Symbolbild für häusliche Gewalt (Bild: imago images/Pixsell)
Bild: imago images/Pixsell

Interview | Hilfetelefon bei häuslicher Gewalt - "Viele Frauen verheimlichen die Gewalt, die sie erleben"

Tausende Frauen in Berlin und Brandenburg leiden unter Gewalt, die ihre Männer oder Ex-Partner ihnen antun. Sozialpsychologin Sarah Trentzsch berät Betroffene. Ein Gespräch über Alarmzeichen, die Gewalttaten vorausgehen - und mögliche Auswege.

Mehr als 10.000 Berlinerinnen wurden laut aktuellen Zahlen des BKA im vergangenen Jahr Opfer von Gewalt durch ihre Partner. Erst am Montag machte der Fall einer 24-Jährigen Schlagzeilen, die in Berlin-Wittenau ihr Auto gegen einen Baum steuerte, um ihrem bewaffneten Ex-Freund zu entkommen. Frauen, die häusliche Gewalt erleben, berät Sarah Trentzsch. Sie arbeitet als Koordinatorin für die Hotline der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG).

rbb|24: Frau Trentzsch, rufen bei Ihnen auch Frauen an, die ganz akut bedroht werden?

Sarah Trentzsch: Das gibt es manchmal. Ich erinnere mich an eine Telefonberatung, da sagte mir die Anruferin, dass sie Angst vor ihrem Partner habe, weil er so unberechenbar sei. Und dann stellte sich heraus, dass er auch in der Wohnung ist, aus der sie anruft, aber in einem anderen Raum.

Wie haben Sie reagiert?

Das war keine einfache Situation, weil der Mann nicht erfahren durfte, dass die Frau gerade bei uns, also bei einer Hilfe-Hotline, anruft. Ich habe mit ihr verabredet, dass wir so tun, als telefoniere sie mit einer Freundin. Ich habe sie gefragt, ob ich die Polizei anrufen und zu ihr schicken darf und wir solange am Telefon sprechen, bis die Beamten bei ihr sind. Sie hat zugestimmt und ich habe ihr Kontakte von Frauenhäusern gegeben, wo sie erst einmal in Sicherheit ist.

Ist das Ihr Ziel, die Anruferinnen aus Gefahrensituationen herauszubringen?

Wir versuchen erstmal herauszufinden: Wie gefährlich ist die Situation? Das machen wir, indem wir zuhören und viele Fragen stellen. Gegebenenfalls raten wir den Frauen dann, nicht nach Hause zu gehen, wo auch der Täter lebt oder er weiß, wo sie wohnt, sondern zu einer Freundin oder an einen anderen sicheren Ort, wo er nicht an sie herankommt. Wir klären die Anruferinnen über ihre Rechte auf und besprechen, ob sie sich vorstellen können, bei der Polizei Anzeige zu erstatten.

Inwiefern hilft eine Anzeige, wenn ich mich von meinem Partner oder Ex bedroht fühle?

Sie kann dabei helfen, einen Beschluss im Rahmen des Gewaltschutzgesetzes zu erwirken. Sie ist aber für so einen Antrag nicht prinzipiell erforderlich. Das geht auch ohne Anzeige. Wir bieten den Frauen an, sie zur Polizei oder zum Familiengericht zu begleiten. Wirklich zeitnah nach einem Übergriff oder einer massiven Bedrohung, teilweise noch am selben Tag, kann man bei Gericht erwirken, dass sich der Täter auf 50 Meter nicht nähern darf – auch nicht der Wohnung oder der Arbeitsstelle der Frau. Tut er es doch, macht er sich strafbar.

Wie kann man vermeiden, überhaupt in solche Extremsituationen zu geraten wie die junge Berlinerin, die am Montag von ihrem Ex mit einem Messer bedroht wurde?

Es ist wichtig, dass sich Betroffene Hilfe holen, bevor so eine Spirale der Gewalt in Beziehungen eskaliert. Aber leider gibt es viele Fälle, in denen Frauen das nicht tun - zum Beispiel weil sie es nicht für möglich halten, dass ihr Partner ihnen etwas wirklich Schlimmes antut oder weil sie noch Hoffnung haben, dass er sich bessert. Sie verheimlichen die Gewalt, die sie erleben. Dabei ist es wichtig, darüber zu sprechen – mit Freundinnen, Angehörigen oder aber mit einer neutralen Person. Dafür gibt es unsere Hotline. Da kann man einfach anonym anrufen und erzählen. Das muss erstmal keine Konsequenzen haben. Wir verlangen von den Frauen nicht, dass sie sich trennen, sondern wir sprechen über ihre Ängste und sensibilisieren sie dafür, dass Gewalt eskalieren kann.

