Traueraktion (Foto: rbb24/Vanessa Klüber)
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Video: 31.10.2019 | rbb24/Vanessa Klüber | Bild: rbb24/Vanessa Klüber

Forderung nach neuer Trauerkultur - "Du brauchst jemanden, an dem du dich festhalten kannst"

Gruselige schwarze Gestalten haben in Berlin-Mitte mit einer Kunstaktion dafür demonstriert, die Trauerkultur in Deutschland zu verändern: weniger bürokratisch, weniger allein, lauter und öffentlicher sollen Menschen trauern können. Von Vanessa Klüber

"Der Ben ist verstorben. Wenn ich das einem Freund gesagt habe, dann kam keine großartige Reaktion", erzählt Patrick Radke über den Tod eines guten Freundes. "Einfach so nach dem Motto: 'Das Leben geht weiter.' Das hat eine Leere in mir hinterlassen und das hat auch sehr wehgetan. Deswegen habe ich Menschen gesucht, mit denen ich wirklich deswegen trauern kann."

Radke steht auf dem Potsdamer Platz und weint, nachdem er seine Situation geschildert hat. Zum Projekt "Trauer Now" hat er sich mit Theaterleuten und der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e. V. zusammengeschlossen, um darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig es ist, der Trauer Zeit und Raum zu geben, und vor allem, öffentlich trauern zu können. Die zwölf Theaterleute haben sich schwarze, hautenge Ganzkörper-Anzüge angezogen. Auch der Kopf ist gruselig verhüllt, nur Schlitze an den Augen und am Mund.

Zwei Künstler in schwarzem Ganzkörperanzug umarmen sich (Foto: rbb24/Vanessa Klüber
Trauerperformance am Brandneburger Tor | Bild: rbb24/Vanessa Klüber

Fast eine Million Tote, noch mehr Trauernde

Vor einem pinken Riesenplakat mit der Aufschrift: "Alle 30 Sekunden stirbt ein Mensch in Deutschland" bilden sie akrobatisch eine digitale "Traueruhr": 799.991, 799.992, 799.992 … 800.000. Diese Zahlen stellen die Künstler mit ihren Körpern als Zeichen dafür dar, wie viele Menschen in Deutschland in diesem Jahr bereits gestorben sind. Knapp eine Million waren es nach Angaben von "Statista" 2018 insgesamt, davon 32.684 in Brandenburg und 35.900 in Berlin. So viele Tote, noch mehr Trauernde.

Radke konnte die Trauer nicht ohne professionelle Hilfe bewältigen und ist deswegen in Therapie gegangen, hat seine Trauer in Gruppensitzungen angesprochen. Auch eine Form der Verarbeitung, aber nicht ganz so, wie er es sich gewünscht hätte.

"Traueruhr"

"Killing! Killing!" ruft eine der schwarzen Figuren immer wieder. Die Trauerfiguren legen sich nach jeder "Uhrzeit" auf den Boden, als würden sie gerade sterben. Sie stehen wieder auf, um die nächste Ziffer zu bilden, umarmen sich dabei in Zweiergruppen. Passanten haben einen Halbkreis um die Aktion gebildet, viele filmen oder fotografieren die Aktion, ohne viel dabei miteinander zu sprechen. Dreimal am Dienstag performen die Künstler: auch am Brandenburger Tor und am Alexanderplatz.

Patrick Radke und Somrudee Plangklang (Foto: Vanessa Klüber)
Patrick Radke und Somrudee Plangklang | Bild: rbb24/Vanessa Klüber

Andere Kultur, andere Trauer

Wie hierzulande mit Trauer umgegangen wird, finden die Teilnehmer des Projekts "Trauer Now" schwierig. Somrudee Plangklang ist Buddhistin. "Es war für mich schon ein Schock in Deutschland: Es wird ungern thematisiert, darüber geredet. Und dann auch diese schwarze Kleidung. In anderen Kulturen ist das nicht so", sagt sie. Sie kommt aus Thailand, aus einer buddhistischen Kultur. "Wir hatten einen ganz anderen Umgang mit dem Tod. Zusammenzukommen, zelebrieren. Natürlich waren alle traurig, aber man hat sich unterstützt." So kenne sie es vom asiatischen Kontinent.

