Frau mit Kopftuch vor der Humboldt-Universität in Berlin (Quelle: dpa/Wolfgang Kumm)
Audio: Inforadio | 05.10.2019 | Ursula Voßhenrich | Bild: dpa/Wolfgang Kumm

Humboldt-Universität - Institut für Islamische Theologie startet in Berlin

Viele Diskussionen hat es über die Ausrichtung des Neuen Instituts für Islamische Theologie gegeben, vor allem über den Einfluss konservativer islamischer Verbände. Nun sollten die Bedenken ausgeräumt sein, die Studenten starten ins erste Semester. Von Ursula Voßhenrich

Ab Dienstag werden die ersten Studenten das neu gegründete Institut für Islamische Theologie in Berlin besuchen. Die rund 100 Männer und Frauen werden Koran- und Hadith-Wissenschaften studieren, unabhängig von ihrer regligiösen Überzeugung. Auch Arabischkurse sind Teil des Grundstudiums. Doch der Aufbau des Instituts an der Humboldt-Universität war schwierig.

Konservative Islamverbände bestimmen mit

Früh schon gab es Streit um die Zusammensetzung des Beirats. Der hat immerhin ein Mitspracherecht bei der Besetzung der Professuren. Im Beirat sind nun drei muslimische Verbände vertreten – durchweg konservative islamische Organisationen, denen so manch fortschrittlicher theologischer Ansatz nicht ins Konzept passt. Vor allem die "Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands IGS" ist umstritten. Ihr wird nachgesagt, einige ihrer Gemeinden seien vom Iran gesteuert.

Die Humboldt-Uni reagierte schon vor Wochen auf diesen Vorwurf. Schriftlich teilte sie mit, alle Beiratsmitglieder seien vom Verfassungsschutz überprüft worden. Und: "Es ist selbstverständlich, dass keine Personen bestellt werden, von denen bekannt ist, dass sie beispielsweise durch Positionierungen hervorgetreten sind, die mit dem Grundgesetz und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht vereinbar sind."

Gründungsdirektor: Sorgen widerlegt

Nun hat dieser umstrittene Beirat aber am Ende allen Vorschlägen der Universität für die Besetzung der Professuren zugestimmt. "Der wissenschaftliche Anspruch hat sich durchgesetzt", sagt Michael Borgolte, Gründungsdirektor des Islaminstituts. Er zeigt sich erleichtert: "Die skeptischen Anfragen, die ja sehr massiv gewesen sind: Könnt ihr mit diesem Beirat überhaupt ein wissenschaftlich überzeugendes Institut aufbauen? Und könnt ihr Sorge tragen, dass hier nicht nur konservative Islam-Theologen ausgebildet werden? Diese Sorge ist mit dieser Entscheidung widerlegt."

Vier Professoren, zwei Professorinnen

Zunächst übernehmen drei Gastprofessoren aus Münster, Bonn und Hamburg die Lehre. Zwei von ihnen werden am Institut in Berlin bleiben. Im kommenden Sommersemester soll das sechsköpfige Professorenteam dann komplett sein, mit zwei Frauen und vier Männern – die Namen sind noch nicht alle bekannt, denn die Berufungen laufen noch.  

Michael Borgolte zeigt sich besonders stolz auf den interdisziplinären Ansatz des Instituts. Geplant ist zum einen die Zusammenarbeit mit der katholischen Theologie, die - ebenfalls neu gegründet - ihren Sitz Tür an Tür in der Hannoverschen Straße in Berlin-Mitte hat.

Und was die islamische Theologie angeht, gibt es einen ganz eigenen wissenschaftlichen Ansatz, erklärt er: "Sunnitische und schiitische Theologie im Verbund, im Vergleich, in der Wechselwirkung." Das würde ein spannendes Experiment, weil es das anderswo in Deutschland nicht gebe.

