Blick in die Leitwarte des Forschungsreaktors BER II (Quelle: dpa/Ludewig)
Audio: rbb|24 | 11.12.2019 | Bild: dpa/Ludewig

Berliner Forschungsreaktor abgeschaltet - Der BER II ist Geschichte

Am Helmholtz-Zentrum in Berlin ist das Ende des Atomzeitalters eingeläutet: Mit einem Knopfdruck ist es aber nicht getan, den Berliner Forschungsreaktor BER II in Wannsee abzuschalten. Der Rückbau wird wohl mehr als ein Jahrzehnt dauern. Von Thomas Prinzler

Um Punkt 14 Uhr ist am Mittwoch eine Ära zu Ende gegangen: Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums Berlin (HZB) haben den Berliner Experimentalreaktor (BER II) im Ortsteil Wannsee abgeschaltet - endgültig.

Doch warum ist das Ende des Reaktors gekommen? Die Ausrichtung des Instituts habe sich geändert, sagt Roland Steitz, Neutronenforscher am HZB. Zukünftig werde man "mehr für die Materialforschung da sein, mehr für die Energiewende in Deutschland forschen mit der Synchrotronstrahlung." Dazu betreibt das Helmholtz-Zentrum in Berlin-Adlershof den Elektronenspeicherring "Bessy II". Außerdem sei die Anlage in die Jahre gekommen. Die Aufrechterhaltung des Standes von Wissenschaft und Technik würde in Zukunft immer aufwendiger, heißt es.

Auf den Spuren von Tizian

Der erste Forschungsreaktor ging in Berlin-Wannsee 1958 in Betrieb, BER II startete 1973. 46 Jahre durchdrangen die Neutronenstrahlen des Reaktors Materialien und Moleküle. Dabei waren die Neutronenstrahlen für die Forscher aus aller Welt ein wichtiges Werkzeug zur Welterkenntnis: Was passiert im Stahl unter Belastung? Welche Farbpigmente hat der berühmte Maler Tizian für sein "Mädchen mit Fruchtschale" verwendet? Und welche Proteine spielen bei der Alzheimer-Erkrankung eine Rolle?   

Nun wird sich ein Team von 70 Wissenschaftlern und Ingenieuren um Reaktorleiter Stephan Welzel in den nächsten Jahren um den Rückbau und die Stilllegung des Reaktors kümmern. Dafür ist ein umfangreiches Genehmigungsverfahren erforderlich. Da bei allen Rückbauvorhaben kerntechnischer Anlagen die Einbeziehung der Öffentlichkeit gesetzlich vorgesehen ist, wird allein dieser Prozess etwa bis 2023 dauern.

Geben die Aufsichtsbehörden grünes Licht,  werden die Uran-Brennstäbe danach in ein Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle im westfälischen Ahaus gebracht. Allein Plutonium als radioaktives Spaltprodukt des Forschungsreaktors hat eine Halbwertzeit von mehr als 25.000 Jahren.

Blick auf auf eine Zugangstür zum Forschungsreaktor BER II (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)Es gilt einiges im Forschungsreaktor BER II zu beachten, wenn man bestimmte Bereiche betreten will

Auch Neutroneninstrumente ziehen um

Wenn die Anlage  brennelementefrei ist – voraussichtlich Mitte der 20er Jahre, sind die Voraussetzungen erfüllt, mit dem vollständigen Rückbau des Reaktorgebäudes zu beginnen. Der Beton wird dabei mit speziellen Betonsägen zerlegt, die keinen Staub entwickeln. Die Reste werden dann voraussichtlich im Endlager für schwach radioaktive Stoffe "Schacht Konrad" entsorgt.

Parallel zum Rückbau ziehen auch alle Neutroneninstrumente um. Die für die Untersuchungen und Experimente notwendigen hochspezialisierten Instrumente werden an andere Forschungseinrichtungen in Deutschland, aber auch weltweit abgegeben. Als erstes Instrument arbeitet bereits das Neutronenreflektometer BioRef am "Australien Centre for Neutron Scattering" in der Nähe von Sydney. Andere Instrumente werden an der Forschungsneutronenquelle der TU München oder an die weltweit stärkste Neutronenquelle des Instituts Laue-Langevin im französischen Grenoble wieder aufgebaut.

Rückbau wird teuer

Wann der Berliner Experimentalreaktor komplett zurückgebaut sein wird, sei eine sehr, sehr schwierige Frage, sagt Projektleiter Stephan Welzel. "Perspektivisch könnte man in der besten aller Welten 2033 damit rechnen." Fest steht aber, dass das Projekt teuer wird. "Wir gehen derzeit von 240 Millionen Euro aus", sagt Ina Helms, Sprecherin des Helmholtz-Zentrums Berlin. Den Löwenanteil trage der Bund.

Sendung: Abendschau, 11.12.2019, 19.30 Uhr

Beitrag von Thomas Prinzler

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Na von der Logik her betrachtet wenn die Anlage brennelementefrei ist – "voraussichtlich Mitte der 20er Jahre" steht im Artikel

  2. 5.

    Und das obwohl die Kernkraft soooo sicher ist. Also wenn man Harrisburg, Tchernobyl, Fukushima usw außer Acht lässt.

  3. 4.

    Das ist die zum Schutz des Forschungsreaktors eingerichtete Flugverbotszone mit einem Durchmesser von drei nautischen Meilen. Das bedeutet: Schon wer in diesem Bereich mit einem Spielzeug-Copter im eigenen Garten einen Meter aufsteigt, macht sich strafbar. Für Filmaufnahmen mit Copter in dem Bereich muss jeweils eine Durchfluggenehmiging beim Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung beantragt werden. Dieser Aufwand entfällt dann.

  4. 3.

    Schöne Nachricht!
    Und schon im Jahr 27019 wird das dort erzeugte Plutonium nur noch halb so viel abstrahlen.
    Ich weiß gar nicht, was die Leute immer gegen Atomreaktoren haben...

  5. 1.

    Wird dann auch die ED-R 4 aufgehoben? Wäre doch eigentlich die logische Konsequenz, oder?

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