Symbolbild: Aus Folien geschnittene Kinderhände hängen mit den jeweiligen Namen an der Eingangstür einer Kindergruppe in einer Tagesstätte. (dpa/R. Jensen)
Audio: Radioeins | 29.11.2019 | Klaas-Wilhelm Brandenburg | Bild: dpa/R. Jensen

Welt-Aids-Tag - Die Kita, in der HIV-positive Kinder willkommen sind

In Kreuzberg gibt es die einzige Kita in Deutschland für von HIV betroffene Kinder. Unter den Kindern spielt die Krankheit kaum eine Rolle – unter Erwachsenen dafür umso mehr. Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Mit einem lauten Knall stürzt der Karton ein, der gerade noch eine Höhle war. So schnell kann es gehen, wenn die Kinder in der Kita Nestwärme miteinander spielen. Ein bisschen versteckt, auf einem Hinterhof in der Kreuzberger Wrangelstraße, steht der alte Backsteinbau, der aktuell mehr als 60 Kinder beherbergt. Auf drei Etagen dürfen sie spielen, toben, Spaß haben und doch ist hier etwas anders. Denn im Gegensatz zu anderen Kindergärten sind hier von HIV betroffene Kinder ganz ausdrücklich erwünscht. Das ist in Deutschland einmalig.

Unter den Kindern sei das aber kaum ein Thema, erzählt Kita-Leiterin Antje Lindstedt: "Weil man HIV nicht sehen kann. Kinder müssen etwas sehen oder fühlen können – beides geht bei HIV nicht." Nur, wenn sich ein Kind mal verletzt und dann blutet, werde ein bisschen schneller ein Pflaster auf die Wunde gemacht als in anderen Kitas. Eine Vorsichtsmaßnahme, denn längst nicht alle Kinder sind HIV-positiv – manche haben HIV-positive Eltern, sind aber selbst nicht infiziert, bei anderen sind weder ihre Eltern noch sie selbst betroffen.

Immer wieder Vorbehalte

Welche Kinder und Eltern zu welcher Gruppe gehören, das ist nicht immer klar - und zwar ganz bewusst. Anonyme Offenheit nennt Antje Lindstedt das: "Es gibt Eltern, die outen sich, es gibt Eltern, die outen sich nicht." Keiner muss, jeder darf, so sei das Prinzip. Schließlich ist HIV nicht meldepflichtig: "Darum kann sowieso keine Kita sagen, ob sie nicht auch betroffene Familien haben", sagt Lindstedt. Auf jedem Spielplatz, in jeder Einrichtung könnten HIV-positive Familien sein – "und das ist auch gut so".

Trotzdem gibt es immer wieder Vorbehalte. Genau deshalb wurde die Kita gegründet, erinnert sich Lindstedt, weil Mütter nach Kita-Plätzen für ihre HIV-positiven Kinder suchten, aber einfach keine gefunden haben. "Es gab viele Mütter, die weggeschickt wurden – das sind Situationen, die Eltern erlebt haben und für ihre Kinder nicht wollten." Wegen dieser Diskriminierung gründeten sie vor 22 Jahren in der Linienstraße in Berlin-Mitte die Kita Nestwärme, damals mit etwa 15 Kindern, alle HIV-positiv.

Kita-Leiterin Antje Lindstedt. (Quelle: rbb/W. Brandenburg)

"Alle meine Kinder waren sehr glücklich hier"

In den 22 Jahren bis heute wurden die Vorbehalte nur langsam weniger. Als die Kita nach ein paar Jahren von Mitte in ein Wohnhaus nach Kreuzberg zog, "wurden Unterschriften gegen uns gesammelt", erzählt Kita-Chefin Lindstedt. "Wir haben schon Eltern erlebt, die kommen und dringend einen Kita-Platz suchen, aber dann doch vom Thema HIV abgeschreckt sind." Das einzige, das gegen so etwas helfe, sei die Wahrheit und eine Position dazu.

