19.10.2019: Rotauge (Plötze) in den Maschen eines Netzes (Quelle: ZB/Patrick Pleul)
Bild: ZB/Patrick Pleul

"Weißfischbefischung" in Berlin - Fische fangen für die Tonne

Tonnenweise Fische lässt das Land Berlin jedes Jahr aus Flüssen und Seen fangen - um sie wegzuwerfen. Sinn der Maßnahme sei es, die Wasserqualität zu verbessern, heißt es. Tierschützer fordern einen Stopp der "Weißfischbefischung". Von Friederike Steinberg

Im Auftrag des Landes Berlin werden jedes Jahr tonnenweise Fische gefangen und weggeworfen. So holten im Jahr 2019 Fischer im Auftrag des Landes 43,4 Tonnen Fische aus Berliner Gewässern, die dann getötet und in Biogasanlagen entsorgt wurden. Das geht aus Zahlen der Senatsverwaltung für Umwelt hervor (Stand: 03. Dezember).

In den zurückliegenden Jahren lagen die Mengen noch darüber - bis vor drei Jahren waren es sogar meist über 100 Tonnen. Insgesamt 1.295 Tonnen sogenannter Weißfische wurden seit 2008 gefangen. Als Weißfische werden verschiedene, meist silberglänzende Karpfenarten bezeichnet, beispielsweise Brassen, Rotfedern oder Rotaugen.

Die Senatsumweltverwaltung begründet diese "Weißfischbefischung", die es bereits seit etwa 40 Jahren gibt, mit einer Verbesserung der Wasserqualität. Tierschützer dagegen kritisieren das Töten und Wegwerfen abertausender Fische.

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Hintergrund des Ganzen sind Umweltprobleme, die die Fische zwar nicht ursächlich ausgelöst haben, für die sie aber am Ende ihr Leben lassen. Im Detail geht es um die Überdüngung von Gewässern.

Gelangen viele Nährstoffe in Flüsse und Seen, wachsen dort Algen und Wasserpflanzen besonders stark - zum Beispiel wenn mit Fäkalien, Dünger oder Waschmittel die Stoffe Phosphor und Stickstoff ins Wasser gespült werden. Die vielen Algen entziehen dann anderen, empfindlicheren Pflanzen- und Tierarten den lebensnotwendigen Sauerstoff. Kleine Krebse (das Zooplankton) könnten die Algen zwar eindämmen, sie stehen aber - und hier kommen die Weißfische ins Spiel - auf deren Speiseliste.

Rotfeder oder Unechtes Rotauge (Quelle: imago-images.de)
Die Bezeichnung Weißfische (hier eine Rotfeder) geht auf die silbrig glänzenden Schuppen zurückBild: imago stock&people

Weißfische leben natürlicherweise in den Berliner Gewässern, seien aber auch hart im Nehmen, erklärt Robert Arlinghaus, Fischbiologe am Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). "Sie können sich in fast allen Gewässern reproduzieren." Auch in überdüngten Gewässern vermehren sich Brassen oder Rotfedern munter und fressen dann in großer Zahl das Zooplankton weg.

Aus dem Wasser in die Tonne

Die kleinen Krebse seien aber wichtig als "Biofiltrierer" in überdüngten und veralgten Gewässern, heißt es in einer Antwort der Senatsverwaltung auf die Anfrage des Grünen-Abgeordneten Stefan Taschner vom Februar 2019 [pardok.parlament-berlin.de]. Daher sei es bisher wichtig gewesen, die Fische wegzufangen. "Die Weißfischentnahme führte zu reduziertem Fraßdruck auf Zooplankton und damit zur Förderung von Kleinkrebsen", stellt die Senatsumweltverwaltung fest.

Also heißt es "Fische schreddern": Die Tiere werden mit Netzen und Reusen gefangen, "sachgerecht getötet" und dann zu den Biogasanlagen gefahren. Entsorgt werden die eigentlich essbaren Fische, weil sie - wegen ihrer vielen Gräten - als Speisefisch nicht beliebt sind.

"Ethisch nicht vertretbar"

Tierschützer kritisieren das. So heißt es in einem bisher nicht veröffentlichten Positionspapier der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Tierschutzpolitik der Grünen von Ende Oktober: "Die unverhältnismäßige Vernichtung so großer Fisch- bzw. Nahrungsmengen ist ethisch und vor dem Hintergrund des Tierschutzes nicht vertretbar."

