Busfahrer Peter Hollunder (Quelle: rbb/Ackermann)
Audio: Inforadio | 07.12.2019 | Hans Ackermann | Bild: rbb/Ackermann

Unterwegs mit dem 218er - "Denn schiebt dit manchmal ganz schön"

Selbst im Winter kann es sich lohnen, mit dem alten Doppeldecker der Linie 218 einmal die Havelchaussee entlang quer durch den Grunewald zu fahren. Entschleunigung pur, und der netteste Busfahrer Berlins, findet Hans Ackermann.

Pünktlich um 10 nach 12 Uhr kommt Peter Hollunder mit seinem gelben Doppeldecker an der Haltestelle "Haus des Rundfunks" an. Es ist Sonntag, das Wetter ist ein wenig trübe. Deshalb steigen an der nächsten Station "Theodor-Heuss-Platz" heute nur wenige weitere Fahrgäste ein.

Aus dem großen Kreisel heraus fahren wir nun einige Minuten die Heerstraße entlang, immer schnurgerade nach Westen. Dann biegt Busfahrer Hollunder plötzlich scharf links ab, nachdem er vorher – höchstpersönlich und per Mikrofon – den nächsten Halt ausgerufen hat: "Scholzplatz, Am Postfenn", knistert es aus den betagten Lautsprechern.

Eine Frau, die gerade erst eingestiegen ist, steigt am Scholzplatz schon wieder aus. Sie sei "hier beim Italiener" zum Mittagessen verabredet, erklärt sie. Sonst würde sie gern mit uns mitfahren, aber heute ginge es leider nicht. "Viel Spaß und Gute Fahrt" wünscht sie noch.

Abfahrt der Waldlinie 218 (Quelle: rbb/Ackermann)
Es geht los: der alte BVG-Doppeldecker Linie 218 | Bild: rbb/Ackermann

Mit Tempo 30 in den Grunewald

Eben noch im vierspurigen Großstadtverkehr, geht es nun direkt in den Grunewald hinein. Mit vorschriftsgemäßem Tempo 30 tuckern wir den "Postfenn" hinunter. Am Ende der schmalen Straße muss der Fahrer bremsen und noch einmal scharf  links abbiegen. Denn direkt voraus, etwa 200 Meter breit, liegt die Havel. Es kann heikel werden an dieser Kreuzung, erzählt der Busfahrer: "Wenn es glatt ist, muss man hier abwärts aufpassen, dass man nicht ins Rutschen kommt. Denn wenn noch eine Menge Leute mit an Bord sind, dann schiebt dit manchmal ganz schön!"

Ein "Geheimtipp"

Zum Glück hat der gebürtige Friedrichshainer jede Menge Erfahrung. 1978 hat er seinen Beruf "auf Zehlendorf gelernt", später dann auch Busse durch Neukölln gesteuert, sechs Tage pro Woche Schichtdienst am "Betriebshof Britz" absolviert. Rund um den Hermannplatz habe er "einiges erlebt". Hier auf der 218 seien die Fahrgäste aber durchweg entspannt. "Nette Leute, manchmal Einheimische, oft Touristen" – wie die drei jungen Männer aus Münster in Westfalen. Sie haben im Internet vom 218er gelesen, von dieser besonderen Fahrt zur Pfaueninsel. "Ein Geheimtipp", meint einer von ihnen. Tatsächlich haben sie das Oberdeck heute für sich allein, schauen durch die große Frontscheibe in den Wald und freuen sich schon auf die Überfahrt zur Pfaueninsel.

Peter Hollunder am Steuer (Quelle: rbb/Hans Ackermann)Fahrer Peter Hollunder ist eigentlich schon in Rente - wie sein Bus

Vor einigen Wochen war hier an der Havelchaussee noch alles bunt. Jetzt im Dezember haben die Laubbäume sämtliche Blätter verloren. Dadurch öffnet sich nach rechts immer wieder ein schöner Blick auf die Havel. In Fahrtrichtung links erstreckt sich kilometerweit der Grunewald. Kleine Hügel und Schluchten – fast "wie in den richtigen Bergen", meint Busfahrer Hollunder.

Auf der gesamten Havelchaussee gilt Tempo 30. Der schwere Bus wiegt sich sanft und sicher durch den Wald – später auch durch die beiden engen Haarnadelkurven vor "Lindwerder". Von dieser Haltestelle aus erreicht man die gleichnamige, etwa zwei Hektar große Havelinsel. 300 Meter lang und bewachsen mit hohen alten Linden, liegt sie malerisch in der "Lieper Bucht". Im Sommer würde man hier vielleicht aussteigen. An diesem etwas kühlen Dezembertag bleibt man aber auch gern im sehr gut beheizten Bus sitzen.

