Virchow-Klinikum (Quelle: dpa)
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Notfall Kindermedizin - Kinderklinik der Charité muss immer öfter Patienten abweisen

Die Kindernotfallversorgung am Virchow-Klinikum der Charité konnte in diesem Jahr schon mehr als 700 Patienten nicht stationär aufnehmen - ein deutlicher Anstieg. Fast 120 Kinder mussten sogar in Kliniken außerhalb der Stadt verlegt werden. Von Lisa Wandt und Markus Pohl

Die Mängel in der Kindernotfallversorgung am Campus Virchow-Klinikum der Charité nehmen dramatische Züge an. In diesem Jahr konnten bis Ende November bereits 775 Kinder trotz einer medizinischen Indikation nicht stationär aufgenommen werden. Diese mussten in andere, meist weniger qualifizierte Kliniken, verlegt werden. Das geht aus einer Antwort der Senatsverwaltung für Gesundheit auf eine Schriftliche Anfrage des Berliner CDU-Abgeordneten Adrian Grasse hervor, die dem ARD-Politikmagazin Kontraste vorliegt.

Für die meisten abgewiesenen Patienten fand sich ein Bett innerhalb Berlins. 119 Kinder mussten aber in Krankenhäusern außerhalb der Stadt untergebracht werden, der Großteil davon in Bernau und Eberswalde. Das geht aus der Antwort auf die Anfrage hervor.

Deutlicher Anstieg innerhalb weniger Jahre

Wie besorgniserregend die Entwicklung ist, zeigt ein Blick zurück: 2016 waren es nach Kontraste-Recherchen erst 522 Kinder, die das Virchow-Klinikum der Charité nicht aufnehmen konnte. Seitdem ist die Zahl der abgewiesenen Patienten um knapp 50 Prozent angestiegen.

"Es ist völlig indiskutabel und unverantwortlich, wenn behandlungsbedürftige Kinder abgelehnt werden, gerade wenn sie schwer oder lebensbedrohlich erkrankt sind", sagte Grasse gegenüber Kontraste.

Der Grund für die vielen Abweisungen ist nach Angaben des Senats vor allem der zunehmende Pflegemangel. Eine Sprecherin der Charité bestätigte das auf Anfrage, verwies aber auch auf andere Gründe - etwa das es in Berlin mittlerweile mehr Kinder gäbe. Formal reichen die Betten in Berlin aus, es fehlen jedoch genügend qualifizierte Pfleger und Krankenschwestern, um die Kinder zu betreuen. Wegen des akuten Personalmangels nimmt die Kinderkrebsstation an der Charité derzeit überhaupt keine neuen Patienten mehr auf.

Ärzte-Vertreter warnen vor Folgen der Unterversorgung

Vor einigen Wochen sagte Marcus Mall, Direktor der Kinderklinik an der Charité, dem ARD-Magazin Kontraste, dass in früheren Jahren abgewiesene Familien noch weitere Wege auf sich nehmen mussten, als es heute der Fall ist. "Im Einzelfall mussten wir Kinder bis nach Rostock und Stralsund bringen", sagte er im November. "Mit der Folge für die Familien, ein zum Teil kritisch krankes Kind in einer weit entfernten Klinik zu haben."

Kinderärzte verwiesen damals darauf, dass die Versorgungsprobleme an hochspezialisierten Universitätskliniken wie der Charité bei schwer kranken Kindern lebensbedrohliche Folgen haben können. Alex Rosen, Vorstand von Ärzte in sozialer Verantwortung, sagte: "Die schlimmste Auswirkung ist, dass Kinder, die eigentlich auf eine Intensivstation gehören, dort keine Kapazität finden und deswegen auch versterben."

Beitrag von Lisa Wandt, Markus Pohl

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16 Kommentare

  1. 16.

    Ich möchte mal wissen wervon den ganzen hier lamentierenden und meckernden bereit wäre 10% und mehr seines Einkommens für eine bessere Versorgung bereitzustellen?
    Weil wo soll's denn am Ende her kommen das Geld, aus dem schlaraffenland?

  2. 15.

    Wo gehen die privat zahlenden Kinder eigentlich hin, wenn sie so eine Krankheit bekommen? Gibt es für diese irgendwo eine Abteilung ohne Personalnotstand und Wartezeiten? In vielen anderen Bereichen ist es ja so.

  3. 13.

    " Seitdem ist die Zahl der abgewiesenen Patienten um knapp 50 Prozent angestiegen. "

    und was ist die Ursache ? und was Grasse dazu sagt, das Übliche , geschenkt

  4. 12.

    " Der Herr Spahn scheint zu schlafen "

    er bemüht sich doch Pflegekräfte in Mexiko !! anzuwerben , Deutschkenntnisse egal , ob erfolgreich wird natürlich nicht berichtet, wozu auch

  5. 11.

    und trotzdem gibt es auch dort Personalmangel , und das wird sich wohl auf längere Sicht nicht ändern.

  6. 9.

