Fehlende und rückgekehrte Könige in der Kapelle der Versöhnung. (Quelle: Kapelle der Versöhnung/Sabine Jähnicke)
Bild: Kapelle der Versöhnung/Sabine Jähnicke

Aus Kirchen gestohlen - Aktivisten bringen Königsfiguren heimlich in Kirchen zurück

Aus mehreren Kirchenkrippen sind je zwei Figuren der Heiligen Drei Könige gestohlen und wieder zurückgebracht worden - aus Protest gegen die Flüchtlingspolitik der EU. Obwohl die Versöhnungsgemeinde Berlin auch betroffen war, hält sie die Aktion für erfolgreich.

Die aus der Evangelischen Versöhnungsgemeinde Berlin und aus anderen Kirchen gestohlenen Königsfiguren sind am Dienstag wieder aufgetaucht. Die Figuren seien "heimlich und leise, mit einem goldenen Schokoladentaler in den Händen" nach der Öffnung der Kapelle wieder an ihre Plätze in der Jesuskrippe platziert worden, sagte auf Nachfrage von rbb|24 die Sprecherin der Kirchengemeinde, Esther Schabow.

Am Samstag, zwei Tage vor dem Dreikönigsfest, hatten Aktivistinnen des selbst ernannten Künstlerkollektivs "Ausgegrenzt - Drei Könige vor den Toren Europas" zwei der drei Figuren der Heiligen Drei Könige aus Kirchen in Berlin, Bielefeld, Darmstadt, Frankfurt, Freiburg, Köln und Münster entwendet und ein Bekennerschreiben hinterlassen.

Darin rechtfertigten sie ihre Aktion als Protest gegen die Migrations- und Flüchtllingspolitik der EU, die auf Abschottung beruhe und ertrunkene Menschen in Kauf nehme. Außerdem versicherten sie, die Standbilder sorgsam zu verwahren und nach der Aktion wieder unbeschadet auszuhändigen.

In einer E-Mail teilten die Aktivisten am Dienstag mit, dass alle bundesweit entwendeten Dreikönige in ihre Kirchen zurückgekehrt seien. Eine Sprecherin, die sich im Schreiben Rosa Frahm nennt, erklärt: "Das große Interesse an unserer Aktion freut uns sehr." Mit der Rückgabe sei die Aktion beendet.

Kunstaktion löst kontroverse Diskussion aus

Die Kapelle der Versöhnung, die zur Evangelischen Versöhnungsgemeinde gehört und in der die Krippe stand, hat als Mauergedenkstätte für Berlin eine besondere Bedeutung. Deswegen wird sie für Besucher von ehrenamtlichen "Hütern der Kapelle" fast täglich für von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Da die Kapelle im Winter zu kalt ist, halten die Pfarrer die Gottesdienste oft in den Gemeinderäumen. Deswegen sei es erst aufgefallen, dass die zwei Königsfiguren fehlten, als die Kapelle geöffnet wurde - unmittelbar nach der Entwendung.

Nach Aussage von Schabow habe die Kunstaktion innerhalb der Gemeinde zu einer kontroversen Diskussion geführt. Auf der einen Seite hätten manche Mitglieder sie als gerechtfertigt angesehen. Andere hingegen hätten sich wegen ihres eigenen Engagements für Flüchtlinge gefragt, warum genau die Versöhnungsgemeinde betroffen ist. Unter anderem ist Pfarrer Lukas Pellio Vorstandsmitglied bei "Asyl in der Kirche Berlin-Brandenburg". Weil keiner die Aktivisten sah, sei sogar zwischenzeitlich spekuliert worden, ob jemand aus dem Umfeld der Gemeindemitglieder beteiligt gewesen sein könnte.

Anonymes Gespräch mit einem Aktivisten

Unter der Leitung von Pfarrer Thomas Jeutner habe die Kirchengemeinde "Ausgegrenzt" nachdem Sonntagsgottesdienst in das Kirchencafé eingeladen. Zwar sei das Künstlerkollektiv nicht gekommen, aber ein Vertreter anonym angerufen. Per Lautsprecher-Funktion des Telefons hätten die Teilnehmer mit ihm gesprochen. Unabhängig von der Aktion sei es auch um das Gedenken für einen ertrunkenen Flüchtling gegangen.

