Kinderärztin untersucht Kleinkind auf Arm der Mutter (Quelle: dpa/Amelie Benoist)
Bild: dpa/BSIP/Amelie Benoist

Interview | Kinderärztin Berliner Rettungsstelle - "Es gibt schon diese typischen Prenzlauer-Berg-Eltern"

Wer in die Rettungsstelle kommt, braucht dringend Hilfe. Doch viele Eltern bringen ihre Kinder auch mit Sonnenbrand oder blauen Flecken in die Notaufnahme - und beschweren sich, wenn es nicht schnell genug geht, berichtet eine Berliner Kinderärztin.

rbb|24: Frau Rehlein*, gibt es eigentlich eine typische Berliner Verletzung für Kinder? Hundebiss-Wunden? Currywurst-Bauchschmerzen? Drogenspritzen-Pieker?

Luisa Rehlein*: Berlintypisch gibt es da nichts. Aber für Kinder typisch sind Platzwunden. Sie fallen auf den Kopf, auf das Gesicht oder wohin auch immer - und haben Wunden, die im besten Fall nur geklebt werden müssen. Manchmal natürlich auch genäht. Typisch sind auch Brüche am Unterarm oder am Ellenbogen.

Jetzt haben wir ja Herbst und die Kinder müssen wieder mehr drin spielen.

Ja, das ist sehr schön! Ich freue mich jedes Mal, wenn ich zum Dienst fahre und es regnet.

Wieso das denn?

Im Herbst und Winter haben wir merklich weniger verletzte Kinder bei uns. Im Herbst wird es alljährlich ruhiger - und sobald im Frühjahr die Sonne wieder rauskommt, geht es wieder richtig los. Dann fallen sie vom Klettergerüst und vom Baum. Sie fallen beim Skaten und vom Fahrrad. Im Sportunterricht fallen sie natürlich das ganze Jahr – es ist also nicht so, dass wir uns im Winter langweilen.

Ihre Klinik ist auch für Brandenburger gut erreichbar. Kommen da gleichermaßen Berliner und Brandenburger Patienten?

Ja, das hält sich ungefähr die Waage.

Und da gibt es kaum nennenswerte Unterschiede?

Es gibt schon Unterschiede. Es ist natürlich ein anderes Klientel. Das merkt man vor allem am Verhalten der Eltern. Es gibt schon diese typischen Prenzlauer-Berg oder Mitte-Eltern. Die stellen ganz andere Fragen, sind immens belesen. Manchmal sind sie auch etwas anstrengender, weil sie viel kritischer sind. Aber es macht natürlich auch Spaß zu erklären.

Gibt es Zahlen oder Zustände oder Erkenntnisse, die besonders besorgniserregend sind?

Nicht von Seiten der Patienten. Aber die administrativen Tätigkeiten werden immer mehr und immer anstrengender. Es ist mehr Papier- und mehr Arbeit am Computer geworden. Das geht natürlich zu Lasten der Patienten. Dadurch kommen wir Ärzte oft auch nicht mal mehr dazu, etwas zu essen. Ein Kaffee zwischendurch auf dem Weg von A nach B muss da oft reichen.

Krankes Kind wird abgehört (Quelle: dpa/Carmen Jaspersen)
Ein Kind wird mit einem Stethoskop untersucht. | Bild: dpa/Carmen Jaspersen

Kommen zu Ihnen auch viele Kinder oder Jugendliche mit Bagatell-Problemen? Das liest man ja oft für Rettungsstellen im Allgemeinen.

Ja! Sie kommen mitunter mit Zeckenbissen, Sonnenbrand, ganz kleinen Schnittverletzungen und blauen Flecken. Das hat sich, gerade den älteren Kollegen nach, verändert. Früher wurde viel mehr zu Hause versorgt. Viele dieser Fälle gehören überhaupt nicht in eine Rettungsstelle. Aber in der letzten Zeit sind die Leute auch dafür sensibler geworden. Es fragt auch mal jemand, ob es gerechtfertigt ist, wenn er "damit" komme.