Rendezvous der beiden 218er (Quelle: rbb/Ackermann)Begegnung im Wald: Der alte 218-er Bus trifft auf den neuen

Links das Wasser, rechts der Wald

Einige Haltestellen zuvor sind zwei Frauen mit ihrem Hund "Pelle" eingestiegen. Sie erzählen, dass sie in Schöneberg wohnen und seit Jahren immer sonntags mit dem 218er in den Grunewald fahren. Am liebsten laufen sie dann den "Havelweg" entlang: "Links das Wasser, rechts der Wald. Das ist so ein lichter und schöner Weg, im Sommer und im Winter. Deshalb lieben wir diesen Weg so. Und der Hund – im Sommer geht er Stöckchen holen im Wasser, im Winter trägt er das Stöckchen an Land."

Im Bus sitzt auch eine Familie mit zwei kleinen Kindern aus Zehlendorf. Die Mutter erzählt von der "wunderschönen Wanderung" durch den Wald. "Jetzt freuen wir uns, dass wir mit dem Bus nachhause kommen können. Aber wir waren überrascht, dass er nur jede Stunde fährt". Es sei ein schönes Erlebnis für die Kinder, mit einem so alten Bus zu fahren.

Der Bus ist Baujahr 1987

Peter Hollunder ist – wie sein Bus – eigentlich schon im Ruhestand. Aber drei Mal im Monat setzt er sich an das Steuer des gelben Oldtimers. Der MAN ist Baujahr 1987, gehört einem privaten Verein und verkehrt als besondere Attraktion im Zwei-Stunden-Takt. Dazwischen setzt die BVG moderne Busse ein. Der Fahrplan sei so ausgelegt, dass sich die Busse beider Richtungen meistens an der Haltestelle "Grunewaldturm" begegnen würden, erklärt Hollunder. Auch heute winkt er dort seinem "modernen" Kollegen zu, als beide Busse in entgegengesetzter Richtung aneinander vorbeifahren.

Nun kommt schon bald die "Große Steinlanke", danach ruft der Fahrer die Haltestelle "Großes Fenster" aus. Hier kann man eigentlich in jeder Jahreszeit aussteigen und  zur schönsten Bucht an der Berliner Havel hinunterlaufen. Wenn das recht flache Wasser in strengen Wintern zufriert, kann man dort sogar Eissegler erleben. Bei drei bis vier Windstärken rasen sie über das Eis – dort, wo im Sommer die Segelschule ihre gelben Ausbildungs-Jollen im Wasser hat.

Heute aber bleibt man auch an dieser Station besser im Bus sitzen und fährt mit Peter Hollunder jetzt an seiner ganz persönlichen "Lieblingsstelle" vorbei. Eine breite Lichtung, die er vor einigen Wochen noch in ihrer ganzen herbstlichen Pracht erlebt hat. "Das ist hier alles voller Buchen. Und wenn sich das Laub einfärbt, so rötlich und dann die Sonne dazu durchstrahlt, dann ist das eine richtige Erholung, hier rechts und links."

Grunewaldturm (Quelle: rbb/Ackermann)Haltestelle am Grunewaldturm

"Nur für Radfahrer und für die BVG"

Die Havelchaussee stößt nun bald auf den Kronprinzessinnenweg, dort biegt der Bus scharf nach rechts und fährt parallel zur Avus bis zum S-Bahnhof Nikolassee. Danach kommt die Station Grunewald, hier steigen Fahrgäste ein und um. Manche sind gerade mit der S-Bahn eingetroffen, andere wechseln hier vom Bus in die Bahn.

Durch den Ortsteil Wannsee hindurch geht es dann weiter bis zur Einfahrt in die  Pfaueninselchaussee. Diese schmale Straße führt durch den Westlichen Düppeler Forst. Ein richtiger "Märchenwald" sei das, meint Peter Hollunder. Aber was macht er eigentlich, wenn ihm in hier ein anderes Fahrzeug entgegen kommt? "Naja, es hat keiner zu kommen, weil das nur für Radfahrer und für die BVG ist!"

Ankunft der Waldlinie 218 (Quelle: rbb/Ackermann)Zurück am Ausgangspunkt in Charlottenburg

Einen blauen Diamanten gesehen

Nach einer kurzweiligen Dreiviertelstunde ist der 218er sicher am Ziel angekommen. Jetzt müssen alle aussteigen, danach kontrolliert Peter Hollunder seinen Bus auf Fundsachen und "andere Hinterlassenschaften".

