Rettungssanitäter steigt in einen Rettungswagen ein (Quelle: rbb/Abendschau)
Video: rbb24 | 28.01.2020 | 13 Uhr | Bild: rbb

Missstände in Pflegeheimen - Berliner Feuerwehr muss für fehlende Pflegekräfte einspringen

43 Mal am Tag fahren die Rettungskräfte der Berliner Feuerwehr in Pflegeheime zum Noteinsatz – und das häufig nur, weil eine Pflegekraft alleine überfordert ist. Jetzt schlägt die Feuerwehr Alarm. Von Anja Herr und Vanessa Klüber

Zwei Mal pro Schicht fährt Eric Menzlow in ein stationäres Pflegeheim, schätzt der Notfallsanitäter. Insgesamt wurde die Berliner Feuerwehr nach eigenen Angaben 15.675 Mal zwischen September 2018 und August 2019 zu solchen Einsätzen gerufen. Das sind im Durchschnitt 43 Einsätze pro Tag im Pflegeheim. Diese Daten hat die Feuerwehrs erstmals überhaupt ausgewertet, weil das Problem überhand nimmt.

"Der Klassiker ist: Wir werden gerufen, weil der Patient aus dem Bett gefallen ist. Er hat keine Beschwerden, er schafft es nur aus eigener Kraft nicht wieder aufzustehen", weil nur eine Pflegekraft im Dienst sei, sagt Menzlow. "Die schafft es alleine nicht, einen älteren Menschen mit 100 Kilogramm zurück ins Bett zu heben." In ihrer Not rufen viele Pflegekräfte die 112, weil sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen.

Oft seien die Pflegekräfte aber auch schlicht überfordert, weil sie einfach zu viele Bewohner haben, um die sie sich gleichzeitig kümmern müssten, sagt Menzlow. "Dann kommen an einem Tag drei Neuzugänge, aber sie hat noch 20 andere zu betreuen. Da muss sie denjenigen, dem es am schlechtesten geht, über die Feuerwehr ins Krankenhaus abschieben."

Notfallsanitäter Eric Menzlow (Quelle: rbb/Abendschau)
Notfallsanitäter Eric Menzlow fährt in einer Schicht zwei Mal in ein stationäres Pflegeheim | Bild: rbb/Abendschau

Zu wenig Fachpersonal in Pflegeheimen

Der ärztliche Leiter des Berliner Rettungsdienstes, Stefan Poloczek, sieht ein "schleichend zunehmendes Problem" darin, dass es nicht genügend Fachpersonal in den stationären Pflegeheimen gebe. Es sei belastend für die Kollegen, Missstände im Gesundheitswesen oder im Pflegesektor zu sehen, die man nicht lösen könne. "Das macht die Enttäuschung und den Zorn manchmal größer, weil man sagt, das darf doch nicht sein."

Die Rettungssanitäter in Berlin haben nach eigenen Angaben:

- nach vorsichtigen Schätzungen 20 bis 30 Prozent vermeidbare Einsätze in stationären Pflegeeinrichtungen, wenn ausreichend Personal oder andere Strukturen vorhanden wären

- jeden fünften Einsatz in einem stationären Pflegeheim wegen eines Sturzes

- Pflegeheime mit bis zu 25 Mal so vielen Einsätzen pro Person wie in der Berliner Allgemeinbevölkerung

Viele Einsätze vermeidbar

Notfallsanitäter Menzlow beschreibt "riesengroße Häuser", in denen nach seiner Beobachtung nachts nur zwei oder drei Pflegekräfte arbeiten. Die Einsatzkräfte müssten den betroffenen Bewohner oft selbst suchen. Manchmal liege jemand wegen eines Magen-Darm-Infekts zwei Stunden lang im eigenen Erbrochenen, oder es gab keine ausreichende Übergabe zwischen den Pflegekräften, die die Bewohner nicht gut kennen. "Dann weiß die Fachkraft nicht, dass der Arm des Bewohners schon immer gelähmt ist", schildert Menzlow einen Fall. "Der kann sich wiederum krankheitsbedingt nicht ausdrücken - und wir gehen von einem Schlaganfall aus und fahren ihn weg."

Im schlimmsten Fall, sagt der ärztliche Leiter Poloczek, habe die Feuerwehr ein Heim für mehrere Stunden "kapern" müssen, "um auf die Menschen dort aufzupassen." Aus Sicht der Rettungskräfte müssten viele Einsätze nicht sein. Dann nämlich, wenn genügend Personal da wäre, wenn das Personal ausreichend geschult wäre, wenn alle Pflegekräfte gut über die Bewohner Bescheid wüssten und die Übergabe ordentlich gemacht würde, so Poloczek.

