Blick in eine Ausnüchterungszelle. Quelle: imago stock&people/Sepp Spiegl
Bild: imago stock&people/Sepp Spiegl

Nach Todesfall in Ausnüchterungszelle - "Die Sorge etwas zu übersehen, begleitet Ärzte auf der Wache"

Am 4. November starb in Luckenwalde ein 51-Jähriger nach ärztlicher Untersuchung in einer Ausnüchterungszelle. Immer wieder müssen Mediziner eine schwere Entscheidung treffen: Kann ein Betrunkener in der Zelle bleiben oder muss er in die Klinik? Von Roberto Jurkschat

In manchen Nächten klingelt das Handy von Hans-Christoph Degener zweimal, manchmal dreimal, wenn ein Häftling auf der Polizeiwache in Neuruppin ausnüchtert. "Manchmal sieht es aus, als würden Betrunkene die Nacht in Polizeigewahrsam einfach durchschlafen", sagt der Mediziner, "und manchmal ändert sich deren Zustand schlagartig". Dann muss Degener, der schon seit zehn Jahren immer wieder als Bereitschaftsarzt für die Polizei arbeitet, wieder auf die Wache fahren.

"Jemand kommt zu sich, regt sich auf und kann sich nicht beruhigen. Jemand wacht auf und sagt den Beamten, er habe Epilepsie. Oder jemand ist bewusstlos und überhaupt nicht mehr ansprechbar", sagt Degener, "solche Dinge kann man nie zu 100 Prozent vorhersehen." Am Ende jeder Untersuchung steht der Arzt vor einer Entscheidung: Gewahrsam oder Notaufnahme? Einerseits rette schon das Polizeigewahrsam vermutlich viele Leben, sagt Degener, "andererseits muss eine Ausnüchterung in einer Zelle verantwortbar sein und sicher sein."

Mann stirbt in Polizeigewahrsam in Luckenwalde

Am 4. November entschieden die Diensthabenden in Luckenwalde (Teltow-Fläming), einen 51-Jährigen in die Ausnüchterungszelle zu sperren. Die Polizei hatte den Mann in Gewahrsam genommen, weil sie ihn schlafend vor einem Supermarkt auffand. Nach den Angaben der Polizei wurde er auf der Wache ärztlich untersucht und dann in der Ausnüchterungszelle untergebracht. Später am Tag sollen Beamte den Mann bei einem Kontrollrundgang dann tot vorgefunden haben. Die Staatsanwaltschaft teilte am nächsten Tag mit, dass der 51-Jährige an einer Alkoholvergiftung gestorben sei.

In Brandenburg sind nicht immer Ärzte auf den Wachen anwesend - anders als es die Polizei in Berlin nach eigenen Angaben handhabt. Approbierte Mediziner werden in Brandenburg von der Polizei für Bereitschaftsdienste gebucht und bei Bedarf alarmiert, teilt die Behörde auf Anfrage mit. In welchen Fällen ein Bereitschaftsarzt auf die Wache gerufen wird, liegt dabei im Ermessen der Polizei. Bereitschaftsarzt Degener sagt: "Ab einem gewissen Atemalkoholwert oder bei anderen sichtbaren Anzeichen, dass der Aufenthalt in der Zelle riskant ist, werden Ärzte gerufen."

Blinde Flecken bei der Untersuchung

Rechtlich ist klar geregelt, dass Ärzte in medizinischen Notfällen verpflichtet sind, Hilfe zu leisten. Auf dieser Grundlage können sogar Menschen aus dem Polizeigewahrsam in eine Klinik gebracht werden. Die Frage ist nur, wie sich ein Notfall feststellen lässt. Auf der Wache sei dies oft nicht zweifelsfrei möglich, sagt Degener.

Beispiel Herzversagen: Herzrhythmusstörungen träten etwa bei vielen Betrunkenen auf – meistens seien sie unbedenklich, allerdings könnten sie auch Vorboten eines medizinischen Notfalls sein. "Ein EKG bei Betrunken ist aber nicht sehr aussagekräftig", sagt Degener. Erhöhter Blutdruck müsse bei Menschen unter starkem Alkoholeinfluss ebenfalls nicht auf Lebensgefahr hindeuten. Und während manche bei zwei Promille noch ansprechbar seien, deute dieser Wert in anderen Fällen schon auf eine akute Gefahr hin.

Ein Artikel im Fachmagazin "Ärzteblatt" wies schon vor Jahren darauf hin, dass die "unzureichenden Untersuchungsbedingungen" ein "großes Dilemma bei der Beurteilung der Gewahrsamstauglichkeit" seien. Demnach bestehe "im ungünstigen Fall" schon zu Beginn der Untersuchung ein zeitlicher Druck aufgrund weiterer Dienstaufgaben. "Die Prüfung des körperlichen und geistigen Zustandes kann unter den gegebenen Umständen nicht immer in einem ausreichend beleuchteten Raum erfolgen, teilweise muss sie unter schlechten Lichtverhältnissen in einer engen Gewahrsamszelle durchgeführt werden." Dem Arzt stünden für die körperliche Untersuchung mit Pulsuhr, Stethoskop, Blutdruckmessgerät und Stiftlampe nur begrenzte diagnostische Mittel zur Verfügung.

