Fridays for Future (Quelle: Anna Corves)
Audio: rbb | 29.11.2019 | Swetlana Oheim | Bild: Anna Corves

Globaler Klimastreik - "Fridays for Future" zwischen Hoffnung, Ratlosigkeit und Wut

Seit Monaten demonstrieren Kinder und Jugendliche weltweit für mehr Klimaschutz. Doch mittlerweile stellt sich einigen die Sinnfrage. Politiker handeln ihnen zu langsam. Sollen sie aufhören? Weitermachen? Oder doch einen radikaleren Weg einschlagen? Von Anna Corves

Freitag, 15. November. Um 10:57 Uhr ploppt auf dem Handy eine Eilmeldung auf: Der Bundestag beschließt sein Klimaschutzgesetz. "Klimapäckchen" nennen sie es auf der Demonstration von "Fridays for Future" spöttisch. Oder auch: einen Skandal. "Streik in der Schule, Uni und Betrieb – das ist unsere Antwort auf eure Politik", schallt der Sprechchor durch Berlins Mitte.

Vier kleine Demonstrationszüge laufen sternförmig auf den Invalidenpark zu. Hier, nahe des Wirtschafts- und des Verkehrsministeriums, wo sich vor ein paar Monaten noch Tausende getroffen hatten, frösteln nun etwa 250 junge Leute im nasskalten Novemberwetter, die meisten Teenager oder Studierende.

Ein Junge schlängelt sich durch die Menge. Er hat eine Papprolle umgehängt, die halb so groß ist wie er selbst. "Willst du was spenden?", fragt er keck. Jim ist neun Jahre alt und sammelt Geld für "Fridays for Future". Demos organisieren, Flyer drucken, das kostet ja was. Er komme jeden Freitag her, es sei denn, er sei krank oder völlig K.o., wie er sagt. Seine Mutter unterstütze ihn, die Grundschule sei nicht so streng. Jim findet den Klimaschutz wirklich wichtig. Dafür, dass man das auch überall höre, kämen aber nicht genug Menschen zur Demo. "Das macht mich traurig, ich bin auch enttäuscht von den Leuten."

Die Überzeugten und Optimisten demonstrieren weiter

Tatsächlich nimmt bundesweit die Zahl der Teilnehmer an normalen Freitag zusehends ab. Trotzdem bringt "Fridays for Future" nach eigenen Angaben jede Woche im ganzen Land weiterhin mehrere Tausend Menschen auf die Straße. Eins wird klar, wenn man mit den Umstehenden spricht: Wer im November 2019 noch hier steht, ist nicht etwa notorischer Schulschwänzer, wie manche Kritiker monierten. Es sind die Überzeugten und die Optimisten.

Parvati Smolka hält mit ein paar anderen Mädchen ein großes Transparent hoch. "Klimakrise - Halt Stopp!" steht darauf. Sie sind 15. In dem Alter also, da Gallionsfigur Greta Thunberg, vor dem schwedischen Reichstag ihren "Skolstrejk för Klimatet" begann. Mit diesem ersten Schulstreik fürs Klima legte Thunberg weltweit den Grundstein für "Fridays for Future".

In Berlin hat Parvati miterlebt, wie die Bewegung gewachsen ist, mit unzähligen Ortsgruppen und AGs. Andere ließen sich davon inspirieren: "Omas for Future", "Scientists for Future" und "Entrepreneurs for Future" wurden gegründet und schlossen sich mit der Hauptbewegung zusammen. Universitäten öffneten ihre Tore und boten Vorlesungen zu Klimathemen an. Parvati nutzt all diese Möglichkeiten, hat dabei viel gelernt: "Man wird super motiviert, sich zu informieren, ich lese zu Hause auch nach, wenn ich was nicht verstanden habe." Sie hat durch die Bewegung viele neue Freunde gewonnen, Gleichgesinnte. "Fridays for Future" bedeutet ihr viel. Das Klima erst recht: "Ich bin sehr naturbezogen, oft auf dem Land. Der Klimawandel ist eine Katastrophe."

Dass heute nicht so viele zur Demo gekommen sind, demotiviert sie nicht sonderlich. Ein dickes Fell braucht sie eher gegenüber manchen Klassenkameraden, die gerne mal Sprüche ablassen. "Die sagen: 'Wie, du gehst da immer noch hin? Das gibt’s noch?' Die setzen da keine Hoffnung rein. Das merkt man." Wenn sie sich stark genug fühlt, versucht sie dagegenzuhalten und andere zu überzeugen.

