Häuser im Kaskelkiez (Victoriastadt) (Quelle: imago images/Jürgen Ritter
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Audio: Inforadio | 14.11.2019 | Marie Asmussen | Bild: imago images/Jürgen Ritter

Reportage | Boomtown Lichtenberg - Wie sich ein Bezirk in wenigen Jahren runderneuert hat

Stasi-Vergangenheit und Nazi-Hochburg: Früher galt Lichtenberg als nicht besonders begehrte Wohngegend. Dafür war es hier, im Berliner Osten, schön günstig. Das hat sich mittlerweile gründlich geändert. Von Marie Asmussen  

Nöldnerplatz, die erste Station nach Friedrichshain. Nicht weit vom S-Bahnhof buddeln kleine Kinder auf dem Spielplatz. Die größeren sausen nebenan im Skaterpark die Rampen herauf und herunter.

Auf einer Bank am Rand der Grünanlage sitzt eine Frau um die vierzig und guckt zu, wie ihre kleine Tochter mit dem Fahrrad um die Rabatte zirkelt. Vor zehn Jahren sind sie und ihr Mann hier nach Lichtenberg gezogen: "Weil wir damals jung waren, aber nicht mehr so jung und unsere Ruhe haben wollten, aber auch nicht zu weit weg von Friedrichshain und der trubeligen Gegend wohnen wollten. Hier war es schön ruhig, grün und günstig."

Grün ist es immer noch, auch halbwegs ruhig - aber günstig, das ist vorbei. Der Kiez hat sich verändert, sagt die zugezogene Lichtenbergerin und er verändere sich noch weiter: "Indem viele neue Familien herziehen, indem die Lücken verdichtet werden, die Häuser immer schicker, die Wohnungen größer und wesentlich teurer werden, steigt natürlich das Niveau der  Familien. Aber wenn alles teurer wird und die Familien, die ursprünglich hergezogen sind, sich das nicht mehr leisten können, ist das nicht schön."

Axel: "Paarmal Mieterhöhung, da bin ich weg"

So wie für Dirk und Axel. Im Moment haben die beiden Männer es sich aber schön gemacht, sitzen bei Bier und Schnaps vor einer Palme, in einer Rund-um-die-Uhr-Kneipe ganz nah beim S-Bahnhof Nöldnerplatz. Sie feiern gerade Dirks 46. Geburtstag.

"Ich bin Mitte der 90er-Jahre nach Lichtenberg gezogen, weil ich in Berlin studiert habe, und weil es in Lichtenberg relativ günstigen Wohnraum gab. Hier waren ehemalige Knackis, viele Neonazis und Kampfhunde. Es war nicht einfach, hier zu wohnen. Aber es war halt entsprechend günstig, sagt Dirk rückblickend. "Und jetzt ist das alles weg."

Neubau im Kaskelkiez (Quelle: rbb/Marie Asmussen)
Überall wird gebaut | Bild: rbb/Marie Asmussen

Sein Freund Axel ist ihm geblieben. Über die Zukunft von Lichtenberg sagt Axel: "Noch halten wir zusammen. Aber ick glaube, irgendwann wird das total unterbrochen. Uns will keener hier haben. Wissen Sie, wat ich meine? Tiefgaragen, Beton - Prenzlauer Berg soll hier draus werden".

Dirk und seine Freundin haben eine günstige Altbauwohnung, mit Ofenheizung. Früher oder später würde das Haus modernisiert und die Miete damit unbezahlbar werden, fürchtet der 46-Jährige. Auch Axel weiß nicht, ob er noch eine Perspektive hier im Kiez hat. "Kann passieren, dass ick nachher Grundsicherung kriege und so wat. Ich werde vielleicht dat nicht schaffen: 460 Euro Miete warm - paarmal Mieterhöhung, da bin ich weg." Dirk fragt seinen Freund: "Willst du nicht bei uns wohnen?" Axel antwortet: "Nein, dann habe ich keine Privatssphäre"

Die Umwelt kümmert nicht nur die Ökofamilien

Während die beiden Männer über ihre düstere Zukunft sinnieren, kommen junge Leute mit Kindern an der Kneipe vorbei. Bei manchen sitzt der Nachwuchs hinten im Fahrradanhänger, andere Kinder werden im Lastenrad chauffiert. Neben diesen Öko-Musterfamilien wirken Dirk und Axel wie Aliens aus einer anderen Welt. Doch auch den beiden liegt viel am Schutz der Natur. "Wir haben kaum noch Mauersegler. Überhaupt ist das mit den Singvögeln total zurückgegangen. Der Rasen wird jeden Tag gemäht - wat soll dat. Die Insekten sind weg, es gibt kein Rotkehlchen mehr - dank Beton", sagt Axel.

