Gemeine Stechmücke (Quelle: dpa)
Bild: dpa

Tropische Fieberkrankheit - Fünf Fragen und Antworten zum West-Nil-Fieber

Zum ersten Mal haben Mücken in Deutschland das West-Nil-Virus auf Menschen übertragen. Dass die eigentlich tropische Fieberkrankheit wieder verschwindet, ist unwahrscheinlich. Denn die Bedingungen zur Verbreitung sind hierzulande mittlerweile ideal. Von Oliver Noffke

Was für eine Krankheit ist das West-Nil-Fieber?

Dabei handelt es sich um eine tropische Fieberkrankheit, die durch das West-Nil-Virus ausgelöst wird. Der überwiegende Teil der Betroffenen nimmt die Infektion nicht einmal wahr. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt diesen Anteil auf 80 Prozent [who.int].

Die übrigen 20 Prozent erleben eine grippeähnliche Erkrankung, die drei bis sechs Tage andauert. Das Robert Koch Institut (RKI) beschreibt die Symptome mit abrupt einsetzendem Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Rückenschmerzen, Abgeschlagenheit und Lymphknotenschwellungen [rki.de]. In der Regel heilt das West-Nil-Fieber ohne Komplikationen von selbst aus. Es gibt keine Medikation gegen das Virus, nur die Symptome werden behandelt.

In seltenen Fällen – eins aus 100 bis 150 – verläuft die Erkrankung allerdings schwerwiegend. Ist die Viruslast im Blut besonders hoch, kann der Erreger die Blut-Hirn-Schranke überwinden und eine Hirnhautentzündung (Meningitis) oder Gehirnentzündung (Enzephalitis) auslösen.

Die Hälfte der Enzephalitis-Patienten leidet unter Spätfolgen wie Lähmungen, Muskelschwäche oder neurologischen Störungen. In fünf bis zehn Prozent der besonders schwerwiegenden Fälle verläuft die Erkrankung tödlich. Ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben über 50-Jährige sowie Menschen, deren Immunsystem stark geschwächt ist. Etwa nach einer Organtransplantation.

Karte über gemeldete Fälle des West-Nil-Virus (Quelle: ECDC)
Im Jahr 2019 wurden bisher 452 Fälle von West-Nil-Fieber beim Menschen in Europa registriert. Der überwiegende Teil in Griechenland (222), Rumänien (66) und Italien (46), in Deutschland gibt es bisher zwei Erkrankungen beim Menschen, Stand: 31. Oktober Quelle: European Centre for Disease Prenvention and ControlBild: ECDC

Wie hat sich das West-Nil-Virus verbreitet?

Entdeckt wurde das Virus 1937 im West-Nile-District im nördlichen Uganda. 20 Jahre später trat es erstmals in Israel auf, 1960 wurde es in Frankreich nachgewiesen. Seit Ende der neunziger Jahre breitet sich der Erreger in den USA aus, die Fallzahlen sind allerdings seit einigen Jahren stabil. Das Virus tritt auch in Australien, Süd- und Zentralasien, dem Nahen Osten, großen Teilen Afrikas sowie dem südlichen Europa auf. 2008 wurde der erste Fall in Österreich nachgewiesen.

Zehn Jahre später wurde der Erreger in Deutschland bei Zugvögeln ausgemacht. Im August diesen Jahres wurde der erste Fall registriert, der sehr wahrscheinlich auf eine Übertragung durch Mücken in Deutschland zurückzuführen ist. Der 70-jährige Patient aus dem ländlichen Sachsen war zuvor nicht im Ausland gewesen, teilte das RKI Anfang Oktober mit [rki.de]. Seither wurden weitere Fälle registriert auch bei einer Frau aus Berlin sowie bei Pferden im südlichen Brandenburg.

"Diese Geschwindigkeit, die wir bei der Verbreitung sehen, ist für dieses Virus eigentlich normal", sagt Elke Reinking, Pressesprecherin des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), auf Anfrage von rbb|24. Da die Erkrankung bei 80 Prozent der betroffenen Menschen ohne Symptome verläuft, ist es sehr wahrscheinlich, dass es bereits Hunderte Fälle in Deutschland gab, die allerdings unentdeckt geblieben sind.

Wie vermehrt sich das Virus?

