Drogenmissbrauch am U-Bahnhof Schönleinstraße in Berlin Kreuzberg/Neukölln. (Quelle: rbb/Abendschau)
Audio: Inforadio | 19.11.19 | Miriam Berger im Interview mit Falko Liecke | Bild: rbb/Abendschau

Junkies in U-Bahnhöfen - Bezirk Neukölln fordert mehr Hilfe bei Kampf gegen Drogen

Drogenabhängige spritzen Heroin, rauchen Crack und nutzen den Bahnsteig als Toilette und Schlafraum: Über die Zustände an den U-Bahnhöfen Schönleinstraße oder Boddinstraße gibt es viele Klagen. Der Bezirk Neukölln sieht sich nicht allein in der Pflicht.

Im Kampf gegen den Konsum illegaler Drogen fordert der stellvertretende Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Falko Liecke (CDU), mehr Unterstützung vom Senat. Im Inforadio vom rbb sagte Liecke am Dienstag, der Bezirk schicke zwar Straßensozialarbeiter zu den Drogenabhängigen. Das seien aber reine Notwehrmaßnahmen, um das Problem anzugehen.

Man wolle nicht mehr, dass die Abhängigen auf den U-Bahnhöfen konsumierten: "Ich hab die Beschwerden der Anwohner auf dem Tisch; ich sehe, dass die Kinder morgens zur Schule gehen und dort Konsumierende antreffen. Das ist ein Bild der Verwahrlosung, das nicht mehr hinzunehmen ist."

Falko Liecke (Bild: rbb/Wolf Siebert)
Der Neuköllner Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) kritisiert, dass es in Berlin kein stadtweites Lagebild zum Drogenproblem gibt: "Wir kriegen immer nur die Hot-Spots mit." | Bild: rbb/Wolf Siebert

Drogenkranke rauchen Heroin im U-Bahnhof

Obwohl die Senatsgesundheitsverwaltung zuständig sei, finanziere der Bezirk momentan alle Maßnahmen selbst, erklärte Liecke. Das reiche bei weitem nicht aus. Nötig sei auch eine massive Verfolgung der Dealer und der Strukturen dahinter durch die Polizei.

In U-Bahnhöfen wie Schönleinstraße oder Boddinstraße rauchen Suchtkranke jeden Tag Heroin und Kokain auf Alufolien und nutzen den Bahnsteig als Toilette, die Sitzbänke als Schlafplätze. Besonders in der kälteren Jahreszeit werden die Süchtigen sichtbar, weil sie Zuflucht suchen und sich nicht mehr in Parks, Hauseinhängen und Straßen des Bezirks verteilen. Momentan sind zwei Sozialarbeiter des Trägers "Fixpunkt" täglich an den stark betroffenen U-Bahnhöfen Schönleinstraße, Boddinstraße und Leinestraße unterwegs. Sie sollen die Suchtkranken auf Angebote wie Drogenkonsumräume hinweisen. Ob diese Unterstützung auch im kommenden Jahr finanziert werden kann, ist allerdings noch völlig offen.

Für die Sicherheit in den Bahnhöfen sei die Polizei zuständig, teilt die BVG dem rbb auf Anfrage mit. Dirk Förster, Leiter des zuständigen Polizeiabschnitts 52, sagte dazu dem rbb: "Wir sind in uniformierten Kräften und auch mit einer entsprechenden zivilien Komponente präsent, rund um die Uhr. Das bedeutet: am U-Bahnhof direkt nur während der Öffnungszeiten. Insbesondere legen wir das Augenmerk auf die Schulzeiten, wo die Jüngsten den Bahnhof und die U-Bahnlinie 8 benutzen." Mit der Polizei alleine sind die Probleme in den Bahnhöfen allerdings nicht zu lösen.

Konsumräume, um Süchtige aus U-Bahnhöfen zu bekommen

Liecke forderte vom Senat eine Initiative und sagte, er könne sich "mobile Angebote des Drogenkonsums und Beratung vorstellen, um dort in einem geschützten Rahmen zu konsumieren und die Menschen aus den U-Bahnhöfen rauszubekommen". Liecke schätzt eigenen Aussagen zufolge, "dass davon in Neukölln zwei bis drei solcher Angebote gebraucht werden". 