Ein altes gebäude im Berliner Stadtteil Lichtenberg (Quelle: rbb/Asmussen)
Noch nicht alles ist saniert | Bild: rbb/Asmussen

Lichtenberg hat sich runderneuert

Axel muss erstmal telefonieren. Währenddessen erzählt Dirk, wie bei ihm nebenan letztes Jahr eine Baulücke geschlossen wurde. Und dass dabei eine Brutkolonie für mindestens zehn Mauerseglerpaare draufgegangen sei. "Da hab ich beim Umweltamt angerufen und gesagt: Da war eine Mauerseglerkolonie. Die ist jetzt weg", sagt Axel.

Als Ersatz für die zerstörten Nester sind Kästen aufgehängt worden. In diesem Sommer habe darin jedoch kein Mauersegler gebrütet.

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall hat sich Lichtenberg runderneuert. Vor der Wende galt der Bezirk als Stasi-Revier. Danach verbreiteten Neonazis vor allem in dieser Altbaugegend rund um den Nöldnerplatz Angst und Schrecken. Während Prenzlauer Berg und Friedrichshain längst junge Leute anzogen, galt Lichtenberg noch bis vor zehn Jahren als überaltert. Aber das ist vorbei.

Im Kaskelkiez, auf der anderen Seite der S-Bahngleise, gibt es mittlerweile fünf Kindertagesstätten. In dem Viertel sind so gut wie alle Baulücken geschlossen, die Straßen gesäumt von schmuck renovierten Gründerzeithäusern und sorgfältig eingepassten Neubauten.

Felix Böhmer, Franziska Böhmer, Thomas Klipper (Quelle: rbb/Marie Asmussen)
Die Galeristen-Familie Böhmer-Klipper | Bild: rbb/Marie Asmussen

Die Kunstgalerie in der ehemaligen Metzgerei

In der Spittastraße 25 wurde zu DDR-Zeiten Wurst gemacht und verkauft. Die Fleischerei gibt es längst nicht mehr. Statt auf pralle Würste, guckt man durch die Schaufenster jetzt auf Skulpturen und Kunstinstallationen. Der Künstler Thomas Kilpper und seine Frau Franziska Böhmer haben das schmale, dreistöckige Gebäude 2005 gekauft, als leerstehende Ruine.

"After the Butcher" heißt ihre Galerie im ehemaligen Laden. Die Wurstküche hinter dem Haus nutzen sie als Atelier, die beiden oberen Etagen für sich zum Wohnen. Franziska Böhmers Sohn Felix ist jetzt 26 und gerade zu Besuch. Die Familie sitzt zusammen am Küchentisch und erinnert sich an damals, wie sie hier angefangen haben.

Er erinnere sich noch an die Zeit, als die Galerie eröffnet hat und wie er damals als Zwölfjähriger ausgeholfen habe, sagt Felix. "Dass ganz viele Leute Witze gemacht haben, dass sie sich sonst nie getraut hätten, so weit rauszufahren. Dass man ja schon fast in Polen sei oder Ähnliches."

Seine Mutter fügt hinzu: "Wenn ich 2005 im Kino gewesen bin in Mitte und dann mit der S-Bahn zurückkam, war ich die Einzige, die hier ausgestiegen ist. Ich bin allein durch die dunkle Straße hierher gelaufen und dachte: Boah, das ist echt dunkel und einsam hier." Das sei nun total anders: "Wenn ich jetzt abends aussteige, sind  hier Ströme von Menschen, die aussteigen. Gefühlt wohnen einfach mehr Leute hier und mehr, die auch nach zehn Uhr abends unterwegs sind."

