Symbolbild: Sicherheitsleuchten und Überwachungskameras sind vor einem Gebäude auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Tegel zu sehen. (Quelle: dpa/P. Zinken)
Inforadio | 06.12.2019 | Michael Götschenberg | Bild: dpa/P. Zinken

Mord im Tiergarten - BND befürchtet Ermordung von mutmaßlichem Auftragskiller

Der tatverdächtige im Mord an einem Georgier im August im Kleinen Tiergarten wurde in einen Hochsicherheitstrakt verlegt. Offenbar wird vermutet, dass der Mann selbst getötet werden soll, um eine Aussage zu verhindern.

Der mutmaßliche Auftragskiller Vadim S., der im August einen Georgier im Kleinen Tiergarten erschossen haben soll, ist vor einigen Tagen in eine andere Haftanstalt verlegt worden. Nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios hat der Bundesnachrichtendienst (BND) einen Hinweis erhalten, wonach S. gezielt getötet werden soll - und zwar auf Betreiben von eben der staatlichen Stelle in Russland, die ihn als Killer beauftragt haben soll.

Demnach bestehe bei den Hintermännern der Tat die Sorge, dass Vadim S. auspacken und seine Auftraggeber verraten könnte. Der BND wollte sich zum Vorgang nicht äußern. Operative Sachverhalten äußert die Behörde grundsätzlich nur gegenüber der Bundesregierung und den zuständigen Gremien des Deutschen Bundestages. Zunächst hatte die "Berliner Morgenpost" über die Verlegung von Vadim S. berichtet.

Kreml soll Mord in Auftrag gegeben haben

Der Mann steht im Verdacht im August im Kleinen Tiergarten einen 40-jährigen Tschetschenen mit georgischer Staatsbürgerschaft erschossen zu haben. Der Fall ist spätestens seit dieser ein internationales Politikum. Der Generalbundesanwalt gab am Mittwoch bekannt, dass er die Ermittlungen an sich gezogen hat, da es Indizien dafür gibt, dass staatliche Stellen in Russland den Mord in Auftrag gegeben haben könnten. Konkret steht vor allem Moskaus Militärgeheimdienst GRU unter Verdacht, so das ARD Hauptstadtstudio. Die russische Führung wies bisher strikt zurück, mit dem Fall etwas zu tun zu haben.

Die Bundesregierung wies nach der Übernahme des Falls durch die Bundesanwaltschaft zwei russische Diplomaten aus. Zur Begründung sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amts, dass die russischen Behörden trotz wiederholter hochrangiger und nachdrücklicher Aufforderungen nicht hinreichend an der Aufklärung mitgewirkt hätten. Russland bestreitet eine Verwicklung in den Mordfall und kündigte Vergeltungsmaßnahmen an.

Deutscher Geheimdienst befürchtete offenbar Gefährdung des Opfers

Das Nachrichtenportal "Spiegel Online" berichtet derweil, dass der deutsche Geheimdienst schon vor zwei Jahren befürchtete, der später erschossene Tschetschene könnte in Gefahr sein. Das Bundesamt für Verfassungsschutz habe im Februar 2017 einen Warnhinweis an die Behörden in Brandenburg und Berlin verschickt. Darin hieß es laut Spiegel Online, dass eine "Gefährdung seiner Person" – etwa durch "prorussischen Akteuren" oder Getreuen von Ramsan Kadyrow, dem russischen Statthalter in Tschetschenien – drohe, wenn seine Anwesenheit in Deutschland bekannt würde.

Der Getötete hatte nach Angaben der Bundesanwaltschaft im zweiten Tschetschenienkrieg gegen Russland gekämpft. Später soll er als Informant für georgische Sicherheitsbehörden gearbeitet haben. Nach einem Attentat auf ihn im Mai 2015 verließ er seine Heimat und floh über die Ukraine nach Deutschland. Hier lebte er als ausreisepflichtiger Asylbewerber und sollte abgeschoben werden. Die Ermittler stuften ihn zwischenzeitlich als "Gefährder" ein, kamen dann aber zu der Einschätzung, dass von ihm keine akute Gefahr ausgehe.

Keine offiziellen Angaben zur wahren Identität

Vadim S. ist offensichtlich ein Deckname. Ein Reisepass auf diesen Namen wurde erst kurz vor der Einreise des Verdächtigen in die EU ausgestellt, eine Sozialversicherungsnummer ebenso. Bemerkenswert ist zudem, dass die Personalie im Register für nationale russische Ausweispapiere mit einem Sperrvermerk versehen wurde.