Aber alles ist blitzsauber, und Berlins nettester Busfahrer muss auch keine besonderen Vorkommnisse in sein "Fahrbericht"-Formular eintragen. Nun öffnet er die Tür und begrüßt die neuen Fahrgäste. Darunter britische Touristen, die sich schon auf die Fahrt freuen und den alten Bus "lovely" finden.

Später steigen auch noch die beiden Spaziergänger aus Werder zu. Sie hatten heute im Wald schon eine sehr schöne Begegnung mit der Natur, wie einer erzählt: "Ich habe einen besonderen Vogel gesehen, einen Eisvogel. Ein blauer Diamant war das."

Beitrag von Hans Ackermann

Kommentar

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Antwort auf [Heike] vom 09.12.2019 um 05:26
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19 Kommentare

  1. 19.

    Lieber Lothar,ich bin seit über 30 Jahren im Schichtdienst und es gewöhnt. Ich freue mich das es Ihnen besser geht und Ihnen der gut aussehende Physiotherapeut ein wenig helfen konnte:-)
    Jedenfalls wünsche ich Ihnen auf diesen Trip viel Freude und ich bitte um einen Bericht.Liebe Grüße

  2. 18.

    Oha, Schichtdienst. Klingt wohl weniger schön. Ich hoffe doch sehr, Sie bekommen eine anständige Vergütung für diese Sonntagsschicht. Bei mir zeigt sich ein Fortschritt, bezugnehmend meiner Gesichtslähmung. Die KG und ein sehr engagierter junger hübsch aussehender Physiotherapeut gibt dazu sein bestes;-)Auch er rät mir zu langen Spaziergängen. Wetter hin oder her, ich werde gehen. LG.

  3. 17.

    Lieber Lothar, ich würde am liebsten mit meiner Familie mitkommen, jedoch wünscht sich mein Arbeitgeber für diesen Tag, das ich ihm in der Spätschicht zur Verfügung stehe :-)
    Aber Ihnen wünsche ich auf jeden Fall einen schönen Tag.

  4. 16.

    Wie ich sehen kann, ist der Wettergott am 3.Adventsonntag wohl auf meiner Seite. Zudem kriege ich vor diesem Ausflug noch 2 hoffentlich gute KG Massagen für den Rücken und dann bin ich bereit. Wanderschuhe stehen schon frisch gewienert herum. Danke für Eure guten Tipps.

  5. 15.

    Liebe Berlinerin, ja jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, natürlich Breitehorn. Wir waren früher dort schon oft, aber irgendwie habe ich diese Ziele ein wenig aus den Augen verloren. Danke für den Tipp.:-)

  6. 14.

    Ich versuche es mal mit einem neuen Namen - wie Lothar. Wer weiss, wer genau wie mit meinem Namen noch sein Unwesen treibt und dazu führt, dass mit meinem Namen kein Kommentar mehr durchkommt.

  7. 13.

    Liebe Heike, lieber Lothar,
    mein Kommentar wurde leider nicht freigegeben, ich versuche es noch einmal: in Kladow kann man bis zum britischen Yachtclub oder weiter bis zum Breitehorn gut laufen, dort einkehren oder auf dem Rückweg in Kladow am Hafen. Man hat auf dieser Seite eine ganz andere Landschaft, ganz andere Ausblicke als auf der Havelchaussee-Seite. Eine Tour mit dem 218 Traditionsbus bis Wannsee, dann die Fähre, und wieder zurück, will zwar zeitlich gut geplant sein, ist aber sehr entschleunigend :-)
    Mal schauen, ob meine Kommentare doch freigeschaltet werden.

    fuerRBBKommentare@gmx.de

  8. 12.

    Lieber Lothar, dann wünsche ich Ihnen einen wunderbaren Tag. Genießen Sie diesen Ausflug.

  9. 11.

    Gerne dürfen auch Sie mich Lothar nennen. Schwester Constructa soll nur die üblichen Verdächtigen hier fernhalten;-). Danke Ihnen für den Tipp. Wird alles notiert. Ich denke, wenn das Wetter nicht zu feucht/kalt ist, geht es los am 3.Adventssonntag. Wozu hat man die richtige Kleidung parat.

  10. 10.

