Symbolbild: Ok, Boomer Schild auf Klimademo (Quelle: imago-images/Pohl)
Bild: imago-images/Pohl

#ProBoomer - Wie ein Titanic-Satiriker den #OkBoomer-Hype verschaukelt

Über das Thema #OkBoomer ist ja nun wirklich breit diskutiert worden. Aber der Satiriker Dax Werner startet mit dem Quatsch-Hashtag #ProBoomer eine neue Twitter-Diskussion, deren Auswüchse bei einigen Vertretern der Boomer-Generation tief blicken lassen. Von Anke Fink

"#OkBoomer" hat eine wahnsinnig steile Karriere hingelegt. Der Begriff, der so viel heißt wie: "Lass mal gut sein Opa!" wird eingesetzt, wenn jemand aus der Baby-Boomer-Generation (geboren in den Nachkriegsjahren bis Ende der 1960er) etwas sagt, dass den Millennials oder der Generation Z (geboren ab den 80er Jahren bis in die 2000er) belehrend und weltfremd vorkommt. Besonders häufig passiert das im Zusammenhang mit der Leugnung des Klimawandels oder des Vorurteils, die jungen Menschen hätten alle keine Arbeitsmoral.

Zunächst führte der Begriff #OkBoomer ein Eigenleben beim Social-Media-Dienst TikTok, der vor allem von den ganz Jungen benutzt wird.

Vom Siegeszug zum Pokemon Go

Als der Hashtag im April 2018 auf Twitter rüberschwappt, nehmen ihn auch die Älteren wahr -  etwa Zeitungsjournalisten. Die Folge: Ende Oktober 2019 konstatiert die "New York Times" das Ende des friedlichen Generationenaustauschs. Anfang November dieses Jahres kontert die neuseeländische Grünen-Abgeordnete Chlöe Swarbrick während einer Rede über den Klimawandel einen Zwischenruf ihres Kollegen mit "Ok, Boomer".

Spätestens mit diesem Auftritt der 25-Jährigen sind auch die deutschen Medien auf den Zug aufgesprungen:

Wenn aber:

- schon in gedruckten Zeitungen seit Tagen über das Internet-Meme #OkBoomer berichtet wird,
- auf den Schulhöfen "OkBoomer" als Schlachtruf zu hören ist,
- und es schon Hoodies mit dem Slogan zu kaufen gibt,
- über welche die deutsche Vogue berichtet

dann hat das Medienphänomen #OkBoomer wohl seinen Zenit überschritten.

Man könnte ihm den Titel aufdrucken: "Das Pokemon go von 2019".

Die Debatte erneut lostreten

Wäre da nicht der unbeugsame Satiriker der Titanic Dax Werner: Er schafft es, mit mehr oder weniger sinnfreien Tweets die Debatte noch einmal richtig anzustacheln. So schreibt er etwa: "Die schwarze Null lässt sich bestimmt nicht dadurch halten, dass sich jeder dritte auf Bali als Digital Nomad selbstverwirklicht; nein, es sind die Boomer mit ehrlichen Jobs an den Fließbändern und Kassen dieses Landes."

Viele seiner Tweets sind unmissverständlich nicht ernst gemeint: "Ich bin seit 1987 hier auf Twitter, ich habe die Mauer fallen und das Elbe-Hochwasser 2002 steigen gesehen. Aber eine derart emotionalisierte Diskussion wie unter #ProBoomer ist mir dann auch noch nicht untergekommen."

Trotzdem schafft er es, dass viele Twitter-User in den Verteidigungskanon der Boomer-Generation einstimmen.

Einige Beispiele:

"#ProBoomer , #OkBoomer WTF? Am Ende ist es doch die #GenerationGolf, die sich den Arsch abarbeitet, dafür nix bekommt, das Internet und Mobiltelefone in DE etabliert hat und sich nun von BEIDEN Seiten auch noch anpflaumen lassen muss. Echt mal."

"Nicht die Jugend hat dieses Land aufgebaut, zahlt in die Arbeitslosenversicherung ein. Nein, das machen die Boomer für euch, damit ihr schön spalten könnt. #ProBoomer"

"Nicht nur, dass ein Großteil der U40-Generation absolut verweichlichte, weinerliche, sich selbst bemitleidende Loser sind. Es ist die konsum-geilste Generation ever, die schon mit 20 mehr CO2 und Müll produziert hat als heute 80-jährige in ihrem ganzen Leben #OkBoomer #ProBoomer"

Die Boomer-Hashtags trenden in Deutschland ...

Viele Tweets mit dem #ProBoomer sind eindeutig ironisch zu verstehen. Die Nutzer amüsieren sich wie Bolle, aber immer wieder zwitschert eine beleidigte Stimme aus der Baby-Boomer-Generation dazwischen, um den Millennials die Meinung zu geigen.

Das Ergebnis: Der Hashtag ProBoomer trendet blitzschnell in Deutschland, wird unzählige Mal gesetzt. Und weil er meist in Kombination mit #OkBoomer verwendet wird, trendet dieser Hashtag auch gleich nochmal.