So sei es zu einer "guten" Diskussion gekommen, die sich immer weiter weg bewegt habe von der Entwendung der Figuren, so Schabow. Schließlich hätten sie darüber diskutiert, warum die verheerenden Zustände an den Außengrenzen Europas immer mehr in Vergessenheit geraten. "Nach dem anfänglichen großen Entsetzen war es ganz nett", sagte Schabow. Die Sprecherin hätte sich jedoch gewünscht, dass die Aktivistinnen "Gesicht zeigen".

Auch wenn ihre eigene Gemeinde betroffen gewesen ist, sei die Kunstaktion ein Erfolg: "Ich würde mir wünschen, dass auch an anderen Orten durch die Aktion Gespräche ausgelöst wurden, wie in unserer Gemeinde. Dann wäre die Aktion geglückt."

Gebrauch des Wortes "Aktivisten" bei rbb|24:

rbb|24 verwendet das Wort "Aktivisten" vor allem bei Ereignissen, die eine Form von zivilem Ungehorsam darstellen – also dem bewussten Verstoß gegen Normen, Regeln oder Gesetze, um symbolisch und öffentlichkeitswirksam auf ein Thema aufmerksam zu machen. In Abwägung des Informationsinteresses der Öffentlichkeit an solchen symbolischen Aktionen und möglichen strafbaren Handlungen verwendet rbb|24 das aus unserer Sicht neutrale Wort "Aktivisten". Wir machen uns damit ausdrücklich nicht mit den jeweiligen Zielen und möglichen Rechtsverstößen gemein.

Sendung: Abendschau, 06.01.2020, 19:30 Uhr

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12 Kommentare

  1. 12.

    Gesetze sind nur Hilfskonstruktionen für diejenigen Fälle, bei denen wir ohne sie nicht zurecht kommen. 90 % der tagtäglichen Interaktionen sind ungeregelt und laufen nach Intuition. Auch das Abstellen von Kfz. in dichtbewohnten Wohnstraßen beiderseits einer Fahrbahn, die damit zu schmal geworden ist, als dass zwei Fahrzeuge aneinander vorbeikommen, ist im Grunde genommen illegal. Es wird einfach zugestanden. Und zugestanden wird auch, wenn dabei zwei Fahrzeuge entlang einer Parklücke links aneinander vorbeifahren, weil nur das kleinere Fz. dort in diese Lücke hineinkommt, das größere nicht.

    So lange die Versöhnungsgemeinde damit leben kann, ist für mich die Sache in Ordnung.

  2. 11.

    Sie gehen leider fehl in Ihrer Ansicht. Auch eine Robin Hood Aktion wäre Diebstahl. Ok, wäre eher Raub. Aber es gibt keine Gutgläubigkeit beim Einbruch. Auch wer in guter Absicht handelt, muss sich an Gesetze halten. Auch wenn Sie analog zum zivilen Ungehorsam einbrechen ist es illegal.

  3. 10.

    Ich habe Sie schon verstanden. Unsere Auffassungen gehen nur desbezüglich auseinander, ob Diebstahl ein Nachahmungsdelikt ist oder ob das geschieht, weil bei jemanden unabhängig irgendwelcher gesetzlicher Regelungen der Drang besteht, dassjenige, was als begehrenswert empfunden wird, unter ALLEN UMSTÄNDEN zu besitzen.

    Mit anderen Worten: Was dies anbelangt, so glaube ich nicht an einen Nachahmungseffekt. Menschen, die am vordergründigen materiellen Vorteil interessiert sind, gleich auf welchen Wegen, dürften sich herzlich wenig für Krippen und Könige in Kirchen interessieren, für symbolhafte Handlungen noch weniger.

    Aber grundsätzlich ist das in anderen Dingen natürlich schon ein Argument.

  4. 9.

    Was ist es strafrechtlich, wenn man einbricht, um gestohlene Sachen wieder zurückzubringen? Wiederholungstat? Zusammenhangstat? Also, ich würde ja gerne beim nächsten Weihnachtsfest auch eine Krippe mal hinstellen. Kann ich sie mir dann für drei Tage irgendwo rausholen?