Eine Recherchekooperation [bellingcat.com, Seite auf Englisch] mehrerer Medien hat Verbindungen zu einem Haftbefehl samt internationalem Fahndungsaufruf ausgemacht, mit dem Russland 2014 einen Mörder gesucht hatte. Nach einem Jahr wurde der Haftbefehl zurückgezogen. Es besteht daher der Verdacht, dass russische Behörden den gesuchten Auftragsmörder ausfindig gemacht und ihrerseits angeheuert haben. Von offizieller Stelle gibt es momentan noch keine Informationen zur wahren Identität des Mordverdächtigen.

Sendung: Abendschau, 06.12.2019, 19.30 Uhr

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11 Kommentare

  1. 11.

    Die These, Putins Schlapphüte liquidieren etliche Jahre nach dem Tschetschenienkrieg einen damaligen islamistischen Kommandeur, halte ich persönlich für nicht überzeugend, zumal substantielles Material für diese These fehlt.

    Eher könnte es sich um die Beseitigung eines Doppel-Agenten handeln, der mehreren Seiten gleichzeitig diente. So eine Doppel-Existenz ist naturgemäß immer gefährlich.

  2. 10.

    "Keine offiziellen Angaben zur wahren Identität"

    Es mangelt an vielerlei Angaben auch von deutscher Seite, etwa warum wurde der hochgefährliche ausreisepflichtige islamistische Tschetschene in sein Passheimatland Georgien nicht abgeschoben?
    Gab es "Rücksicht" weil es sich zusätzlich um einen Spitzel handelte, der für Georgien gearbeitet hat?

  3. 9.

    Gefährder tummeln sich z.B. im entsprechenden Millieu, befassen sich Inhaltlich mit unsere Gesellschaft gefährdenden Ideologien, legitimieren zur Durchsetzung ihrer Ansicht Gewaltanwendung und und und... Ähnelt ziemlich den Faschismus würde ich sagen.
    Ganz sicher kann dadurch schon nicht jeder einfach zum Gefährdet werden.
    Was wäre denn die Lösung des Dilemmas?
    Aus meiner Sicht ist es klar der Schutz der hier lebenden Menschen und dazu gehört auch Prävention. Was nützt es den Hinterbliebenen vom Amri Anschlag, dass im Nachhinein die Gefährdung eindeutig festgestellt ist?
    Genau, nichts!
    Und deshalb ist es, auch wenn es einzelne ungerecht trifft trotzdem richtig "Gefährder" auf alle in einer Demokratie erdenkliche weisen ungefährlich zu machen. Z.B. auch für h Ausweisung.

  4. 8.

    Ein krasses Beispiel dafür, was die Abschiebung von vermeintlichen "Gefährdern" bedeuten kann: den Tod. Wäre er abgeschoben worden, wäre der Mord (dann im Ausland) vermutlich nie öffentlich geworden.

    Jeder kann "Gefährder" eingestuft werden. Auch du und ich. Denn Gefährder sind immer Unschuldige bzw. juristisch voll rehabilitierte Menschen. Erst wenn sie eine nachweisbare Straftat begangen haben, sind sie keine "Gefährder" mehr, sondern offiziell Täter.

    Der Fall muss alle zum Umdenken bringen, die die Abschiebung von Gefährdern befürworten in Regionen, die für normale Zivilisten zu gefährlich sind. Besonders die Aufhebung der Einstufung als Gefährder macht klar, dass so eine Einstufung fehlerhaft (!) und lebensgefährlich sein kann für einen unschuldigen Menschen.

  5. 7.

    Auch ein zweiter Mord in Deutschland ist für Putin also kein Problem. Es scheint, also ob Putin jeden ermorden kann den er will. Auch in Deutschland.

  6. 6.

    Russe**

  7. 5.

    Wieso wurde der Tschetschene nicht zügig abgeschoben? Den deutschen Sicherheitsbehörden war bekannt, dass es sich um einen ehemaligen islamistischen Terrorkämpfer handelte.

  8. 4.

    War der getötete Tschetschene mit Georgischem Pass ein Schutzsuchender in Deutschland?

  9. 3.

    Aber letztendlich, es will wohl jeder westliche Staat seinen Skripal haben....
    -----
    Nicht plausibel. MMn widersprechen Sie sich selbst. Warum wollte man den Getöteten denn abschieben?

  10. 2.

    Habe gesehen, dass unten eine Verlinkung ist, die da doch etwas aufklärt. Das also Mitglieder von islamistischen Terrorgruppen keine Gefährder sind, naja...
    Russland hätte den, wenn es denn RU war, den Herren mit einer Drohne ausschalten sollen, das geht ja in Ordnung, wenn ich mal so über den Teich schaue....

  11. 1.

    Warum sollte der Herr abgeschoben werden, steht nicht im Artikel. Kämpfte gegen Russland, aha, dann ist das ja ein demokratischer Rebell, ein Freiheitskämpfer.
    Aber letztendlich, es will wohl jeder westliche Staat seinen Skripal haben....

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