Stefan Poloczek, ärztlicher Leiter Berliner Rettungsdienst (Quelle: rbb/Abendschau)
Stefan Poloczek ist ärztlicher Leiter des Berliner Rettungsdienstes | Bild: rbb/Abendschau

Verdi kritisiert mangelnde Kontrollen

Die Berliner Heimaufsicht kontrolliert auch die Personalausstattung in den Pflegeheimen. Die Ergebnisse passen nicht zu den Schilderungen der Berliner Feuerwehr. Denn 2018 hat die Heimaufsicht im Bereich Personal lediglich sieben Mal einen Mangel festgestellt. Dieser sei nach einer Mängelberatung beseitigt worden. So steht es im Tätigkeitsbericht der Heimaufsicht des Landesamts für Gesundheit und Soziales 2018. Für 2019 liegen noch keine Zahlen vor.

Jedes Bundesland hat einen Betreuungsschlüssel. Der schreibt fest, wie viele Fachkräfte für wie viele Bewohner da sein müssen, gestaffelt nach den fünf Pflegegraden.

Matthias Gruß, Gewerkschaftssekretär bei Verdi und zuständig für Altenpflege, kritisiert die Kontrollen der Heimaufsicht. "Es wird nicht geprüft, wie viel Personal eingesetzt wird, wie oft das Personal wechselt oder ob genügend Fachkräfte eingesetzt sind." Stattdessen würden viele Hilfskräfte und Leihkräfte eingesetzt und der Krankenstand beim Stammpersonal sei hoch.

Feuerwehr will Arbeitsgruppe bilden

Die Rettungskräfte der Feuerwehr wollen in einer Arbeitsgruppe nun erarbeiten, wie sie Pflegeheime unterstützen können, damit sie nicht den Notruf wählen, wenn es andere Möglichkeiten gibt. Man werde aber "im Extremfall auch darauf hinweisen, dass es Missstände gibt, die aus unserer Sicht so nicht sein dürfen", so der ärztliche Leiter. Man werde sich dann an die Heimaufsicht oder den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) wenden.

Sicherlich, da sind sich die Rettungskräfte einig, gibt es einige Pflegeheime, die ihre Sache gut machen - und man habe hohe Achtung vor den Pflegekräften. Eric Menzlow hofft dennoch, dass es noch eine Weile dauert, bis er selbst in ein Pflegeheim muss.

Sendung: Abendschau, 28.01.2020, 19:30 Uhr

Beitrag von Anja Herr und Vanessa Klüber

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30 Kommentare

  1. 30.

    Das ist das Ergebnis unserer Gesundheitspolitik, Pflegebedürftige werden solange im häuslichen Umfeld gelassen bis alle zusammenbrechen (ambulant vor stationär - Pflegeheime extrem teuer) Dann wird oft eines der günstigsten Heime gesucht, wo in der Regel die niedrigsten Löhne gezahlt werden, dadurch wenig oder schlecht bezahltes Personal. Die Haus ärztliche Versorgung hat auch stark nachgelassen, Praxen zu voll Hausbesuche werden schlecht bezahlt. Dann passiert etwas aufgrund der beschriebenen Faktoren, es wird die 112 gewählt. Im Krankenhaus sieht es nicht viel besser aus, wenig Personal un das Ziel ist es den Patienten so früh wie möglich zu entlassen. Dann beginnt das Spiel aufs neue.

  2. 29.

    Alles schon selbst als NW erlebt, Personal auf niedrigstem Niveau zwecks Kosten oder weil einfach kein Personal zu bekommen ist. Zimmer werden weiterhin stetig belegt nach dem Motto „ihr schafft das schon“ oder weil keiner mehr Interesse daran hat sein Personal zu pflegen, nicht auf Warnsignale achtet durch hohe Krankmeldungen, Gespräche in DB werden wichtig notiert aber nicht weiter verfolgt/abgestellt/verändert/etc. Ob dem MDK oder Heimaufsicht das wirklich interessiert bezweifle ich mittlerweile aus eigener Erfahrung auch ein wenig. Mir macht das Altwerden langsam Angst, viele Heime kennen gelernt und noch keines dabei wo ich nur im Ansatz sagen könnte da kann man alt werden. Lasst Euch das mal in einer ruhigen Minute durch den Kopf gehen und spätestens nach einem halben Jahr kannst du deine Angehörigen mal fragen wie dein Pflegestatus körperlich ist.

