Archiv: Lebensmittelausgabestelle von Laib und Seele der Evangelischen Segensgemeinde in Berlin-Reinickendorf (2014)
Audio: rbb 88.8 | Interview mit Friederike Sittler | Bild: imago images / epd

Interview | 15 Jahre "Laib und Seele" - "Es fällt uns heute schwerer, an Lebensmittel heranzukommen"

Seit 15 Jahren gibt "Laib und Seele" Lebensmittel umsonst an Bedürftige aus - mittlerweile versorgen 45 Ausgabestellen rund 50.000 Menschen. Friederike Sittler, eine der Initiatorinnen, über eine Erfolgsgeschichte mit holprigem Start.  

rbb: Frau Sittler, seit 15 Jahren versorgt "Laib und Seele" Bedürftige mit Lebensmitteln. Sie haben die Initiative mitgegründet, was hat sie bewirkt?

Friederike Sittler: Wir unterstützen im Monat 50.000 Menschen mit Lebensmitteln. So können sie tatsächlich ihr Leben etwas besser gestalten, als sie es sonst mit Hartz IV oder einer kleinen Rente machen könnten. Es gibt sogar eine Untersuchung darüber, dass Menschen, die zu "Laib und Seele" gehen, sich in der Regel gesünder ernähren und damit auch gesünder sind.

Der Seele-Aspekt war uns von Anfang an wichtig. Es findet auch Begegnung statt. Die Menschen müssen zunächst ihre Scham überwinden: Ich bin arm, ich gehe dahin. Aber sie werden aufgenommen, begegnen anderen, bekommen auch Hilfen angeboten: juristische Beratung, Spielzeug für die Kinder, eine Kleiderkammer. Es gibt ganz viele Sachen. Somit ist es also ein Gesamtkunstwerk geworden.

Den Anstoß für "Laib und Seele" gab 2004 ein rbb-Interview mit Sabine Werth, der Betreiberin der Berliner Tafel. Darin erzählte sie, dass man dringend Ausgabestellen benötige, damit Familien nicht in Suppenküchen gehen müssen, sondern zu Hause selbst kochen und essen können. Aber sie wisse nicht, wo man die Lebensmittel sammeln und verteilen solle.

Sabine Werth hat damals gesagt: Ich weiß nicht, wie es anstellen soll, aber ich habe schon mal daran gedacht, die Kirchengemeinden anzusprechen. Ich leitete damals die Redaktion Kirche und Religion des rbb und habe gedacht: Na gut, die Kirchen kenne ich ja. Und so sind wir zusammengekommen. Wir haben uns erst mal getroffen und geguckt, ob das funktionieren könnte. Und dann haben wir angefangen, Lebensmittel zu sammeln. Ich war echt nervös. Morgens um sieben kam erstmal überhaupt niemand. Dann dröppelte es langsam. Ich dachte: Um Himmels Willen, was tun wir hier eigentlich? Ab 10 Uhr ging es los: Die Menschen brachten uns Lebensmittel. Wir haben sie gesammelt und am 23. Dezember vor 15 Jahren in der Marienkirche verteilt. Wir hatten 3.000 Tüten gepackt. Auch das war ein Abenteuer: Kommen Menschen, trauen die sich dahin, vertrauen die uns? Und tatsächlich ist es uns gelungen. Es reichte auch immer für alle. Das war toll.

"Laib und Seele" ist seit 15 Jahren erfolgreich. Was hat sich in dieser Zeit verändert - außer dass die Aktion natürlich größer geworden ist?

Wir sind insgesamt professioneller geworden. Wir haben vieles ausprobiert, wir haben auch Menschen enttäuscht, weil wir Fehler gemacht haben. Man muss ja erst mal sehen, wie das überhaupt geht: Lebensmittel einsammeln, sortieren, ausgeben. Wir haben Räume beschädigt, es hat nicht alles hundertprozentig funktioniert. Aber es ist ganz viel entstanden an der Basis. Wir haben das alles selbst herausgefunden, auch die 1.600 Ehrenamtlichen.