... und das Ausland wundert sich

Der Irrsinn geht inzwischen soweit, dass sich einige nicht-deutschsprachige Twitter-Nutzer wundern, was es mit #ProBoomer auf sich hat: "why is #ProBoomer trending in Germany" oder "#ProBoomer is currently trending in Germany. No irony" oder "Can someone please explain to me why #ProBoomer is trending here in Germany". Zwar hat schon jemand versucht, den englischsprachigen Nutzern zu erklären, dass Dax Werner ein Satiriker ist, der für das Magazin Titanic tätig ist. Aber das Kopfschütteln aus dem Ausland geht munter weiter.

Titanic führt gerne mal per Twitter aufs Glatteis

Die Satiriker in der Redaktion des Magazins werden sich die Hände reiben, weil ihnen mal wieder ein Coup gelungen ist. Nicht zum ersten Mal verschaukeln die Macher der Titanic die Twitter-Nutzer, zu denen viele Journalisten zählen. Im Juni 2018 hatte der Titanic-Chef Moritz Hürtgen Teile der deutschen Nachrichtenredaktionen aufs Glatteis geführt, indem er nach eigener Aussage aus Langeweile auf einer Zugfahrt seinen Twitteraccount @hrtgn in ein Fake-Profil ändert, einige Meldungen zum Bundesland Hessen verschickt und seinen Namen in "HR Tagesgeschehen" erneuert. Am nächsten Tag schreibt Hürtgen: "Seehofer kündigt laut interner Bouffier-Mail Unionsbündnis mit CDU auf".

Obwohl es keine Angabe einer Quelle gibt, nehmen mehrere Journalisten die Info als bare Münze. Bild, Focus, n-tv und auch die Nachrichtenagentur Reuters vermeldeten das angebliche Ende des Union-Bündnisses. Hürtgen sagte anschließend in einem Interview, er finde es "selbst beinahe besorgniserregend, dass das so einfach geht".

Der Satiriker Dax Werner hat die Twitter-Nutzer noch nicht darüber aufgeklärt, dass #ProBoomer allem Anschein nach nur ein großer Spaß gewesen ist. Aber wer weiß das schon so genau? Am Ende ist er vielleicht doch bloß ein Boomer, der sich durch #OkBoomer angegriffen fühlt.

Beitrag von Anke Fink

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

5 Kommentare

  1. 5.

    "Viele Tweets mit dem #ProBoomer sind eindeutig ironisch zu verstehen. Die Nutzer amüsieren sich wie Bolle, aber immer wieder zwitschert eine beleidigte Stimme aus der Baby-Boomer-Generation dazwischen, um den Millennials die Meinung zu geigen."

    Da hat es jemand nicht verstanden. Es sind die Baby-Boomer UND MIllenials gegen die Boomer ;)
    Deswegen machen auch die meisten Aussagen keinen Sinn, da auch ich als Millenial seit Jahren in die Arbeitslosenversicherung einzahle etc und trotzdem das Boomer-Verhalten verurteile ... Und was heisst hier, wir haben euch Internet gebracht? Sind ja in der Netzabdeckung hinter Pakistan hahahah

  2. 4.

    Es ist nicht nur ein Online-Phänomen, sondern ein gesellschaftlicher Sport in bestimmten Milieus. Argumente abhängig von Geschlecht, Hautfarbe und Lebensalter zu werten machen verschiedene prominente Ökos, zB #LangstreckenLuisa - auch in Offline-Medien.

  3. 3.

    Das ist doch ein Ausdruck dafür, wie profane, beliebige belanglose, unwichtige (an dieser Stelle passen unzählige Adjektive) Worte an den Rezeptoren im Internet gelangen. Wir, vor 2000 geborene, haben das Glück, noch eine Welt ohne den digitalen Wahn-und Schwachsinn erlebt zu haben. Deswegen haben einige der Älteren noch die Kompetenz Nachrichten, Meinungen, Veröffentlichungen zu filtern. Bsp. : meine jüngeren Kollegen halten beispielsweise GMX-Nachrichten für seriös.... Jede kleinste Sau wird im Netz sofort durchs Dorf getrieben, wie Lemminge springt eine Nation, nebst Politikern, auf fahrende Züge auf. Beispiel : Elektromobilität.

  4. 2.

    Danke für die Information, für mich war das #Neuland. Bin aber auch wie Dieter Nuhr eher im realen Leben unterwegs und bekomme daher von virtuellen Shitstorms wenig mit.

  5. 1.

    Grandios. Selten so gelacht.

Das könnte Sie auch interessieren

Berliner Schaum zum Fest (Quelle: Marcus Behrendt)
Marcus Behrendt

Adventskalender 2019 - 11. Tür: Berliner Schaum zum Fest

Mit "Oh - es riecht gut, oh - es riecht fein" startet ein Kinderlied übers Weihnachtsbacken. Auch wer nicht backt, hat in Berlin viele Gelegenheiten, lokales Zuckerzeug zu erstehen. In Reinickendorf zum Beispiel kommt die Süßigkeit aus dem Kupferkessel und hat handgetupfte Augen.