Künstlergruppe Now am Containerbahnhof, (Quelle: rbb|24 / S.Oberwalleney)
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Video: rbb|24 | 24.11.2019 | Stefan Oberwalleney | Bild: rbb|24

Bahn kündigt Künstlergruppe - Das Ende der Kunst im Friedrichshainer Outback

Auf dem ehemaligen Containerbahnhof in Berlin-Friedrichshain eröffnen sich überraschende Weiten. Eine Gruppe von Künstlern hat sich hier eingerichtet, muss nun allerdings das Feld räumen und fühlt sich von der Deutschen Bahn vorgeführt. Von Oliver Noffke

Mit einem kräftigen Pusten verwandelt Stephan Zömbick zwei zusammengesteckte PVC-Rohre in ein Didgeridoo. Er dreht sie ineinander und der wabernde, tiefe Klang des australischsten aller Musikinstrumente breitet sich zwischen den Containern aus. Ein Klangteppich aus tiefem Seufzen liegt über dem nur wenige Quadratmeter großen Hof. Outback-Akustik am Rande einer der letzten wilden Freiflächen in Friedrichshain. 

Mit seinen Mitstreitern hatte sich Zömbick im Januar 2017 auf dem ehemaligen Containerbahnhof im Osten Berlins eingerichtet. Gerade gründen sie einen Verein, den sie "Now, jetzt Start" nennen, und mit dem sie niederschwellige Kunstangebote machen wollen. "Unsere Philosophie ist, dass alles, was wir tun, zum Nachmachen einlädt", sagt Markus Prinz, der die Gruppe mitverantwortet. "Wir versuchen deswegen, mit sehr einfachen Mitteln zu arbeiten." Das Angebot ist vielfältig: Miniaturbau, Graffiti, Malen und vor allem gemeinsames Musizieren - etwa bei Gitarrenunterricht.

Bis Ende des Jahres müssen sie sich dafür jedoch einen anderen Ort suchen. Die Deutsche Bahn, Eigentümerin des Areals, hat den Mietvertrag gekündigt. Selbst ein Gerichtstermin konnte keine Einigung bringen. Spätestens am 1. Januar muss der Verein die kleine Fläche räumen.

"Wir wollten eigentlich gar nicht Untermieter sein"

Der ehemalige Containerbahnhof umfasst ein weitläufiges Areal zwischen Ringcenter, S-Bahnhof Frankfurter Allee und Stadtpark Lichtenberg und verbreitet den Charme eines Niemandslandes. Eine Notunterkunft für Obdachlose befindet sich hier, das Deutsche Theater nutzt eine Teilfläche als Lager, ein Unternehmen vermietet Container an Privatpersonen. "Now" ist selbst nur Untermieter, laut Kündigungsschreiben allerdings ein illegaler.

"Wir wollten eigentlich gar nicht Untermieter sein", sagt Prinz. "Wir wollten einen eigenen Vertrag und unsere Kunst machen. Dieses Mietverhältnis war eine Idee der Bahn." Ein Bahn-Mitarbeiter habe das besiegelt, sagt Zömbick, "per Handschlag". Daraufhin hätte die Gruppe einige vergessene Container des Konzerns auf dem Gelände gekauft, entrümpelt und hergerichtet.

Die Bahn wollte auf Anfrage von rbb|24 nur den Kündigungstermin bestätigen. Nachfragen zum Zustandekommen des Mietverhältnisses und zu den Vorwürfen, die die Bahn der Gruppe in einem Schreiben gemacht hat, wurden nicht zugelassen.

Ärger über Lautstärke, aber keine Kontrolle über Zugang

Etwa zu einem Streit über Müll und Lärm, der womöglich nicht mehr als ein Missverständnis ist: Tatsächlich liegt eine Menge Unrat bei den Containern der Künstler, aber eben nicht auf ihrem Gelände. Man könne sie dafür nicht verantwortlich machen, sagen sie. Prinz und Zömbick räumen allerdings ein, dass sie anfangs zu laut waren. Nach einer Anzeige wegen Lärmbelästigung im Juli 2018 hätten sie das abgestellt. Die Bahn habe sich dazu nie geäußert, sagen sie. Ein Jahr später erhielten sie ohne Vorwarnung die Räumungsklage. In der Zwischenzeit hatten bei der Bahn die Zuständigkeiten gewechselt. Die Einigung per Handschlag war wertlos geworden.

Künstlergruppe Now am Containerbahnhof, (Quelle: rbb|24 / S.Oberwalleney)
Protestkunst in Friedrichshain | Bild: rbb|24

Dass es auf dem Gelände des Containerbahnhofs laut werden kann, scheint wahrscheinlich. Am hinteren Ende haben Obdachlose Zelte aufgeschlagen. Über das gesamte Areal sind diverse gammelige Pkw und verrammelte Wohnwagen verteilt. An einem normalen Wochentag ist einiges auf dem Gelände los. Eine Einlasskontrolle oder ein geschlossenes Tor gibt es nicht. Die Container von "Now" seien mehrmals aufgestemmt worden, sagen Zömbick und Prinz.

Gegenüber der Künstlergruppe begründete die Deutsche Bahn die Kündigung mit ihren Eigentümerpflichten, damit Ruhe und Ordnung auf dem Gelände herrschten. Unklar bleibt allerdings, welchen Vorteil es für die Bahn hat, ein dauerhaftes Mietverhältnis auszuschlagen mit einer Gruppe, die ein Interesse an einem geschützten Ort hat. Gleichzeitig kontrolliert der Konzern nicht den Zugang zum Gelände.

In der Zukunft lärmt die Autobahn

Die Gruppe sieht sich auch nur als Zwischenmieter. Denn der Abschnitt 17 der A100 soll einmal mit einer Brücke das Ringcenter überqueren und vorbei an Stadtpark und S-Bahngleisen bis zur Storkower Straße führen. Der ehemalige Containerbahnhof in Friedrichshain würde dann unter einer dicken Asphaltdecke und hinter meterhohen Schallschutzwänden verschwinden. Ob und wann das passieren wird, ist momentan allerdings unklar.

Stephan Zömbick sagt über seine Optionen: "Ich bin hier gerade auch in Besetzerlaune und sehe nicht ein, warum wir hier weg sollen, aber eine Autobahn kommen soll." Martin Prinz sagt, es tue gut zu wissen, dass es solche freien Räume wie den Containerbahnhof in der Berlin noch gebe. "Aber ich finde es insgesamt schade für die Stadt, dass solche Räume nicht kulturell genutzt werden können."

Beitrag von Oliver Noffke

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1 Kommentar

  1. 1.

    Schade, wenn vermutlich Einzelne durch Lärm und Müll den Anderen eine an sich gute Sache verderben. Für die Bahn hatte das Ganze sicher einen gewissen Charme gehabt. Es gibt Dinge, die kann man nicht "heilen". Das ist so, z.B. wenn man zu Hause sich danebenbenehmenden Besuch "vor die Tür setzen muss".

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