David N. vor dem von ihm bewohnten <<tiny house>>. (Quelle: rbb/Tobias Hausdorf)
Audio: Inforadio | 28.11.2019 | Tobias Hausdorf | Bild: rbb/Tobias Hausdorf

Tiny Houses für Obdachlose - "Die Tür aufzumachen und ein Bett zu sehen, war abgefahren"

Seit zwei Monaten lebt David Nitschkowsky in einem winzigen Tiny House – es ist eins von 40 seiner Art, die der Verein "Little Home" in Berlin aufgestellt hat. Bis er einziehen konnte, hatte er viele Jahre Obdachlosigkeit hinter sich – und die waren alles andere als leicht. Von Tobias Hausdorf

Alle paar Minuten fliegt ein Flugzeug über den Schäfersee im Norden Berlins. David Nitschkowsky steht neben einer Parkbank. Die war bis vor einigen Wochen noch sein Schlafplatz in der Nacht. Ruhig schlafen konnte er hier selten, nicht nur wegen der Flugzeuge: Einmal wurde er angegriffen, erzählt der 48-Jährige. Mitten in der Nacht sei er von einem Schlag ins Gesicht geweckt worden, der so heftig war, dass er von der Bank herunterstürzte. Als er wieder aufstand, brummte ihm der Kopf, das Gesicht war blutüberströmt. Mit dem Finger tippt er an einen Schneidezahn. Der wackelt seitdem. Nitschkowsky vermutet, bei dem Angriff ging um Lust an der Gewalt und Hass auf Obdachlose. Geklaut hat ihm der Täter nichts.

Das <<tiny house>>, in dem David N. untergekommen ist. (Quelle: rbb/Tobias Hausdorf)
Das "Tiny House" in dem Nitschkowsky untergekommen ist. | Bild: rbb/Tobias Hausdorf

Drogen, Gefängnis und dann die Parkbank

David Nitschkowsky ist 16, als seine Mutter stirbt. Sein Fußballtrainer gibt ihm Halt, aber als der den Verein wechselt, gerät David aus dem Tritt. Er beginnt zu trinken, nimmt Partydrogen und irgendwann dann auch Heroin.

Seit 29 Jahren David jetzt abhängig - vom Heroin, aber auch vom Alkohol. 2011 kommt er ins Gefängnis, für vier Jahre, da verliert er seine Wohnung. Als er 2015 rauskommt, weiß er nicht weiter. "Wo sollst du denn hin?" fragt er sich. "Du kennst ja nur den Franz-Neumann-Platz und den Schäfersee." Dort, am Schäfersee auf der Bank, bezieht David Nitschkowsky dann sein Quartier.

Im März dieses Jahres wird 70 Meter von Nitschkowskys Bank ein Tiny House aufgestellt, wenige Wochen später ein zweites. In beide ziehen Obdachlose ein. Ein halbes Jahr später wird dann eins der beiden frei, denn seine Bewohnerin Angela findet wieder eine richtige Wohnung. Seitdem wohnt David in dem grün gestrichenen Holzkasten, den Freiwillige vom Verein "Littler Home" aus Euro-Palette, Spanplatte und Holz zusammengeschraubt haben. Es ist eins von 40 Tiny Houses, die der Verein auf Berliner Grünflächen aufgestellt hat.

David N. vor einem Tiny House (Quelle: rbb/Tobias Hausdorf)
"Ich habe ein Bett", sagt Nitschkowsky. "Ich habe Decken, wo ich mich einkuscheln kann - und ich bin hier geschützt." | Bild: rbb/Tobias Hausdorf

"Ich habe Decken, wo ich mich einkuscheln kann"

David Nitschkowsky öffnet die Tür seines Mini-Heims, das außen mit einem Vogelhäuschen und Blumenkästen geschmückt ist. Er betritt den kleinen Raum und knipst das Licht an – den Strom dafür gibt es dank einer kleinen Solaranlage auf dem Dach. Sie ist ein Geschenk seiner Vorgängerin.

An der Holzwand hängen ein Fußballtrikot und ein Zeitungsartikel über die Hertha. Auf dem Fensterbrett stehen Haargel und ein Wecker, aus einer Box schauen acht Deos.

Wenn er sich an die Schlüsselübergabe erinnert, strahlt David Nitschkowsky: "Das war abgefahren", sagt er, "die Tür aufzumachen und das Erste, was ich sehe, ist eine Matratze und ein Bett". Er setzt sich auf die Schlafstelle, die die gesamte Breite des Häuschens ausmacht. Der Raum sei zwar noch nicht mal halb so groß wie eine Gefängniszelle, sagt David, aber für ihn ist es ein richtiges Zuhause. "Ich habe ein Bett. Ich habe Decken, wo ich mich einkuscheln kann - und ich bin hier geschützt."

Allein die Minusgrade machen ihm Sorgen, denn das Mini-Haus ist nicht beheizt. Um sich zu wärmen, trägt David mehrere Pullover und vier Hosen übereinander. Die Kleidungsschichten verdecken, dass er nur 48 Kilo wiegt.  

Vielleicht auch bald ein Zimmer mit Bad

Mit seinem Betreuer von einer Drogensuchtberatung ist er darüber im Gespräch, wie er ganz von der Straße wegkommen kann. In einem Methadonprogramm will er seine Süchte in den Griff bekommen, der Klinikaufenthalt ist schon fest geplant. Außerdem muss Davids Fuß operiert werden, an dem er sich bei einer Auseinandersetzung einen Trümmerbruch zugezogen hat. Seitdem hinkt er.

Solange David in der Klinik ist, wird das Tiny House für ihn freigehalten. Wenn die Operation gut läuft, und wenn er den Entzug schafft, kann er aber vielleicht auch dauerhaft umziehen: In ein Zimmer mit Bad bei der Heilsarmee.

Beitrag von Tobias Hausdorf

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    ... wenn Städte bereit wären, auf gesicherten Grundstücken Tiny Houses oder stapelbare HolzWOHNcontainer - statt Hundehütten - für Obdachlose hinzustellen, wäre das Fortschritt. Dann könnten die Männer und Frauen leichter neu starten, die in Notunterkünften noch bereit sind, sich und ihre Klamotten zu waschen, was andere Einrichtungen auch tagsüber ermöglichen, und die auf Drohgebärden, hinterhältige Manöver, Klauen, ekliges Machogehabe und lautstarkes Gelalle im Hof verzichten. Wäre billiger mit Tinys: erneuerbare Energien, Wasserkreislauf, Kompostklo, ohne Gehälter für studierte Sozialpädagogen, die nur Zimmer mit Leuten vollstopfen und sowas sagen wie 'nehmen Sie das zum Anlass, endlich eine Wohnung zu suchen' (wenn eine drogensüchtige Zimmernachbarin nachts großes Kino macht und man sowieso sucht). Ich war dankbar für den Schlafplatz. Aber dieses 'die Leute sollen sich hier nicht wohlfühlen sondern zusehen dass sie wegkommen' macht es nur schwerer.

  2. 3.

    Frage : Wo wäscht der sich....wo geht er auf die Toilette ?

  3. 2.

    Diese Sache ist ja ganz schön gedacht.
    Aber wenn ich mir vorstelle das viele solcher Häuschen rumstehen, kann ich mir nicht vorstellen das es noch besonders nett aussieht.

  4. 1.

    Viel Glück und alles gute diesem Mann!!

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