"Dieses Virus zirkuliert hauptsächlich zwischen Vogel und Mücke, in denen es sich auch vermehren kann", so Reinking. "Mensch und Pferd sind nur Fehlwirte, die nicht zur Verbreitung beitragen." Das heißt, Menschen und Pferde können zwar erkranken, eine unbefallene Mücke kann aber nicht das Virus aus ihnen heraussaugen.

Übertragen wird das Virus in Europa hauptsächlich von Culex-Stechmücken. Diese Gattung ist auf dem Kontinent mit 16 Arten vertreten und sehr weit verbreitet. Einigen Culex-Arten ist zu eigen, dass sie Viren auch vertikal verbreiten können. Das heißt, die Weibchen übertragen die Erreger auf ihre Eier. Bereits wenn die Larven heranreifen, können sich Viren in ihnen vermehren. Sticht die geschlüpfte Mücke das erste Mal zu, kann sie bereits Krankheiten übertragen. Die seit einigen Jahren auch in Europa vorkommenden Asiatische Tigermücke kann das West-Nil-Virus ebenfalls übertragen.

Karte über gemeldete Fälle des West-Nil-Virus bei Pferden und Vögeln (Quelle: ECDC)In Europa wurden in diesem Jahr 84 Fälle von West-Nil-Fieber bei Pferden registriert. Am stärksten ist Deutschland betroffen (29 Fälle), gefolgt von Griechenland (21) und Frankreich (11), Stand: 31. Oktober Quelle: European Centre for Disease Prenvention and Control

Welches Gefahrenpotenzial besteht?

Dass in Deutschland überhaupt die Gefahr besteht, liegt an den neuen klimatischen Bedingungen, die in unserer Region zur Norm werden. Nach einem Ausbruch von West-Nil-Fieber in New York vor 20 Jahren sammelten Forscher befallene Culex-Mücken ein und untersuchten, welchen Einfluss die Temperatur auf die Aktivität der Viren innerhalb der Mücken hat. Das Ergebnis: In Mücken, die bei 18 Grad gehalten wurden, konnte sich das Virus nicht ausreichend festsetzen. Anders bei 30 Grad: Die Viren konnten sich in den Mücken schnell und ausreichend vermehren, um bei einem Stich zur Gefahr zu werden [academic.oup.com].

Das RKI geht davon aus, dass sich das Virus in Deutschland etabliert. "Sehr offensichtlich kann WNV auch in Deutschland überwintern", heißt es auf den Seiten des Instituts. Und das "es in den kommenden Jahren – insbesondere in überdurchschnittlich warmen und längeren Sommern – zu weiteren mückenübertragenen WNV-Erkrankungsfällen auch bei Menschen hierzulande kommen wird." Laut FLI überwintern die Viren in den Mücken.

Die Frage nach dem Gefahrenpotenzial ist also schwierig zu beantworten. Zwar besteht seit dem Ende des Spätsommers keine Gefahr mehr, aber: "Wenn jetzt die äußeren Bedingungen für diesen Kreislauf zwischen Vogel und Mücke ideal bleiben und wir wieder lange Sommer mit warmen Tagen erleben, dann wird das West-Nil-Virus im nächsten Jahr wieder bei uns auftreten", so Reinking.

Wie kann man sich schützen?

Einen Impfstoff für den Menschen gibt es gegen das Virus nicht, lediglich einen für Pferde. Bleiben also nur Maßnahmen, mit denen sich generell Mückenstiche vermeiden lassen: Moskitonetze, Fliegengitter, Mückenschutzprodukte wie Citronella und ähnliches.

"Man muss das Verhältnis zum Schutz vor Mücken nicht grundsätzlich umdenken", sagt Susanne Glasmacher, Pressesprecherin vom RKI auf Anfrage. "Aber in der Tat, in bestimmten Regionen, in denen das Virus nachgewiesen ist, sollte man vorsichtig sein. Insbesondere wenn man älter ist oder eine Immunschwächekrankheit hat."

Beitrag von Oliver Noffke

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

2 Kommentare

  1. 2.

    Bei Säugetieren ist einfach die Virämie des Erregers, also das Vorkommen, viel geringer als bei Vögeln. Wir sind eben einfach nicht die besten Brutkästen für das Virus.

  2. 1.

    Könnte jemand vom RKI erklären, weshalb eine Mücke das Virus von einem Menschen, der es im Blut hat, nicht aufnehmen kann?

Das könnte Sie auch interessieren