Symbolbild: Ein Häftlling in der JVA in Berlin Moabit. (Quelle: dpa/M. Tirl)
Audio: rbb Kultur | 06.10.2019 | Marie Wildermann | Bild: dpa/M. Tirl

Haftentlassene - Die zweite Chance

Nach der Entlassung nochmal ganz von vorne anzufangen, das ist für die meisten ehemaligen Strafgefangenen ohne Hilfe kaum zu schaffen. Welche Hürden sind nach der Haft zu nehmen und wer hilft dabei, wieder auf die Beine zu kommen? Von Marie Wildermann

Sein Strafregister war lang: Menschenhandel, Körperverletzung, Diebstähle, Raubüberfälle. 19 Jahre war Robert deswegen im Knast. Die Haftzeit in Tegel hat er genutzt, um zwei Ausbildungen zu machen und ein Fernstudium. Ein Gefängnisseelsorger und ein ehrenamtlicher Vollzugshelfer haben ihm geholfen, seine Taten zu reflektieren und neue Weichen zu stellen.

Als er entlassen wurde, wusste er sofort, wo er hingehen wird. Auch seine zukünftige Aufgabe stand fest: Ehemaligen Haftentlassenen dabei zu helfen, den Weg zurück ins Leben zu finden.

Café Rückenwind

Denn wer lange im Gefängnis saß, hat draußen kaum noch soziale Kontakte. Besonders die Langstrafer, die fünf Jahre und länger sitzen, brauchen Ansprechpartner und Menschen, die sich ihnen ohne Vorurteile zuwenden.

Zusammen mit dem katholischen Gefängnisseelsorger Stefan Friederichowicz baute Robert eine Anlaufstelle für ehemalige Haftentlassene auf: Das Café Rückenwind in der katholischen Kirchengemeinde St. Rita in Reinickendorf.

Dort treffen sich jeden zweiten und vierten Donnerstagnachmittag im Monat Ehrenamtliche und ehemalige Haftentlassene zum Plaudern und Kontakte knüpfen. Manchmal werden Jobs vermittelt oder Mobiliar, gelegentlich auch mal eine Wohnung.

Die größten Probleme

Eine wichtige Anlaufstelle ist die Freie Hilfe Berlin - Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe in der Brunnenstraße 28. Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter hier kümmern sich um eine Übergangswohnung, helfen bei Behördengängen wie Arbeitsagentur oder Jobcenter und erarbeiten mit dem Klienten einen Plan, wie er beruflich wieder Tritt fassen oder Schulabschlüsse nachholen kann.

Was sage ich den Kindern?

Familien wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen, wenn der Vater inhaftiert ist oder war. Ist die Wahrheit Kindern zumutbar? Ist Papa Freigänger oder "auf Montage"? Was sagt man Nachbarn, Lehrern, Arbeitskollegen? Um Familien zu helfen, mit der Inhaftierung des Vaters umzugehen, bietet die Freie Hilfe Berlin mit dem Projekt aufGefangen ein Elterntraining an.

Individuelles Coaching

Wer in der Haft schon von einem Vollzugshelfer betreut wurde, dem gelingt ein Neustart draußen besser. Ein engagierter ehrenamtlicher Vollzugshelfer kann ein guter Coach sein, nicht nur für die praktischen und beruflichen Belange, auch als Gesprächspartner und Ratgeber bei Problemen. Auf besonderen Antrag kann die Betreuung auch nach der Haftzeit weitergehen. Die Freie Hilfe Berlin schult regelmäßig Vollzugshelfer und bereitet sie auf ihre Aufgaben vor.

Schulden

Wer im Gefängnis war, hat fast immer Schulden. "Schon allein die Straftat selbst führt zu einem enormen Schuldenblock. Inhaftierte haben ein Gerichtsverfahren, das kostet Geld, da können Kosten zwischen Tausend und Hundertausende Euro entstehen", sagt Frank Wiedenhaupt, Schuldner- und Insolvenzberater bei der Berliner Stadtmission. Für Haftentlassene ist sein Büro in der Lehrter Straße eine der wichtigsten Adressen. Richtig teuer werde es, sagt der Experte, wenn Körperverletzungen begangen wurden mit lebenslangen Folgen für das Opfer. Aber eine Schuldenregulierung sei unerlässlich, schon allein, um eine Wohnung zu bekommen, da brauche man einen "sauberen Schufa-Eintrag". 

Frank Wiedenhaupt (li) und Ralf Pagenkämper von der Berliner Stadtmission (Quelle: rbb/Wildermann)
Frank Wiedenhaupt (li) und Ralf Pagenkämper von der Berliner Stadtmission | Bild: rbb/Wildermann

Jobs - derzeit kein Problem

Im Gegensatz zur Wohnungssuche ist die Jobsuche kein Problem. Bei der derzeitigen guten Situation auf dem Arbeitsmarkt gebe es auch für Haftentlassene gute Möglichkeiten, beruflich neu durchzustarten, sagt Sozialarbeiter Ralf Pagenkämper von der Berliner Stadtmission. Vor kurzem erst hätten sie Besuch von einer Zeitarbeitsfirma gehabt, die dringend Mitarbeiter suche. Doch jungen Leuten rät er immer, eine Ausbildung zu machen, um nicht im Niedriglohnsektor stecken zu bleiben. Denn auch die Chancen für eine Ausbildung stünden derzeit enorm gut.

Anderen bei der Resozialisierung helfen

Robert, der während seiner 19-jährigen Haftzeit mehrere Ausbildungen gemacht hat, arbeitet zwar in keinem dieser Jobs, hat aber seine Berufung gefunden: Er möchte anderen Haftentlassenen seelsorgerlich und praktisch beistehen und ihnen bei der Resozialisierung helfen. "In der Haft haben Menschen mich angenommen, noch bevor ich mich selbst annehmen konnte mit meiner Schuld. Das hat mich völlig verändert", sagt Robert. Diese Erfahrung möchte er im Café Rückenwind weitergeben.

Sendung: rbb Kultur, 06.10.2019, 9:00 Uhr

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