  3. 28.

    Diese Einsätze sind so teuer, das sich die Frage nach einer rentenwirksamen Bezahlung geschulter Pfleger nun nicht zum ersten Mal stellt und ob dies nicht doch günstiger ist? Die Politik ist nur begrenzt für Löhne verantwortlich. Sicher ist, veraltete links/grüne Ideen, Leistung ohne Gegenleistung über Verteilerschlüssel gönnerhaft vom Schreibtisch aus zu organisieren scheitert wirklich immer.

  4. 27.

    Das sehe ich nicht so. Denn auch erfahrenes, gut geschultes Rettungsdienstpersonal tut sich manchmal schwer, wie sie es nennen, Bagatellverletzung von schweren Verletzungen zu unterscheiden, dafür ist die Diagnostik vor Ort nicht ausgelegt. Erschwerend kommt dazu das im den meisten Pflegeheimen es Anweisungen fürs Personal gibt sich durch hinzuziehen des Rettungsdienstes oder des ÄBD sich abzusichern. Die dürfen, obwohl gelernt, teilweise nicht mal einen Transurethralen Urinkatheter legen.....

  5. 26.

    Seit der Anschaffung der Pflegeversicherung geht es nur noch bergab in der Altenpflege. Der Stellenschlüssel tut sein Übriges. Schlecht oder garnicht "geschultes" Personal aus den Ostblockländern, die nur wenig oder garnicht der deutschen Sprache mächtig sind, aber BILLIG, sorgen dann für das ganz große Chaos! MENSCHENUNWÜRDIG nenne ich diese Zustände in der Altenpflege!!! Die deutsche(n) Politik(er)sollten sich was SCHÄMEN!!! Ich bin Pflegefachkraft seit 1985 und weiß leider nur zu gut, wie machtlos gutes Personal heut zu Tage ist! TRAURIG

  6. 25.

    Naja, das ist doch nun wirklich nichts neues und schon gar kein lokales Problem. Das ist mittlerweile (leider) völlig normal und fester Bestandteil aller Rettungsdienste mit einer nennenswerten Zahl an Pflegeeinrichtungen in ihrem Einsatzgebiet.

    Klar ist das nicht Aufgabe des Rettungsdienstes ( nicht der Feuerwehr) aber ich verstehe dieses „Erstaunen“ nicht.

    Ist ja leider mittlerweile völlig normal

    Oliver

  7. 24.

    Viel zu wenig Fachpersonal habe selber bei einem großen Herz Arbeitgeber gearbeitet. Der Wasserkopf wird immer dicker. Fürs Personal bleibt nichts über. Wir sind das laut derer Meinung selber Schuld wenn wir pflegeplanungen nicht so schreiben, dass eine Erhöhung nicht abgelehnt werden kann, also lügen. Eigentlich sollte die Altenpflege mal komplett die Brocken hinschmeißen wird allerhöchste Zeit. Leute werdet mal wach das haben die alten Menschen nicht verdient

  8. 23.

    Ich halte es zunächst einmal nicht notwendig, dass eine gestürzte Person zwingend einer Krankenhausdiagnostik zugeführt werden muss. Ich würde von einer Pflegefachkraft nach dreijähriger Berufserfahrung durchaus erwarten, dass hier zwischen dem Bagatellsturz ohne einhergehende Verletzungen und dem tatsächlich krankenhausbedürftigen Sturz (z.B. auf den Kopf mit Blutung, z.B. mit einhergehende knöcherner Verletzung oder bei Antikoagulation)unterschieden werden kann. Weiterhin stellt sich die Frage, ob auch letztere Fälle tatsächlich Aufgabe der Notfallrettung sind. Das RDG Berlin definiert die Aufgabe der Notfallrettung als die Lebensrettung von Notfallpatienten. Notfallpatienten sind demnach Personen, welche sich in einem lebensbedrohlichen Zustand befinden oder bei welcher schwere gesundheitliche Schäden zu befürchten sind. Kann man einen Pat. mit blutender Kopfplatzwunde unter diese Definition subsumieren? Fraglich! Der Krankentransport ist hier wohl eher Mittel der Wahl.

  9. 22.

    Warum spricht keiner mal aus, was notwendig wäre, es wird mehr Geld gebraucht, um höhere Gehälter für die Pflegekräfte bereitstellen zu können, dann ist dieser Beruf wieder attraktiv, aber dazu müsste der Beitrag der Pflegeversicherung um 8-10% angehoben werden.

  10. 21.

