Ein Obdachloser liegt in Berlin in einem Hauseingang. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Bild: dpa/Paul Zinken

Regeln für Berliner Zähl-Aktion vorgestellt - "Das ist keine Obdachlosen-Safari"

Berlin will im Januar als erste Stadt in Deutschland Obdachlose zählen. Für die Zähl-Aktion werden immer noch Freiwillige gesucht. Damit die Obdachlosen respektvoll behandelt werden, gelten für die Helfer sehr konkrete Verhaltensregeln.

Für die "Nacht der Solidarität"  im Januar werden weiterhin Helfer gesucht. Wie die Senatssozialverwaltung am Samstag bekanntgab, haben sich bislang 2.530 Helfer angemeldet. Wie der Senatssprecher Stefan Strauss erklärte, rechnet die Behörde mit insgesamt mehr als 3.000 Teilnehmern. Eine Anmeldung ist noch bis zum 6. Dezember möglich. Die Ehrenamtlichen sollen dann vom 29. auf den 30. Januar bestimmte Routen in Berlin ablaufen.

Bisher gibt es keine Stadt in Deutschland, die Obdachlose gezählt hat. Auch in Berlin ist unklar, wie viele obdachlose Menschen es gibt und wie viele auch im Winter nachts im Freien schlafen müssen. Seit Jahrzehnten gibt es lediglich Schätzungen. Sie schwanken zwischen 6.000 und 10.000 Menschen, die in der Hauptstadt auf der Straße leben - Tendenz steigend.

Statistische Grundlage für passende Unterstützung wichtig

Wohlfahrtsverbände und Sozialarbeiter fordern seit Langem eine statistische Grundlage, um Menschen von der Straße das ganze Jahr über passende Unterstützung anbieten zu können - also mehr als die bisherige Kälte-Nothilfe im Winter. Sie wollen etwa wissen, wie viele Männer und Frauen auf der Straße leben, welche Sprachen sie sprechen und wie alt und gesund sie sind. Ein relativ neues Bild sind in Berlin Obdachlose im Rollstuhl, auf die nicht alle Notübernachtungen eingerichtet sind.

Nach bisherigen Planungen sollen in der sogenannten "Nacht der Solidarität" rund 500 Teams - bestehend aus drei, vier oder mehr Helfern - zwischen 22 Uhr und 1 Uhr auf festgelegten Routen durch die Bezirke laufen. Die Strecken sind in Zusammenarbeit mit sozialen Trägern entstanden. Diese wissen oft, wo Obdachlose übernachten.

Teams durchsuchen nur öffentlichen Raum

Fest steht aber auch, dass die Teams nicht Abrisshäuser oder Privatgelände durchsuchen, sondern nur im öffentlichen Raum tätig werden. Ein speziell geschulter Teamleiter hat Kenntnisse über Sozialarbeit und Obdachlosenhilfe. In den Hotspots - etwa am Kottbusser Tor oder am Bahnhof Lichtenberg - sollen nur Teams mit solch erfahrenen Mitgliedern unterwegs sein.

Das Beantworten von Fragen ist für Obdachlose freiwillig. Sie werden aus Respekt auch grundsätzlich gesiezt, wie es im Verhaltenskodex für die Helfer heißt. Wer nicht mit den Teams reden möchte, wird nur gezählt. Es soll keinen Druck geben. Wer schläft, kann auch weiterschlafen. Wer sich versteckt, wird nicht gesucht.

Für Helfer gibt es noch mehr Verhaltensregeln: Keine Fotos, keine Posts und keine Weitergabe von Namen und Daten an Dritte. "Das ist keine Obdachlosen-Safari", betont Senatssprecher Stefan Strauss. Gut zu Fuß sollten die Helfer aber sein - und gerüstet gegen Kälte, Schnee oder Regen.

Registriert haben sich bisher vor allem Studierende. Überraschungen gab es aber auch: Ein Chor habe sich etwa gemeldet und für die Nacht ein Lied einstudiert, berichtet Strauss.

Für Helfer haben die ersten Info-Veranstaltungen in den Bezirken bereits begonnen. Alle Freiwilligen sollten am 29. Januar Zeit von 19 Uhr abends bis 1 Uhr nachts mitbringen. Vor der Zählung gibt es in zentralen Büros Besprechungen. Wer sich verbindlich für anmelden möchte, kann sich unter www.berlin.de/nacht-der-solidaritaet/mitmachen/ registrieren oder unter der Telefonnummer 030 / 76 23 65 00 anrufen.