Was sind Warnsignale dafür, dass ein Partner oder Ex in Zukunft gewalttätig werden könnte?

Auf jeden Fall alarmierend ist übermäßige Kontrolle - wenn jemand alles wissen will über seine Partnerin: wo sie sich aufhält, was sie macht, mit wem sie sich trifft. Das kann sich auch in extremer Eifersucht äußern, wenn er der einzige Kontakt sein will, den seine Partnerin hat und versucht, sie zu isolieren von ihrer Familie, von Freunden und sagt: Die sind alle blöd, die wollen dir nur Schlechtes. Das ist wie eine Schlinge, die sich immer mehr zuziehen kann um die Frau, während der Mann immer neue Methoden findet, sie zu kontrollieren.

Sind solche Formen von Psychoterror schon häusliche Gewalt?

Durchaus. Demütigen, beleidigen, kleinmachen – das gibt es auch ohne körperliche Gewalt und kann für einen Menschen ebenso zerstörerisch sein wie physische Verletzungen. Viele Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt sind, bekommen vom Täter eingeredet, dass sie nichts können, nichts wert sind, dass sie es nicht besser verdient haben. Sie beginnen oft selbst, das zu glauben und sich schuldig zu fühlen an der Gewalt, die sie erleben. Das hält viele davon ab, sich Hilfe zu suchen. Die Täter dagegen sehen sich oft selbst als Opfer. Wenn Therapeuten mit solchen Gewalttätern arbeiten, ist das Ziel, dass sie Verantwortung für ihre Taten übernehmen und überhaupt verstehen, dass sie Täter sind.

Was kann ich tun, wenn ich vermute, dass jemand aus meinem Umfeld Opfer häuslicher Gewalt ist?

Dann sollten Sie die Person darauf ansprechen - auch wenn das Überwindung kostet. Sagen Sie offen, dass Sie sich Sorgen machen und dass Sie für die Betroffene da sind, wenn sie Sie braucht. Viele Frauen haben mir erzählt, wie gut ihnen solche Hilfsangebote getan haben - auch wenn sie nicht darauf eingegangen sind und die Hilfe in diesem Moment nicht annehmen konnten. Es kann auch eine gute Idee sein, so jemandem einen Flyer zu geben mit der Telefonnummer der BIG-Hotline. Dann kann sie anrufen, wenn sie sich dazu bereit fühlt.

Sollte man einer Bekannten, die von häuslicher Gewalt betroffen ist, raten, sich zu trennen?

Das kann schwierig sein, wenn die Person selber noch nicht an dem Punkt ist, sich aus der Beziehung zu lösen. Dann kann so ein Ratschlag dazu führen, dass die Betroffene auf Abstand geht. Deswegen empfehle ich, offene Fragen zu stellen: Wie geht es dir gerade in deiner Beziehung? Würdest du dir etwas anders wünschen, als es im Moment ist? Traust du ihm zu, dass er sich ändert?

Bringt es etwas, als außenstehende Person den Täter anzusprechen?

Das kommt darauf an, in welchem Verhältnis man zu ihm steht. Wenn es zum Beispiel eine so vertraute Person wie der eigene Bruder ist, dann kann man so etwas ansprechen - wenn man sich das zutraut und man mit der Reaktion umgehen kann. Wenn es aber die Nachbarin ist, deren blaue Flecken man sieht und man den Nachbarn damit konfrontiert, dann könnte die Lage für das Opfer eskalieren. In solchen Situationen sollte man lieber professionelle Hilfe suchen.

Sind Frauenhäuser für so etwas da?

Das sind in allererster Linie sichere Orte für Frauen, die akut gefährdet sind. Die Adressen sind geheim, aber die Telefonnummern findet man online. Wir vermitteln auch Kontakte. In einem Frauenhaus können Betroffene unterkommen, sie bekommen Beratung und Unterstützung von den Mitarbeiterinnen. Gemeinsam planen sie die nächsten Schritte und sehen zu, dass die Frauen wieder eine eigene Wohnung bekommen.

In Frauenhäusern und bei der BIG-Hotline gibt es nur Mitarbeiterinnen. Warum ist es wichtig, dass die Hilfe für Opfer von häuslicher Gewalt von anderen Frauen kommt - und nicht von Männern?

Es gibt Frauen, die Traumatisches erlebt haben, sexualisierte Gewalt zum Beispiel, und für die ist ein Schutzraum wichtig, in dem Männer keinen Zugang haben. Vielen Opfern fällt es leichter, mit einer Frau darüber zu sprechen, was ihnen angetan wurde, als mit einem Mann. Zum Beispiel wenn sie bei der Polizei eine Aussage machen, finden es viele Frauen angenehmer, das bei einer Beamtin zu tun.

