Symbolbild: Ein Schild weißt auf das Amtsgericht Tiergarten. (Quelle: dpa/S. Braun)
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Drei Verwandte vor Gericht - Urteile im Prozess um abgebissenes Ohr gesprochen

Ein Streit um Parken in zweiter Reihe geriet in Berlin völlig außer Kontrolle. Am Ende fehlte einem Mann ein Teil seines linken Ohres. Drei Verwandten ist deshalb nun der Prozess gemacht worden. Das Gericht verhängte Freiheits- und Bewährungsstrafen. Von Ulf Morling

Weil einem Lieferwagenfahrer im Streit ums Parken in zweiter Reihe ein Teil des linken Ohres abgebissen wurde, hat das Amtsgericht Berlin-Tiergarten drei Männer am Dienstag wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Die Richter verhängten Freiheits- und Bewährungsstrafen zwischen sechs Monaten und zwei Jahren und neun Monaten.

"Aus völlig nichtigem und völlig unverständlichem Anlass" sei die brutale Prügelei  geschehen, so der vorsitzende Richter Stefan Schmidt während der Urteilsbegründung. Der angeklagte 52-jährige Vater habe sich geärgert, dass er kaum an dem in zweite Reihe geparkten Lieferwagen mit seinem neuen Renault Megane vorbeigekommen sei. Er habe per Handy unter anderem die beiden Mitangeklagten um Hilfe gerufen.

Bei der folgenden Prügelei zwischen Vater, Sohn, einem weiteren Verwandten auf der einen Seite und den beiden Getränkefahrern auf der anderen Seite sei einem der Opfer ein ein Mal fünf Zentimeter großes Stück der linken Ohrmuschel abgebissen worden.

Weil der Sohn des Hauptangeklagten auch einschlägig vorbestraft ist und bei der Tat unter Bewährung stand, muss der 30-Jährige zwei Jahre und neun Monate ins Gefängnis. Sein Vater Mohamad, der eigentliche Initiator der "Prügelei mit massiven Folgen" und der weitere mitangeklagte Verwandte erhielten Bewährungsstrafen von anderthalb Jahren beziehungsweise sechs Monaten. Sie sind noch nie strafrechtlich in Erscheinung getreten.

Vater sei die Vorstrafe seines Sohnes egal gewesen

"Eine Art verkehrserzieherische Maßnahme" habe Autofahrer Mohamad F. wohl geplant, als er aus seinem neuen Auto ausgestiegen und zu dem Lieferwagen in zweiter Reihe zurückgelaufen sei.

Dem 52-Jährigen sei bewusst gewesen, dass sein 30-jähriger Sohn Issa mehrfach einschlägig vorbestraft und zum Tatzeitpunkt im August 2017 unter Bewährung gestanden habe. "Wie können Sie bloß auf so eine Idee kommen und ihren Sohn da mit hineinziehen", fragte der Staatsanwalt im Plädoyer.

Die beiden Angestellten des Getränkeservices hatten am Tattag in der engen Moabiter Straße Bier, Mineralwasser und Limonade ausgeliefert und vor einem Lokal in zweiter Reihe geparkt.  Der Staatsanwalt sah im Prozess als erwiesen an: "Mohamad F. wollte den beiden Getränkefahrern deshalb einen Denkzettel verpassen".

Mert C.: "Er hat mir mein Ohr abgebissen"

Die Prügelei habe mit einer Attacke auf den Getränkefahrer begonnen, der gerade die Ladefläche leer räumte. Doch das Opfer, Mert C., - "mit der Statur eines Bären", wie es im Urteil heißt - habe beide Angreifer anfangs abgeschüttelt. Dann soll Issa F. dazu gekommen sein. Sein Vater habe gerade am Boden gelegen. Der Sohn F. beteuerte davon ausgegangen zu sein, dass sein Vater Hilfe brauche.

So habe er den Kontrahenten auf dem Rücken seines Vaters umfasst, auf den Getränkelieferanten eingeschlagen und getreten. Als der auf allen Vieren sich in das zu beliefernde Lokal geschleppte habe, habe Issa F. allerdings erneut angegriffen und schließlich seinem Opfer einen Teil der Ohrmuschel abgebissen.

Als eine Tresenkraft schlichten wollte, habe Issa F. zu einem Barhocker gegriffen und nach Überzeugung des Gerichts ist, im Überwachungsvideo deutlich zu sehen, wie die Frau "mit voller Wucht im Rücken und auf dem Kopf getroffen worden" sei. Sie sei auf die Straße gewankt und ohnmächtig zusammengebrochen. 

Als die Polizei endlich eingetroffen sei, seien die drei Angeklagten geflüchtet. Mert C. habe an sein Ohr gefasst und benommen gerufen: "Er hat mir mein Ohr abgebissen!" Gemeinsam habe er mit Beamten das fehlende Stück Ohr gesucht und es nicht finden können. Bis heute sei der 25-Jährige nachhaltig von dem Geschehen traumatisiert.

Reue und 10.000 Euro

"Das hätte so nicht passieren dürfen", entschuldigt sich im Prozess mehrfach Issa F. Nach seinen letzten Taten hat er Sport erfolgreich studiert und ist gerade dabei, seinen Master zu absolvieren. "Ich bin sozialer geworden", sagt er, "vielleicht weil ich jetzt die beiden kleinen Kinder habe." Um ihre Reue zu bekunden, hatten er und sein Vater je 5.000 Euro Schmerzensgeld an Mert C. gezahlt. Knast sei ihm egal, so F., aber wenn er die Kinder nicht sehen dürfte, wäre das furchtbar. Als er das sagt, schaut er zu den Richtern und wischt sich Tränen aus den Augen.

Kast und Bewährung

Es sei eine "brutale Tat gegen wehrlose, am Boden liegende Opfer" gewesen, sagt Richter Schmidt in der Urteilsbegründung. Issa F. sei erheblich und einschlägig vorbestraft, dass die Tat in seiner Bewährungszeit begangen worden sei, müsse berücksichtigt werden. "Das Opfer wird sein Leben lang jeden Morgen, wenn es in den Spiegel sieht nach dem Aufstehen an die brutale Tat und das fehlende Teil des linken Ohres erinnert."

Sendung: Inforadio, 26.11.2019, 18:00 Uhr

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2 Kommentare

  1. 2.

    Ein gekränktes Ego fängt eine Prügelei an. Ruft dann seinen Sohn, der sich in einen regelrechten Rausch zu prügeln scheint, eine Dame bewusstlos schlägt und dem Getränkefahrer ein Ohr abbeißt. Diese Leute verhalten sich wie Tiere. Sie scheinen nicht die Fähigkeit der Selbstreflektion zu besitzen, vor Allem in dem Moment, in dem ihre Emotionen überkochen. Ich empfehle neben den Strafen, noch Sitzungen beim Psychologen.

  2. 1.

    Reue? Doch wohl eher Selbstmitleid, weil er seine Kinder nicht mehr täglich sehen kann. Niemand hat ihn gezwungen, eine weitere Straftat zu begehen. Auch zum Vater kann man nein sagen. Und die Art der Tat lässt auf stark mangelnde Selbstkontrolle schließen. Erschreckend, zu was Nichtigkeiten mittlerweile führen.

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