Fridays for Future (Quelle: Anna Corves)

"Es gibt bei uns eine Diskussion, ob wir es lassen sollen"

Ortswechsel: das Hauptgebäude der Technischen Universität. Hier trifft sich jeden Dienstagabend das "Fridays for Future"-Plenum; vor allem Leute, die auch in Orts- oder Arbeitsgruppen eingebunden sind. Aber letztlich kann jeder kommen - ein Kernprinzip der Bewegung. Etwa Hundert Interessierte sind heute da, bereit zuzupacken.

Drei Tage vor dem globalen Klimastreik laufen die Absprachen heiß – ein riesiger Stapel Plakate muss noch verteilt, das Hochhalten des Front-Transparents geübt werden. In zahllosen Chat-Gruppen wird für den Freitag mobilisiert. Franziska Wessel ist in fast alles eingebunden. Die 15-Jährige ist einer der bekannteren Mitorganisatoren in Berlin. Neben der Schule ist das ein unbezahlter Vollzeitjob.

Franziska hätte allen Grund, stolz zu sein: Immerhin hat die Bewegung ein Maximum an Aufmerksamkeit für das Klima-Thema erreicht. Und doch stellt sie sich immer öfter die Sinnfrage: "Wir haben langsam das Gefühl, dass wir jeden Freitag da stehen und es nichts bringt." Seit elf Monaten steckten sie so viel Arbeit in die Bewegung. Langsam mache sich bei ihr Politikverdrossenheit breit. "Es gibt bei uns eine Diskussion, ob man es lassen soll mit dem Demonstrieren", sagte sie.

"Vielleicht muss man einen Schritt weiter gehen?"

Es mache sie fassungslos, dass die Politiker keine strengeren Klimaschutzgesetze verabschiedet haben. Schließlich forderten sie keine abwegigen Maßnahmen, sondern einfach nur die Einhaltung bestehender Verträge wie des Pariser Klimaabkommens.

In der Bewegung würden sich viele gerade überlegen, sagt Franziska, ob sie sich privat nicht bei "Extinction Rebellion" oder "Ende Gelände" engagieren sollen. Klima-Protestgruppen, die auf drastischere Methoden setzen, auf vehementen zivilen Ungehorsam. Mit Straßenblockaden zum Beispiel haben sie Aufmerksamkeit erregt; allerdings auch viele Bürger verärgert. "Ich überlege auch, ob ich einen Schritt weitergehe", sagt Franziska, "Aber dann hat man auch wieder weniger gesellschaftlichen Rückhalt. Ich weiß es nicht". Einen letzten kleinen Rest Hoffnung auf eine politische Wende habe sie noch. Aber der schwinde.

"Auf das Durchhaltevermögen kommt es jetzt an!"

Zurück auf die Straße. Die letzte Kundgebung vor dem globalen Klimastreik. Etwa 150 Demonstrierende sind da. Der harte Kern. Auch die 15-jährige Parvati ist wieder da. Eigentlich wollte sie diesmal nicht kommen, da sie dringend mal wieder Präsenz bei ihren Lehrern zeigen müsse. Sie hat ihrer Mutter weiterhin gute Noten versprochen.

Vorhin war sie auch in der Schule, erzählt sie, aber zumindest kurz musste sie doch bei der Demo vorbeischauen. Alles andere hätte sich falsch angefühlt. "Jetzt kommt es auf das Durchhaltevermögen an, damit die Leute sehen: Denen ist es wirklich wichtig. Die gehen nicht weg."

Sie hofft, dass sich die Hartnäckigkeit auszahlt, dass die Politiker doch noch ihren Kurs ändern. Oder dass sich eine andere Gruppe herauskristallisiert, die mehr Macht als "Fridays for Future" hat und sich für die Umwelt einsetzt, sagt Parvati. Kurzfristig hofft sie erstmal auf den globalen Klimastreik am letzten Freitag im November, darauf, dass viele Leute kommen. Und wenn nicht? "Dann machen wir trotzdem weiter. Aber eigentlich habe ich große Hoffnung und Vorfreude."

Sendung: Inforadio, 29.11.2019, 6 Uhr

Beitrag von Anna Corves

Kommentar

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26 Kommentare

  1. 25.

