Polizisten nehmen in der privaten Schlosspark-Klinik eine Person fest (Quelle: dpa/Paul Zinken).
Video: Abendschau | 20.11.2019 | Rainer Unruh | Bild: dpa/Paul Zinken

Tödlicher Angriff auf Fritz von Weizsäcker - Tatverdächtiger kommt in die Psychiatrie

Nach dem tödlichen Messerangriff auf Fritz von Weizsäcker, Chefarzt der Berliner Schlosspark-Klinik, ist das Motiv des Verdächtigen bekannt. Die Staatsanwaltschaft spricht von einer "wohl wahnbedingten allgemeinen Abneigung gegen die Familie des Getöteten".

Im Fall des tödlichen Angriffs auf den Berliner Arzt Fritz von Weizsäcker hat der 57-jährige Verdächtige bei seiner Vernehmung Gründe für seine Tat angegeben. Das teilte die Berliner Staatsanwaltschaft am Mittwoch mit. Demnach liege das Tatmotiv "in einer wohl wahnbedingten allgemeinen Abneigung des Beschuldigten gegen die Familie des Getöteten". Der Beschuldigte sollte mit Hinblick auf eine "akute psychische Erkrankung" noch am Mittwoch in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden.

Der Mann habe angegeben, die Tat geplant zu haben. Im Internet sei er auf den Vortrag in der Schlosspark-Klinik gestoßen, hieß es. Daraufhin sei er am Dienstag mit der Bahn zu der Veranstaltung gefahren. Zuvor habe er noch in Rheinland-Pfalz ein Messer gekauft. Dort wohnt er laut SWR in einer "sehr kleinen Ortschaft". Die Staatsanwaltschaft sieht die Voraussetzungen für Mord sowie versuchten Mord erfüllt. Neben dem getöteten von Weizsäcker verletzte der Täter einen jungen Polizisten schwer.

"Allgemeine Ablehnung ist wohl wahnbedingter Natur"

Der Mann hatte bereits während einer Vernehmung am Dienstagabend Angaben zu seinem Motiv gemacht, sagte Martin Steltner, Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, dem rbb. Demnach gab es keine persönliche Beziehung zur Familie des Getöteten. "Diese allgemeine Ablehnung ist wohl wahnbedingter Natur." Zu den Einzelheiten wollte Steltner keine Angaben machen.

Das Nachrichtenportal "Spiegel Online" berichtet, der Mann habe seine Tat mit der Rolle Richard von Weizsäckers, dem Vater des Getöteten, beim Chemiekonzern Boehringer Ingelheim begründet. Er mache Richard von Weizsäcker dafür verantwortlich, als Geschäftsführer des Konzerns in den 1960er Jahren tödliche Giftstoffe hergestellt zu haben, die während des Vietnamkrieges eingesetzt wurden.

Nach Angaben der Berliner Polizei sei der Mann bislang unauffällig gewesen. Er wohne nicht in Berlin und sei in jüngster Zeit kein Patient der Schlosspark-Klinik gewesen, sagte ein Polizeisprecher. Allerdings müsse die Klinik noch ihre Archive bis 30 Jahre zurück überprüfen.

Tat ereignete sich bei öffentlichem Vortrag

Fritz von Weizsäcker war am Dienstagabend erstochen worden, als er in der Schlosspark-Klinik in Berlin-Charlottenburg einen medizinischen Vortrag über Lebererkrankungen hielt. Der Vortrag hatte sich an Laien gerichtet und wurde von 20 bis 30 Personen besucht. Ein 33 Jahre alter Polizist außer Dienst hatte versucht den Angreifer zu überwältigen, war dabei aber selbst schwer verletzt worden. Der Beamte musste deswegen operiert werden, befindet sich aber nicht mehr in Lebensgefahr.

Seit 2005 Chefarzt der Inneren Medizin

Die Schlosspark-Klinik teilte am Mittwoch mit, sie habe mit Fritz von Weizsäcker "einen hervorragenden Arzt und überaus geschätzten Kollegen verloren. Unsere Gedanken sind insbesondere bei den Angehörigen und nahestehenden Kollegen von Herrn Prof. Dr. med. Fritz von Weizsäcker." In der Klinik wurde ein Kondolenzbuch ausgelegt.

Von Weizsäcker wurde 1960 in Essen geboren, er war Sohn des früheren Bundespräsidenten und Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Richard von Weizsäcker (1920-2015), und dessen Frau Marianne. Nach mehreren Stationen als Facharzt für Innere Medizin und Hochschullehrer in Freiburg war er 2005 an die private Schlosspark-Klinik gewechselt.

