Der Eingang des Kriminalgerichts Moabit, Archivbild (Quelle: DPA/Fabian Sommer)
Video: Abendschau | 19.11.2019 | Norbert Siegmund | Bild: DPA

Bewährungsstrafen für Geburtsmediziner - "Aussortieren eines kranken Kindes"

Wegen Totschlags sind zwei Berliner Ärzte zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Das  Landgericht war überzeugt, dass die Mediziner bei einer Zwillingsgeburt eines der beiden Kinder mit einer Kaliumchloridinjektion "totspritzten". Von Ulf Morling

Zwei Frauenärzte sind am Dienstag wegen Totschlags verurteilt worden, weil sie einen Zwilling mit schwerer Hinschädigung bei der Geburt getötet haben. Die Richter am Landgericht verhängten Bewährungsstrafen von anderthalb Jahren bzw. einem Jahr und neun Monaten.

Über geltendes Recht hätten sich die beiden angeklagten hochqualifizierten Ärzte (58  bzw. 73 Jahre alt) bewusst hinweggesetzt. Zwar habe eine Verordnung für die Abtreibung des schwer hirngeschädigten Zwillings vorgelegen, allerdings sei die tödliche Spritze mit 20 Milligramm Kaliumchlorid erst gesetzt worden, als der Geburtsvorgang bereits begonnen habe, so der Vorsitzende Richter Matthias Schertz in der Urteilsbegründung. "Es war das Aussortieren eines kranken Kindes am offenen Mutterleib", sagte er wörtlich.

Während der angeklagte frühere Chefarzt bereits pensioniert ist, muss die zu 18 Monaten verurteilte Mitangeklagte jetzt eventuell mit dem Verlust ihrer Approbation rechnen. 

Ein Zwilling kerngesund, der andere schwerstbehindert

Der noch nicht rechtskräftig gewordene Urteilsspruch ist der vorläufige Endpunkt einer fast zehnjährigen Odyssee eines Elternpaares, das sich nichts sehnlicher gewünscht hatte, als dass beide Zwillinge gesund zur Welt gekommen wären. Aber die 27-jährige Erika T.* musste schon Ende 2009 zuerst eine Spezialklinik in Hamburg aufsuchen, weil eine seltene Anomalie bei ihrer Zwillingsschwangerschaft festgestellt worden war: Die Blutkreisläufe der beiden Föten waren miteinander verbunden. Mittels Laserkoagulation hätten die Kreisläufe getrennt werden können: im Jahr 2009/10 noch ein hochriskanter Eingriff an den Föten, der beiden hätte das Leben kosten können.

Nach einem ersten Versuch in Hamburg wurde zudem festgestellt, dass der zweite Fötus wohl kaum ein Gehirn entwickelt hatte. Die werdende Mutter entschied sich gemeinsam mit ihrem Mann für die Abtreibung des womöglich schwerstbehinderten Kindes. Doch die Hamburger Ärzte lehnten ab. "Sie waren nicht bereit, eine Abtreibung vor der Geburt vorzunehmen", wurde im Urteil von den Richtern der 32. Kammer des Landgerichts gemutmaßt. So sei die Schwangere "in Hände geraten" der mitangeklagten leitenden Oberärztin des Berliner Klinikums. Der angeklagte frühere Chefarzt, Professor Hans F., im Prozess über die hilfesuchende Schwangere: "Die Frau blitzte überall ab! Da wollten wir ihr zu einem gesunden Kind verhelfen!"

Möglich sei es gewesen, darauf beharrt die Staatsanwaltschaft bis zum Ende des Prozesses und wird durch das Urteil bestätigt, dass die beiden angeklagten Mediziner rechtskonform vor dem Einsetzen der Wehen den schwerstkranken Zwilling gemäß der Indikation hätten abtreiben können: durch eine Laserverödung der Nabelvene des kranken Fötus, der dadurch abgetötet worden und mit dem gesunden Zwilling bis zur Geburt im Uterus verblieben wäre. Die Ärzte hätten also einen "selektiven Fetozid" durchführen können, der aufgrund der schwersten Missbildung genehmigt worden war. Auch die werdenden Zwillingseltern hatten darum gebeten.

*Name geändert

"Im Vordergrund stand … das gesunde Kind"

Zum Prozessauftakt hatten beide Ärzte sich stundenlang bemüht, ihr Vorgehen während des Kaiserschnitts in der 32. Woche medizinischen Laien transparent zu machen. Sie schilderten die Geburt des ersten, gesunden Zwillings, das Abklemmen der Nabelschnur des zweiten Zwillings und die Injektion des tödlichen Kaliumchlorids. Das tote Mädchen sei erst dann dem Bauch der Mutter entnommen worden und den Eltern sei Zeit gegeben worden, um sich von ihrem toten Baby zu verabschieden. Woher die angeklagten Ärzte denn gewusst hätten, dass sie rechtlich auf der sicheren Seite gewesen seien, fragt der Vorsitzende Richter Schertz. "Im Vordergrund stand nicht das Juristische, sondern das gesunde Kind", antwortet der angeklagte pensionierte Chefarzt.