    Was sich im Gesundheitswesen abspielt ist nicht zu glauben.
    Das viele Medikamente nicht mehr vorhanden sind, ist schon schlimm genug.
    Aber nun auch noch die Kleinsten so schlecht zu behandeln ist wirklich nicht mehr zu entschuldigen.
    Der Herr Spahn scheint zu schlafen
    Eine Schande, in einem angeblich so reichem Land.

  7. 7.

    Gehen sie in andere Fachbereiche hinein, sie werden Ähnliches erleben. Die Politik kennt die Probleme und schaut zu. Wir haben eine Zweiklassenmedizin und die Ausbeutung der Pflegekräfte.

  8. 6.

    Dem Roman sei gesagt, die Zustände haben nichts mit Kommunismus, sondern mit Kapitalismus zu tun! Diese Zustände sind das Ergebnis der Profitjäger im Gesundheitswesen. Diese Zustände findet man in Großbritannien seit vielen Jahren. Das Gesundheitswesen gehört in gesellschaftliche Verantwortung, so wie es schon lange in Deutschland war. Die Privatisierung hat dazu geführt, dass die Profite in privaten Taschen wandern und dem Gesundheitssystem entzogen werden. Das heißt Gesundheitsleistungen werden gekürzt und das Geld in private Taschen gesteckt.

  9. 5.

    Ich mag nicht schadenfroh verstanden werden:

    Wer eine Klinik oder den medizinische Sektor aus der Staatshand gibt, wird mit solchen Entwicklungen konfrontiert.

    Die Kliniken müssen Umsatz erwirtschaften und zwar steigend.

    Es ist beschämend, dass niemand für die heutigen Zustände zur Verantwortung gezogen werden kann.

    All die verbrannten Pfleger*innen, Ärzte und Patienten....

    Aber das muss es uns ja wohl wert sein, weil staatlich organisierter Medizinsektor ja blanker Kommunismus ist.

  10. 4.

    Das wundert mich überhaupt nicht! Wir mussten leider mit unsere Tochter zwischen 2007 und 2018 fünfmal in die chirurgische Kinderstation der Charite jeweils für eine Woche und es war jedesmal megaüberfüllt! Wir waren mit zwei Kindern und zwei Müttern/ Eltern, die auch dort dann mitgeschlafen haben, um die Babys/ Kinder optimal versorgen zu können zu viert in einem Einzelzimmer (so war es wohl mal vom Architekten geplant worden...). Um ins Bett zu kommen, mussten wir teilweise über Sachen klettern, einen Kinderwagen oder Buggy braucht man dann ja auch im Zimmer. Es war schrecklich. Die Schwestern waren komplett überfordert und haben nur die absolute Grundversorgung hinbekommen. Dies war aber nicht ihr Fehler, sondern Teil des Personalproblems. Wir haben als Mütter zahlreiche Pflegeleistungen wie z.B. sondieren übernehmen müssen, um die Versorgung unserer Kinder zu gewährleisten. Es ist unvollstellbar, dass dies in einer so reichen Gesellschaft derartige Mängel im Gesundheitssystem gibt!

  11. 3.

    Eine wahrhaft traurige Weihnachtsgeschichte, dem Säulendiagramm nach bereits das vierte Jahr in Folge. Liegt es wirklich an fehlendem Pflegepersonal? Stehen viele Zimmer wirklich leer, weil sie nicht bewirtschaftet werden können? Gehen die Ärzte jeden Tag früher nach Hause, weil die Betten sowieso nicht belegt werden können? Sind Apparaturen und OP's in ausreichender Zahl vorhanden? Stehen wirklich genügend Investitionsmittel zur Verfügung, wobei auch das Vorhandensein von Pflegepersonal eine Frage von Investitionen ist? Oder fehlt es an viel mehr?

  12. 2.

    Ja, die Intensiv-und onkologischen Stationen sind lebenswichtige Stationen mit schwerkranken Kindern, aber nirgends wird berichtet, dass gesperrte Betten dort dazu führen, das nicht ganz so kranke Kinder von dort auf "Normal"stationen liegen müssen, die genauso an Personalmangel leiden und auf denen trotzdem keine Betten gesperrt werden. Zusätzlich sind dort die Pflegekräfte keine Profis in bestimmten Krankheitsbildern. Kollegen, die von Stationen (ob aus dem Erwachsenenbereich oder in der Kinderklinik)abgezogen werden um Lücken auf hochbrisanten Stationen zu füllen, fehlen in den eigenen Reihen. Darüber berichtet jedoch niemand. Auf JEDER Station fehlt Pflegepersonal, sowie Ärzte, Putzfeen usw.Mehr Geld lässt Menschen keine Arme und Beine wachsen. Es muss eine Struckturänderung geben und ein Umdenken in der Kranken Welt.

  13. 1.

    Wenn selbst die Kleinsten unter uns nicht mehr medizinisch erstversorgt werden können, dann wird die Zukunft recht duster!

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