  5. 8.

    Sie haben meinen Einwand noch nicht vollstàndig verstanden! Diebstahl bleibt Diebstahl, selbst bei "besten Absichten". Macht man einmal Unterschiede, berufen Andere sich auch darauf.
    Ich will es mal an einem fiktiven Beispiel verdeutlichen: Jemand klaut in der Umkleide einer Firma einer Muslima das Kopftuch, um gegen den politischen Islam zu protestieren, verspricht aber das Tuch nach drei Tagen wohlbehalten zurück zu bringen. Die gläubige Frau muss deshalb ohne Kopftuch im Bus nach Hause fahren. Sehen Sie den selben Sachverhalt dann immer noch so locker?
    Noch mal! Religiöse Gefühle sind nicht dafür da, seinen Protest darauf aufzubauen! Ohne Wenn und Aber!

  6. 7.

    So gut wie kein Recht deckt haargenau den Umstand ab, für den es gelten soll. Immer gibt es "Abweichungen", die durch das Recht nicht erfasst werden. Alles andere wäre ein Formalismus dergestalt, dass sich die Welt nach dem Recht zu richten habe.

    Viele Juristen sehen das so, ohne Zweifel: Wo kein Recht, da keine Wirklichkeit.
    Und wo ein Recht, müsse diese die Wirklichkeit 1 : 1 abbilden.

    Insofern ist weit mehr Auslegung, als gemeinhin angenommen wird. Die Entwendung bei versprochener Rückgabe ist in meinen Augen noch lange kein Diebstahl, wer denn sämtliche Interpretationsmöglichkeiten des Rechtes in Anspruch nimmt: 1. Wortlaut 2. Sinnzusammenhang 3. Regelungszweck 4. Historische Einordnung.

    Hier sind für mich v. a. die Punkte 2 und 3 aufschlussreich. Entscheidend ist für mich aber, wie die Versöhnungskapelle das sieht. Davor ziehe ich ehrlich meinen Hut.

  7. 6.

    Mit der unbefugten Wegnahme ist der Tatbestand des Diebstahls bereits erfüllt. Daran ändert weder das Motiv etwas, noch das Versprechen, die entwendete Sache zurück geben zu wollen. Man sollte auch vorsichtig sein, hier die Büchse der Pandora zu öffnen, nur weil man mit der Motivation grundsätzlich sympathisiert. Dann eine neue Grenze zu ziehen, ist unmöglich. Es gibt einfach Aktionen, die zu weit gehen, diese hier gehört für mich dazu. Religiöse Gefühle Anderer zu missbrauchen, geziemt sich nicht.

  8. 5.

    Ich kenne keinen Dieb, der zusätzlich noch öffentlich angekündigt hat, das Entwendete unversehrt und unbeschädigt in absehbarer Zeit zurückzubringen.

    Die Versöhnungskapelle als "Opfer" der Entwendung hat hervorragend reagiert. Auch das macht das Wort Versöhnung aus, weil die Entleihenden eben nicht destruktiv zu Werke gegangen sind. Über die Symbolik lässt sich gewiss streiten, dass das keine destruktive Aktion war und mit gewöhnlichem Diebstahl nicht auf eine Stufe gestellt werden kann, dürfte bei Lichte unbestreitbar sein.

  9. 4.

    Von Dieben geklaut.
    Das war Diebstahl der Figuren nicht mehr und nicht weniger. Jeder der im Supermarkt usw klaut ist ja schließlich auch ein Dieb.

  10. 3.

    .. gerade in der heutigen Zeit - Gesicht zeigen und aktiv werden .. Tun ! und "Aktionen" an die richtige Adresse senden.
    Hier aber wurde in die Weihnachtsgeschichte eingegriffen, Hintergrund ist ja auch hier - aufmerksam machen und nicht vergessen - das Fest der Christen.
    Maria und Josef waren auf der Flucht - nicht die Könige
    Auf ein friedliches 2020

  11. 2.

    Wenn man sich "Künstlerkollektiv" nennt, kann man sich wohl alles erlauben?

  12. 1.

    Das sind keine "Aktivisten" sondern einfach nur Diebe.

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