Ist es nicht ein bisschen spät, das zu fragen, wenn man schon da sitzt?

Ich sage das den entsprechenden Leuten sowieso schon, bevor sie die Frage stellen können.

Das klingt ja schon so, als würden Sie sich oft ärgern. Eher über die Kinder oder die Eltern?

Eher über die Eltern. Es gibt natürlich auch anstrengende Kinder. Wenn ich ein komisches Gefühl habe bei einem Kind, dann macht es der Erfahrung nach Sinn, nochmal nachzufragen bei den Eltern. Beispielsweise ob es da andere Diagnosen wie ADHS oder Autismus gibt. Wenn ich das weiß, kann ich doch viel besser agieren. 

Was auch nervt, sind Eltern, die nicht auf meiner, unserer Seite sind. Die ihrem Kind sagen, es tue Ihnen leid, dass "sie" – also ich – jetzt Blut abnimmt. Oder Eltern, die ihre Sorgen auch nicht verbergen können vor dem Kind. Aber am schlimmsten sind diese vielen Forderungen. Alles soll immer "jetzt" und "sofort" passieren. Ein klassisches Klischee aus der Rettungsstelle ist, dass die Eltern der Kinder, die am wenigsten schlimm dran sind, am lautesten sind. 

Krass sind auch Eltern, mit denen ich lange Zeit diskutieren muss, ob ihr Kind diese, sagen wir mal, Tetanus-Impfung jetzt bekommt oder nicht. Am Ende unterschreiben manche dann, dass sie die Spritze ihrem Kind entgegen ärztlichem Rat nicht haben geben lassen. Andere ringen sich doch noch durch.

Aber im Großen und Ganzen bleiben das natürlich eher Ausnahmen. Mit vielen Eltern tauscht man nette Worte oder macht auch mal Scherze. Viele bedanken sich am Ende auch, dass man sich die Zeit genommen hat.

In welcher Reihenfolge kommen die Kinder denn zum Arzt – nach Schweregrad ihrer Beschwerden?

Es wird mithilfe eines Farbschemas eingeschätzt. Aber das haut nicht immer hin. Ich schaue also, wenn ich die Familie aufrufe, einmal durchs Wartezimmer, ob da irgendjemand schlecht aussieht. Mitunter kommt sonst ein Kind endlich dran und ich erschrecke mich, wie schlecht es dran ist.

Gibt es eigentlich Kinder, die Sie nicht vergessen können?

Wenn mal ein Kind sehr, sehr schwer verletzt oder krank ist oder sogar stirbt. Das ist zum Glück extrem selten. Sowas vergisst man aber nicht.  

Umgekehrt freuen Sie sich dann ja sicher auch, wenn alles klappt und gut geht?

Klar. Und so ist es ja glücklicherweise meistens.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Prieß, rbb|24

*Luisa Rehlein heißt in der Realität anders. Sie arbeitet als Assistenzärztin in der Kinder-Rettungsstelle einer Berliner Klinik und möchte anonym bleiben. Ihr Name und die Klinik sind rbb|24 bekannt.

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50 Kommentare

  1. 50.

    " Aber als Elterteil steht man erstmal da.. " natürlich, um die Sorge um das Kind. Aber die haben erfreulicherweise oft einen Schutzengel, also nicht gleich in Panik verfallen , Gruß an Ick nu wieder

  2. 49.

    " meine Tochter ist wieder beschwerdefrei. "

    wie erfreulich , sie wird aber noch einige zeit mit einem instabilen Sprunggelenk zu tun haben, d.h. , dass sie bei kleinen Unebenheiten schnell umknicken kann , und danke für Ihre freundliche Antwort, ich wollte nur behilflich sein

  3. 48.