Mittlerweile hat es sich insgesamt stabilisiert: Wir haben 45 Ausgabestellen für 50.000 Menschen. Ein paar mehr Kinder sind dazu gekommen. Wir hatten aber von Anfang an sehr viele Rentnerinnen und Rentner, die durch uns ihre Rente ein bisschen aufbessern können. Und ja, wir haben mehr Konkurrenz bekommen. Zum einen durch Supermärkte, die abgelaufene Lebensmittel wieder verkaufen. Dann haben viele Supermärkte auch gemerkt, dass sie zu viel auf Lager hatten. Deswegen fällt es uns heute schwerer, an die Lebensmittel heranzukommen. Wir müssen mehr fahren, mehr laufen. Aber es funktioniert nach wie vor.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Friederike Sittler sprach Hendrik Schröder am 23. Dezember 2019 für rbb 88.8. Der Artikel ist eine gekürzte und leicht bearbeitete Version. Das Originalgespräch können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Aufmacherbild des Artikels nachhören.

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16 Kommentare

  1. 16.

    Ich finde es nicht beschämend das es Tafeln / LAIB und SEELE in Berlin, gibt. Ich finde es sogar sozial absolut toll, denn ich habe durch mein Ehrenamt bei LAIB und SEELE sehr, sehr viele wertvolle soziale Kontakte gewonnen... und als Frührentner habe ich noch eine Aufgabe wo ich mich engagieren kann, so denken Gottseidank sehr viele Menschen. Übrigens arbeitet in Berlin jeder Vierte ehrenamtlich, nicht nur bei der Tafel oder bei LAIB und SEELE, da sind es in Berlin 1.600, sondern in vielen Sportvereinen etc... stellen Sie sich mal vor die würden alle streiken... undenkbar und das wäre dann der Auslöser für das volle Chaos

  2. 15.

    Das ist Unsinn was Sie da schreiben !!!! Die Tafel / in Berlin LAIB und SEELE bekommt diese Warenspenden ausschließlich kostenlos und der Unternehmer muß sogar auf den Warenwert noch 19% Umsatzsteuer bezahlen. er spart zwar die Entsorgung, weil er diese nicht bezahlen muß, aber er macht keinerlei Gewinn. Es gibt aber inzwischen Unternehmen wie "SirPlus" die freiwillig für Ware bezahlen und diese dann in "Retterläden" verkaufen... ein absolutes Unding, aber leider legitim. Dagegen sollte man mal wettern....

  3. 14.

    Vielleicht sollten Sie ihre 2€ nehmen und im KaDeWe einkaufen !!! Da steht dann noch der Diener und öffnet Ihnen die Tür und grüßt freundlich. Nicht zu fassen.... diese maximal 2€ sind eine Kostenbeteiligung.... und wenn Ihnen das nicht gefällt, gehen Sie einfach ins KaDeWe .... sonst noch Fragen ? Bei uns in der Ausgabestelle haben wir fast nur dankbare Mitmenschen die freiwillig ihren Obulus bezahlen und sich über jedes Stück Ware erfreuen, wer schon mal gehungert hat weiß wie schwer es sein kann an Lebensmittel zu kommen.

  4. 13.

    Nun, Unterstützung bekommt (die Prämisse der Berliner Tafel /LAIB und SEELE lautet: "...unterstützende Lebensmittel für 3 Tage...) jede*r der einen Berlin-Pass und/oder einen Bewilligungbescheid jeglicher sozialer Leistungen vorzeigen kann. Da wird nicht unterschieden ob arbeitsscheu oder Faul oder Rentner oder Ausländer oder Hartz4-Empfänger oder, oder, oder.... Da zählt ausschließlich nur eine Bedürftigkeit. Dann erhält jeder gegen Zahlung eines kleinen Obolus (für anfallende Kosten) unterstützende Lebensmittel, da wird das ausgegeben was die Ausgabestelle bieten kann, mal schöne, mal auch wenige Sachen. Es wird nichts dazu gekauft sondern nur das weitergegeben was Geschäfte und/oder Unternehmen zur Verfügung stellen oder nicht mehr verkaufen können weil das MHD (fast) abgelaufen ist. Die persönliche Erscheinung wird absolut nicht berücksichtigt, nur... Freundlichkeit und Anstand wird sehr gerne gesehen. Und so sind wir alle inzwischen irgendwie eine große Familie geworden

  5. 12.