In der Frage dieser Räume sind sich Liecke und der Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) nicht einig. Während sein Stellvertreter mobile Räume befürwortet, macht sich Hikel für feste Standorte stark. "Wir haben es im Quartier rund um den U-Bahnhof Karl-Marx-Straße in den Griff bekommen. Wir haben dort einen festen Drogenkonsumraum bekommen: Mit umfassender Anwohnerinformation wie man mit den Süchtigen umgeht, dass es hilfsbedürftige Menschen sind, die man auch an den richtigen Ort verweisen kann, damit sie nicht in Hauseingängen, an U-Bahnhöfen herumhängen", sagte Hikel dem rbb.

Weiterer Konsumraum am Kottbusser Tor geplant

In der ganzen Stadt gibt es derzeit nur drei feste Drogen-Konsumräume, die nur an wenigen Stunden tagsüber geöffnet sind. Am Wochenende haben sie komplett geschlossen. Die Öffnungszeiten und die Zahl der Standorte sollen ausgebaut werden, hat der Senat angekündigt. 

Konkrete Entlastung an der U8 könnte es im Sommer 2020 geben: Dann will das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg am Kottbusser Tor ein Zentrum für Alkohol- und Heroinabhängige mit einem zusätzlichen Konsumraum eröffnen, erklärte die Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) im Gespräch mit rbb|24.

2018 starben in Berlin 191 Menschen an den Folgen illegaler Drogen – das zumindest sind die registrierten Fälle. Es ist der höchste Wert in den vergangenen zehn Jahren.

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14 Kommentare

  1. 14.

    Gerade eben U8 gefahren.... Schönleinstr. steigt ne Horde Junkies ein und rauchen Alufolie in der fahrenden U-Bahn!!! Da saßen Kinder mit im Wagon und haben den ganzen Dunst mit eingeamtet...

  2. 13.

    Das geht mir interessanterweise ähnlich. Ich habe Anfang der Neunziger in der Lower East Side Nähe Tompkins Square Park gewohnt. Es herrschte das reine Drogen-Elend. Der ganze Park zudem war von Drogengangs dominiert, eine Gegend, wo man taktisch den Bürgersteig wechselte und unbedingt Blickkontakt vermied. Das konnte man nur als exotisch wahrnehmen, weil man die Gewissheit hatte in einer Stadt zurückkehren zu können, wo die Zustände nicht so sind. Das ist nun anders. Der Tompkins Square Park ist dagegen mittlerweile wieder eine tolle Parkanlage nach dem konsequenten Eingreifen einer neuen Stadtpolitik. Für Berlin ist da wenig Hoffnung in Sicht.

  3. 12.

    Ich weiß nicht, ob sich bei der BVG auch mal jemand mit den Berufspendlern beschäftigt, die keine Alternative haben und sich jeden Tag neu diesen Zuständen aussetzen müssen. Völlig unverständlich auch, weil diese Bahnhöfe ja alle videoüberwacht sind und sich trotzdem keiner um die Großgruppen kümmert, die dort jeden Abend ihre Drogen konsumieren. Besonders schön ist es außerhalb der Stoßzeiten, wenn man als nicht konsumierende Person auf dem Bahnsteig deutlich in der Minderheit ist. Das macht viel Spaß und jede Minute zählt doppelt. Anmerken möchte ich auch, dass wir von einem Zeitraum von ca. 3 Jahren reden, in dem sich die Lage massiv verschlechtert hat. Zwischenzeitlich ging es mal, aber das ist im Moment Geschichte. Arm, aber sexy???????

  4. 11.

    @Sven L.: Ganz genau. Ende der 80er war ich erstmals in New York und die Zustände waren teilweise schon erschreckend. Damals hätte ich niemals auch nur im Entferntesten gedacht, dass ich dies einmal in unserem Land erleben würde.

  5. 10.

    @U8-Nutzerin: Ich sage nur :"Wolkenkuckucksheim!". Es ist genau so wie im Artikel beschrieben. Ich war vor einiger Zeit auf dem Bahnhof Schönleinstraße und kann mein Entsetzten über die Zustände dort gar nicht in Worte fassen.

  6. 9.

