erziehungsfähigkeit von Eltern, Entwicklung des Kindes oder eben selbst die Überprüfung einer Pflegefamilie für einen konkreten Fall)."

(...) "Da sich die Berliner Pflegekinderhilfe historisch heterogen entwickeln konnte und jeder Bezirk seine Fachdienste selber entwickeln durfte, ist eine ebenso schnelle wie gewünschte Vereinheitlichung, Optimierung und Effizienzsteigerung hinsichtlich zur Verfügung stehender Pflegepersonen und Belegung von entsprechenden Pflegeplätzen leider nicht immer möglich."

(...) "Die Senatsverwaltung hat keine Weisungshoheit gegenüber den Bezirken. Die Weiterentwicklung im Bereich der Pflegekinderhilfe wird durch die Senatsverwaltung stets mit unterstützt – sie darf sie jedoch nicht vorgeben. Die Berliner Bezirke und die für Jugend zuständige Senatsverwaltung befinden sich daher kontinuierlich in Gesprächen, um gemeinsam für das Land Berlin eine bestmögliche Entwicklung der Pflegekinderhilfe zum Wohle aller (Pflegekinder, Herkunftsfamilien, Pflegeeltern/-personen, kommunale/örtliche und freie Träger zu ermöglichen."

 

Beitrag von Sarah Mühlberger

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9 Kommentare

  1. 9.

    Ein dickes DANKESCHÖN an alle Pflegeeltern, die all das trotz der ganze Umstände auf sich nehmen und ein Kinderherz versuchen zu heilen! Hut ab! Und Tabeas Openpetition #kindeswohl ist auch seine sehr gute Sache! TOP!

  2. 8.

    Ich bin auch Bereitschaftspflege-Mutter. Und auch in NRW sieht es nicht anders aus, als in (meiner alten Heimatstadt) Berlin! Danke für diesen Artikel!
    Prozesse ziehen sich hin, von Woche zu Woche fällt das Abschiednehmen schwerer - da kann man "Profi" sein, wie man will! Es gehört ja auch zur Profession dazu, das Kind auf- und anzunehmen. Das geht nicht ohne Herz!
    Um einen verstärkten Augenmerk auf das Wohl des Kindes zu lenken und schnellere Entscheidungen für sie zu erwirken, habe ich eine Petition ins Leben gerufen:
    Openpetition #kindeswohl
    Gerne beteiligen und weiterleiten! Für Kinder gemeinsam eintreten!
    Dankeschön!

  3. 7.

    Warum zahlt der Senat 4.000 Euro für einen Heimplatz und nur ein Zehntel davon für einen Pflegeplatz? Widerspricht jeder Logik. Kein Wunder dass der Senat suchen muss nach Pflegeeltern, anstatt dass er Pflegefamilien aussuchen kann...

  4. 6.

    Vielen Dank für diesen wundervollen Artikel und dass dieser wichtigen Thematik endlich Raum gegeben wird.
    Meinen höchsten Respekt an alle Pflege, aber vor Allem auch den Notfallpflegefamilien. Neben Allem was sie tun und was geleistet wird, ist für mich die Situation unvorstellbar ein kleines hilfloses Wesen aufzunehmen, zu lieben und zu umsorgen und es dann wieder abgeben zu müssen.
    Meine Tochter ist gerade 9 Monate und jedes Lächeln, jedes Mama ist so wunderschön. Die Vorstellung, dass sie all dies bisher 13 Mal erlebt haben bzw erleben in dem Wissen diese Kinder wieder ab zu geben ist für mich unbeschreiblich.
    Vielen Dank, dass Menschen wie sie diesen Kindern ein Stück Heimat und Geborgenheit geben.

  5. 5.

