Das Sandmännchen fährt mit seinem Schneemobil zu Kindern an den nördlichen Polarkreis und streut Traumsand. | rbb
Inforadio | 21.11.2019 | Judith Kochendörfer | Bild: rbb

"Sandmännchen" wird 60 - "Für uns Ostkinder war der Sandmann quasi Familienmitglied"

Seit 60 Jahren gehört das "Sandmännchen" für viele Kleinen zum abendlichen Gute-Nacht-Ritual. Nach der Wende eroberte die DDR-Sendung ganz Deutschland. Judith Kochendörfer erinnert sich an die Fernsehhelden ihrer Kindheit.   

Bei meinen Eltern auf dem Dachboden liegt sie noch herum: diese Schallplatte mit Herrn Fuchs und Frau Elster, den beiden Sandmann-Figuren. Meine Lieblingsschallplatte aus Kindertagen hatte einen Sprung: "Endlich Ruhe vor dieser Person", sagte Herr Fuchs immer wieder. Bis heute kann ich seine prägnante Stimme nicht hören, ohne diese Endlosschleife im Ohr zu haben.

Historische Sandmännchen - Gestiefelter Kater (Quelle: rbb)
Gestiefelter Kater meets Sandmännchen | Bild: rbb

Bis heute sind Sandmann & Co Ikonen

Ich bin im Thüringen der 1980er Jahre aufgewachsen. Das DDR-Kinderfernsehprogramm war überschaubar, aber hochwertig. Über Jahrzehnte hielt sich der Sandmann als einflussreichste Kindersendung einsam an der Spitze. Auch nach der Wende hat er nichts von seinem Kultcharakter eingebüßt. Bis heute sind das Männlein mit dem Spitzbart und seine Nebenfiguren Ikonen: Herr Fuchs, Frau Elster, die Ente Schnatterinchen, der Kobold Pittiplatsch, dieses ameisenhafte Wesen aus zwei braunen Kugeln mit Augen und Armen dran, und Moppi, der durchgeknallte Hund.

"Unser Sandmännchen" - mit Mautz und Hoppel (1962)

Sandmann Traktor RS 09 (1962) (Quelle: rbb)
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Meine innere Stimme sagt immer noch: Sandmännchen-Zeit

Für DDR-Kinder wie mich war der Sandmann nicht einfach nur eine Fernsehserie. Er saß als Puppe neben dem Bett, er war eine Institution, ein fester Teil des Tagesablaufs: Frühstück, Kindergarten, Mittag, Spielen, Abendbrot, Sandmann, Zähneputzen, Bett. Auch wenn ich seit 35 Jahren ohne Sandmann ins Bett gehe, schaue ich heute genau in dem Moment auf die Uhr, wenn die Zeiger auf zehn vor sieben stehen. Dann sagt meine innere Stimme immer noch: Sandmännchen-Zeit.

Trotz des niedlichen Gesichts ist der Sandmann bis heute eine Autoritätsperson. Wenn er im Vorspann den Raum betritt, setzen sich alle artig hin. Die Kinder bringen ihm Respekt entgegen und er wiederum den Kindern. Das Spannendste an ihm sind die Orte, die er besucht, die Berufe, die er ausübt, die Fortbewegungsmittel, mit denen er anreist.

Sandmann überwindet die Grenzen der DDR

Meine Bekannte Manuela kommt wie ich aus Thüringen und hat den Sandmann in den späten Siebzigern gesehen. Die sonst unüberwindbaren Grenzen der DDR standen für sie dann einen Moment lang offen. "Der Vorspann war für mich eigentlich das Spannende. Da ist er meistens durch verschiedene Länder gereist, nach Russland gefahren, in die Mongolei."

Der Sandmann reist in den Orient, nach China, in den Märchenwald. Er kommt zu Pferd, fliegt den Hubschrauber, rettet auf dem Kamel, lässt sich im Schlitten ziehen. Er ist mal Skispringer, mal Baggerfahrer, mal Müllmann.

Ich erinnere mich am liebsten an den Sandmann, der auf dem Fischerboot im Küstennebel zum Leuchtturm schippert. In Manuelas Lieblingserinnerungen tauschte er seinen ikonischen Mantel gegen ein weiß-goldenes Winterkleid. "Es war eine Winterlandschaft zu sehen. Wenn man vom Sandmann spricht, denke ich nicht an diese Puppe mit der blauen Hose, dem roten Mäntelchen und der roten Zipfelmütze, sondern wie er da angeflogen kam im weißen Brokat in der Winterlandschaft".