"Die Sorge, etwas zu übersehen, begleitet Mediziner auf der Wache"

Trotz solcher Schwierigkeiten endet das Ausnüchtern auf der Wache normalerweise glimpflich: Der Fall in Luckenwalde ist nach Angaben des Brandenburger Polizeipräsidiums zumindest in den vergangenen zwei Jahren der einzige, bei dem ein Mensch in Polizeigewahrsam ums Leben gekommen sei.

Ein anderes Problem ist aus Sicht Degeners, dass auch Krankenhäuser an ihre Grenzen stoßen: "Notaufnahmen wären überfordert, wenn wir alle Alkoholosierten gleich in die Klinik bringen würden." Um das Risiko zu minimieren, empfehle er Beamten auf der Wache, Betroffene alle 30 Minuten zu kontrollieren. Eine Garantie, dass alles gut ausgehe, gebe es aber auch dann nicht. "Die Sorge, dass man etwas übersieht, begleitet einen Arzt bei jedem Einsatz auf der Polizeiwache."

Beitrag von Roberto Jurkschat

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8 Kommentare

  1. 8.

    Sehe ich genauso. Der Wille der Polizei war da dem Mann wenigstens ein warmen Raum zu bieten, aber gut am Ende ist er selber Schuld, muss man mal so sagen. Dennoch bin ich der Meinung, dass in solch einem Fall immer ein Notarzt gerufen werden muss. Auf diesem Gebiet ist die Polizei nun mal nicht kompetent genug weil es nicht ihre Aufgabe ist. Und die Ärzte der Polizei vergleiche ich immer mit Verbeamteten Lehrern. Job sicher, Weiterbildung somit überflüssig ... den Rest kann man sich denken...

  2. 7.

    Wer sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt, geht doch bewusst ein Risiko ein. Dass ein Vollrausch lebensgefährlich werden kann, ist hinlänglich bekannt. Hier die Schuld anderen zuzuschieben, wenn sich jemand ins Koma trinkt und daran stirbt, halte ich für fragwürdig. Jeder Mensch ist für sein Handeln selbst verantwortlich.

  3. 6.

    Falsch.

    Bei der „Inobhutname“ des alkoholisierten Mannes geht des darum den schlafenden Mann vor Gefahren und Schäden zu bewahren. Rechtlich handelt es sich um eine Ingewahrsamname, da er sich in einem, die freie Willensbildung ausschließenden Zustand befindet und ergibt sich aus Paragraf 17 Abs. 1 Nr 1. BBgPolG. Es ist keine Strafe, es ist zu seinem Schutz. Der Schutzzweck ergibt sich bei dieser Jahreszeit allein aus den Außentemperaturen. Welche zügig zu einer Unterkühlung führen können und mit zunehmendem Maße lebensgefährlich werden.
    Des Weiteren gehört nicht jeder Alkoholisierte in eine ärztliche Behandlung. Auch eine Ingewahrsamnahme ist nicht jedes Mal angezeigt. Doch was soll man in diesem Fall machen: der Betroffene ist so volltrunken, dass er nicht mehr weiß wo er wohnt und kein Ausweis bei hat? = Zelle, zum Schutz der eigenen Person.

    Nichts desto trotz ist es traurig was passiert ist. Für den Betroffenen, die Angehörigen, gleichsam auch für den feststellenden Arzt und nicht zu vergessen die Diensthabenden in Luckenwalde.

  4. 4.

    Doch, es gibt m.E. eine einfache, ja sogar sehr sehr einfache Lösung.
    Alkohol- bzw. Alkoholkonsum verbieten. Zumindest hochprozentiges Zeug und in der Öffentlichkeit. Hohe Strafen. Wo sind die Grünen? Wenn (z.B.) bei Impfungen kein Recht mehr auf Selbstbestimmung besteht, warum dann bei den Trinkgewohnheiten?

    MfG

  5. 3.

    Alkoholismus ist eine Krankheit und eine Sucht. Um jemand von einer Sucht zu befreien, braucht man die freiwillige selbst bestimmte Zustimmung des Betroffenen. Die wird man nicht bekommen, wenn es darum geht, die Unterbringung eines alkoholbedingten Hilflosen zu regeln. Man hat zudem die Freiheit, sich langsam mit Alkohol krank zu machen. Man bräuchte also einen Richter, der für den Betrunkenen entscheidet. Der wird sich hüten, dem Betrunkenen deswegen die Freiheit zu entziehen.

    Es gibt keine einfache Lösung.

  6. 2.

    An sich sehe ich das genauso wie Sie @Katrin Eichler. Zumal der Mann im schlafenden Zustand wahrscheinlich niemanden gefährlich wurde.
    Allerdings sind Betrunkene wahrscheinlich ziemlich unberechenbar, das Potential, dass sie eben doch dann "randalieren" relativ hoch. Zudem dürften die Kliniken schlichtweg oft nicht die Kapazitäten haben, um den/die Betrunkenen (m/w/d) ordnungsgemäß zu versorgen. Vor allem, WENN sie denn dann randalieren.
    Vielleicht wäre sinnvoll, zumindest bei einigen Kliniken spezielle Ambulanzen einzurichten. Falls es das nicht ohnehin schon gibt. Da wäre wahrscheinlich auch so etwas wie Sicherheitspersonal vonnöten.

  7. 1.

    Mal davon abgesehen, dass bei jedem kalten Entzug eine Psychose entstehen könnte, gehören Rauschzustände nicht bestraft sondern unverzüglich in stationäre medizinische Behandlung in Form einer Entgiftung mit ärztlicher Versorgung...

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