Dope! Der neue rbb-Serienstoff - im Zentrum steht die 27-jährige Vanessa © rbb / Anke Beims
Audio: rbbKultur | 02.10.2019 | Lucas Vogelsang | Bild: rbb / Anke Beims

Interview | Neuer rbb-Podcast "Dope" - Wenn Drogen auf einmal zum Alltag gehören

Doping wird eigentlich in der Welt des Profisports verortet. Alltagsdoping ist allerdings weit verbreitet - ein neues rbb-Hörspiel greift das Thema jetzt auf. Lucas Vogelsang hat dafür in  Berlin recherchiert - und stellte fest, dass die Realität oftmals verrückter ist als die Fiktion.  

rbb: Herr Vogelsang, erklären Sie uns doch mal bitte: "Dope" ist ja ein Hörspiel, und das ist fiktiv. Warum haben Sie da überhaupt recherchiert?

Lucas Vogelsang: Der Fußballer Thorsten Legat hat mal gesagt, es geht im Leben immer um "Authentischkeit". Und Tim Staffel hat mich als Reporter dazugeholt, damit ich der Fiktion einen realen Unterbau geben kann, damit wir Charaktere und Handlungsstränge entwickeln, die echten Personen nachempfunden sind und die dadurch auch gleich glaubwürdiger sein können. Und meiner Meinung nach - also als Reporter - ist die Realität am Ende eben eh immer irrer und schöner als die Fiktion. Also dieses klassische "Stranger than fiction". Und so war es bei uns auch.

Lucas Vogelsang © radioeins/Schuster
Lucas Vogelsang | Bild: radioeins/Schuster

Was für echte Menschen haben Sie denn da getroffen? Und: Wie haben Sie die überhaupt gefunden?

Nach zwölf Jahren als Reporter in Berlin und Deutschland hat man ein ganz gutes Netzwerk, und dann gibt es immer einen, der einen kennt, der einen kennt. Und dann streut man und sagt: Hey, ich suche folgendes, und dann haben wir vor allem ganz normale Leute getroffen, mit einem ganz normalen Alltag - und das ist, glaube ich, überraschend für die Hörer. Und dann eben auch die ganz unnormalen Leute, die ein bisschen außerhalb der Gesellschaft unterwegs sind. Mir ging es aber vor allem darum, bei diesen Leuten in die Leben hineinzulauschen, deren Alltag zu verstehen, uns in die Wohnzimmer zu setzen und zuzuhören.

Die Frage war immer: Wie sieht so ein Alltag und Tagesablauf eines Arbeitstages aus? In welche Situation können diese Menschen geraten? Und dann haben wir die Altenpflegerin getroffen, die gegen die Zeit arbeiten muss, die in extremen Stress verfällt - was wir vorher auch nicht so wussten. Genauso aber den Ex-Fußballer, der heute nach der Karriere, weil er Geld verdienen muss, auf dem Bau arbeitet - obwohl die Kniegelenke kaputt sind von der Karriere auf dem Fußballplatz.

Dann haben wir einen ehemaligen Politiker getroffen oder einen Streifenpolizisten und haben einfach mit denen Zeit verbracht. Wir haben immer wieder gefragt: Wie war das? Wie ist das, was passiert Euch? Gay Talese, der große US-amerikanische Reporter, hat das mal genannt: "the fine art of hanging around". Das haben wir die drei Monate gemacht.

Ich bin erstaunt, dass die Leute auch so offen über das Alltagsdoping gesprochen haben. Das ist doch eigentlich was, worüber man nicht spricht, oder?

Eine ganz tolle Sache, die mir natürlich zupass kam, ist der Quellenschutz, dass ich als Reporter diesmal nicht den Druck des Klarnamens hatte, ich hatte auch keinen Fotografen dabei. Das heißt, wir arbeiteten ja erstmal komplett in der Anonymität, weil nichts veröffentlicht wurde. Und am Ende konnte basierend auf den Geschichten die Fiktion passieren. Dahinter war es für die Menschen auch einfacher, über Themen wie Alltagsdoping zu sprechen.

In dem Hörspiel gibt es auch jemanden, der als IT-Spezialist nachts im Support arbeitet, und dem Vanessa dann erklärt, wie er sich mit LSD dopen kann. Ist dieser Fritz, wie er im Hörspiel heißt, so ein Fall, den Sie als echten Menschen getroffen hätten?

Das ist tatsächlich eine Geschichte, die wir am Straßenrand aufgelesen haben. Und wo Tim auch gesagt hat: Das ist genau die Art von Geschichte, die wir brauchen. Das ist jemand, der die ganze Nacht vorm Computer sitzt, unter einem immensen Druck. Weil nie was passiert. Sollte aber der Computer ausfallen, hat er ein Riesenproblem, weil sich daran ganz andere Zusammenhänge aufhängen. Und deswegen ist der Druck immens. Gegen den Abfall, aber auch gegen die Langeweile fängt er dann irgendwann an, sich zu dopen, hier Microdosing. Er macht das aber auch, um sich eine Gegenwelt zu erschaffen und um nicht komplett abzudriften in der Nacht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Anja Herzog, rbbKultur. Das Interview ist eine gekürzte und bearbeitete Version. Die Originalfassung können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Aufmacherbild dieses Beitrag nachhören.

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5 Kommentare

  1. 5.

    Wenn es ein Zitat von Thorsten Legat ist, sollte es authentisch wiedergegeben werden.

  2. 4.

    @ CD

    Das weiß jeder. Außer Thorsten Legat. Daher in Anführungszeichen als Zitat... :-)

  3. 2.

    "Authentischkeit" gibt es nicht, es heißt Authentizität.

  4. 1.

    Warum übersetzen Sie, Frau Anja Herzog von rbbKultur, nicht den Satz von Gay Talese: "the fine art of hanging around"? Hintergrund meiner Frage: Ich ging zu DDR-Zeiten in eine Schule ohne Englisch-Unterricht, aber mit dem Fremdsprachenfach "Russisch". Ich wünsche mir, dass der RBB englische Sätze regelmäßig in die deutsche Sprache übersetzt werden, z.B. für Leute wie mich! Immerhin ist der RBB ein deutscher Sender.

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