    ...vielen dank für Ihre versöhnlichen Worte. Es handelte sich tatsächlich um eine schmerzhafte Verstauchung :-) Aber als Elterteil steht man erstmal da. hatte, weil ich wusste, dass es länger dauert, auch zwei Kühlgelkissen dabei.
    Und ja, auch dafür vielen Dank, meine Tochter ist wieder beschwerdefrei.

  4. 47.

    Ihre geschilderte Besorgnis ist durchaus nachvollziehbar, besonders " (Freitags 18.15 Uhr)"
    sorry , wenn mein Kommentar Sie verärgert hat, das war nicht beabsichtigt .

    PS: es muß nicht immer gleich ein Bänderriß sein, meistens ist es nur eine schmerzhafte Verstauchung, kühlen , Bein hochlagern u. nicht belasten ist immer gut u. hilfreich. Ihrer Tochter geht es hoffentlich wieder besser

  5. 46.

    " Krass sind auch Eltern, mit denen ich lange Zeit diskutieren muss, ob ihr Kind diese, sagen wir mal, Tetanus-Impfung jetzt bekommt oder nicht. "

    ja, das sind die eingefleischten Impfgegner , aber unter bestimmten Umständen ist der Arzt verpflichtet , die Eltern auf die Notwendigkeit hinzuweisen.

  6. 45.

    Lieber Lothar, vielen Dank für diese offene Info....ich hoffe es geht Ihnen bald besser.
    Ich habe dem rbb meine Email hinterlegt, falls wir uns gerne noch mehr austauschen möchten, können Sie mich gerne anschreiben.
    Ansonsten sende ich ers teinmal liebe Grüße

  7. 44.

    Eine Anmerkung sei mir noch erlaubt. Wie man weiß ist Lachen gesund und fördert die Gesichtsmuskulatur. Wer immer ernst dreinschaut, tut seinen Gesichtsmuskeln keinen Gefallen damit. Soviel zur Selbstdiagnose.

  8. 43.

    Liebe Heike. Dies ist leider schon meine 3. Gesichtslähmung im Leben. Beim 1.mal, Anfang d.80er Jahre war es für mich am schlimmsten( linke Gesichtshälfte), da ich null Ahnung hatte, woher dies kommt. Jahre danach erfolgte die 2. auf der rechten Seite. Ließ sogar ein CT von meinem Gehirn machen, da ich einen „stillen Schlaganfall“ vermutete. Nichts war. Jedesmal ging alles gut und es bildete sich wieder zurück. Jetzt mit der 3. hatte es sich lange vorher angekündigt. Mein rechtes Auge fühlte sich ständig an, als sei etwas ins untere Augenlid gelangt. Ich konsultierte eine Augenärztin, doch die konnte nichts feststellen. Hat es aber versäumt, einen Abstrich zu machen um eine bakterielle Entzündung auszuschließen. Dann vor gut 2 Wochen hatte ich die 3.Lähmung. Nun bin ich ziemlich sicher, dass es mit starken Halsmuskel Verspannungen einhergeht. Denn meine Rechte Seite ( HWS) ist ständig (chronisch)verspannt. Jetzt geht alles wieder langsam zurück. Brauche sicherlich wieder Massagen. LG.

  9. 42.

    Lieber Lothar, darf ich fragen ob Sie bei dieser Lähmung das Problem haben,das rechte Auge richtig zu schließen? Sollte dies der Fall sein, würde ich Ihnen jedoch zu mindestens einen Besuch bei einem Augenarzt empfehlen.
    Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das es dazu führen kann das die Sehkraft beeinträchtigt werden kann.
    Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, dann ist alles gut.
    Ich wünsche Ihnen gute Besserung.
    Und Kommentator Max hat vollkommen recht ich sehe das auch ganz genauso.

  10. 41.