Wenn die Gewässer immer wieder neu verschmutzt würden, könne das Problem nicht dadurch gelöst werden, Fische zu fangen, heißt es. "Das Ausfangen von Weißfischen in Fließgewässern ist bei fortlaufendem Nährstoffeintrag ökologisch wirkungslos." Die Weißfischbefischung sollte "schnellstmöglich" beendet werden, sollte sie "bei fortlaufendem Nährstoffeintrag keine wissenschaftlich zweifelsfrei belegte Wirkung" haben.

"Es ist eine Symptombekämpfung"

Fischbiologe Arlinghaus bezweifelt grundsätzlich nicht, dass das Abfischen die Gewässer klarer machen kann. Das Eingreifen in Nahrungsketten - also Biomanipulation - könne sinnvoll sein, sagt er. "Es gibt eine Reihe von Studien, die zeigen, dass das auf die Erhöhung der Wassersichtigkeit wirkt." Aber er betont auch: "Es kann die Ursache nicht abstellen, es ist eine Symptombekämpfung."

In Berlin laufe beispielsweise immer wieder die Mischkanalisation der Innenstadt über, ungefiltert würden dann Exkremente in die Spree abgeleitet. "Da kommt an einem Tag so viel Phosphor rein - da kannst du gar nicht gucken", so Arlinghaus wörtlich.

Berlin brauche unter anderem eine bessere Kanalisation. Die Ufer müssten eigentlich auch so umgebaut werden, dass nur wenig Fremdstoffe eingetragen werden. "Es gibt 1.000 Möglichkeiten", sagt Arlinghaus. Diese seien aber in der Stadt oft schwierig umzusetzen - und auch teuer.

Befischung kostet Zehntausende Euro jährlich

Geld ist allerdings da - denn auch die Befischung kostet: So flossen dafür laut Senatsumweltverwaltung allein im Jahr 2018 mehr als 49.000 Euro an sieben Fischereibetriebe.

Die LAG Tierschutzpolitik fordert daher, dieses Geld könnte stattdessen "für andere, direkt Natur und Gewässer aufwertende Maßnahmen verwendet werden". Möglich sei es zum Beispiel, durch Renaturierungsmaßnahmen Raubfische zu fördern, die die Kleinbarsche dann auf natürliche Weise dezimieren. Wird schon gemacht, wiegelt die Senatsverwaltung ab: Raubfische oder fischfressende Wasservögel könnten die Weißfischbestände aber nicht alleine in den Griff kriegen.

Herbert Lohner, Naturschutzreferent des BUND, weist jedoch darauf hin, dass sich die Qualität der Gewässern im Vergleich zu den 1980er deutlich verbessert habe. Da könne man die Befischung, je nach Zustand des jeweiligen Gewässers, durchaus in Frage stellen. Die Fischereibetriebe, die bis jetzt durch das Abfangen verdient hätten, könne man ja auch einbeziehen und fragen: "Wie kann man die Fischereibetriebe dafür entlohnen, dass sie etwas für den guten Zustand der Gewässer machen?"

Und während Berlin noch nach Ideen sucht, isst Brandenburg längst

Dass die Wasserqualität in den Berliner Seen und Flüssen zuletzt besser geworden sei, bestätigt die Senatsumweltverwaltung - und zeigt auch Bereitschaft, die Weißfischbefischung zumindest weiter runterzufahren: "Die derzeitige Gewässersituation lässt aber eine langsame Abnahme der beauftragten Menge zu", heißt es. Der Senat untersuche zurzeit die "Effekte der Weißfischentnahme" und "diskutiert eine eventuelle Neuregelung der Befischung für bestimmte Gewässerabschnitte in Kombination mit anderen Maßnahmen und Abwägung des Tierschutzes". "Neuregelungen", teilte Sprecher Derk Ehlert im Dezember rbb|24 mit, seien "aber noch nicht endgültig festgelegt oder umgesetzt".

Fischer Wolfgang Schröder zeigt am 03.03.2016 in Strohdene (Brandenburg) eine frischgefangene Brasse (Quelle: dpa-Zentralbild/Bernd Settnik)
Fischer Wolfgang Schröder mit gefangener Brasse | Bild: dpa-Zentralbild/Bernd Settnik

Dass die Tonnen an Fisch in Berlin solange wenigstens sinnvoll verwendet werden, scheint allerdings nicht in Sicht: Bisher habe sich "kein nachhaltiger Vermarktungszweig für Weißfische etabliert", heißt es von der Umweltverwaltung. Noch werde in Berlin nach einer Idee für eine "innovative Nutzung als Futtermittel oder als aufbereitetes Lebensmittel" gesucht.

