Arbeiter in Schutzanzügen fällen im Juli in Koblenz von der Rußrindenkrankheit befallene Bäume (Quelle: dpa/Thomas Frey)
Video: rbb24 | 24.10.2019 | Tim Jaeger | Bild: dpa/Thomas Frey

Rußrindenpilz in Berlin und Brandenburg - Gefährliche Baumkrankheit breitet sich in der Region aus

Mit Schutzanzug und Atemmaske mussten erst kürzlich Arbeiter in Zehlendorf Bäume fällen: Der gefährliche Rußrindenpilz scheint in Berlin und Brandenburg Fuß zu fassen. Seine Sporen können auch Menschen krank machen. Von Friederike Steinberg

Die Rußrindenkrankheit - eine Baumkrankheit, die auch für Menschen gefährlich werden kann - breitet sich in Berlin und Brandenburg derzeit aus. In diesem Jahr zählte die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt bereits sieben Orte, an denen zahlreiche kranke Bäume entdeckt wurden. Auch das Umweltministerium in Brandenburg registrierte 2019 ein verstärktes Auftreten.

Seitdem in Berlin vor sechs Jahren erstmals befallene Bäume entdeckt worden waren, ist die Zahl der Fundorte langsam aber stetig gestiegen: In den Jahren 2013, 2015 und 2016 gab es je nur einen, 2017 vier, und im vergangenen Jahr zwei. In Brandenburg notierten die Behörden - nach einem ersten Auftreten im Jahr 2016 - in diesem Jahr gleich fünf Stellen. An drei Fundorten ist die Rußrindenkrankheit allerdings noch nicht endgültig bestätigt.

Bergahorn (Acer pseudoplatanus) mit Früchten (Quelle: blickwinkel/H. Bellmann/F. Hecker)
Blatt und Früchte eines Bergahorns | Bild: blickwinkel/H. Bellmann/F. Hecker

Sporen können Atemwegsprobleme verursachen

Die Ausbreitung der Rußrindenkrankheit ist gleich in doppelter Hinsicht problematisch: Die befallenen Ahornbäume sterben über kurz oder lang - gleichzeitig können die Sporen des Pilzes bei Menschen Atemwegserkrankungen hervorrufen. Grundsätzlich empfehle das Berliner Pflanzenschutzamt, befallene Bäume "schnellstmöglich" zu entfernen, um eine Ausbreitung zu verhindern, teilte der Sprecher der Berliner Umweltverwaltung, Derk Ehlert, rbb|24 mit.

Verursacht wird die Rußrindenkrankheit durch einen Pilz mit dem lateinischen Namen Cryptostroma corticale. "Der auslösende Pilz ist ein Schwächeparasit, der in der Regel Ahornbäume befällt", erklärte Christian Hönig, Baumschutzreferent beim BUND, gegenüber rbb|24. "Dabei geht er gerne an den in Berlin weit verbreiteten Spitzahorn, noch lieber aber an den nicht ganz so häufig vorkommenden Bergahorn." Beide Bäume hätten es gerne "frisch" - durch die heiße und trockene Witterung der letzten beiden Jahre seien sie nun anfällig für den Pilz geworden. "Dieser kann wiederum bei einer solchen Witterung hervorragend gedeihen und so ist ein ernst zu nehmendes Problem entstanden."

Erster offizieller Fall in Berlin im Jahr 2013

Der erste Fall in Berlin wurde nach Angaben der Senatsumweltverwaltung erstmals im August 2013 im Landschaftspark Herzberge festgestellt. Seitdem wurden an 16 Stellen insgesamt etwa 240 kranke Bäume entdeckt. An zwei Stellen fanden sich dabei besonders viele infizierte Bäume: in diesem Jahr in Zehlendorf etwa 100 Bäume und 2016 in Neuköllner Ortsteil Rudow rund 120 Bäume.

Bestätigte Fälle an Ahorn mit Rußrindenkrankheit im Stadtgebiet Berlin, Stand: 17.10.2019, Quelle: Senatsverwaltung (Quelle: rbb|24)
| Bild: rbb|24

Den ersten offiziell bestätigten Fall in Brandenburg gab es 2016 in Großziehten, mit etwa zehn befallenen Bäumen. In diesem Jahr tauchten pilzbefallene Bäume gleich an fünf Orten auf: In Letschin und Neuhardenberg handelt es sich auch erwiesenermaßen um Cryptostroma corticale.

