Asbestsanierung in einer Wohnung (Quelle: imago/Eckhard Stengel)
Bild: Video: Abendschau | 02.12.2019 | J. Schmidt

Giftstoffe in Fensterkitt - Viele Handwerker unterschätzen Asbest-Gefahr in Fenstern

In Berliner Fenstern kann asbesthaltiger Kitt verbaut sein. Das kann bei falscher Handhabung zum gesundheitlichen Problem werden. Wie unwissend allerdings gerade die Handwerker oft agieren, hat das rbb-Verbrauchermagazin Super.Markt herausgefunden.

Viele Mieter, Wohnungs- und Hausbesitzer wissen nicht, dass in ihren eigenen vier Wänden Asbest verbaut sein kann – zum Beispiel in Fliesen- und Fußbodenklebern oder auch in Fensterkitt. Bei Letzterem muss davon ausgegangen werden, dass er asbesthaltig sein kann, wenn die Fenster vor 1993 eingebaut wurden.

In wie vielen Berliner und Brandenburger Fenstern tatsächlich asbesthaltiger Fensterkitt steckt, ist unklar. Weder das Berliner Landesamt für Arbeitsschutz noch die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau) können gegenüber dem rbb konkrete Zahlen nennen.

Der Leiter der Abteilung "Stoffliche Gefährdungen" der BG BAU, Norbert Kluger, sagt, dies sei schwer einzuschätzen, "weil im Laufe der Zeit die Fenster aufgrund energetischer Ertüchtigungen ausgetauscht wurden gegen moderne Isolierverglasung. Und dann wird natürlich niemand den Kitt in diesen Fenstern sanieren", so Kluger. Aber: "Wir können sagen: vor 1993 Vorsicht!" Denn Asbest ist als Baustoff seit 1993 verboten. Davor eingebaute Fenster sind häufig mit einem Fensterkitt verbaut, der bis zu fünf Prozent Asbest enthält. In Gewächshäusern, die vor 1993 gebaut wurden, sind sogar oft Kitte verbaut, die einen Asbestanteil von bis zu 40 Prozent haben.

Fachleute warnen Kollegen und Kunden

Ein Glaser aus Berlin hat sich an den rbb gewandt, sein Name ist der Redaktion bekannt. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen Betriebe aus seiner Branche: "Es gibt viele Kollegen, die das Thema nicht ernst nehmen oder ignorieren." Oft sei es schlicht fehlendes Wissen, das die eigenen Mitarbeiter und die Kunden in gesundheitliche Gefahr bringe. Und: "Die Kunden diskutieren und stellen die Betriebe letztlich so hin, als wenn sie die Thematik Asbest erfunden hätten, um zusätzlich Geld zu verdienen. Es dient aber hauptsächlich der Gesundheit."

Detlef Knop ist seit über 40 Jahren Glaser. Er warnt Hobbyhandwerker eindringlich davor, aus Kostengründen selbst am Fensterkitt Arbeiten zu verrichten: "Sobald man anfängt, diesen Kitt zu schleifen oder das Fenster zu schleifen, wo die Kittfaser ja auch mit angeschliffen wird, können dadurch die Asbestfasern freigesetzt werden."

Die BG Bau geht davon aus, dass Asbest zwischen 1960 und 1990 in Fensterkitt verbaut wurde. Dies ist unter Fachleuten in Deutschland seit 2015 bekannt. Aus diesem Grund wurde ein Verfahren entwickelt, nach dem Glaser mit Kitt seit gut einem Jahr umgehen müssen: Kittreste dürfen nur mit Hammer und Aushauer entfernt werden, zusätzlich muss der Glaser Schutzanzug und Atemmaske tragen. Außerdem steht für Fenster und Kitt eine Spezialentsorgung an. Das alles treibt die Kosten in die Höhe: Rund 100 Euro mehr müssen zum Beispiel Knops Kunden für die Reparatur einer Scheibe bezahlen.

Arbeiten ohne Sachkundenachweis

Grundsätzlich darf nur ein zertifizierter Fachbetrieb an einem möglicherweise astbestbelasteten Fenster arbeiten. Doch in einer Stichprobe des rbb-Verbrauchermagazins Super.Markt mit versteckter Kamera rissen die meisten Handwerker das Thema Asbest nicht einmal an, auch auf Nachfrage gab es häufig nur beschwichtigende Antworten. Vor Verrichtung der Arbeit gab sich Super.Markt den Handwerkern zu erkennen.

Von fünf Glasern, die vor Ort zu Fensterarbeiten erschienen, hätten drei ohne Sachkundenachweis am Fensterkitt gearbeitet. Ein Glaser wollte das Fenster ausbauen und in der Werkstatt den Kitt herausfräsen – bei asbesthaltigem Kitt eine für den Glaser und seine Umwelt extrem gefährliche Vorgehensweise, weil Asbeststaub entsteht, der leicht eingeatmet werden kann.

Ein anderer Handwerker meinte sicher sein zu können, dass das betroffene Fenster asbestfrei verbaut worden sei. Auf die Frage, woher er dies wisse, sagte er: "Weil wir damals mit der Kittfabrik Busch geredet hatten, die meinten, dass zu DDR-Zeiten im Kitt kein Asbest verwendet wurde. Und Busch ist damals der einzige Lieferant gewesen für Berlin." Eine Behauptung, die an vielen Stellen hakt, meint wiederum Glasermeister Knop: "Die Firmen haben aus Westdeutschland, aus dem Ausland Kitt gekauft und den hier in Berlin verarbeitet. Fremdfirmen haben hier mit fremdem Kitt gearbeitet. Woher will der Kollege wissen, dass das ein DDR-Kitt ist? Steht das da dran: DDR Kitt von der Firma Busch ohne Asbest?"
 