Vielleicht könnte es helfen, zur Ideenfindung den Blick einmal über die Grenzen der Start-up-Haupstadt hinaus zu werfen: Im brandenburgischen Strohdehne (Havelland) fängt Fischer Wolfgang Schröder seit Jahren Brassen und Rotaugen und verkauft sie. Filetiert, geräuchert - oder als Burger.

Beitrag von Friederike Steinberg

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20 Kommentare

  1. 20.

    Auch hier ist mal wieder die Überdüngung das Problem, weshalb Lebewesen an anderer Stelle büßen müssen. Wann wird endlich was gegen diese Misswirtschaft getan ? Wann sind die Landwirte endlich mal einsichtig ? Wie oft müssen immer und immer und immer wieder dieselben Probleme auftreten ? Warum muß erst immer Alle eskalieren, bevor etwas geschieht ? Sieht so Intelligenz aus ? Hmmmmmm .....

  2. 19.

    Das wäre die Lösung für alle Umweltprobleme allgemein. Statt dessen wird das Wachstum der Bevölkerung aber auf vielfältige Weise gefördert. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

  3. 18.

    Und um überhaupt was zu Essen zu haben. Denn mit reiner Biolandwirtschaft, die bekanntlich und logischerweise geringere Erträge bringt, bekommt man die vielen Menschen der Erde nicht satt.

  4. 17.

    Als zwei tief in der Berliner Anglerszene verwurzelte Naturfreunde freut uns die angeregte Diskussion.
    Natürlich ist es unstrittig, dass die Entnahme von Fischen eine Maßnahme zur Nährstoffreduktion ist. Es ist eine Symptombekämpfung und keine Ursachenbekämpfung, das ist richtig, aber auch bei Erkrankungen des Menschen lindern wir gern parallel zur Heilung die Symptome. Darin sollte man nichts Verwerfliches sehen. Es ist wünschenswert, die entnommenen Weißfische einer Verwertung als Nahrungsmittel zuzuführen. Seit Jahren setzen wir uns für die Verwendung von Weißfischen als Nahrungsmittel ein. Ausführlichere Kommentare zum Artikel finden Sie unter https://www.ziel-fisch.de und www.vdsfberlinbrandenburg.de

  5. 16.

    Vielen Dank an den rbb und Friederike Steinberg für das Aufgreifen des Themas.

    Unser Positionspapier ist semi-"veröffentlicht" da es bereits über die öffentliche Mailing-Liste der Landesarbeitsgemeinschaft ging, und natürlich an die Funktionsträger*innen in Abgordnetenhaus und an die Senatsverwaltung.

    => Für alle gibt es das Positionspapier als pdf-Dokument auf der LAG-Homepage zu lesen unter gruenlink.de/1d1z

    Schön jetzt von Dirk Erhlert via rbb zu hören, dass "Neuregelungen" stattfinden könnten - auf Basis des Tier- und Naturschutzgesetzes, und einem klaren wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen Gewässergüter und Befischung.

  6. 15.

    Mal akzeptiert das abfischen sein muss.
    1500 LKW Ladungen Fischmehl für Hühner- SchweineZucht ja selbst für unsere Zugvögel, Tierheime und in gewissem Umfang auch für uns Menschen in besonderen Notsituationen,
    eine Verwertungsmöglichkeit,
    ja selbst die Methoden des Fischer Schröder ist alles besser als Verbrennung. Wenn auch vielleicht etwas teurer.

  7. 14.

    Angler, wenn Sie Angler sind - machen Sie einen besseren Vorschlag, Sie kennen sich doch bestimmt in der Materie aus.
    Man kann natürlich auch warten, bis die Fischpopulation zusammenbricht, die Ökosysteme in den Gewässern kippen...

  8. 13.

    Tiere zum Wegschmeißen zu töten ist nicht nur unehrenhaft sondern auch nach dem Tierschutzgesetz verboten...

  9. 12.

    Frisst Ihre Katze wirklich 43 Tonnen Fisch pro Jahr? : )
    Sie können doch jederzeit Kontakt mit einem Fischer aufnehmen und fragen, ob Sie etwas von dem, was der Fischer als Beifang aus dem Wasser holt, für sich oder die Mieze bekommen können.
    Bei dem Weißfisch aus Berliner Gewässern würde ich aber trotzdem erstmal eine Probe in ein Labor schicken und überprüfen lassen, was da so an Schadstoffen drin ist. Wenn ich im Artikel davon lese, dass bei überforderung der Berliner Kanalisation auch Exkremente ins Wasser gelangen - Guten Appetit allerseits.

  10. 11.