Täglich von Gewalt zu hören - das muss für Sie und Ihre Kolleginnen auch eine enorme Belastung sein. Wie gehen Sie damit um?

Ich empfinde meine Arbeit für die BIG-Hotline als sehr sinnstiftend. Gewalt gegen Frauen ist ein riesiges gesellschaftliches Problem und wir bieten den Betroffenen Hilfe an. Wir kommen oft das erste Mal mit den Frauen in Kontakt, wenn sie in einer Aufbruchssituation sind und beschlossen haben, etwas zu verändern. Dann können wir sie ein Stück auf ihrem Weg begleiten. Auch wenn sich solche Erinnerungen einbrennen - wie das Telefonat, von dem ich vorhin erzählte, mit der Frau, zu deren Wohnung ich die Polizei gerufen habe - bleibt ein positives Grundgefühl: Ich konnte helfen, dass sie aus einer gefährlichen Situation heil rausgekommen ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch mit Sarah Trentzsch führte Anne Kohlick, rbb|24

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5 Kommentare

  1. 5.

    Wir waren bei einer darauf spezialisierten Anwältin, die uns bestätigte, dass die Kriterien so schwer zu erfüllen.sind, dass sie inzwischen im Vorfeld ihren Klientinnen ankündigt, dass wahrsch. nichts bei rum kommen wird, außer viele Termine, weiterer Ärger und Belastungen und möglicherweise Beamten, die kein Hehl daraus machen, ihnen nicht zu glauben. (wie gesagt, wenn es keine Verletzungen oder Zeugen gibt). Es hört sich so toll an, unter' m Strich ist das Opfer immer noch oft die Gelackmeierte. Ihr Fall scheint eine Ausnahme zu sein, Glückwunsch.

  2. 4.

    Tut mir wirklich leid um diese Person. Ich bitte mein Eingangszitat zu entschuldigen. Doch kann ich jeder Frau nur raten nicht zu zögern und eine Anzeige bei der Polizei aufzugeben. Diese Anzeige MUSS auch festgehalten werden. Die Polizei ist nicht die Staatsanwaltschaft und kann über solch einen schwerwiegenden Fall gar nicht alleine entscheiden. Sie ist verpflichtet die Anzeige aufzunehmen. Und deshalb schrieb ich von der „Opferhilfe e.V“. Dieser Verein ist genau für so etwas anzusprechen und hilft notfalls unverzüglich mit einem Rechtsbeistand. Ist eine Anwältin/Anwalt eingeschaltet, erhöht sich der Druck und die Anzeige kann nicht einfach so abgewiesen werden. Letztendlich entscheidet die Staatsanwaltschaft darüber. Natürlich ist es immer ratsam Zeugen zu benennen. Da kann schon die oder der Nachbar sehr hilfreich sein. Auch der behandelnde Hausarzt ist oftmals eine große Hilfe. Ich hoffe sehr Ihnen hier mit kleinen Ratschlägen geholfen zu haben.

  3. 3.

    Was heißt "stimmt nicht"? Wir haben einen härteren Fall grad durch.
    Massive Drohungen ohne Ende, Beleidigungen, Ohrfeige, Diebstahl und Sachbeschädigung.
    Es wurde alles niedergeschlagen.
    Der Herr kam ungeschoren davon.
    Die Beamten teilten uns mit, dass es schon massivere Übergriffe geben muss, Zeugen oder Verletzungen.
    In Berlin wird man sonst nicht weiterkommen.

  4. 2.

    Stimmt so nicht. Schon eine Gewaltandrohung muß ernst genommen werden. Ich habe mal einer Arbeitskollegin geholfen, die von ihrem ehem. Freund, den Sie aus der Wohnung geworfen hatte, bedroht wurde durch Telefonterror und durch Schmierereien in ihren Briefkasten permanent belästigt wurde dazu geraten, die „Opferhilfe“ einzuschalten. Da Ihre 18 lährige Tochter Zeugin war ging das ganze sehr schnell vors Gericht. Wenn man sich keinen Anwalt leisten kann, hilft auch hier die Opferhilfe.

  5. 1.

    Hilfe gibt es meist nur, wenn Blessuren und Verletzungen sichtbar sind, oder es Zeugen gibt. Ansonsten kann sich frau eine Anzeige ersparen, sie steht unter der Beweispflicht und soll Psychoterror, Angst und Bedrohung beweisen. Das ist fast unmöglich. Deswegen schweigen so viele Frauen. Weil sie diese Belastung und Enttäuschung nicht auch noch verkraften.

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