    Hallo, nein, natürlich nicht.... diese 45 Ausgabestellen sind ausschließlich in Berlin (in allen Bezirken)und bedienen insgesamt monatlich rund 50.000 Bedürftige mit rund 1.600 Ehrenamtliche

  6. 11.

    "Wer arbeiten will, findet Arbeit" - musste man diesmal aber lange warten.

  7. 10.

    Die Tafel und solche Organisationen sind schon wichtig und gut. Aber man sollte endlich unterscheiden, wer wirklich bedürftig ist (Kranke und Rentner mit Minimalrente) oder wer einfach zu faul ist um zu arbeiten. Wer arbeiten will, findet Arbeit. Ist natürlich nicht so bequem wie feiern und schlafen

  8. 9.

    Von umsonst kann überhaupt keine Rede sein. In manchen Bezirken zahlt man 2€ pro Person. Das ist so wenig nicht, denn man bekommt ja nicht das was man möchte, sondern (natürlich) das, was da ist. Und das teilweise sehr reduziert. Auch da wird dann ausgewählt. Familien mit Kindern werden IMMER bevorzugt. An sich auch in Ordnung, aber auch ältere Damen möchten vielleicht mal einen Joghurt.
    Außerdem reicht das nicht etwa für einen Woche (wie immer suggeriert wird) sondern für 2-3 Tage.
    Höchstens.
    Da muss man dann schon überlegen, ob sich das tatsächlich lohnt.

    (Wohlgemerkt, ich will nicht das Ganze kritisieren, das ist eine tolle Sache. Aber dann muss auch korrekt berichtet werden!)

  9. 8.

    Wo sehen Sie die "Unterstützung", wenn gewerbliche Händler sich eine goldene Nase verdienen, indem sie diese Lebensmittel verkaufen? Damit stehen genau diese Lebensmittel Bedürftigen nicht mehr zur Verfügung.

  10. 7.

    Es ist beschämend das wir das nötig haben. Ein so reiches Land schafft es nicht alle Bedürftigen zu erreichen und lehnt sich generös vor das Ehrenamt.
    Wenn alle ehrenamtlichen Menschen eine Woche nicht helfen würden, wäre der Schaden für den sozialen Frieden enorm. Alle Tafeln und ihre Ableger werden als völlig selbstverständlich gesehen und zu allen Feiertagen ins Kerzenlicht gezerrt, eine konstante Unterstützung sollte selbstverständlich sein und jährlich angepasst werden um nicht regelmäßig zittern zu müssen, ob es im nächsten Jahr weitergeht.

  11. 6.

    Wem hat "Laib und Seele" die Erfolgsgeschichte legislativer Weise zu verdanken?

  12. 5.

    Danke für Ihre Auskunft. - Die Zahl 50 000 spiegelt aber nicht den berlinweiten tatsächlichen Gesamtbedarf der Menschen wider, weil das Hilfsprojekt gewiss nicht dafür ausgelegt ist.

  13. 4.

    Gelogen
    Sie geben nicht umsonst Lebensmittel aus sondern verlangen dafür geld
    Man muss mindestens 1€ bezahlen um von der Tafel was zu bekommen. Bei manchen Ausgabestellen sogar mehr.

  14. 2.

    "45 Ausgabestellen für 50.000 Menschen" - Deutschlandweit?

  15. 1.

    Gute Sache und sehr zu begrüßen. Nur ein Satz stört mich: „ ..... haben mehr Konkurrenz bekommen.“ Konkurrenz in Sachen Hilfe für Bedürftige sollte eher als Unterstützung betrachtet werden. Je weniger Lebensmittel weggeworfen werden, desto besser. Das Helfen sollte kein Wettbewerb sein.

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