Cousin: "Habe ihn ungewöhnlich lieb gehabt"

Der Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker würdigte am Mittwoch seinen getöteten Cousin. "Ich fand ihn ganz wunderbar", sagte er der Nachrichtenagentur DPA. "Ich habe ihn ungewöhnlich lieb gehabt." Er habe seinen Cousin noch kürzlich bei einer Familienfeier getroffen und sich sehr nett mit ihm unterhalten.

An der Berliner Universitätsklinik Charité sei man "zutiefst erschüttert", teilte der Klinikvorstand mit. Vorträge für Laienpublikum seien auch an der Charité alltäglich. Von Weizsäcker sei ein "geschätzter und befreundeter Kollege" gewesen. "Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen und den Kolleginnen und Kollegen der Schlosspark-Klinik."

Auch Politik reagiert bestürzt

Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) teilte mit, er sei erschüttert über diese Tat. "Den Angehörigen spreche ich mein tiefes Mitgefühl aus. Ich danke dem verletzten Kollegen der Berliner Polizei für seinen mutigen Einsatz und wünsche ihm schnelle Genesung." Geisels Parteigenossin, Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci, äußerte sich ähnlich und teilte mit, sie verurteile Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte und Pflegekräfte "aufs Äußerste".

Trauer herrscht auch bei der FDP, deren Mitglied der Getöte war. Der Berliner FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja teilte mit, von Weizsäckers Tod "ist so traurig und tragisch wie unbegreifbar." Zudem bedankte er sich bei dem Polizisten, für dessen Selbstlosigkeit und wünschte ihm eine schnelle Genesung. "Ihm gilt unser aller Dank für seinen mutigen Einsatz."

Kommentarfunktion am 20.11.2019, 15:10 Uhr geschlossen

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Sendung: Abendschau, 20.11.2019, 19:30 Uhr

7 Kommentare

  1. 6.

    Jo, für mich persönlich ist es aber ein "Tatverdächtiger", denn ich war nicht dabei, als die Tat geschah. Sodass, man es mir noch beweisen müsste, dass es wirklich der Täter ist. Deshalb spricht man auch von einem "Tatverdächtigen". Das macht schon alles Sinn. Ihr Beispiel beschreibt einen Vorfall, wo sie selbst anwesend, sogar der Täter sind. Das Opfer weiß es, sie wissen es. Aber unbeteiligten, nicht anwesenden Personen muss dies noch bewiesen werden, wie z.B, dem Richter. Deshalb "Tatverdächtiger".

  2. 5.

    Ich finde auch, daß der Begriff "Tatverdächtiger" immer die Möglichkeit beinhaltet, daß sich die damit bezeichnete Person als unschuldig erweist.
    Wenn ich jemandem auf die Nase haue, wird die getroffene Person mich auch nicht erstmal schonen, weil ich ja juristisch gesehen ohne Urteil erstmal nur "tatverdächtig" bin. Die Person dürfte mich sofort eindeutig als Täter identifizieren und zurückschlagen.
    Weil wir uns hier in den öffentlichen Medien befinden und nicht in einer Juristerei, ist in diesem Fall die Verwendung des Begriffs "Tatverdächtiger" eher irritierend als korrekt. Wer da gefaßt wurde, war der Täter, also die Person, die den Angriff ausgeführt hat. Ganz einfach und eindeutig.

    Der Familie von Weizsäcker drücke ich mein herzliches Beileid aus.
    Und dem beherzten Polizisten wünsche ich vollständige Genesung.

  3. 4.

    Was aber auch heißt, dass dieser Mensch, wenn er nicht verurteilt würde, weil er ein psychisches Problem hat, zwar ein Mörder ist, aber kein Täter... Hm... Deutschland hat schon so seine Spitzfindigkeiten im Rechtssystem. "Mutmaßlicher Täter" würde mir da entschieden besser gefallen.

  4. 3.

    Weil Deutschland ein Rechtsstaat ist und der Begriff des Täters solange nicht benutzt wird, wie eine rechtskräftige Verurteilung stattgefunden hat.

  5. 2.

    Tatverdächtiger ist ein juristischer Fachausdruck. Vor einer rechtskräftigen Verurteilung bzw. einem Geständnis sprechen wir nicht von "Täter".

  6. 1.

    Tatverdächtiger? Täter. Zeugen waren doch bei. Wie kommt der rbb24 auf Tatverdächtiger?

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