Sendung: Abendschau, 30.11.2019, 19:30  

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

19 Kommentare

  1. 19.

    Gebt den Menschen ein zu Hause ,eine Hoffnung an sich wieder zu glauben ..

  2. 18.

    Morgen klingelt jemand bei Ihnen an der Tür, steht da und sagt, er möchte Ihnen ein wenig von seiner Lebenszeit schenken.
    Um wessen Problem geht es da und um wessen nicht?

  3. 17.

    Sollte es wirklich unmöglich sein, im gesamtberliner Stadtgebiet keine Notunterkünfte für alle obdachlosen Menschen herzurichten und sollte es wirklich so schwierig sein, "die Menschenwürde dieser Menschen zu achten und zu schützen" (Art. 1 GG; Art. 6 VerfB)? - Vielleicht ist der verantwortlichen staatlichen Gewalt Berlins noch nicht bewusst geworden, dass Obdachlosigkeit keine freiwillige Campingveranstaltung darstellt sondern eine zerstörende Situation.

  4. 16.

    Und Ihnen sind wohl glatt die Argumente abhanden gekommen! :) Anstatt sachlich zu argumentieren greifen Sie lieber persönlich an. Wie billig! Genau wie diese Aktion vom Senat!!

  5. 14.

    Es gibt eben Leute wie siem die nur meckern und immer ein Haar in der Suppe finden und eben Leute, die packen an statt zu labern.

  6. 13.

    Ja Danke das ist wohl die wahrscheinlichste Erklärung für diese zynische Aktion!! Verharmlosung der - für diese Menschen lebensbedrohlichen - Situation! "Wir machen munter weiter mit diesem System, weil ist ja alles garnicht so schlimm. Sind nur 6000 Menschen und keine 10.000. " So in etwa könnte dann die Reaktion sein. Wo bleibt die Hilfe für diese Menschen??? Das ist die große Frage - nicht wieviele sind es denn genau??

  7. 12.

    Liebes RBB TEAM ,
    entweder gibt es hier plötzlich noch eine Paula/ Berlin
    oder beim Kommentar Nr. 9 lief was falsch. Das ist nicht mein Text.
    Mein Text steht im Kommentar Nr. 5. Paula/Berlin
    unter darunter bin ich schon länger angemeldet.
    Wie kann denn sowas passieren?

  8. 11.

    Es gibt Schätzungen vom Senat, dass vielleicht ca. 10.000 Menschen in dieser Stadt auf der Straße leben müssen. Warum werden nicht erstmal 10.000 Wohnungen gebaut für diese Menschen, die im Winter!!! draussen schlafen müssen??? was nützt es nun eine genaue Zahl zu haben?? Im Gegenteil immer mehr Menschen können diese teuren Mieten nicht mehr zahlen und landen auch auf der Straße. Was hilft es diesen Menschen, wenn sie gezählt werden??? Und was sind das für "Regeln"?? Die Menschen sollen gesiezt werden und nicht geduzt - ist das euer Ernst Senat?? Wir leben in einer Gesellschaft wo gesagt werden muss das auch Menschen auf der Straße mit Respekt behandelt werden sollen?? Ich bin absolut Fassungslos über diesen Irrsinn!!

  9. 10.

    Es ist alle Mal den Versuch wert. Wir werden sehen, was dabei heraus kommt. Und ich denke, jeder Mensch kann, nach seinen Möglichkeiten, den anderen ein Geschenk machen. Manchmal besteht das Geschenk bloß in ein bißchen Lebenszeit. Ich freue mich über jedes Geschenk, wenn ich etwa bekomme und wenn ich etwas gebe.

  10. 9.

    Wie zynisch ist es denn bitte diese Aktion auch noch mit "Solidarität" zu überschreiben? Solidarität wäre es wenn kein Mensch mehr auf der Straße leben müsste. Diese Zählung findet während der kältesten Jahreszeit statt - für die "Zähler_innen" wird warme Kleidung empfohlen. Und was ist mit den Menschen die immer auf der Straße leben müssen Was genau wird denn nach dieser Zählung passieren? Wird es denn genügend bezahlbaren Wohnraum für diese Menschen geben? Dieser ganze Zynismus macht mir einfach nur noch Angst – wo sind wir nur gelandet im Jahr 2019???

  11. 8.