Seelsorge, Krisentelefone, Sozialarbeiter gibt es in Deutschland, zählen Radke und Plangklang auf. Aber die seien eben auch nicht immer zur Stelle.

Lieder singen, schreien oder weinen

Günter Czasny, Metallgestalter und Betriebswirt aus dem Schwäbischen und für die Aktion mit nach Berlin gereist, engagiert sich nach eigenen Angaben seit Jahrzehnten für die Weiterentwicklung von Friedhöfen und Beisetzungsorten. Er ist der Meinung, dass sich die Trauerkultur grundlegend ändern müsste. Dass Menschen nicht sofort wieder zu funktionieren haben. Stattdessen sollen sie ihre Trauer voll ausleben können, flexibel, auch kreativ und außergewöhnlich. "Je aktiver die Trauer gelebt werden darf, desto besser - ob man Lieder singt, weinen oder schreien muss."

Derzeit werde über den Tod und die Trauer "eine Verwaltungsglocke drübergestülpt", Verbote ausgesprochen, was man auf dem Friedhof darf und was nicht. Friedhöfe sollten da zum Beispiel liberaler werden, so dass Menschen dort gerne verweilen: hier ein Naturerlebnis, dort eine Bank, dort ein Treffpunkt mit anderen Menschen, die trauern. Auch solche, die vielleicht nicht wegen eines Toten trauern, sondern weil eine Beziehung auseinander gegangen oder eine andere schwierige Lebenssituation zu bewältigen ist.

Günter Czasny (Foto:rbb24/Vanessa Klüber)
Günter Czasny | Bild: rbb24/Vanessa Klüber

Liberale Bestatterszene in Berlin

In Berlin gebe es, so Czasny, in der Bestatterszene durchaus Bewegungen, dass man etwas verändern will, aufmerksamer sein will, ein bisschen flexibler, liberaler sein will. "Einfach nicht alles verwalten wollen."

Aber auch jeder Einzelne sei gefragt, wenn jemand in der Familie oder im Freundeskreis trauert: "Am besten ist, da zu sein, zuzuhören, in den Arm zu nehmen. Da ist das Reden gar nicht so wichtig. Und vor allem, keine Ratschläge zu geben. Du brauchst jemanden, an dem du dich festhalten kannst."
 

Beitrag von Vanessa Klüber

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10 Kommentare

  1. 10.

    Soweit ich das erkennen kann, sind Sie der einzige, der hier anderen irgendwas aufdrängen möchte. Geht's nicht auch mal ein bisschen weniger zugespitzt? Einfach mal die Kirche im Dorf lassen.... Aus dem Artikel geht doch hervor, dass die Gruppe auf das Thema Tod und Trauer aufmerksam machen möchte, weil Sie entsprechende (negative) Erfahrungen im Umgang gesammelt haben. Sozusagen ein gesellschaftlicher Denkanstoß und ein Wunsch nach Debatte. Was ist daran so schlimm, dass Sie direkt von Ihnen als "Spinner" verunglimpft werden, denen einfach mal unterstellt wird, dass Sie wohl nicht arbeiten?

    Natürlich ist nicht jeder Vorschlag der gedacht und/oder populär wird, ein sinnvoller Vorschlag, aber gesellschaftliche Stagnation ist es sicher auch nicht.

  2. 9.

    Soweit ich weiß, ist es nicht erlaubt, kenne aber Menschen, die sich heimlich die Asche ihrer/s Toten vom Friedhof zurückgeholt haben. Ich würde es begrüßen, wenn man diesen Vorgang entkriminalisieren würde bzw. wenn man selbst zu Lebzeiten festlegen dürfte, dass die Asche bei der Familie oder guten Freunden verbleiben darf.

  3. 8.