    Ihren Worten ist nichts mehr hinzu zu fügen.:-)...Wir waren als Kinder schon viel auf der Pfaueninsel und ich habe diese Tradition mit meiner Tochter fortgeführt. Mit meinem Mann werden wir dieses Jahr auch noch einer Tour mit dem Oldtimer unternehmen:-) Hoffentlich bei klirrender Kälte.....
    Es ist auch eine Tour, die im Grunde nicht viel Geld kostet, selbst wenn man die Pfaueninsel noch mitnimmt und vielleicht noch eine Kleinigkeit essen geht.
    Wie weit sollten man in Kladow Richtung Norden laufen?

  11. 9.

    Auch ich durfte im Sommer den MAN (S)D (202), der im Bericht dargestellt ist, fuer eine Fahrt zur Pfaueninsel nutzen. Allerdings fuehlt er sich trotz seines Alters deutlich ueber einem Vierteljahrhundert fuer meinen Geschmack einfach zu modern an. Richtig schoen wird's erst wenn man mal das Glueck hat, in einen MAN SD 200 oder gar in einen Buessing DE, also den guten alten "Jumbo" mit seinen 70er-Kurven, steigen zu koennen.
    https://www.traditionsbus.de/Fahrzeuge/aktueller_fahrzeugbestand.htm
    Auch meinerseits vielen Dank an die Leute von 'Traditionsbus'!

  12. 8.

    :-) ich habe meinen Besuch aus England damit beeindruckt, und musste mir eingestehen, selber lang nicht dort gewesen zu sein, die Pfaueninsel war regelrecht eine "Wiederentdeckung". Vor allem beeindruckt hat mich natürlich der Traditionsbus. Ich bin da ein bisschen infiziert, war früher mal in der Verkehrstechnikbranche... Busse, Bahnen, Lokomotiven <3

    Ich denke, im Winter mache ich auch noch eine Tour, so wie die Schwester auch schon angedeutet hat, gerade, wenn es bitter kalt ist, hat es einen ganz speziellen Reiz. Kann man jedem Berliner und auch den Besuchern nur empfehlen.

    Und noch ein Tip - am Wannsee in die Fähre nach Kladow steigen, und dort Richtung Norden laufen...

    Großen Dank an den netten Fahrer, Hr. Hollunder, der die Tradition mit aufrecht erhält. Das ist so ein Stückchen "altes Westberlin", das überlebt hat! Und natürlich an die Leute vom Traditionsbus - *verneig* - Ihr macht eine großartige Arbeit, wunderbar, ganz großen Dank!

  13. 7.

    Ein sehr schöner Bericht. Ich fahre oft und gerne mit dem Oldtimer über die Havelchaussee, ganz entspannt und gemütlich.

  14. 6.

    Lieber Lothar, ich wünsche Ihnen für Ihren Trip viel Spaß und ein paar erholsame Stunden. Ein Lokal für ein gutes Eisbein kann ich Ihnen leider nicht empfehlen, sollten Sie jedoch über kladow die Heimreise antreten, gibt es dort ein wunderbares Restaurant direkt am Wasser. Kapitäns Kajüte in Kladow. Heimischer Fisch....lecker.Liebe Grüße Heike

  15. 5.

    Liebe Heike.
    Genau diesen Gedanken hatte ich sofort beim Lesen des Artikels. Werde noch vor Weihnachten eine Spritztour unternehmen. Vielleicht kann ich ja auch irgendwo einkehren um einmal im Jahr ein gutes Eisbein Essen zu schlemmen.

  16. 4.

    Ein sehr schöner Bericht über eine tolle Tour die sich wirklich lohnt. Wir fahren diese Tour ein paar mal im Jahr und das bei jedem Wetter. Ich kann es nur empfehlen.;-)
    Ein Abstecher auf die Pfaueninsel und dann vom Wannsee mit der BVG Fähre zurück nach Gladow. Schöner Tagesausflug.

  17. 3.

    Die alten Busse sind nicht behindertengerecht, dafür müssten Sie auf den "normalen" BVG Bus ausweichen.
    Beim Oldtimer wird es schon mit einem Kinderwagen schwierig, Rollstuhlbeförderung ist da so gut wie unmöglich.

    https://www.traditionsbus.de/linie_218.htm

  18. 2.

    Guten Morgen,
    eigentlich ist mir bis heute noch nicht klar (Ü60) warum "WOCHENTAGS" Mo-Fr ist. Der Sa und So sind doch auch Wochentage.

    Lieber rbb|24, danke für diesen Bericht. Nehmre mir vor, mit meinen behinderten Partner, diese Bustour zu machen. Ich hoffe der Oldtimer ist behindertengerecht.

  19. 1.

    Find ick jut.

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