Auf einem Ultraschallbild sind die Embryonen von Zwillingen zu sehen. (Quelle: dpa|Jeffrey Telner)
Bild: dpa|Jeffrey Telner

Berliner Frauenärzte vor Gericht - Urteil im Prozess um toten Zwilling erwartet

Bei einer Schwangeren mit Zwillingen stellen Ärzte fest, dass ein Kind einen schweren Hirnschaden hat. Es stirbt durch eine tödliche Injektion. Am Dienstag soll das Landgericht Berlin bewerten: War das Handeln der Mediziner Totschlag oder nicht?

Im Prozess gegen zwei Berliner Frauenärzte um den Tod eines Zwillings bei der Geburt will das Landgericht am Dienstag das Urteil verkünden. Die Ärzte, eine 58-jährige Oberärztin und ein 73 Jahre alter Chefarzt im Ruhestand, hatten nach der Entbindung eines gesundes Kindes das an einer schweren Hirnschädigung erkrankte zweite Kind mit einer Injektion getötet. Die Anklage lautet auf Totschlag.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die beiden Angeklagten tödliches Kaliumchlorid während der Geburt per Kaiserschnitt injizierten. Zu diesem Zeitpunkt sei es rechtlich aber nicht mehr zulässig gewesen, da es sich mit Beginn der Geburt bereits um einen Menschen und nicht mehr um einen Fötus gehandelt habe. Die Anklägerin forderte Strafen von jeweils 18 Monaten Haft auf Bewährung.

Zulässige Spätabtreibung oder nicht?

Die zwei Mediziner hatten den Vorwurf des Totschlags Ende Oktober vor Gericht zurückgewiesen. "Wir hatten keine Zweifel, dass es richtig ist, was wir tun", erklärte ein 73 Jahre alter Angeklagter zu Prozessbeginn am Dienstag. Im Vordergrund der Entscheidung habe "nicht das Juristische, sondern das gesunde Kind gestanden".

Die Verteidiger argumentierten, ihre Mandanten seien von einer zulässigen Spätabtreibung bei einer medizinischen Indikation ausgegangen. Im Zivilrecht beginne die Rechtsfähigkeit des Menschen mit der Vollendung der Geburt.

Ärzte argumentieren mit Wohl des zweiten Kindes und der Mutter

In diesem Fall einer eineiigen Zwillingsschwangerschaft hätten sich die Ärzte bewusst dagegen entschieden, dass erkrankte Kind bereits im Mutterleib, also vor der Geburt, selektiv zu töten. Die beiden Kinder hatten sich eine Plazenta geteilt, weshalb ein höheres Risiko für den gesunden Fötus bestand. Laut Anklage haben die erfahrenen Gynäkologen gewusst, sie nehmen keine Abtreibung mehr vor.

Zu dem Verfahren um die Geburt im Sommer 2010 war es nach einer anonymen Strafanzeige gekommen. Die 58 Jahre alte Angeklagte hatte während des Prozesses gesagt, die Ärzte hätten einen sicheren Weg für den zweiten Fötus finden und die Mutter nicht gefährden wollen.

Sendung: Inforadio, 19.11.2019, 3.30 Uhr

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9 Kommentare

  1. 9.

    Die Rechtslage ist eindeutig: Sobald die Gebärmutter geöffnet ist, gilt nicht mehr §218, sondern ganz normal §211, §212 usw. Diese Rechtslage ist eindeutig und lässt sich in jedem Fachbuch os nachlesen. Einen guten Überblick, allerdings ohne Analyse bietet z.B. "Das Ungeborene im Widerspruch" von Gloria Berghäuser. Es ist also eindeutig keine Abtreibung gewesen Der Vergleich mit den Verbrechen des Nationalsozialismus ist hier also durchaus sinnvoll, insbesondere, da auch damals Eltern ihre behinderten Kinder gezielt zur Vernichtung vorschlugen.

  2. 8.

    Es geht aber ab dem Zeitpunkt der Geburt eben nicht mehr um die Interessen der Frau, des Vaters und der Ärzte, sondern einzig und allein um die des Kindes. Mit dieser Argumentation könnte man alle Prozesse zum Thema Mord und Totschlag einstellen. Ab der Geburt darf ein Mensch eben nur noch getötet werden, wenn es sich um Notwehr handelt. Eine Entscheidung zu treffen, ist darüber hinaus sehr einfach, weil die Eltern das Kind problemlos zur Adoption hätten freigeben können, die Tötung also vollkommen überflüssig war.