Die Sandmännchen-Puppenfiguren Schnatterinchen (l-r), Pittiplatsch und Moppi. (Quelle: dpa/Daniel Reinhardt)Schnatterinchen, Pittiplatsch und Moppi

"Die Eltern pennen immer am schnellsten ein"

Die früheren Sandmännchen-Gucker sind heute erwachsen, haben selbst Kinder. Für viele ist der Sandmann weiter ein fester Bestandteil des Bettgeh-Rituals, wenn auch ein bisschen flexibler als damals. Im Fernsehen läuft die Sendung zwar weiterhin zur gewohnten Zeit. Aber viele Familien entscheiden heute mit Hilfe der Mediathek selbst, wann der Sandmann kommt und zum Teil auch, welche Geschichten er mitbringt.

"Der Nebeneffekt vom Sandmännchen ist, dass die Eltern am schnellsten einpennen. Du hast dieses schwere Kind auf dir drauf, es wird immer schwerer, atmet tief, und du wirst auch immer ruhiger. Und am Ende fallen dir die Augen zu", sagt Sandra aus Ostberlin. Die Vierzigjährige erinnert sich, wie ich, an zerkratzte Herr-Fuchs-Schallplatten und hört innerlich die Pitti-Stimme, wenn sie in Geschäften eine der Handpuppen sieht.

In den Achtzigern hat ihre Schwester sogar einmal mitgemacht beim Sandmann-Format "Liederspielplatz". Sandra hat später Klavier studiert und deshalb heute immer noch ein besonderes Ohr für die Musik vom Sandmann-Intro: "Die Geräusche passen einfach perfekt zu diesen Bildern. Da merkt man, dass die damals mit einem ganz anderen Detail-Auge instrumentiert haben. Da waren Leute ausschließlich damit beschäftigt, die Musik zu diesen Bildern zu schreiben."

Der Ost-Sandmann als Exportschlager

Für Ostkinder wie mich war der Sandmann vor der Wende quasi Familienmitglied. Aber auch unter Westdeutschen war er oft beliebter als die West-Version. Der Ost-Sandmann war Exportschlager:  Nach der Wende hatte er den West-Sandmann gar verdrängt, wurde also vom reinen Ost-Sandmännchen zum Sandmännchen der Deutschen Einheit

Andrea etwa ist in den Siebzigern in Westberlin aufgewachsen und kennt das West-Sandmännchen nur von einem ihrer Puzzles. Geschaut wurde nur der Ost-Sandmann. "Ich fand es immer so süß, mit welchen Sachen der ankam. Dass er mit 'ner Rakete kam, so von wegen: die DDR als große Astronauten-Nation. Da hatte man als Westler das Gefühl, klar, die haben Raketen und Kosmonauten."

Genau wie Andrea ist auch Dirk im West-Berlin der Siebziger groß geworden. In seiner Familie fiel die Wahl zwischen Ost- und West-Sandmann ganz pragmatisch aus. "Meine Eltern haben mir erzählt, dass sie mich manchmal den Ost-Sandmann haben sehen lassen, wenn sie wollten, dass ich früher ins Bett gehe. Der kam wohl früher!"

Puppen der Kindersendung des Sandmanns auf dem Berliner Prater. (Quelle: dpa/Peter Gercke)
Puppen der Kindersendung auf dem Berliner PraterBild: dpa/Peter Gercke

Pure Magie und ein bisschen Pädagogik

Meine absolute Lieblingsreihe im Sandmann-TV war nicht Pitti oder Herr Fuchs, sondern der Schnellzeichner und Puppenspieler Tadeusz Punkt. Mit seinem Zauberbleistift konnte er in seinem gerade erst gemalten Bild verschwinden – pure Magie. Und während der Sandmann einem nur stumm den Schlafsand in die Augen streute, verabschiedeten mich Taddeus Punkt und sein Hund Struppi mit liebevoll beruhigenden Worten in die Nacht. Pädagogisch wertvolle Ratschläge wurden – ganz in DDR-Manier – im Nebensatz nachgereicht. Wem jetzt nicht friedvoll die Augen zufallen, der war selber schuld: "Schlaft schön und vergesst nicht, alles die Zähne zu putzen. Eine gute Nacht wünschen euch euer Struppi und euer Taddeus Punkt."