    Hier von einem Ehrenamt zu sprechen ist glatter Hohn und ich finde an dem Fall kann man den Missbrauch förmlich riechen. Ehrenamtliche engagieren sich über Jahre, bauen soziale Bindungen auf, suchen sich den Verein/Wirkstätte selber aus und helfen den Betroffenen tatsächlich. Hier wird nur Berlin geholfen und zwar beim Geld sparen aber nicht den Obdachlosen oder habe ich da etwas übersehen?? Der Berliner Senat, welcher kein gemeinnütziger Verein ist, sucht ein paar nützliche I*****n für einen Nachtaushilfsjob in Eisesskälte. Sorry, aber ich finde immer noch das es rational betrachtet eine äußerst peinliche Aktion ist...

  12. 7.

    Es ging mir auch nicht ums "Geld verdienen" dabei, sondern um Respekt und Wertschätzung den Helfern und Obdachlosen gegenüber! Und wieviel Geld lässt sich im Sozialen Bereich schon verdienen?! Aber was nichts kostest wird auch nicht geschätzt und ist nichts wert. Dass das Land Berlin nicht ordentlich Geld für die Zählung ausgeben will, sagt so einiges aus finde ich.

  13. 6.

    wie soll denn bei dieser Aktion eine realistische Zahl ermittelt werden, wenn weder auf Baustellen noch in Hinterhöfe, Kellereingänge, Abrisshäuser oder Dachböden gegangen wird, weil das alles private Gelände sind?! Die Zahlen können nur zur Verharmlosung der Lage dienen. Und das sollen sie ja wahrscheinlich auch.

  14. 5.

    Ich glaube vielen Obfachlosen würde es wirklich helfen, wenn es für sie ausreichend Plätze gäbe, wo sie ihre Hunde mitnehmen könnten, Frauen mit oder ohne Hund nicht belästigt werden und niemabd beklaut wirdc( z. B. durch abschließbare Fächer oder Räume für das bißchen Hab und Gut. )
    Ob die Zählung mit Befragung wird zeigen, was sonst noch fehlt, vorausgesetzt die Teams haben genügend
    Sprachkenntnisse.Verfolgt man die Berichterstattungen in Presse, Funk und Fernsehen, erhöht sich die Zahl der Osteuropäer, denen es hier auf der Straße bei uns angeblich besser geht als in ihrer Heimat. Mehr Angebote bei uns werden dann wohl auch die Nachfrage erhöhen. Was ist eigentlich mit der Unterbringung in leerstehenden Flüchtlingsunterkünften . Allen Ehrenamtlichen meine Hochachtung und viel Erfolg.

  15. 4.

    Ich mach das aber gar nicht um Geld zu verdienen, sondern aus Solidarität mit Menschen, die meistens zu den Schwächsten gehören. Halte das für eine sehr gute Aktion, die helfen soll, obdachlosen Menschen die Angebote zu machen, die ankommen und helfen, jedenfalls denen, die Hilfe möchten. Und um einen genaueren Überblick zu bekommen, wie viele Menschen auf der Straße leben müssen. Nichts daran ist peinlich.

  16. 3.

    Patricia, die Damen und Herren, die sich das antun und die Obdachlosen bei Nacht und Kälte zählen, scheinen einen anderen Beweggrund, als Lohn zu haben.
    Und zwar den, den Ehrenamtliche immer haben: Sinnhaftigkeit und Herzensgüte.
    Trotzdem kann man sich die Frage, wie unser Staat ohne Ehrenamtluche aussehen würde. Wie würde es um die Pflege, Kultur, Feuerwehr und viele andere Bereiche stehen?

  17. 2.

    Ganz peinliche Aktion! Der Berliner Senat sollte sich schämen und dann aber auch noch von "Respekt" reden, wenn man nicht mal die kostenlosen Freiwilligen, die quasi Nachtarbeit verrichten ordentlich entlohnt...

  18. 1.

    Wie kommt der Senatssprecher auf den Begriff "Obdachlosen-Safari" ?! Von wem wurde der zuvor benutzt? Oder ist das der interne Behördensprachgebrauch?

Das könnte Sie auch interessieren

Berliner Schaum zum Fest (Quelle: Marcus Behrendt)
Marcus Behrendt

Adventskalender 2019 - 11. Tür: Berliner Schaum zum Fest

Mit "Oh - es riecht gut, oh - es riecht fein" startet ein Kinderlied übers Weihnachtsbacken. Auch wer nicht backt, hat in Berlin viele Gelegenheiten, lokales Zuckerzeug zu erstehen. In Reinickendorf zum Beispiel kommt die Süßigkeit aus dem Kupferkessel und hat handgetupfte Augen.