    Aber der MDK hilft nicht weiter, für die ist der Pflegeschüssel ja ok, die zählen ernsthaft Personen, die 1€ Jobs im Altersheim machen "als Pflegekraft" mit und Betreuungsassisten, werden auch als Pflegekraft mitgezählt, die sind aber größtenteils für die Freizeitveranstaltung verantwortlich. Da wo ich war, die hatten keine pflegerische Tätigkeiten ausgeübt.
    Da muss von der MDK sich schon was änderen. Die interessieren auch zum größtenteils auch nur, ob die Dokumantaton ordenlich ausgfüllt wurde.

  11. 20.

    " Der Personalmangel betrifft nicht nur die Pflegeheime sondern auch die Feuerwehr und den Rettungsdienst. "

    so ist es, in anderen Bundesländern wird bereits erwogen Mitarbeiter des öffl. Dienstes zum Feuerwehrdienst zu verpflichten, mangels Personal. Dass diese Leute keine Ahnung von der Materie haben scheint egal zu sein.

  12. 19.

    " Der MDK und die Heimaufsicht müssten schlicht und ergreifend mal unangemeldet in den Heimen auftauchen, "

    das ist das Letzte was die wollen...

  13. 18.

    Nicht jeder gestürzte Pflegeheimbewohner muss zwingend im krankenhas vorgestellt werden. Das ist nur notwendig, wenn es sichtbare schwere Verletzungen gibt bzw. der Bewohner verbal oder nonverbal Schmerzen äußert. Pflegefachkräfte haben auch gelernt, diese Notwendigkeit einzschätzen. Wenn ich im Pflegeheim bei jedem Bewohnesturz den Rettungsdienst gerufen hätte, dann hätte ich an manchen Tagen nichts anderes tun können als telefonieren, Papiere fertigmachen, Übergabe an Rettungsdienst, Angehörige informieren, aus der Rettungsstelle zurückkehrende Bewohner in Empfang nehmen, Papiere sichten, Hausarzt und wieder Angehörige informieren... und den alten und oft dementen Menschen tut es ganz bestimmt nicht gut, sie grundlos mit dem KTW in eine unbekannte Umgebung zu schicken.
    Der MDK und die Heimaufsicht müssten schlicht und ergreifend mal unangemeldet in den Heimen auftauchen, dann würden sie ihr blaues Wunder erleben. Unterbesetzung und ständig wechselnde Leasingkräfte sind die Regel.

  14. 17.

    Ihr müsst euch endlich dran gewöhnen, dass Jobs die gebraucht werden viel besser bezahlt werden müssen. Momentan ist es so, dass die ganzen Hipster Jobs total überbewertet sind, während die wichtigen Jobs am Mindestlohn nagen.

  15. 16.

    Vielleicht, aber auch nur vielleicht geht den fremdenfeindlichen Hetzern von der AfD und deren Wählern langsam ein Licht auf. Auch ihr werdet mal alt.
    Das Abwerben von Pflegekräften aus der EU kommt auch als Bummerang zurück.

  16. 15.

    Das sind alles Spätfolgen (besser: erklärtes Ziel) der FDP "Gesundheitspolitik". Apropos, was machen die Herren Rösler und Bahr eigentlich heute?
    Rösler sammelt Kleinmandate und Bahr ist seit 2014 Manager bei der Allianz Private Krankenversicherung.

    "Bahrs Wechsel zur Allianz, nur zehn Monate nach seinem Ausscheiden als Bundesgesundheitsminister, sorgte für Kritik. Bahr gilt als „Vater“ der staatlich geförderten Pflegezusatzversicherung, auch „Pflege-Bahr“ genannt. Einer der größten Anbieter der Pflege-Bahr-Policen ist die Allianz. Ursprünglich sollte Bahr bereits nach einigen Monaten in den Vorstand aufrücken, doch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) intervenierte und bestand auf eine längere „Einarbeitungszeit“.

    Die FDP, wie man sie kennt.

  17. 14.

    Unseren sogenannten volksvertretern kann man leider zunehmend nur ein Armutszeugnis ausstellen. Für die Erhöhung der diäten oder millionenschwere Denkmäler und galerien ist jede Menge Geld da, auch für Banken und Menschen in und aus anderen Ländern - nur nicht für alte und arme Menschen im eigenen Land, innere Sicherheit, sicheren Nahverkehr, medizinische Versorgung und funktionierende Verwaltung. Beschämend.

  18. 13.

