Symbolbild: Eine Seniorin hält einen Telefonhörer an ihr Ohr. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
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Audio: Inforadio | 18.11.2019 | Anna Corves | Bild: dpa-Symbolbild/Britta Pedersen

Wenn Alleinsein krank macht - Eine Hotline gegen die Einsamkeit

Menschen, die sich einsam fühlen, empfinden Weihnachten oftmals nicht als ruhig und besinnlich, sondern als traurig und düster. Ein Verein aus Berlin-Pankow bietet seit einiger Zeit eine Hotline an, um Wege aus der Einsamkeit heraus aufzuzeigen. Von Anna Corves

"In diesem Jahr war ich auf acht Beerdigungen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Das ist grauenvoll. Es gibt wenige Menschen, mit denen man noch Kontakt hat." Diese traurigen Worte wollen auf den ersten Blick nicht zu der Frau passen, die sie äußert: Eveline Harder sieht blendend aus mit ihren 77 Jahren. Sie ist elegant gekleidet, dezent geschminkt, fröhlich und wortgewandt. Wenn sie über ihre zahlreichen Ehrenämter spricht, wird einem schwindelig. Aber sie fühlt sich einsam.

Sie lebt alleine, an Wochenenden schweigt ihr Telefon. Besonders deutlich spürt sie das an Festen wie Weihnachten. Vor ein paar Jahren hatte sie sich für Heiligabend extra eine Karte in einem Kino mit Festtagsprogramm gekauft, um nicht alleine zu Hause zu sitzen. Ein schöner Abend sollte es werden, mit Filmvorführungen und festlichem Büffet. Aber die anderen Besucher waren in kleinen Grüppchen da, unterhielten sich, tauschten Geschenke aus. "Ich stand mit meinem Glas Sekt mutterseelenalleine da und bin heulend nach Hause gefahren."

Manche sprechen tagelang mit niemandem

Im vergangenen Jahr hörte Harder vom neu gegründeten Verein Silbernetz [silbernetz.org] in Pankow und beschloss, dort zu helfen. Silbernetz bietet einsamen Menschen ab 60 in Berlin eine kostenlose und anonyme Hotline (0800 - 4 70 80 90). Von morgens um 8 bis 22 Uhr finden Redebedürftige hier Ansprechpartner - feste Mitarbeiter oder Ehrenamtliche wie Eveline Harder.

"Oft wollen die Anrufer nur Alltägliches teilen", sagt sie. Erzählen, wie der Tag war, was es zu essen gab. Andere brauchen lebenspraktischen Rat, in Behördenfragen zum Beispiel. Bei manchen klingt auch große Verzweiflung durch. Wie bei dem älteren Herrn, der Eveline Harder eines Tages anrief. Er hatte sehr zurückgezogen mit seiner Ehefrau gelebt, ohne Kontakte zu Nachbarn oder Bekannten. Seine Frau war ein halbes Jahr zuvor gestorben. "Er kümmerte sich gerade darum, dass er in die gleiche Grabstätte kommt wie sie. Er hat sehr, sehr geweint am Telefon, war sowas von hilflos."

Nach solchen Gesprächen geht Harder manchmal kurz in den Garten hinter dem Vereinsbüro, um durchzuatmen. Wenn sie den Eindruck hat, jemand braucht dringend psychologische, medizinische oder sonstige Hilfe, versucht sie, den Anrufer an entsprechende Fachstellen zu vermitteln. Die Einsamkeit beenden könne sie zwar nicht, sagt sie. Aber viele Anrufer seien inständig dankbar, dass ihnen einfach zugehört wird, und sie nach Tagen des Schweigens mal wieder sprechen können.

Eveline Harder (Quelle: Anna Corves)
Bild: Anna Corves

Wenn Mitdreißiger allein zu Hause sitzen

Seit Gründung der Hotline vor einem Jahr wurden bei Silbernetz schon 9.000 Gespräche geführt. Angerufen haben aber drei- bis viermal so viele Menschen. Um diesen Bedarf abzudecken, reichen die Mittel des Vereins nicht aus. Einsamkeit übt einen hohen Leidensdruck aus, weiß Eveline Harder aus eigener Erfahrung. Einsame Menschen sind oft traurig, schlafen schlecht, grübeln viel. Es ist ein Gefühl von Wertlosigkeit, das auch zu Verwahrlosung führen kann.