"Komme, was da wolle"

Letztlich hatten aus Sicht des Gerichtes die angeklagten Ärzte versucht, "komme, was da wolle", dem Wunsch der Schwangeren gerecht zu werden, nur das gesunde Kind zur Welt zu bringen und das kranke zu töten. Die Ärzte hätten beschlossen, "gar kein Risiko mehr für den gesunden Zwilling einzugehen", den Kaiserschnitt gesetzt und nach der Geburt des gesunden Zwillings den kranken getötet. Das begründete den Urteilsspruch wegen Totschlags, denn eine Geburt begönne mit dem Eröffnen des Muttermundes, dem Beginn der Wehen bzw. dem Öffnen der Bauchdecke bei einem Kaiserschnitt. "Die Angeklagten sind Koryphäen auf ihrem Gebiet. Sie wussten genau, dass das keine (in diesem Fall) erlaubte Abtreibung mehr war, da die Geburt bereits begonnen hatte." Unter Umständen sei das in dem Klinikum der Angeklagten öfter so gehandhabt worden, hieß es im Urteil.

Kein abschließendes Urteil

Der gesunde Zwilling ist ein gesundes Mädchen, das heute neun Jahre alt ist und nichts von dem Prozess weiß, in dem seine Eltern aussagen mussten. Beide verweigern im Prozess die Aussage, mutmaßlich um die angeklagten Ärzte zu schützen. Erst im Jahr 2013, drei Jahre nach der Zwillingsgeburt, war im Klinikum anonym Anzeige gegen die beiden Ärzte erstattet und die Patientenakten waren mit richterlichem Beschluss beschlagnahmt worden. Im Juni 2016 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage, weitere knappe dreieinhalb Jahre später jetzt das Urteil.

Die beiden Geburtsmediziner verlassen nach dem Urteilsspruch schweigend den Gerichtssaal. Sie werden aller Voraussicht nach in Revision gehen gegen ihre Verurteilung.

Die angeklagte leitende Oberärztin ist bis heute in dem Klinikum in ihrer Position tätig. Ihr droht jetzt unter Umständen der Entzug ihrer Approbation.

Sendung: Inforadio, 19.11.2019, 13 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

Kommentar

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24 Kommentare

  1. 24.

    Soweit mir bekannt ist, gab es bislang nie einen ähnlich gelagerten Fall. Insofern kann man hier sehr wohl von juristischem Neuland und damit einer unklaren Rechtslage für die Ärzte sprechen. Ob das jetzige Urteil Bestand haben wird, ist alles andere als sicher. Sie verbreiten insofern, wie jeder andere hier auch, lediglich eine persönliche Meinung, auch wenn Sie etwas anderes suggerieren wollen.

  2. 23.

    Nun war die Rechtslage aber schon vorher klar, das übersehen ein. Ab Beginn der Geburt greifen nicht mehr die Regelungen über Abtreibungen, sondern das "normale" Strafrecht.

  3. 22.

    Ich habe folgende Meinung
    Arzt: schwerer Beruf, Entscheidungen zu treffen und dann Konsequenzen von Rechthabern ertragen!
    Richter: schöner Beruf, im Nachhinein zu urteilen und nicht zur Rechenschaft gezogen werden!

  4. 21.

    Eine perverse Welt die die Tat der tötenden Ärzte rechtfertigt! Wer hat die Entscheidung getroffen? Die Eltern? Wie können die mit dieser Entscheidung leben.

    Nachster Versuch einen Kommentar abzugeben (4ter?) Erfolgreich?

  5. 20.

    Nach oder während der Geburt darf man aber niemanden wegen einer psychosozialen Indikation töten.

  6. 19.

    Genauso sehe ich es auch. Zumal man nie weiß, ob ein behindertes Kind ein menschenwürdiges Leben in einem Heim vom Staat garantiert wird, wenn die Eltern später einmal nicht mehr können oder aber sterben.

  7. 18.

    Was impliziert die zitierte Aussage "Hier setzen sich gerade alte Männer durch" aber dann, wenn nicht einen Vorwurf.

    Das Urteil wurde von drei Berufsrichtern und zwei Schöffen gefällt. Drei davon waren Frauen.

  8. 17.

    Das ist so nicht korrekt, man hätte den kranken Zwilling im Mutterleib aufgrund psychosozialer Indikation töten dürfen, da es eine zu große psychologische und soziale Belastung für die Mutter bedeutet hätte, ein schwerkrankes Kind aufzuziehen, und diese Indikation blieb auch nach Geburt des gesunden Zwillings weiter bestehen.

  9. 16.