    Ich möchte Ihr eh schon desolates Weltbild nicht ganz kaputtmachen, aber die von Ihnen genannte "Abzockindustrie" nach einer Geschwindigkeitsübertretung (die nunmal geahndet werden muss - denn 30 km/h bedeutet 30 und nicht 50 km/h - beispielsweise) ist nur die Behörde Polizei Berlin.
    Die Alkohol- und Drogenindustrie macht die Menschen kaputt - die Polizei, im Falle einer Tempoüberschreitung, hilft, die Straßen vielleicht ein wenig sicherer zu machen.
    Taschentuch gefällig?

  7. 8.

    Wenn es nur das Kiffen wäre, würde ich es gar nicht so schlimm finden.
    Aber wenn Menschen in der Öffentlichkeit spritzen und mit Drogen handeln kann und darf man das nicht tolerieren.
    Der Innensenator ist in meinen Augen verpflichtet da für Ordnung zu sorgen.

  8. 7.

    Für Beschwerden direkt die Info-Säule der BVG auf dem Bahnhof nutzen. Bin mir nicht sicher, ob diese in der BVG Statistik zu Beschwerden mitgezählt werden. Aber oft taucht dann zeitnah ein Raumpfleger oder der Sicherheitsdienst auf, um für mehr Ordnung zu sorgen. Großes DANKESCHÖN an alle Mitarbeitenden.

  9. 5.

    Geniale Idee! Ich werde mal bei der Polizei nachfragen was ich dagegen machen kann, wenn der Nachbar unter mir mehrmals wöchentlich Bier trinkt.

  10. 4.

    Ich fahre täglich und gern U8 und ich muss sagen es ist manchmal nicht nur schön aber so schlimm wie dargestellt nun auch wieder nicht. Ich glaube auch nicht das die armen Würstchen den Kindern was etwas von ihren Drogen abgeben wollen oder diese irgendwie bedrängen. Als verantwortungsbewusster Erziehungsberechtigter kann man dem eigenen Nachwuchs kindgerecht erklären, das (und warum) es auch solche Schicksale gibt. Früher oder später wird es ohnehin ins Blickfeld geraten.
    Zustände wie in München möchte ich hier jedoch bitte nicht. Danke.

  11. 3.

    Sogar in Athen glänzen die Bahnhöfe. Aber dort werden auch keine Snacks, Schnaps, Bier und Zigaretten in U-Bahnkiosken verkauft. Vielleicht sollte sich die BVG auf das Kerngeschäft ÖPNV konzentrieren. Dafür Platz schaffen!

  12. 2.

    "Die Geister die ich rief, werd ich nun nicht los." So war doch der Spruch...
    Wer links wählt, der bekommt eben sowas geliefert. Und wenn sowas da ist, dann zieht es noch mehr sowas an.
    Ich habe auch mal aus reiner Neugierde bei der Polizei nachgefragt was man denn machen könne wenn der Nachbar unter mir mehrmals täglich kifft. Die Antwort: Die Staatsanwaltschaft kümmert sich nicht drum.
    Aber wenn man 3 km/h zu schnell fährt, dann bricht eine ganze Abzockindustrie über einen herein.

  13. 1.

    Ich finde das jeder Fahrgast das recht auf saubere und sichere Bahnhöfe und Züge hat aber in Berlin ist das seit Jahren anders . Schreibt man eine E Mail an die BVG bekommt man entweder gar keine Antwort oder man versucht von oben herab den Fahrgast bzw. Kunden zu maßregeln nach dem Motto man sollte doch etwas mehr Verständnis aufbringen und es ist halt so wie es ist . Selbstkritik bei der BVG oft Fehlanzeige !! Und ja es ist nicht nur allein die Aufgabe der BVG bzw. S Bahn für Ordnung zu Sorgen da es ein gesellschaftliches Problem darstellt aber wenn selbst " zugezogene Neuberliner " erzählen das die Zustände in der New Yorker U Bahn in den 80siger Jahren schlimm waren aber nicht so schlimm wie in Berlin derzeit dann sollte das zu denken geben . Von Traumzuständen wie in Singapure , Seoul , Busan oder vielen anderen asiatischen Städten möchte ich gar nicht erst reden aber es würde ja schon reichen Zustände wie in München , Wien oder Prag zu erreichen .

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