    Wenn ich diese Methode kritisiere, sollte ich auch nicht vergessen, dass die Überdüngung der Gewässer auch indirekt durch mich mit verursacht ist. Die intensive Landwirtschaft ist von mir als durchschnittlicher Verbraucher gewollt oder mindestens geduldet, um Preise und Arbeitsplätze zu erhalten.

  11. 10.



    Der Mensch macht die Umwelt kaputt und Tiere müssen es in jeder Hinsicht ausbaden.... Das wird in die Geschichte eingehen.





  12. 9.

    Gibt es denn keine Zoos, die wenigstens einen Teil abnehmen könnten? Oder fressen selbst Zootiere die
    Andererseits ist in Anbetracht dessen, dass die Menge in den letzten Jahren deutlich abnahm und die Wasserbetriebe bereits dabei sind, Regenauffangbecken zu bauen (das braucht Zeit, Platz und Geld), die Anfrage der Grünen an ihr eigenes Ressort mal wieder eine Nebelkerze. Es wird wieder ein völliges Verbot gefordert anstatt mal eine Lösung anzubieten. Wo sind z.B. die per Solarstrom betriebenen Luftpumpen, die mal aufgestellt werden sollten, um mehr Sauerstoff in die Gewässer zu bekommen.

    @rbb: "... die die Kleinbarsche dann auf natürliche Weise dezimieren." ist das ein Versehen Ihrerseits oder die Aussage der LAG Tierschutz?

  13. 8.

    Tierfutter. Sorry, aber selbstverständlich kann man aus Weißfisch hochwertiges Futter machen - Tierfutter. Wenn man bisher die Befischung und Entsorgung eh bezahlen muss, kann man den gefangenen Fisch doch getrost verschenken und spart die Entsorgung. Meine Katze liebt Fisch. Ich auch. Wobei eher Goldbrassen (Dorade) und eher nicht Plötze, Blei, Rotfeder und die olle heimische Brasse.

  14. 7.

    Mag ja sein, dass das Land Berlin im letzten Jahr 49.000 Euro an Fischereibetrieb für die Weißbefischung gezahlt hat... aber zu schreiben "Geld ist allerdings da" nachdem darauf hingewiesen wurde, dass der Umbau der (Jahrhunderte alten) Kanalisation in der Berliner Innenstadt teuer wäre, ist doch Quatsch. Eine neue Kanalisation - ob nun notwendig oder nicht - würde Millionen Euro verschlingen und nicht wenige Zehntausend Euro.
    Und mal abgesehen davon, ist der Spin des Artikels auch nur schwer nachvollziehbar, wenn die Zahlen doch zeigen, dass die Weißbefischung zuletzt nur ein schwaches Drittel von dem Gewicht hat, wie noch 2008.

  15. 6.

    Jetzt mal Klartext: Wer von denen, die die getöteten und entsorgten Fische als Lebensmittelverschwendung anprangern, hat schon mal Brasse, Rotfeder oder Rotauge gegessen? Und wenn ja, hat es geschmeckt oder habt ihr Euch beim Gräten puhlen hungrig gegessen - letzteres habe ich in Erinnerung.
    Die Fische als Fischmehl in die Tierfütterung geben - gibt es denn Haustiere, die solche Mengen an Fischmehl überhaupt vertragen?Ich bin generell auch gegen jede Verschwendung, insbesondere von Lebensmitteln. Aber diese Fische würde ich nicht essen wollen.
    Ich weiß aber, dass sie sich beim Vorfinden günstiger Lebensbedingungen gradezu unbegrenzt vermehren können. Das kann in stehenden Gewässern soweit gehen, dass ein Teich "kippt" und dann voll mit toten Fischen erbärmlich vor sich hin stinkt. Die Weißbefischung ist eine Symptombekämpfung, aber unter den gegenwärtigen Bedingungen leider notwendig.
    Dem Brandenburger Fischer wünsche ich viel Erfolg bei seiner Geschäftsidee!

  16. 4.

    Sind doch nur Fische, nicht mal genießbar, selbst schuld warum haben die auch Gräten ? Weg damit, haben keine Lebensberechtigung!

  17. 3.

    Die Symptome statt der Ursache zu bekämpfen, ist auch das Geheimrezept von Frau Lompscher. Anstatt wegen der Wohnungsknappheit zu bauen, will sie Mieten senken.

  18. 2.

    Was für eine Verschwendung von Leben und Nahrungsmitteln... Warum wird denn kein Tierfutter / Fischmehl aus den Fischen gewonnen, wenn sie schon getötet werden "müssen"?

  19. 1.

    Absurd. Vielleicht sollte man den Menschen entfernen. Dann ist auch das Wasser wieder sauber und die Fische dürfen überleben.

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