Ulfert Hapke untersucht am Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin die Auswirkungen von Einsamkeit. "Die Depression kann dann wiederum die Einsamkeit befördern, weil man weniger Antrieb hat rauszugehen, auf andere Menschen zuzugehen." Es ist ein Teufelskreis.

Einsamkeit kann außerdem chronischen Stress auslösen – und der erhöht nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf- sowie Skelett-Muskelerkrankungen. Umfragen zufolge empfinden sich etwa sechs Millionen Deutsche als einsam. Oft sind es ältere Menschen, die das aktive Berufs- und Familienleben bereits hinter sich haben. Quer durch alle Altersgruppen scheint es aber an vermeintlichen Sollbruchstellen im Leben ein erhöhtes Risiko zu geben. Etwa wenn eine junge Frau für die erste Stelle in eine fremde Stadt zieht. Oder der Mittdreißiger nach der Arbeit alleine zu Hause sitzt, während die Kollegen eine Familie gründen.

Einsamkeit ist oft mit Scham verbunden

Hinzu kommt: Betroffenen fällt es oft sehr schwer, über ihre Einsamkeit zu sprechen. "Sie wird als Makel empfunden, als persönliche Unzulänglichkeit", sagt Hapke. Die Psychiaterin Iris Hauth bestätigt das. Sie hat in diesem Jahr die Berliner Aktionswoche Seelische Gesundheit mitinitiiert, die unter die ihren Schwerpunkt beim Thema Einsamkeit gesetzt hat. "Unsere Gesellschaft ist leistungsorientiert, kommunikativ, jeder ist vernetzt, auch in den sozialen Medien", sagt Hauth. "Wenn jemand das nicht ist, fühlt er sich schnell als Versager."

Dieses Tabu zu brechen, sei wichtig, sagt die Psychiaterin. Denn erst dann sei auch ein Ausweg aus ihr möglich. "Man muss sich selbst gegenüber eingestehen: Ich bin einsam, das macht mich unglücklich und krank." Der nächste Schritt wäre zu überlegen, ob es vielleicht frühere Netzwerke gibt, an die man anknüpfen kann: ehemalige Schulfreunde, alte Bekannte. "Falls nicht, könnte man prüfen, was es im Kiez für Angebote gibt, die die eigenen Interessen treffen, Sport oder Musik zum Beispiel."

Auf solche Möglichkeiten in der Nähe des Wohnumfelds verweisen auch Ansprechpartner von Silbernetz ihre Anrufer. Eveline Harder hat jede Menge Informationsmaterial neben ihrem Telefon liegen, für Kieztreffs zum Beispiel. Sie selbst konnte durch den Verein Wege  aus ihrer Einsamkeit finden. Für ihren ersten Einsatz an der Hotline hatte sie bewusst Heiligabend vor einem Jahr gewählt. Vom 23. Dezember bis 1. Januar sind die Telefone rund um die Uhr besetzt - auch in diesem Jahr. Als sie nach der Nachtschicht am 1. Weihnachtsfeiertag zurück nach Hause fuhr, war sie glücklich: "Aus den Gesprächen kommt was zurück. Ich fühle mich dann gebraucht. Ich spüre, ich bin nicht allein."

Sendung: rbb Praxis, 04.12.2018, 20.15 Uhr

Beitrag von Anna Corves

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3 Kommentare

  1. 3.

    JA, das kann ich gut nachvollziehen.
    Kann aus eigener Erfahrung nur empfehlen, möglichst eine Traumatherapie zu machen.....
    Denn darin geht es um die Vergangenheit, die uns heute noch tief in den Knochen sitzt !

  2. 2.

    Wie ärgerlich, dass Sie die Rufnummer vom Silbernetz nicht im Bericht, und nur im Text auf Ihrer Seite benennen - das ist die wichtigste Informaton, die ich brauche, um dort jemanden zum Reden zu finden, Die Älteren, die nicht im Netz unterwegs sind, müssen sich da glatt veralbert fühlen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Lotte

  3. 1.

    Mit anderen Worten: Eine Hölle ist die Einsamkeit.

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