    Was wäre denn neben selektivem Fetozid vor beginn der Geburt und somit einem möglichen Verlust beider Zwillinge und dem selektiven Fetozid unter der Geburt die Alternative gewesen? Die Eltern lehnen nach Geburt des schwerkranken Zwillings sämtliche intensivmedizinisch indizierten Maßnahmen ab und dürfen ihr Neugeborenes im Sterbeprozess begleiten...
    Ich kann mir nur sehr schwer vorstellen, dass dieser Weg für sämtliche beteiligte Personen den angenehmeren Workaround dargestellt hätte.
    Mal ganz davon abgesehen, wurde dieses Urteil in der Überzeugung gefällt, dass sich die Ärzte der Rechtsgrundlagen dies bezüglich im Klaren waren. Bedenkt man jedoch, dass es im Zivil- und Strafrecht Unterschiede hinsichtlich des Zeitpunktes der "Mensch-werdung" gibt, würde ich das mal gehörig in Zweifel ziehen.
    Und wie heißt es schließlich so schön? "Im Zweifel für den Angeklagten."
    Ich hoffe für Beide, dass das angestrebte Berufungsverfahren erfolgreich verläuft.

  10. 15.

    Ich wünsche den Geburtsmedizinern viel Erfolg mit ihrer Revision.

  11. 14.

    Ihre Bemerkung ist ziemlich rabulistisch. Sie haben nämlich vergessen darauf hinzuweisen, dass Verfahren nicht nach Geschlecht sondern nach Zuständigkeit vergeben werden. Insofern hätte es auch eine Richterin oder ein Staatsanwalt sein können. Aber darum ging es auch der" Berlinerin" gar nicht.

  12. 13.

    Man hätte das kranke Kind während der Schwangerschaft abtreiben dürfen, um die Geburt des gesunden Kindes nicht zu gefährden. Nachdem das gesunde Kind erfolgreich auf die Welt gekommen war, gab es doch überhaupt keinen Grund mehr, das kranke Kind zu töten.

  13. 12.

    "In diesem konkreten Fall hätte es tote Zwillinge bedeuten können (gemeinsame Plazenta)."

    Das trifft eben nicht zu: Nach der erfolgreichen Entbindung des gesunden Kindes gab es keinen Grund, das kranke Kind zu töten. Die Rechtslage ist eindeutig, eine Revision wird keinen Erfolg haben.

  14. 11.

    Sie haben m.E. ein etwas merkwürdiges Verständnis. Die in der anonymen Anzeige erhobenen Vorwürfe hat das Gericht gerade bestätigt. Wieso sollte sich der Anzeigeerstatter also irgendwie fehlerhaft verhalten haben?

  15. 10.

    Mal abgesehen davon, dass Ihre Äußerung etwas erratisch ist, ist darauf hinzuweisen, dass die Anklage von einer Frau vertreten wurde.

  16. 9.

    Unverständlich dieses Urteil! Den Eltern einen Daumen hoch und herzlichen Glückwunsch für ein gesundes Kind! Drei Daumen hoch für die Ärzte, dass sie das eine Kind gerettet haben und den Mut zu dieser Handlung hatten, obwohl sie sich der Konsequenzen bewusst waren. Alle Achtung!

  17. 8.

    Das stimmt nicht. Eine medizinische Indikation, die eine Spätabtreibung gerechtfertigt hätte, lag nur in Bezug auf ein Kind vor.

  18. 7.

    Wieder eines unserer neutypischen Skandal-Urteile. Ich bin nicht der einzige der sich immer öfter fragt was mit unserer Justiz los ist. Die Erfassung der Wirklichkeit wird immer öfter zum Problem. Man schicke sie unter anderem in die Kliniken zur Fortbildung.

  19. 6.

    .. ein Urteil wie aus dem Mittelalter.. die tragenden Staatskirchen wird es freuen..

  20. 5.

    Das von den Richtern in der Überschrift zitierte Aussortieren eines kranken Kindes ist tatsächlich zulässig. Es unterliegt vielen und tiefgreifenden Prüfungen vorab, und es hat nichts mit dem Richter-Nazi-Jargon "aussortieren und totspritzen" zu tun. Da geht es nicht um Emanzen, Paragraph 218, da geht es darum, was mit dem kranken Kind in dieser unserer Gesellschaft passiert, und ob die Eltern das bei einem TOTkranken Kind leisten können. Hier jetzt das Rad der Geschichte anhand von zeitlichen Abgrenzungsfällen (Wehen eingesetzt? Mumu eröffnet?)zurückdrehen zu wollen, wird nicht gelingen!
    Immer dran denken, werte Herren Richter, die Hälfte der Bevölkerung sind Frauen, sie sind die Mütter, die gebären, sich um die Kinder kümmern, sie sind es, die allein da stehen, vom Staat, der die Abtreibung verbieten will, im Stich gelassen mit dem nicht wirklich lebensfähigen Kind.

    Wir alle wissen, dass es Jaxon Strong gibt. Aber wir wissen auch, dass nicht jeder so stark ist wie diese Eltern.

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