Matthias Katsch, ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs, steht am 22.01.20015 vor einem Gebäude der Jesuitenschule in Berlin (Quelle: dpa/Stephanie Pilick)
Audio: Inforadio | 14.01.2020 | Margarethe Steinhausen | Bild: dpa/Stephanie Pilick

Zehn Jahre Missbrauchsskandal am Canisius-Kolleg - Missbrauchsopfer kämpfen weiter um Entschädigungen

Am 14. Januar 2010 wenden sich drei ehemalige Schüler an den Direktor des Canisius-Kollegs und berichteten von Missbrauch. In der Folge werden zahlreiche weitere Fälle bekannt - viele waren vertuscht worden. Der Skandal erschüttert die katholische Kirche bis heute.

Am 14. Januar 2010 informierten drei ehemalige Schüler des Berliner Canisius-Kollegs den damaligen Direktor Klaus Mertes über zahlreiche Missbrauchsfälle in den 1970er Jahren. Die Täter waren zwei Jesuitenpatres, die an der Schule unterrichtet hatten. Mertes machte die Taten durch einen Brief an 600 ehemalige Schüler öffentlich.  

Dies löste eine bundesweite Debatte über sexuellen Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen aus und führte zur Aufdeckung weiterer Fälle. Schon in den Wochen nach Versand des Briefs meldeten sich mehr als 100 ehemalige Schüler.

Betroffene fordern sechsstellige Entschädigung

Schon im Jahr 2010 erhoben die von Missbrauch Betroffenen hohe Entschädigungsforderungen. Die katholische Kirche habe die Aufarbeitung lange verschleppt, sagte der Sprecher der Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch" am Dienstag im rbb. Erst jetzt gehe es um konkrete Fälle und um tatsächliche Entschädigung. Bisher seien nur "lächerliche Summen" bis zu 5.000 Euro gezahlt worden. Es gehe aber um ein gesamtes Leben nach dem sexuellen Missbrauch. Katsch fordert eine Entschädigung in sechsstelliger Höhe.

Katsch war einer der drei ehemaligen Schüler des Jesuitengymnasiums, die vor zehn Jahren Klaus Mertes aufsuchten, um Missbrauch anzuzeigen. Zu den Forderungen ergänzt Katsch aber auch: "Dass das keine Heilung und keine Wiedergutmachung sein kann, ist jedem klar."

Mertes warnt vor "Freikauf"

Über die Höhe der Entschädigungszahlungen und die Art der Finanzierung wird weiterhin gestritten. Inzwischen ist die Forderung der Opfer sechsstellig: Sie ist auf 300.000 Euro pro Betroffenem gestiegen. Die katholische Kirche zahlte bislang als Anerkennung des erfahrenen Leidens durchschnittlich 5.000 Euro und in vielen Fällen Therapiekosten.

Inzwischen gibt es Signale aus der Kirche für eine Zahlung höherer Summen. Pater Klaus Mertes warnt jedoch vor einem "Freikauf" der Kirche. "Dieser Vorschlag beinhaltet eine Versuchung", sagte er dem rbb. "Ich befürchte eine Mentalität zu sagen: Okay, wir zahlen 300.000 Euro pauschal an jeden, der es will. Dann haben wir die Sache hinter uns und es ist Ruhe." Das erinnere an die Ablass-Logik.

"Das war Vertuschung"

Laut der sogenannten MHG-Studie, die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz zum Missbrauchsskandal erstellt und im Herbst 2018 vorgelegt wurde, sind bundesweit in den Personalakten von 1946 bis 2014 insgesamt 1.670 Kleriker wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger beschuldigt worden. Es gab 3.677 Opfer. Die tatsächlichen Zahlen dürften weit darüber liegen.

Verstärkt wurde ihr Leid dadurch, dass zahlreiche Taten lange verschleiert worden waren. Die Kirche beteiligte sich am Runden Tisch, der von der Bundesregierung im März 2010 eingerichtet wurde. Außerdem ernannte sie mit dem Trierer Bischof Stephan Ackermann einen Beauftragten für sexuellen Missbrauch. "Es hat auch Situationen gegeben, da muss man sagen: Das war Vertuschung", bilanziert Ackermann. "Aus heutiger Sicht waren Dinge eben fahrlässig in bestimmten Fällen. Man hätte es besser wissen können - und hat es dann leider nicht getan." Diese Erkenntnis sei umso schmerzlicher.

Seither wurden die Leitlinien zur Prävention und zum Umgang mit Missbrauch in der katholischen Kirche verschärft.

Mit Material von Margarethe Steinhausen

Sendung: Inforadio, 14.01.2020, 5:50 Uhr

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4 Kommentare

  1. 4.

    " Jürgen S. " ich habe schon längst das Vertrauen in den Rechtsstaat verloren. Ich sage Ihnen vorher, das das Verfahren eingestellt wird. Meines Erachtens ,wurden gegen Kardinäle und Priester bis jetzt keine Ermittlungen aufgenommen, wegen Vertuschung bzw. Deckung ,von schwersten Verbrechen an Kinderseelen. Es ist ein Armutszeugnis, für unsere Staatsanwaltschaften in Deutschland.

  2. 3.

    Die sog. Leitlinien sind Schall und Rauch, da sich kaum jemand /niemand daran hält. Die Erzdiözese Freiburg zB. hat gegen dutzende dieser Leitlinien über Jahre verstossen. Passiert ist nichts. Und hatte für keinen der Verantwortlichen Folgen.
    Auch das vom Papst erlassene Motu Propio ist eine reine Blendgrante: meine vor einem Jahr persönlich in Rom eingereichte Klage u.a. gg. Erzbischof Burger blieb bis heute unbeantwortet, entgegen großmundingen Versprechen auch eines Mons. Udo Breitbach. Wahrscheinlich hat er mit Versprechen etwas anderes gemeint, nämlich "sich versprochen". Ich nenne es dreiste Lügen.
    Bleibt abzuwarten, ob die bei der Staatsanwaltschaft Freiburg anhängigen Verfahren gg. Erzbischof Burger und die Verantwortlichen der ED Freiburg wegen Urkundenunterdrückung und Strafvereitelung (Az 410 UJs 256/19 u. 160 Js 2226/19 )Licht ins Dunkel bringen.

  3. 2.

    Hallo Katholische Kirche, wir, die anerkannten Opfer, würden es als wichtig befinden, wenn uns endlich die Anerkennung als Opfer zugestanden wird, und uns für die über 50 Jahre seit den Taten der Priester in den Heimen Eine angemessene Entschädigungszahlung zugestanden wird. 12 x 500,00 Euro, und das für mindestens 50 Jahre ...sind 300000, Euro pro Opfer! Nur ...aber bald, denn schon viele Opfer sind schon verstorben, oder sind sehr, sehr krank. Es wird höchste Zeit, jetzt zu handeln!!!

  4. 1.

    Leitlinien zur Prävention sind mMn wie Gesetze für Behinderte Menschen unzureichend! - Nicht die Dinge waren fahrlässig, sondern die Verantwortlichen handelten grob fahrlässig.

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