Berufsziel Lehrer oder Imam

Das Institut will sich nicht nur in der akademischen Welt profilieren, sondern auch in die Gesellschaft hineinwirken. In einem Jahr startet verspätet die Lehramtsausbildung. Außerdem könnten die Studierenden später etwa als Imame in Gemeinden oder in Krankenhaus- und Gefängnisseelsorge arbeiten.

Gründungsprofessor Borgolte erhofft sich davon einen Professionalisierungsschub in den muslimischen Gemeinden. Ganz klar ist allerdings noch nicht, ob die muslimischen Verbände und Vereine sich die akademisch ausgebildeten Absolventen auch leisten können.

Forschung will sich nah am Menschen bewegen

Auch die Forschung am Institut ist praktisch orientiert. Ayse Almila Akca leitet die vierköpfige Nachwuchsgruppe zum Themenfeld "Religiöse Praxis". Sie selbst untersucht, wie Musliminnen und Muslime in Deutschland ihre religiösen Feiertage begehen.

Dafür wird sie Gemeinden und Familien besuchen und Interviews führen: "Nah am Menschen", sagt Ayse Almila Akca. Eine Kollegin wird erforschen, wie sich die religiöse Praxis bei muslimischen Seniorinnen und Senioren im Alter verändert. Ayse Almila Akca rechnet mit Erkenntnissen für Gerontologie und Pflege. Bei diesem Thema will ihr Forschungsteam mit einer Hochschule für Sozialwesen zusammenarbeiten. So könnten in der Sozialarbeit "religionssensible Handreichungen" gegeben werden.

Kooperationen soll es auch in anderen Bereichen geben: Vom Thema Migration über interreligiösen Dialog bis zur Umweltbewegung. Ayse Almila Akca ist sich sicher, dass sich das neu gegründete Islaminstitut bald in wichtigen gesellschaftlichen Debatten zu Wort melden wird.

Beitrag von Ursula Voßhenrich

Kommentar

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11 Kommentare

  1. 10.

    Das passiert sowieso.

  2. 9.

    Willkommen im Mittelalter. Religion schafft keine Heiligen, sondern künftige Arbeitslose, die der Gesellschaft nur auf der Tasche liegen werden. Kümmert euch mal lieber um die Rettung unseres Klimas.

  3. 8.

    Wenn der Staat keine islamische Bildung anbietet, tun das halt irgendwelche Imame, die direkt von Saudi Arabien finanziert werden. Wer da extremere Standpunkte verbreitet können Sie sich selbst überlegen.

  4. 7.

    Wie wichtig Aufklärung ist zeigt sich in den Kommentaren 1-3. Scheiterhaufen ist katholische Kirche - ich freue mich, dass meine Regierung auch an diesem Punkt zeigt, dass Fortschritt und Wissenschaft helfen dumme Vorurteile zu widerlegen.

  5. 6.

    Kurt Wilhelm.
    Stimme vollkommen mit Ihnen überein.

  6. 5.

    Das hat nichts mir rrg wie sie es nennen zu tun. Und unter rotschwarz oder schwarzgelb werden dann die christlichen Fundamentalisten wieder stärker gefördert. Ich bin aus der evg. Kirche ausgetreten wegen der Werbekampagne zum Religionsunterricht ( sprich wegen der Falschdarstellung der Pro-Reli Leute ). Atheismus ist die einzig aufgeklärte Weltanschauung.

  7. 3.

    Mega Like !

  8. 2.

    Volle Zustimmung...!!!

  9. 1.

    "Gebot der Vernunft für eine aufgeklärte Gesellschaft im 21. Jahrhundert", wie Grünenabgeordnete Cem Özdemir zu sagen pflegt, wäre es, auf solche sogenannten Studienplätze zu verzichten!
    In 50 Jahren sollte man dann auch auf Ketzerei und Hexenverbrennung zurück kehren! Weiter kann man gespannt sein, wann sich die ersten Leute an der Humboldt Uni, wie in Paris bei der Polizei geschehen, radikalisieren! Der Alexander von, würde sich im Grabe umdrehen! Rrg macht alles möglich.

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