Kinder sitzen im Rahmen des Kita-Spiels "Original Play" auf einer Matte vor einem Erwachsenen (Bild: Kontraste)
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Video: Kontraste | 24.10.2019 | Bild: Kontraste

Fragwürdiges Kita-Spiel "Original Play" - "Für mich ist das eine Einladung zur Übergriffigkeit an Kindern"

Erwachsene kuscheln und rangeln mit Kindern, die ihnen fremd sind: Das angeblich therapeutische Spiel "Original Play" wird seit Jahren in Kitas angeboten. Doch Experten warnen: Das Spiel könnte Pädophile anlocken. Verdachtsfälle gab es bereits. Von Gabi Probst

Mehrere Experten aus Deutschland und Österreich kritisieren gegenüber dem ARD-Politikmagazin Kontraste und dem ORF den laschen Umgang deutscher und österreichischer Behörden mit einem therapeutischen Spiel namens "Original Play". Dabei rangeln zumeist Erwachsene mit Kindern, die ihnen fremd sind, in engem körperlichen Kontakt. Der Erfinder von "Original Play" ist ein 76-jähriger Amerikaner, der mit einem sektenähnlich organisierten Geschäftsmodell weltweit unterwegs ist.

"Für mich ist das eine Einladung zur Übergriffigkeit an Kindern", sagte die Trauma-Expertin Manuela Huber gegenüber Kontraste. Der Kinderpsychiater und Direktor der medizinischen Universität Salzburg, Karl-Heinz Brisch, meint: "Dieser Verein müsste sofort verboten werden, weil er in einer hochkritischen, undifferenzierten Weise Körperkontakt in einer geschützten Situation, im Kindergarten, zu Kindern sucht und das in einer vollkommen unkontrollierten Art und Weise."

Behörden sollen Kindesschutz nicht geprüft haben

Um "Original Play" in Kitas zu spielen, kann sich jeder im Internet zu einem Workshop bei dem in Österreich gemeldeten Verein anmelden und ihn gegen eine Gebühr von rund 250 Euro absolvieren. Sogenannte "Lehrlinge" organisieren dann die Spiele in den Kindergärten.

Journalisten von Kontraste und der ORF-Sendung ZIBB 2 recherchierten monatelang in Deutschland und Österreich. Demnach wird "Original Play" seit Jahren in Kindereinrichtungen als pädagogisches Konzept angeboten, ohne dass Behörden oder Kita-Träger das Geschäftsmodell "Original Play" unter dem Aspekt des Kinderschutzes geprüft haben.

"Original Play" agiert als Verein in Österreich und als Stiftung in Polen. "Original Play" behauptet im Internet, vom polnischen Bildungsministerium empfohlen zu werden. Doch das bestreitet die Behörde gegenüber Kontraste und spricht von "Missbrauch".

Erwachsene Teilnehmer werden nicht ausreichend geprüft

Das reale Risiko zum Missbrauch für Pädo-Kriminelle und andere Missbraucher bestätigen mehrere Experten in Deutschland und Österreich sowie der Österreichische Kinderschutzbund, da keine Personalien oder polizeiliche Führungszeugnisse geprüft werden. Der Gründer von "Original Play", Fred Donaldson hingegen bestreitet gegenüber der ARD und dem ORF im Interview, dass seine Methode Kindesmissbrauch möglich mache. Er habe auch keine Kenntnisse über konkrete Vorfälle.

Sechs Verdachtsfälle in Berlin und Hamburg

In Hamburg und Berlin gab es im Jahr 2018  insgesamt sechs Verdachtsfälle von Missbrauch, vor allem in evangelischen Kindertagesstätten. Die Ermittlungsbehörden stellten die Verfahren nach kurzer Zeit ein, da die Kinder oft zu klein waren, man den Eltern nicht glaubte, aber auch Ermittlungsfehler gemacht worden sein sollen.

Die Generalsuperintendentin der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EBKO), Dagmar Trautwein, räumt ein, dass es ein Fehler gewesen sei. "Heute würde ich immer, immer ein polizeiliches Führungszeugnis verlangen", so Dagmar Trautwein.

In Berlin fordert der CDU-Innenpolitiker Burkhard Dregger daher die Wiederaufnahme von Ermittlungen wegen schwerer Kindesmisshandlung gegen Verantwortliche einer evangelischen Kita. Dregger verlangt vom  Berliner Senat, "Original Play" an Berliner Kitas zu untersagen. Die Senatsbildungsverwaltung räumte gegenüber Kontraste ein, "Original Play" werde insbesondere bei "jüngeren Kindern als kritisch gesehen", da es so auch "ungewollt zu Grenzüberschreitungen kommen könnte". Dagegen erklärte das Bayrische Staatsministerium: "Original Play hat unseren Kindereinrichtungen nichts zu suchen", "dem Missbrauch würden Tür und Tor geöffnet".

Sendung: Kontraste, 24.10.2019, 21:45 Uhr

Beitrag von Gabi Probst

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