Ob das wirklich reicht, da ist Anna Bär skeptisch. Die 48-Jährige ist Diplom-Sozialpädagogin, sie arbeitet mit Straßenkindern. Ihr jüngster Sohn, Jonathan, ist fünf Jahre alt und geht in die Kita Nestwärme, so wie seine drei älteren Geschwister vor ihm. Bär sagt: "Ich würde es immer wieder machen, alle meine Kinder waren sehr glücklich hier." Die Entscheidung für die Kita fiel aber ursprünglich aus einem anderen, traurigen Grund. Anna Bärs Onkel starb 1989 an Aids.

"Das finden nicht alle Menschen toll"

Trotzdem habe sich Anna Bär Vorwürfe von manchen Verwandten anhören müssen, als sie ihre erste Tochter in die Kita Nestwärme gab: "Wie könnt ihr das machen, das ist doch gefährlich, was ist denn, wenn sie sich doch infiziert, Du machst Dir Dein Leben lang Vorwürfe!" Da habe Bär gemerkt: "Das finden nicht alle Menschen toll."

Bär glaubt, das sei bis heute so. Und sie glaubt, das liege daran, dass Menschen heute schlechter über HIV und AIDS Bescheid wissen als früher: "Meine Erfahrung ist, dass es viel weniger thematisiert wird als noch vor zehn oder 15 Jahren." Und bei ihren beiden ältesten Töchtern, die 15 und 18 Jahre alt sind, merke sie, "wenn man über Prävention, Kondome und sowas spricht, dass die eigentlich erschreckend wenig wissen."

Die befragte Mutter, Anna Bär. (Quelle: rbb/K. Brandenburg)

"Spielen ist nicht ansteckend!"

Die Folgen des Unwissens: Scham bei den Betroffenen. "Ich habe Freunde, die HIV-positive Kinder haben und leider nicht mehr erzählen, dass ihre Kinder betroffen sind", sagt Anna Bär. Darum fordert sie, wieder stärker über HIV aufzuklären: "Es würde helfen, wenn es in der Schule mehr thematisiert würde." Auch eine bessere Öffentlichkeitsarbeit fände sie gut.

Wenn beides weiter fehle, fürchtet Bär eine Rückkehr zu alten Zeiten: "Wenn die Menschen weniger Bescheid wissen, könnte es wieder mehr Kinder geben, die infiziert sind." Damit das nicht passiert, brauche es auch im Jahr 2019 noch die Kita Nestwärme – als Schutzraum für die, die immer noch zu oft ausgegrenzt werden, und um über HIV und Aids aufzuklären. Nicht umsonst steht auf der Webseite der Kita Nestwärme prominent der Satz: "Spielen ist nicht ansteckend!"

Sendung: Abendschau, 01.12.2019, 19:30 Uhr

Beitrag von Klaas-Wilhelm Brandenburg

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1 Kommentar

  1. 1.

    Offenbar ist es wieder wichtiger geworden, solche Plätze zu haben. Offenbar ist wieder "aus den Augen, aus dem Sinn". Je besser die Medikamente wurden, desto besser wurde die Krankheit aus dem Öffentlichen, aus dem Gewissen, verdrängt, war ja jetzt alles total ungefährlich.... nein, ist es immer noch nicht. Denn durch Schweigen steckt man sich an. Durch Unwissenheit. Sorglosigkeit. Dann sind wir wieder in den End-80ern.

    In den Nachwendejahren machte in Moabit, gegenüber meiner Wohnung, eine "Kinderbetreuung" und mehr für Aidskranke auf, Forum hieß das. Damals starb man absehbar und unweigerlich. Die Kinder wollte keiner auch nur anfassen, und die Chance, nicht bei der Geburt infiziert zu werden, war für die Kinder gering. Verständnis, Entgegenkommen damals noch gleich null.

    Ich dachte, das hätte sich nachhaltig geändert, aber was aus der Nestwärme Kita berichtet wird, zeigt, dass eine solche Kita wichtiger denn je ist - weil "aus den Augen....." überwiegt....

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