Verbraucher sollten Nachweise einfordern

Zwei der Handwerker waren tatsächlich zertifiziert, doch auch hier wäre die Vorgehensweise nach Einschätzung eines Experten teilweise fehlerhaft gewesen. Einer von ihnen wollte im Hausflur an den Fenstern arbeiten - Asbest hätte sich im ganzen Treppenhaus verteilen können. Nur ein Glaser hatte die entsprechende Ausrüstung dabei.
Zusätzlich wurden 84 Glasereien in Berlin und Brandenburg angeschrieben und gefragt, wie sie mit möglichen asbestbelastetem Fensterkitt umgehen. Nur sechs von ihnen haben die Fragen beantwortet.

Der Glaser, der sich wegen der Gefahren des asbesthaltigen Fensterkitts an den rbb gewandt hatte, will vor allem seinen Kollegen deutlich machen, dass die Gefahr in aller erster Linie für sie selbst besteht: "Man sollte die eigene Gesundheit in den Vordergrund stellen und sollten auch nur zehn Prozent aller Fenster betroffen sein, kann es ja dummerweise einen selber treffen oder die Baustelle oder die Kunden, die man hat." In vielen Antworten kam durch, dass das Thema Asbest hochgekocht würde – auch sei das neue Verfahren schwer in der Praxis umsetzbar.

Fazit: Um jegliches Risiko für alle Beteiligten auszuschließen, sollten Verbraucher bei der Suche nach einem Glaser, immer dann, wenn es um Fenster von vor 1993 geht, explizit nachfragen, ob dieser einen "kleinen Asbestschein" hat - also tatsächlich über einen Sachkundenachweis verfügt.

Sendung: Super.Markt, 02.12.2019, 20:15 Uhr

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5 Kommentare

  1. 5.

    In der Kita meiner Kinder sollte der alte Bodenbelag ausgetauscht werden. Auf Drängen der Eltern ließ sich der Kitaträger darauf ein, einen "Fachmann" von einem Bodenlegebetrieb wegen der Asbestgefahr zu konsultieren. Dieser schaute sich den Boden an und meinte, diese Art von Bodenplatten kenne er, darin sei nie Asbest enthalten. Auf Drängen der Eltern wurde eine Probe des Bodens ins Labor geschickt mit dem Ergebnis, dass sowohl im Bodenbelag als auch dem Kleber Asbest enthalten war. Weder der Kita-Träger, der mit eigener Bauleitung (Architekten) ausgestattet war, noch der Fachmann hatten das Problem erkannt, sondern hätten ohne die Elterninitiative den Bodenbelag ungeschützt herausgerissen mit katastrophalen Folgen für die Kinder und Beschäftigten. Zwischenzeitlich wurde eine professionelle Asbestsanierung durchgeführt. Der Staat muss hier mehr tun. Handwerker aber auch andere Bauprofis nehmen das Thema häufig nicht ernst und überschätzen ihre eigene Urteilsfähigkeit.

  2. 4.

    Das ist gar nicht so einfach. Chemisch ist Asbest ja unauffällig – ein gewöhnliches Magnesiumsilikat. Der Clou ist nur die besondere, faserartige Kristallform. Deswegen gibt es kein chemisches Nachweisverfahren, und nur das wäre schnell und einfach. Eingebetteten Asbest in einer Matrix aus anderen Feststoffen nachzuweisen, geht nur mit aufwendigen spektroskopischen oder mikroskopischen Verfahren:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Asbest#Messung_von_Asbest_in_technischen_Produkten

  3. 3.

    Warum gibt es noch keinen vorgeschriebenen Schnelltest? Das sollte doch wohl möglich sein in der Welt mit 5nm Prozessoren. Habe es leider mit meinem Foldscope noch nicht probiert wahrscheinlich eh zu gefährlich.

  4. 2.

    Ist ja witzig,
    hier wird ein über evtl. belastete Kittfalze ein großes Thema gemacht,
    aber das das Land Berlin vertreten durch Frau Lompscher gerade 6000 "völlig asbestbelastete"
    Wohnungen für über 900 Milliarden von einem privaten Wohnungsunternehmen kauft wird offensichtlich totgeschwiegen.
    Zum besseren Verständnis, ich habe den großen Asbestschein nach TRGS und einen Betrieb der Asbestsanierungen durchführen darf. Die Sanierung der genannten Wohnungen war dem genannten privaten Wohnungsunternehmen aber schlicht zu teuer.
    Der Mietendeckel gab dann das entgültige aus.
    Dann doch lieber für ein vielfaches des Kaufpreis an den Senat verkaufen, damit Frau Lompscher
    prahlen kann.
    Mal sehen wer diese Wohnungen nun saniert und sich vor allem mal den Mietern offenbart?
    Hier sind übrigens nicht nur die Kittfalze, sondern die gesamten Fußbodenbeläge, Kleber, Rohrleitungen, Branschutz etc. stark belastet.

    Dichtungen

  5. 1.

    Die Gefahr, die von Asbest ausgeht muss weiter thematisiert werden. Besonders fahrlässige Variante in Berlin: Planung eines Mietergartens, auf einem möglicherweise durch unsachgemäßen Abriss, mit Asbest kontaminiertem Grundstück.

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