    Wie wärs statt zu demonstrieren, Unterschriften zu sammeln. Z.B. mit openpetion oder wie Arne Semsrott? Und zwar, da wo es vielen weh tut: Vor den Regionalbahnhöfen, wo massenhaft Leute seit mehr als 10 Jahre kaum in die Zügen kommen, die Züge andauernd ausfallen usw. Dafür, dass die neue CO2 Steuer für den ÖPNV genutzt wird und nicht für die Rüstung. Oder für eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 120 km/h auf Autobahnen. FFF wurde missbraucht für eine neue Umverteilung: Mehr Steuern, die besonders Ärmere zahlen müssen für.."wünsch dir was": Rüstung, Elektro-SUVs..

  2. 24.

    Ich bin für Umwelt Schutz.
    Aber warum diese Demos immer während der Schul und Arbeitszeit sein muss erschließt sich mir wirklich nicht.
    Ein Schelm wer da was Böses denkt.

  3. 23.

    Ich bewundere Ihren Langmut. Sie kommen diesen Leuten mit Logik. Das ist das letzte, was diese Leute hören oder lesen wollen.

  4. 22.

    Fake News aus der rechtspopulistischen bis -extremen Ecke.

    https://www.tagesschau.de/faktenfinder/inland/fridays-for-future-133.html

    Dumm, da leicht widerlegbar obendrein.

  5. 21.

    Es ist immer schwer sich einzugestehen, dass man auch mal was falsch gemacht hat. Vielleicht schaffen Sie es auch irgendwann. Wahrscheinlich sind übrigens hauptsächlich ihre Generation selbst oder die ihrer Eltern Schuld, je nachdem wie alt Sie sind. Seit den späten achtzigern oder den frühen neunzigern wissen wir, was getan werden muss. Nur tun wir es nicht.

  6. 20.

    " 'Fridays for Future' zwischen Hoffnung, Ratlosigkeit und Wut " ...
    Darf man FFF-Teilnehmer bald auch als Wutbürger bezeichnen?

  7. 18.

    Wer sagt hier das ich nicht weiter versuche nachhaltig zu leben?! Und ich möchte heute Abend gern mal Bilder sehen wie Jugendliche in Afrika Süd Amerika oder China für FFF auf die Straße gehen! Den ich störe mich immer noch an der Aussage lieber RBB das die Jugendlichen weltweit demonstrieren gehen! Ich glaube in diesen Regionen gibt es ganz andere Sorgen bei den Jugendlichen als in unserem Wohlstandsland. Ja es ist richtig was da passiert das ist doch gar keine Frage aber warum blockiert ihr nicht den Reichstag dort sitzen die Politiker die das alles lenken und mit den Lobbyisten kuscheln!

  8. 17.

    Jetzt erst recht! Weiterdemonstrieren und Menschen zum Umdenken motivieren mit friedlichen Mitteln. Besser außerhalb der Schulzeit. Kommt in's Gespräch auch mit den Älteren, jenseits von Vorwürfen und bleibt dran. Es bringt was. Lasst Euch nicht entmutigen. Uns hat man Anfang 2000 auch gesagt es sei sinnlos und uns teilweise beschimpft und versucht unseren Protest mit Ignoranz in's Leere laufen zu lassen. Doch wir haben es geschafft, drohende Studiengebühren vorerst zu stoppen.
    Hier geht es nun um viel mehr. Das ist die größte Aufgabe, der wir Menschen jemals gegenüberstanden.
    Das könnt ihr nicht alleine schultern. Holt die Älteren mit in's Boot. Die meisten werden Euch unterstützen.
    Ihr habt das Potential dazu. Es ist jedoch ein Marathonlauf. Mit Verstand und Sturheit geht es zum Ziel.

  9. 16.

    Die Menschheit hat jedes Maß verloren, wie es scheint. Nur etwas weniger Konsum aller würde viel bewirken.
    Aber sage das mal einer jemandem, der im Auto hockt und den Motor sinnlos laufen lässt oder jeden Morgen seinen Kaffee aus einem Einwegbexher mit Plastikdeckel schlürfen muss . Nur kleine Beispiele von vielen.

  10. 15.

    Jung gegen Alt, ist das Böse! Meine Oma hat nach dem Krieg Steine geklopft, damit ihre Kinder, meine Eltern ein Dach über dem Kopf haben. Meine Eltern sind Arbeiten gegangen, damit wir eine schöne Kindheit haben, was lernen und auch ein warmes Haus haben. Ich gehe Arbeiten, damit ich meiner Tochter ein Dach über dem Kopf bieten kann und jetzt eine Ausbildung an der Uni. Jetzt kommen so manch junge Halbwüchsige hier an und sagen, ich bin Schuld, meine Eltern und Großeltern Schuld? Bitte erst einmal Nachdenken.