    ...der Verdacht kam von mir - Ja, ich bin kein Arzt, und trotzdem habe ich genau das bei meiner anderen Tochter schon gesehen/erlebt. Und wenn mein Kind Schmerzen hat, der Außenknöchel so angeschwollen ist, dass ein Schuh anziehen nicht mehr möglich war, keine Arztpraxis offen hat (Freitags 18.15 Uhr) und auch am nächsten Tage nicht...Tja, dann erzähl ich meiner Tochter genau Ihre Worte und warte bis Montag - macht jedes Elternteil so, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit...
    Ich bin kein Freund davon, die Notaufnahme zu besuchen, gerade weil ich weiss, wieviele Leute da mit einem "Schnupfen" hingehen - aber manchmal geht es eben nicht anders.

  11. 40.

    ...dann haben Sie vielleicht nicht richtig gelesen, was ich da schrieb. Hätte ich mich nicht gemeldet würde ich noch immer mit meiner Tochter dort sitzen...man hat uns schlicht und einfach vergessen - und ich finde das schon einen derben Fehler im System.
    Davon mal ganz abgesehen, wenn Sie mir einen Unfallchirurgen bitte raussuchen könnten, der Freitags um 18.15 Uhr seine Pforten für meine verletzte Tochter öffnet...muss ich noch mehr erzählen...Und vielleicht sollten Sie Ihren Frust nicht hier ausleben, denn wie ich auch geschrieben habe, haben wir die Füße still gehalten, weil es logisch ist, dass ein Herzinfarkt eher behandelt werden muss...dieser wird im Übrigen auch nicht von einem Unfallchirurgen behandelt.

  12. 38.

    Danke für Ihren sehr deutlichen Kommentar. Sehe ich auch so. Habe zur Zeit mit einer rechten Gesichtslähmung zu kämpfen. Renne deswegen aber nicht gleich in die Notaufnahme. Aus Erfahrung weiß ich, das diese Lähmung nach einigen Wochen wieder von selbst verschwindet. Ich gehöre zu den Personen, die zuerst einmal selbst eine Diagnose durchführen. Suche nach den Ursachen ( dank Internet geht das heutzutage noch leichter sich zuerst einmal einen eigenen Überblick zu verschaffen) und wenn ich dann nicht weiter weiß, hole ich mir Rat beim Facharzt. Hatte mir mal linken Fuß angeknackst ( kleiner Zeh ) und selbst behandelt. Mußte zwar 6 Wochen meinen Fuß ruhigstellen, benötigte aber weder einen Facharzt noch irgendwelche Schmerzmittel. Viele Menschen haben zuhause nicht einmal die nötige Hausapotheke. Mein Hauarzt kannte nicht mal die Bezeichnung „Streckverband“.

  13. 37.

    " und beschweren sich, wenn es nicht schnell genug geht, "

    wenn es schnell geht wird es schnell oberflächlich

  14. 34.

    "bei der Anmeldung ein „Notfall“ angebe, werde ich nicht abgewiesen. Muß zwar eine längere Wartezeit in Kauf nehmen, "

    die Wartezeit ist doch abhängig von der Dringlichkeit des Notfalls und die wird bei Ihrer Anmeldung erfragt

  15. 33.

    wer hat denn den Verdacht auf Bänderriss geäußert ?

    welche lokalisation ? Kreuzbandriß im Knie, Sprunggelenk oder sonstwo ?
    was erwarten Sie in einer Notaufnahme bei der Verdachtsdiagnose für eine Reaktion ? ( Besuch beim Orthopäden am nächsten Arbeitstag zu genaueren Abklärung wäre angemessen, bis dahin nicht belasten, aber das versteht sich von selbst )

  16. 31.

    ähnliches gab es ja etliche jahre unter dem namen " Praxisgebühr" , verursachte einen riesigen Verwaltungsaufwand in den Praxen , allein der gewünschte Effekt trat nicht ein. So wurde diese " Gebühr" endlich ersatzlos gestrichen.

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