    Ich möchte nicht l a u t und auch nicht ö f f e n t l i c h trauern, g e m e i n s a m hingegen schon.

    Im Übrigen verstehe ich die Forderung nicht, Lieder singen oder weinen zu dürfen. Wer untersagt denn so etwas?
    Ich habe den Eindruck, man beklagt hier den Verlust einer verloren gegangenen, auch religiös-spirituellen Identität, die für eine Bestattungsfeier eine verbindliche Struktur (Ritual) einschließlich Liedgut, persönlicher Würdigung des/der Toten und Trost bereithält.
    Die Forderung nach Flexibilität und Kreativität, nach Lautsein und Öffentlichkeit sind für mich Ausdruck dieses Verlustes.
    Gerade in der Begegnung mit dem Tod möchte ich mich n i c h t flexiblen, individuellen und kreativen Ansprüchen gegenüber sehen, sondern dem Erahnen der Endlichkeit, die zugleich Ewigkeit bedeutet und allem Sterblichen bestimmt ist.




  4. 7.

    Nachtrag: Aber die Performance finde ich sehr schön und auch, mal das Thema ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu packen.

  5. 6.

    O nein, bitte nicht auch noch Halligalli und Party auf Friedhöfen!
    Die einzigen mal wirklich ruhigen RÜCKZUGSorte, die es in der Stadt gibt.
    Die Natur geht kaputt, sobald dort auch wieder "mehr Mensch" (lebend) und "Versammlungsort".

    Hoffe, das Wort Pietät verliert jetzt nicht auch noch an Bedeutung. Rücksichtnahme im Alltag ist ja bereits schon beerdigt.

  6. 5.

    Warum soll ich mir von einigen Spinnern öffentlich erklären lassen wie meine Trauerarbeit auszusehen hat? Geht's noch? Jeder Mensch, jede Nation oder Religion ist anders und geht anders damit um. Wir in D brauchen wieder Vorreiter, die genau das ins Gegenteil verkehren wollen, was jeder Mensch anders fühlt und machen wird. Lasst die Menschen doch einfach wie sie sind, in ihrer Trauer und ihrem Schmerz, geht arbeiten oder macht irgendwas vernünftiges als ständig Leuten einzureden was sie besser oder anders zu machen haben.

  7. 3.

    Eher sehr gelungene Öffentlichkeitsarbeit für eine neue (Friedhofs)Bestattungskultur. In meinem Freundeskreis behalten allerdings inzwischen viele die Urnen zu Hause bis sie einen passenden Ort für die Asche gefunden haben. "Ideeller Träger des Projekts ist die Arbeits­ge­mein­schaft Friedhof und Denkmal e. V., die seit 1992 das Museum für Sepul­kral­kultur in Kassel betreibt, um den Themen Sterben, Tod, Bestat­tung, Trauer und Gedenken einen Ort zu geben." trauer-now.de/ueber-uns/

  8. 2.

    Aus diesem Bericht lese ich, das man mit seiner Trauer offener umgehen sollte, wenn einem das hilft und man das möchte. Es gibt Menschen, die in ihrem engsten Familienkreis trauern möchten, jedoch gibt es auch Viele, denen das nicht reicht. Sie möchten sich anderen öffnen und mitteilen und wenn es dort neue Möglichkeiten gibt, ist das eine sehr schöne Sache. Jeder verarbeitet den Verlust eines geliebten Menschen anders. Das hat in meinen Augen nichts mit einer inszenierten Traueraktion zu tun. Der Bericht über diese Aktion ist ein Denkanstoß, vielleicht dieses Thema einmal neu zu überdenken, jeder für sich persönlich.

  9. 1.

    Extrovertierte Selbstdarsteller haben wir schon genug, da brauchen wir nucht noch kreative schreiende Trauernde. Trauer ist was individuelles und jeder muss für sich das richtige finden.

    Und bitte keine inszenierten Traueraktionen für Menschen die mann/frau nicht gekannt hat. Das wäre Exibithionismus. Trauen sollen die die die Menschen gekannt haben, nicht Wildfremde!

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