  11. 14.

    sind ja immer andere Schuld. Die Produzenten, nicht die Benutzer. Der Jan, nicht Sie usw... Ist klar. Die Geneartionen gegeneinader aufzuhetzen ist dann noch die Krönung Ihrer Aussage.

  12. 13.

    "Nein Jan, in Deiner Jugend warst Du vielleicht nachhaltig, aber nicht das ganze Leben. Sonst hätten wir ja jetzt eine andere Situation."
    Also ist Jan an allem Schuld?
    Nein wenn schon denn schon alle Konsumenten. Und zum Thema Smartphone: nicht alles was Erwachsene produzieren muss auch gekauft werden. Man sagt einfach NEIN Danke! Man muss nicht zu Weihnachten das neueste Smartphone unterm Weihnachtsbaum finden. Die Kids können doch auch das "alte" Tel. von den Eltern nehmen. Was meinen sie wie die Kids da reagieren? Na dann Merry Christmas!

  13. 11.

    Nein Jan, in Deiner Jugend warst Du vielleicht nachhaltig, aber nicht das ganze Leben. Sonst hätten wir ja jetzt eine andere Situation. Den Klimawandel hat sich niemand ausgedacht, sondern der hat sich über die letzten 2 Generationen entwickelt, global.
    Und nochmal allgemein, die sogenannten SMARTPHONE KIDS haben diese nicht selbst produziert, das waren Erwachsene, um damit viel Profit zu machen.

  14. 10.

    "Wenn es radikaler werden darf, dann täglicher Streik! Alle Schüler und Studies gehen nicht mehr zur Schule oder Uni. Das System aushebeln. Damit die Politiker sehen, dass es keinen Nachwuchs mehr gibt für die Wirtschaft."
    Genau, suuuper Idee!!
    Aber woher kommt dann das Geld für H4, Kindergeld, ALG, Rente und die ganzen Sozialbeiträge für 2020 in Höhe von 150 Milliarden? Können sie diese Frage beantworten? Warum soll die Industrie Arbeitspl. in Dtschl. schaffen wenn der Nachwuchs nicht mehr arbeitet? Warum soll der "normale" Bürger morgens aufstehen und arbeiten gehen um Steuern zahlen? Und wovon will ihr Nachwuchs später leben?

  15. 9.

    Man darf in Deutschland erst mit 18 wählen. Die meisten Schüler sind jünger.

    Und toll, dass Sie in ihrer Jugend viel nachhaltiger waren. Warum haben Sie nicht einfach so weiter gemacht? Handies und Billigmode wurden nicht von den jugendlichen erfunden, die heute auf der Straße sind.

  16. 8.

    Wenn es radikaler werden darf, dann täglicher Streik! Alle Schüler und Studies gehen nicht mehr zur Schule oder Uni. Das System aushebeln. Damit die Politiker sehen, dass es keinen Nachwuchs mehr gibt für die Wirtschaft. Es muss die Systemfrage gestellt werden! Die Wirtschaft hat dem Menschen zu dienen und nicht den Profit Einzelner! Dieses System verhindert doch mit klugen Menschenverstand zu handeln, denn am Ende geht es immer nur um das Geld und die Abhängigkeit von diesem!

  17. 7.

    Was heißt hier immer weltweit lieber RBB diese Geschichte wird einfach nur massiv durch Medien gepusht! Oder wird in Kiew, dem Kongo, Kairo, sagen wir mal Afrika, Peking oder in Hongkong demonstriert? Ich glaube dort haben sie andere Sorgen um Nöte als diese Jugend die nicht weiß was sie machen soll hier in Deutschland. Sollen sie Verantwortung übernehmen in dem sie gute Schulabschlüsse hinlegen eine Handwerkliche Ausbildung abschließen wählen gehen und damit mit entscheiden! Und ich glaube es kam schon sehr oft aber ich habe niemandem seine Zukunft ruiniert in unserer Jugendzeit war das Leben bedeutend nachhaltiger als heute ohne Handy und Billigmode Märkte. Viel Spaß euch allen Heute in der Schule! schön aufpassen! ;-)

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