    Fortsetzung von meinem vorigen Kommentar:
    Deshalb bedenken solche Menschen nicht(ausgenommen sie sind besonders einfühlsam, und können trotz eigenem Schock neutral bleiben), mit welchen Schwierigkeiten Pflegeeltern umgehen müssen. Erstmal muss man überhaupt die räumlichen Möglichkeiten haben, was eben teuerer ist. Ich stelle es mir so vor, dass ein Baby oder Kind das zu einem kommt,auch erstmal alles durcheinander würfelt in der ganzen Familie. Opfer müssen erstmal gebracht werden. (Nicht immer Aber manchmal, Man kann es nicht planen). Das Kind kann voll mit Mäusen, Flöhen, mit der Krätze oder sogar Schlimmeres befallen sein. Das bekommt dann auch erstmal die eigene Familie. Selbst wenn an sofort alle Maßnahmen gewissenhaft ergreift. Man bedenke wie ansteckend Kräfte ist. Das ist schon eine Arbeit die ich nicht gerne bezahlt bekommen würde. Da würde ich aufs Geld verzichten ehrlich gesagt. Danach baut man um so mehr Liebe auf. Je mehr Qualen desto stärker verbunden/schlimmere Trennung

  6. 4.

    Ja, Ich zweifel keine Sekunde dass ein Pflegeeltern-Job nicht einfach ist . Da ich das selber auch in Betracht ziehe zu sein. Sobald man selber aktiv werden und helfen möchte, kann man sich sofort ein genaues Bild machen und weiß ganz schnell warum das so schwierig ist.

    Diejenigen die immer über Pflegeeltern herziehen sind diejenigen, die es nicht wirklich jemals selber in Betracht gezogen haben, es selber zu tun. Sie denken vielleicht "oh so gut hätte ichs auch gern mal und so viel Geld usw", aber diejenigen sind noch nie aktiv geworden, haben sich informiert und wirklich ernsthaft darüber nachgedacht.
    Ich habe das. Und habe nachgedacht.
    Auch ist ein Grund für die negative Einstellung , wenn man mal so etwas Grausames erlebt hat, dass einem sein eigenes Kind ohne Grund genommen und deshalb danach wieder gegeben wurde. Was aber wie hier auch beschrieben, Jahre dauern kann,auch wenn es gar keinen Grund gab/die Eltern vollkommen unschuldig waren.

  7. 3.

    Wow. Danke für diese Geschichte und danke, das Sie sich trotz der ganzen Strapazen liebevoll um ein Kind kümmern, welches Hilfe benötigt. Traurig ist, das die Unterstützung durch die Politik so grottig schlecht ist, und das in der heutigen Zeit. Da werden unnötig Gelder ausgegeben an Stellen, die keinen Sinn machen z.B. die Einheitswippe, statt das Geld in die Jugendämter und Pflegefamilien zu geben, um die betroffenen Kinder eine vernünftige Kindheit ermöglichen zu können. Ich möchte mir garnicht vorstellen, was es mit einem Kind macht, immer hin und her gerissen zu sein, Verbindungen immer abgebrochen werden. Geschweige denn die Pflegeeltern, die ebenso nicht die Unterstützung erhalten, die sie bräuchten. Gut, das es Menschen wie Euch gibt, die die Kinder im Blick haben und nicht wie die Politik das Geld. Danke.

  8. 2.

    Schlimm wenn man das liest.
    Noch schlimmer, wenn man die Aussagen der Senatsverwaltung dazu nimmt!
    Nach dem Motte "ist historisch blöd gewachsen - lassen wir so, weil können da ja gar nichts machen" lehnt man sich zurück.
    Sorry aber das kann doch nicht deren Erst sein.
    Schafft punktuell endlich dieses besch.... Förderalismus ab! Wir leben in EINER Stadt. Warum muss jeder Bezirk ein eigenes Königreich sein, wenn es der Sache - in diesem Fall ja nur dem Wohl eines Kindes - gar nicht dient?!
    Hier geht es doch nur um Jobgarantien in Doppelstruckturen in "historisch gewachsenen" Strukturen. Einfach nur schrecklich!!!

  9. 1.

    Danke für den interessanten, differenzierten und sehr einfühlsamen Artikel. Mehr von solchen Formaten und Geschichten!

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