  3. 7.

    Eine Schwere Hirnschädigung ist nicht gleichzusetzen mit einer länger lebensfährigen Behinderung. Bei einer schweren Hirnschädigung, kommt es zu schwerster lebenslänglicher Beieinträchtigung u meistens versterben diese schwerst geschädigten Formen noch in den ersten Lebensmonaten..bis zum Tod ist es schweres Leid für das betroffene Wesen und für die Familie. Dieser Aspekt/die Unterscheidung sollte berücksichtigt werden.

  4. 6.

    Fremde Menschen die nichts , aber auch garnichts mit dem Leben der fremden Frau zutun haben ermächtigen sich über sie zu urteilen?
    Fremde Menschen die nicht helfen wollen - ihr Leben lang - urteilen über eine Frau die für sich sagte: ich kann das nicht. Ich möchte lieber ein gesundes Kind.
    Wie können Menschen es wagen über die Frau oder die Ärzte ein Urteil zu fällen ?
    Ich glaube es kaum was ich da lese.
    Sich aus der Ferne aufzuspielen ist so leicht.
    Billige Bösartigkeiten zu verbreiten - ist so leicht.

    Bitte denken sie nach, bevor sie über andere Menschen urteilen.

  5. 5.

    Das haben die Nazis auch als Rechtfertigung angeführt. Wie fühlt sich eigentlich die Mutter die ja wohl die Entscheidung getroffen hat mit ihrer Entscheidung? Oder war es ihr Partner? Unter gesetzlicher Betreuung wird sie ja wohl nicht stehen. Also kann man auch nicht über ihren Kopf hinweg entscheiden. Auch Behonderte haben ein Recht zu leben.

  6. 4.

    Ich habe selbst 4 Kinder und alle sind gesund und munter geboren. Es muss schrecklich für die Mutter sein, wenn man so eine Diagnose bekommt. Trotzdem frage ich mich allen Ernstes, weshalb man die Familie jetzt nicht trauern und in Ruhe lässt. Sind wir so pietätlos?
    Die Situation ist für alle Beteiligten, und ich schließe auch die Ärzte ein, schwer zu ertragen.
    Dem verstorbenen Kind hätte es zu keinem Zeitpunkt geholfen.

  7. 3.

    Sie kennen aber schon den Paragraphen 218 nebst medizinischer Indikation? Das ist geltendes Recht in Deutschland und gerade WEGEN der deutschen Vergangenheit an hohe Hürden (für die Schwangeren)gebunden.

    Jörg, ganz viele Kinder mit sehr großen Einschränkungen warten auf Eltern, auf Adoption. Das ist eine Aufforderung.

  8. 2.

    Also ich versuch es zum 2ten mal mit einem Kommentar. Ich hoffe das die Frauen verurteilt werden, denn das ein Kind mit einer Todesspritze getötet wird erinnert fatal an die Euthanasie der NAZIs. So was soll nie wieder hoffähig werden - egal aus welchen Gründen. Auch in der Weimarer Republik fing es mit einer "positiven" Euthanasie an ("vom leiden erlösen" - mir wird schlecht wenn ich das schreibe). Das gleiche gilt für mich auch für Sterbehilfe ! Was einmal legitimiert wird wird immer auch missbraucht !

  9. 1.

    Welcher rückgratlose Mensch stellt in so einem Falle eine anonyme Anzeige? Wer traut sich nicht, seine Vorbehalte bezüglich der Spätabtreibung aus medizinischen Gründen den Angeklagten direkt ins Gesicht zu sagen?

    Oder soll ein Präzedenzfall geschaffen werden, denn offenbar gibt es hier ein zeitliches Abgrenzungsproblem, das vom Gesetzgeber nicht ausreichend beleuchtet wurde: gilt etwas ab Start der Geburt (wann ist das, wodurch festzumachen?) oder erst ab dem möglichen (!) ersten Atemzug oder der Austreibungsphase?

    Welche Konsequenzen ziehen Mediziner nun, je nach Urteil? Töten lieber beide Kinder frühzeitig, um rechtssicher zu sein? Bringen werdende Mütter in unmögliche Zwangslagen (nein, ich kann keinen Eingriff vornehmen, das ist mir zu unsicher...)?

    Ganz dünnes Eis....

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