Der Beitrag ist erstmals auf Inforadio veröffentlicht worden. Dies ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das Original-Audio können Sie mit Klick auf das Audio-Symbol im Header des Artikels nachhören.

Beitrag von Judith Kochendörfer

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16 Kommentare

  1. 16.

    Ulbricht hat noch mindestens bis 2017 regiert? Und das West-Sandmännchen hat bis dahingehend und noch weiter durchgehalten? Reife Leistung.

  2. 14.

    Diese wunderbare kleine Sendung habe ich früh im Radio gehört. 5 Sterne für Judith Kochendörfer und natürlich für das Sandmännchen mitsamt seiner Crew!!
    Danke!

  3. 13.

    Meine Kinder (4,7)lieben das West-Sandmänchen über alles. Mit dem Ulbricht-Mänchen können sie genauso wenig anfangen wie ich. Na ja. Zumindest bleibt ja damit zumindest noch ein bisschen was aus der DDR-Vergangenheit erhalten.

  4. 11.

    Was ist eigentlich aus ihm geworden, ist er Frührentner, Hartz4 oder etwa schon Tod?

  5. 10.

    Ich bin aus dem Westteil der Stadt und habe nur das Ost-Sandmännchen geliebt. Ich war immer gespannt, mit was er am Abend kam: Rakete, Straßenbahn, U-Bahn, Schlitten, etc. Da war so viel Liebe zum Detail. Danke für die schönen Momente. :-)

  6. 9.

    Herzlichen Glückwunsch unserem Sandmännchen. Er gehört auch heute noch zum abendlichen Ritual. Für meine Enkel ist er der Zeitpunkt sich Bettfertig zu machen - früher bei mir, dann mein Sohn und jetzt die Enkel. Herrlich!

  7. 8.

    Herzlichen Glückwunsch an die Macher des Sandmännchens. Es war und ist immer noch irgendwie eine Freude es zu sehen. Als ich klein war mit meinem Bruder zusammen,als meine Tochter klein war und heute ab und zu noch wenn der Fernseher gerade läuft.Danke

  8. 7.

    Als Kind im grenznahen Westen aufgewachsen, haben wir Kinder das Ost-Sandmännchen allemal bevorzugt. Es war niedlich, es war viel natürlicher. Das West-Sandmännchen war kalt und unnatürlich.

  9. 6.

    Nicht nur im Osten.

  10. 5.

    Als Kind im grenznahen Westen aufgewachsen, haben wir Kinder das Ost-Sandmännchen allemal bevorzugt. Es war niedlich, es war viel natürlicher. Das West-Sandmännchen war kalt und unnatürlich.

  11. 4.

    Habe als Kind immer ,,ueber die Mauer " geschaut, weil viel niedlicher.

  12. 3.

    Nach meiner Empfindung war der West-Sandmann am Schluss übertechnisiert und von seinen Möglichkeiten berauscht. Da können auch Kinder keine richtige Freude empfinden, weil das pur Menschliche zu kurz kommt. Insofern hat das Ost-Sandmännchen verdientermaßen überlebt.

  13. 2.

    Herzlichen Glückwunsch zu diesem Stück bodenständige DDR. Wären mehr, ggf. sogar alle Bereiche derart kreativ und anschaulich vonstatten gegangen, die DDR hätte durchaus das Zeug gehabt, zum besseren deutschen Staat zu werden. So aber hat sich die politische Erstarrung darübergelegt, aus einer emanzipatorischen Theorie wurde eine eiskalte Verkündigung. - Das ist die eigentliche Bitternis.

    Das Positive daran: Das Große, das Aufgeblasene, wird vergehen, das Kleine überlebt - Sandmännchen, Naturschutzeule und, wer denn will, der Rotkäppchen-Sekt, der zu DDR-Zeiten fortgeführt wurde und im Westen dazugekauft hat.

  14. 1.

    Ich bin im Rheinland aufgewachsen und kannte nur das West-Sandmännchen und ich habe es geliebt. Das Ost-Sandmännchen konnte man gar nicht schauen. Schade fand, und finde ich immer noch, dass die Westversion einfach verschwand. Man hätte es ja auch abwechselnd zeigen können.

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