Symbolbild: Ein ausgetrocknetess Feld (Quelle: dpa/Carola Frentzen)
Bild: dpa-Symbolbild/Carola Frentzen

60 Jahre "Brot für die Welt" - "Der Klimawandel frisst die Entwicklungsfortschritte"

Der Slogan "Brot für die Welt" wurde vor 60 Jahren erfunden - und zwar im Berlin der Wirtschaftwunderjahre. Heute versteht sich die Spendenaktion der evangelischen Kirche als Kritik an den globalen Wirtschaftsstrukturen. Ab Sonntag wird wieder gesammelt. Von Matthias Bertsch

Dezember 1959: Die evangelische Kirche hat zu einer Spendenaktion für die hungernde Bevölkerung in den unterentwickelten Ländern aufgerufen. An einer Kundgebung in der Deutschlandhalle unter dem Motto "Brot für die Welt" nehmen etwa 14.000 Menschen teil.

Hauptredner ist der politisch engagierte Pfarrer und Hochschullehrer Helmut Gollwitzer: "Wer den Notleidenden nur das Evangelium bringt und nicht zugleich mit dem Evangelium tätige Hilfe aus dem eigenen Opfer, der macht aus dem Evangelium fromme Sprüche." Gollwitzer spricht davon, dass zwei Drittel der Menschheit hungere, und der neue Wohlstand in Deutschland nicht zu einer Trägheit des Herzens führen dürfe.

Art der Hilfe ändert sich

Der Appell kommt an. Innerhalb weniger Wochen werden fast 20 Millionen DM gesammelt, die an Partnerorganisationen in Asien und Afrika fließen. Das hohe Spendenergebnis führt zu der Entscheidung, aus der einmaligen Aktion eine dauerhafte Institution zu machen: "Brot für die Welt" wird zu einem Hilfswerk.

Doch die Art der Hilfe ändert sich bald, betont die Präsidentin der Organisation, Cornelia Füllkrug-Weitzel. "Früher hat man gesagt: Gib einem Mann einen Fisch, er wird einen Tag satt, gib ihm eine Angel, er ernährt sich für immer", erinnert sich Füllkrug-Weitzel. "Aber im Laufe der Jahrzehnte ist ja immer deutlicher geworden: Was hilft dem guten Mann die Angel am Meer, wenn kurz vor der Küste die Hochseeflotte der europäischen Fischerei die Meere leer fischt?"

Kritik an den globalen Wirtschaftsstrukturen

Von Hilfe zur Selbsthilfe zur Kritik an globalen Wirtschaftsstrukturen und das heißt auch: Aufklärungsarbeit in Deutschland. Schon in den 1970er Jahren startet "Brot für die Welt" die Kampagne "Aktion e: einfacher leben, damit andere überleben". Es ging darum, wie Armut dort und Reichtum hier unmittelbar miteinander verknüpft sind, so der Leiter der Abteilung Politik bei "Brot für die Welt", Klaus Seitz. "Inwieweit verbrauchen wir für unseren Lebensstil Ressourcen, die eigentlich anderen Menschen zustehen? Inwieweit beschneiden wir deren Lebensmöglichkeiten, wenn wir zu viel konsumieren oder zu viel Auto fahren?" Die Bewegung für einen einfacheren Lebensstil habe sicherlich dazu beigetragen, die spätere Diskussion über nachhaltige Entwicklung und ein zukunftsfähiges Deutschland mit vorzubereiten, so Seitz.

Klimawandel frisst Entwicklungsfortschritte

Der Kampf gegen den Hunger bleibt ein Hauptziel für "Brot für die Welt". Aber daneben wird ein anderes immer wichtiger: die Gerechtigkeit. Dabei steht auch das Hilfswerk immer häufiger vor einem weiteren Problem. Einem, für das die Industrienationen nach Meinung des Hilfswerks die Hauptverantwortung tragen.

"Der Klimawandel ist international anerkannt eine der zwei Hauptursachen für die weltweite Zunahme des Hungers und ohne die ganz entschiedene Eindämmung des Klimawandels hat Entwicklung auf die Dauer keine große Zukunft", so Cornelia Füllkrug-Weitzel. "Der Klimawandel frisst die Entwicklungsfortschritte auf." Deswegen sei der Kampf gegen den Klimawandel für ihr Hilfswerk schon seit über zehn Jahren ein ganz zentrales Anliegen.

60 Jahre nach der Gründung wird am Sonntag eine neue Spendenaktion eröffnet, die den allmählichen Wandel der Ziele von "Brot für die Welt" in drei Worte fasst: "Hunger nach Gerechtigkeit". Um diesen Hunger zu stillen, helfen keine Lebensmittelspenden für die Armen im Süden, sondern dass der reiche Norden unserer Erde sich ändert.

Beitrag von Matthias Bertsch

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4 Kommentare

  1. 4.

    Gut, dass man heute alles dem Klimawandel in die Schuhe schieben kann! Dann muss man sich nicht mit den echten Problemen Afrikas auseinander setzen. Schön bequem!
    Dass die Ursachen weit vielfältiger sind, wird einfach ignoriert. Angefangen bei einer völlig verfehlten europäischen Subventionspolitik, die Afrikas Bauern die Lebensgrundlage raubt, über die ständig zunehmende Überbevölkerung, die ihren Zenit noch nicht Mal erreicht hat, über Bürgerkriege, die ganze Landstriche unbewohnbar und nicht bewirtschaftbar machen, bis hin zu Missmanagement in der afrikanischen Landwirtschaft, die durch Bodenerosion zum unwiderbringlichen Verlust von Ackerboden führt, es gibt so vieles, was man sofort anpacken und verbessern könnte! Auf eine bis auf Weiteres unrealistische Reduzierung von CO2 zu hoffen, ist unverantwortlich.

  2. 3.

    "Inwieweit beschneiden wir deren Lebensmöglichkeiten, wenn wir zu viel konsumieren oder zu viel Auto fahren?"
    Das ist eine gute Frage, das würde mich auch interessieren.

    Es ist ja nicht mal ausgemacht, dass der Klimawandel für Afrika schlecht ist. Einige Studien gehen stattdessen davon aus, dass der Kontinent durch mehr Niederschläge grüner werden könnte. Genau weiß es keiner. Genau weiß niemand etwas, das ist das eigentlich lustige daran...

  3. 2.

    Natürlich kann man auch das den Rechten in die Schuhe schieben. Schuld daran ist aber wohl eher die seit Jahrzehnten verfehlte Politik der hochgeschätzten EU sowie der "Wir bringen Euch die Demokratie" USA.
    Wenn Ihre Prognosen zutreffen werden die Flüchtenden hier nur Steppe und Meer vorfinden.

  4. 1.

    Und wo kommen die ganzen Flüchtlinge hin, wenn zuhause nichts mehr wächst? Zu uns, ist ja klar. Dank geht raus an die rechten Parteien.

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