Rußrindenkrankheit in Brandenburg

Datum Ort
Baumart
Anzahl Bäume Untersuchungsergebnis
11.11.2016 Schönefeld, Großziehten (LDS) Bergahorn ca. 10 positiv
25.07.2019 Letschin (MOL) Bergahorn 50 positiv
31.07.2019 Neuhardenberg (MOL) Bergahorn 10 positiv
19.08.2019 Buckow, Märkische Schweiz (MOL) Ahorn 11 Verdacht
22.08.2019 Altlandsberg, Gielsdorf (MOL) Ahorn 10 Verdacht
20.09.2019 Hohen Neuendorf (OHV) Ahorn 1 Verdacht

Quelle: Umweltministerium Brandenburg

Große Flächen mit schwarzen Sporen

Ursprünglich stammt die Rußrindenkrankheit laut der "Deutschen Gesellschaft für Mykologie" [dgfm-ev.de] aus Nordamerika. Vermutlich wurde sie in den 1940er Jahren nach Großbritannien eingeschleppt. Im übrigen Europa tauchte sie - zumindest soweit derzeit bekannt - nach dem Hitzejahr 2003 an verschiedenen Ahornarten auf. Als erster deutscher Fall gilt ein Nachweis 2005 in Baden-Württemberg [landwirtschaftskammer.de].

Gesunde Bäume kommen eigentlich gut mit Cryptostroma corticale zurecht, an kränkelndem Holz aber breitet sich der wärmeliebende Pilz aus. Zuerst bekommen die Bäume eine kahle Krone und an ihrem Stamm bilden sich schleimige Stellen. Nach und nach löst sich dann die Rinde - und darunter kommen rußschwarze Flächen zum Vorschein: mit Abermillionen stäubender Sporen.

Ein von der Rußrindenkrankheit befallener Baum, fotografiert am 28.02.2019 in Hessen (Quelle: dpa/Frank Rumpenhorst)
Der Rußrindenpilz breitet sich unter der Borke aus. Blättert die Rinde ab, zeigen sich schwarze Sporenlager. | Bild: dpa/Frank Rumpenhorst

Fieber, Schüttelfrist, Atemnot

Diese Sporen, nur wenige Mikrometer groß, können beim Einatmen in die menschlichen Lungenbläschen vordringen. Daher raten die Behörden - wie auch beim jüngsten Fall in Berlin-Zehlendorf - bei Fällungen zu besonderer Vorsicht: Der Ort sollte weiträumig abgesperrt werden, als Zeitpunkt wird feuchtes Wetter empfohlen, Arbeiter müssen Schutzkleidung tragen. Das Holz wird, nach Möglichkeit unter Planen, in eine Müllverbrennungsanlage gebracht. Kleidung, Fahrzeuge und Werkzeuge werden im Anschluss gereinigt.

Experten betonen allerdings, dass Gesundheitsgefahr offenbar nur bei sehr intensivem Kontakt droht. "Man geht bisher davon aus, dass nur ein extremer längerer Kontakt wie zum Beispiel bei Waldarbeitern (...) wirklich zu krankmachenden Symptomen (...) führt", so Gerlinde Nachtigall, Sprecherin beim Julius-Kühn-Forschungsinstitut zu Kulturpflanzen. Gefährdet seien eventuell auch Personen mit bestehenden Atemwegsprobleme, die sich nah an erkrankten Bäumen aufhalten, heißt es von Behörden in NRW [wald-und-holz.nrw.de] oder Bayern [lgl.bayern.de]. Gesunde Spaziergänger oder Pilzsammler, die in die Nähe kranker Bäume kommen, sind demnach aber kaum gefährdet.

Bei "wiederholtem intensiveren Kontakt" können laut "Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG)" [cdn.svlfg.de] Reizhusten, Fieber, Schüttelfrost oder Atemnot auftreten. Meist zeigten sich die Symptome nach sechs bis acht Stunden. Und könnten dann mehrere Stunden anhalten, nur "selten über Tage oder Wochen". "Treten Allergiesymptome wie Reizhusten auf, verschwinden diese wieder, sobald der Sporenbereich befallener Bäume verlassen wird."

Erst wenn die Sporen "in hoher Konzentration über lange Zeit und wiederholt eingeatmet" würden, könne die eine Entzündung der Lungenbläschen (exogen-allergische Alveolitis (EAA), auch "Farmerlunge" genannt) auslösen. In Nordamerika seien solche Fälle bekannt geworden.

Gesperrter Wald in Hessen nach dem Auftreten der Rußrindenkrankheit (Quelle: dpa/Frank Rumpenhorst)
| Bild: dpa/Frank Rumpenhorst

Keine Angaben zu Erkrankten

Meldungen, dass Cryptostroma corticale in den vergangenen Jahren Menschen in Deutschland krank gemacht hat, gibt es nach rbb|24-Recherchen bisher nicht. Für Berlin teilte die  Umweltverwaltung mit, ihr sei kein Fall bekannt. Der Sprecher des Brandenburger Gesundheitsministeriums, Gabriel Hesse, sagte: "Das ist keine meldepflichtige Krankheit, daher liegen uns auch keine Statistiken vor." Zu möglichen Fällen bundesweit teilte die "Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau" mit, bisher gebe es "keine Hinweise auf eine berufsbedingte Erkrankung".