Galerie: After the Butcher
Eingang zur Galerie "After the Butcher". | Bild: rbb/Asmussen

Trägt die Kunst zur Gentrifizierung bei?

Hier leben mittlerweile auch immer mehr Wohlhabende. Eine preiswerte Alternative zu Kreuzberg oder Friedrichshain sind die Lichtenberger Altbauviertel definitiv nicht mehr. Franziska Böhmer und Thomas Kilpper sind nicht auf Gewinn aus. Ihr "After the Butcher" ist eine nicht kommerzielle Galerie für sozialkritische Künstler. Trotzdem fühlen sich die beiden irgendwie mitschuldig an der Gentrifizierung. Mit der Galerie hätten sie dafür gesorgt, den Kiez kulturell aufzuwerten, und ein neues Publikum herzubringen. "Unser Publikum sind vor allem Künstlerinnen und Künstler aus ganz Berlin. Insofern haben wir wahrscheinlich dazu beigetragen, dass die Lebensqualität als hoch eingeschätzt wird."

Aber es könne doch nicht falsch gewesen sein, ein heruntergekommenes Haus zu kaufen und wieder herzurichten, findet Franziska Böhmer. Das Problem sei ein anderes: "Dass dann gleich die Preise um das Doppelte steigen, ist nicht toll. Ich weiß nicht, ob der Mietendeckel hier was genutzt hätte. Vielleicht schon. Aber ob dann alle Hausbesitzer ihre Häuser saniert hätten?" Doch sie stellt sich auch die Frage: "Wenn alle Häuser in den Besitz des Bezirks Lichtenberg übergegangen wären – hätten die sich drum gekümmert?"

Wenigstens keine Nazis mehr

Inzwischen sind fast alle Häuser im Kiez saniert, die Wohnungen entsprechend teuer. Aber immerhin: Die Nazis sind weg! Wenn Felix Böhmer als Schüler ein T-Shirt mit einer linken Parole anhatte, zog er sich einen neutralen Pulli drüber, bevor er auf die Straße ging, Solche Sicherheitsvorkehrungen wären heute wohl nicht mehr nötig. "Die NPD plakatiert hier nicht mehr. Das ist vor fünf Jahren noch der Fall gewesen", sagt Felix. Seine Mutter fügt hinzu: "Das wär natürlich schön, wenn das ein Effekt von Gentrifizierung wäre. Ich kann es nicht wirklich glauben."

Aber es scheint tatsächlich so zu sein. Bei der Europawahl im Mai hat die AFD in diesem Wahlbezirk hier nur vier Prozent bekommen.

Beitrag von Marie Asmussen

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Und dann Endstation Ahrensfelde oder im neuen menschenverachtenden Monsterblock in der Dolgenseestraße?

  2. 4.

    Da die AFD eine rechtsextreme, zumindest in Teilen faschistische Partei ist, gibt es daran gar nichts auszusetzen (leider wird sie, ganz im Gegenteil, von den Medien häufig verharmlosend als "rechtspopulistisch" bezeichnet). Von der NPD unterscheidet sie sich in erster Linie nur dadurch, dass sie auf ganz plumpe NS-Verherrlichung und offenen Antisemitismus größtenteils verzichtet, nicht jedoch programmatisch.
    Die NPD ist in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, ihre Wähler fast alle zur AFD gewandert, siehe z.B. hier: https://www.welt.de/politik/deutschland/article157952647/Die-meisten-Waehler-holte-die-AfD-von-CDU-und-NPD.html

  3. 2.

    Sehr geehrte Frau Asmussen!
    Interessante Reportage, bis auf das AfD-Bashing am Ende. Wenn im Beitrag von Lichtenberg als ehemaliger NPD-Hochburg und von Neonazis mit Kampfhunden berichtet wird, dann wäre es schön, am Ende auch auch die Prozentzahl der NPD bei der letzten Europawahl zu verweisen, und nicht auf die Ergebnisse der AfD.
    Da mir schon häufiger bei den öffentlich-rechtlichen Medien aufgefallen ist, dass die AfD mit Rechtsextremismus gleichgesetzt wird, frage ich mich, was das soll?
    Schönen Abend noch!

  4. 1.

    Gentrifizierung als Mittel gegen Extremisten - das wird nicht jedem Berliner gefallen.

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