    Privatisierung war das Zauberwort der Politik von Schröder. Pflegeheime und Krankenhäuser sollten gut wirtschaften aber keinen Gewinn machen dürfen der abgeführt wird, an wen auch immer.

  19. 12.

    Die Personalsituation ist bei der Feuerwehr auch deshalb deutlich besser als in einem Pflegeheim weil die Leute in letzterem für ein Appel und ein Ei arbeiten gehen müssen. Das will halt niemand machen. Da liegt das Hauptproblem.

  20. 11.

    Die Berliner Feuerwehr selbst ist Schuld an viel mehr sinnlosen Einsätzen jeden Tag als alle Pflegeheime zusammen. Die beschriebenen 43 Einsätze pro Tag sind doch für die täglich weit mehr als 1000 Einsätze ein Tropfen auf den heißen Stein.
    Gibt es Probleme in den Pflegeeinrichtungen? Natürlich, keine Frage, die im Artikel beschriebenen Fälle kommen leider zu oft vor und daran muss unbedingt was geändert werden. Aber das ist keineswegs ein Hauptproblem der Berliner Feuerwehr. Tagtäglich fahren Rettungswagen mit Blaulicht und Sirene zu Einsätzen, bei denen von Vornherein schon klar ist, dass es dicht nicht um Notfälle handelt. Sei es nun der Alarm zum 23 jährigen der seit einer Stunde Halsschmerzen hat oder der Alarm zu einer Schnittverletzung am kleinen Finger, oder zum seit mehreren Tagen bestehenden Hautausschlag. Solche Einsätze sind jeden Tag viel häufiger als solche Einsätze in Pflegeheimen wo oft die Patienten ja wirklich Hilfe brauchen und sich selbst nicht helfen können. Im Gegensatz zu der jungen Familie die 2 Autos vor der Tür stehen hat und den Rettungsdienst ruft weil das Kind 38 Grad Fieber hat, anstatt selbst zum Kinderarzt zu fahren.
    Für die Vermeidung solcher Fälle sollte eine Arbeitsgruppe gebildet werden, denn die sind erstens viel häufiger und andererseits wirklich Zeitverschwendung einer wichtigen Ressource, von der die Berliner Feuerwehr so ganz nebenbei auch nicht übermäßig viel hat. Der Personalmangel betrifft nicht nur die Pflegeheime sondern auch die Feuerwehr und den Rettungsdienst. Kollegen müssen hunderte Überstunden Monate und Jahre vor sich her schieben. Wenn die Rettungseinsätze zu viel werden, wird Personal von Drehleitern und LHFs abgezogen um diese zu bewältigen. Und wenn es dann zu einem größeren Brand kommt dauert es erheblich länger bis ausreichend Kräfte aus ganz Berlin zusammengezogen sind.
    Meiner Meinung nach sollte die Berliner Feuerwehr erstmal selbst bei sich für Ordnung und eine gute Organisation sorgen, bevor sie den schwarzen Peter zu den überlasteten Pflegekräfte schiebt.

    Ich persönlich kann für mich sagen, dass ich viel lieber in ein Pflegeheim fahre und einer alten Dame wieder ins Bett helfe als Personen ins Krankenhaus bringen zu müssen, die nur den Rettungsdienst rufen um nicht die Taxi- oder BVG- oder Spritkosten zählen zu müssen.

    Eine bessere Priorisierung von Einsätzen der Berliner Feuerwehr und nicht mehr die sinnlose Beschickung von jedem Notruf, dass würde die Lage für die Feuerwehr und damit die Kollegen deutlich verbessern. Nur leider ist es so, dass die Berliner Feuerwehr pro transportierten Patienten bezahlt wird und daher eigentlich kein großes Interesse hat die Einsatzzahlen zu senken.

    Daher braucht es übergeordnete, bundesweite Lösungen:

    Rechtssicherheit für Leitstellenpersonal in der Abwicklung von Nicht-Notfällen.

    Eine Reformierung der Vergütung für Rettungsdienste (weg von der reinen Transportleistung nach SGB V)

    Und natürlich eine bessere Aufklärung der Bevölkerung, wann der Notruf gewählt werden soll und wann der ärztliche Bereitschaftsdienst (116117). Am besten sollte die Einrichtung eines Telefondienstes vergleichbar zur 111 in England stattfinden. Dort kann jeder anrufen der ein medizinisches Problem hat und wird von geschulten Kräften richtig beraten ob der Gang in eine Apotheke, zum Hausarzt oder ins Krankenhaus die richtige Wahl ist, oder ob direkt der Einsatz des Rettungsdienstes veranlasst wird.

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