Das Bundesgesundheitsministerium teilte ebenfalls mit, zu Erkrankungsfällen lägen "keine Erkenntnisse vor". Sprecher Sebastian Gülde betonte zugleich, die möglichen Auswirkungen auf den Menschen würden "nicht als eigene Krankheit erfasst - sie umfassen unterschiedliche Symptome. Daher gehe ich davon aus, dass hierzu keine verlässlichen Zahlen vorliegen." Ähnlich äußerte sich auch die Sprecherin des Julius-Kühn-Instituts, Gerlinde Nachtigall: "Leichte Symptome sind (...) sehr unspezifisch und sie verschwinden wieder, so dass eine Verbindung mit befallenen Bäumen wohl kaum hergestellt wird." SVLFG-Sprecher Martin Hartenbach teilte mit, möglicherweise auftretende Fälle könnten beispielsweise auch als Erkältung wahrgenommen werden.

"Wenn es heiß bleibt, wird es für die Ahorne kritisch"

Entwarnung möchte Ludwig Straßer von der "Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft" trotzdem nicht geben. In Bayern wurde erst 2018 ein erster Fall von Rußrindenkrankheit festgestellt - dennoch geht man dort bereits von einer großflächigen Verbreitung aus. Im Gespräch mit rbb|24 betonte Straßer, es gebe bisher wenig Daten zum Thema. Oft würden befallene Bäume nur dann erkannt, wenn gezielt danach gesucht werde. Erst kürzlich sei ein jahrzehntealter Artikel entdeckt worden [ojs.openagrar.de], der die Forscher sehr überrascht habe: Denn dort beschreibt ein Mitarbeiter des Berliner Pflanzenschutzamtes einen "Fall von asthmaartiger Allergie, verursacht durch den Pilz Cryptostroma corticale" in Tiergarten. Ein Arbeiter war erkrankt, nachdem er pilzbefallenes Ahornholz zerkleinert hatte - im Jahr 1964.

Auch die Folgen für den Ahornbestand sind bislang kaum abzuschätzen. BUND-Baumexperte Hönig teilte rbb|24 mit, seines Wissens nach sei bisher noch kein befallener Baum erfolgreich mit Fungiziden behandelt worden. Sobald der Pilzbefall von außen sichtbar werde, gebe es eigentlich keine Chance auf Heilung mehr. "Die Sporen der Rußrindenkrankheit haben ein sehr hohes Verbreitungspotential und so hat es sich in der Praxis bewährt, alle auch nur ein bisschen befallenen Bäume zu entnehmen und unter entsprechenden Vorkehrungen als Sondermüll zu verbrennen."

Noch sehe er den Ahornbestand in Berlin nicht gefährdet, so Hönig. "Wenn die nächsten Jahren aber trocken und heiß bleiben und die Bäume nicht entsprechend umsorgt werden, wird es für die Ahorne kritisch werden."

Beitrag von Friederike Steinberg

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

6 Kommentare

  1. 6.

    War auch nicht böse gemeint.^^ Sondern auch ein Ausdruck von Besorgnis und Verzweiflung. Sie haben recht, aber die Neupflanzung von Bäumen ist vom Senat geplant. Laut Naturschutzamt wird das richtige "Baumdilemma" erst in 2-3 Jahren ersichtlich sein. Besonders, da die Sommer künftig mindestens genauso trocken bleiben werden. Schrecklich.

  2. 5.

    Fällen aber neu anlegen ist besser als wenn die Bäume alleine sterben und nichts angelegt wird, wie aktuell zumindest bei mir vor der Tür.
    Eine Veränderung steht uns eh bevor, zwangsläufig.
    Ansonsten schwang da ein Hauch sarkastischen Verzweiflung in meinem Kommentar mit.

  3. 3.

    Um mal Ihren Horror-Meldungen etwas entgegenzusetzen: Mein Lavendel blüht jetzt zum 2. Mal, sieht toll aus, riecht gut und die Bienen freuen sich.... :)

  4. 2.

    Am besten dann gleich alles fällen? Eichen, Kastanien, jetzt Ahorn...all diese Baumarten sind am krepieren. Dank Klimawandel. Ach nee...trocken und heiß=schöner Sommer. Da war ja was. Na vielen Dank auch. Man erträgt die permanenten Horror-Meldungen kaum noch.

  5. 1.

    Der Preis der Globalisierung. Vorschlag: Alle Srhornbäume Fällen, die haben bei unserem Klima sowieso nichts mehr zu lachen und stattdessen Palmen pflanzen.

Das könnte Sie auch interessieren