Symbolfoto mit Kindesmissbrauch - Junge sitzt traurig auf dem Boden (Bild: imago images/Roland Mühlanger)
Bild: imago images/Roland Mühlanger

Forderung vom Land Berlin - Opfer des "Kentler-Experiments" klagen auf Schadenersatz

Jahrzehntelang wurden Pflegekinder in Berlin bei Pädophilen untergebracht - mit behördlicher Genehmigung. Zwei Opfer der als "Kentler-Experiment" bekannten Ereignisse wollen sich nun mit einer Klage gegen das Land Berlin Schadenersatz erkämpfen.

Zwei Opfer des sogenannten Kentler-Experiments, bei dem Berliner Jugendliche bei pädophilen Männern in Pflege kamen, fordern Schadensersatz. Das berichtet der "Tagesspiegel". Verklagt werden soll demnach das Land Berlin, genauer gesagt der Bezirk Tempelhof-Schöneberg, der damals für die betreffende Pflegestelle zuständig war. Beide Opfer sammeln Geld für die Klage, berichtet die Zeitung weiter.

Behörden ließen Kentler gewähren

Der im Jahr 2008 verstorbene Berliner Sozialpädagoge Helmut Kentler hatte seit Ende der 1960er Jahre Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen jahrzehntelang zu pädophilen Männern in Pflege gegeben. Kentler glaubte, dass sich pädophile Männer als Pflegeväter besser um ihre Schützlinge kümmern würden als andere Pflegeeltern. Dass sie dafür Sex wollen könnten, war für den seinerzeit weithin anerkannten Psychologen kein Hinderungsgrund. Die Pädophilen erhielten sogar Pflegegeld. Die West-Berliner Jugendbehörden ließen Kentler gewähren oder unterstützten ihn sogar.

Zwischenbericht brachte Erschreckendes zu Tage

Wissenschaftler haben im vergangenen Jahr die Ursachen und Auswirkungen des Experiments untersucht und im November 2019 einen Zwischenbericht vorgelegt. Sie stellten fest, dass die Strukturen der Jugendämter, welche die Jugendlichen zu den pädophilen Männern vermittelt haben, 50 Jahre lang intransparent waren und ein einheitliches Vorgehen bei der Kinder- und Jugendhilfe nicht zu erkennen war.

Aus dem Zwischenbericht im Auftrag der Berliner Bildungsverwaltung ging zudem hervor, dass die Verbrechen unter dem beschönigenden Titel "Kentler-Experiment" offenbar noch länger als bislang bekannt geschahen - nämlich über mehrere Jahrzehnte hinweg. Bis mindestens 2003 gaben Berliner Jugendämter Kinder und Jugendlichen zu pädophilen Pflegevätern. "Ungeheuerlich und erschütternd", nannte die Berliner Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) die Vorgänge. Die Jugendhilfe solle junge Menschen schützen. Hier sei das Gegenteil passiert. 

Knackpunkt Verjährungsfristen

Die Staatsanwaltschaft befasste sich bereits mit den Leiden der Jugendlichen. Es gab strafrechtliche Anzeigen von Opfern, denen sich die Senatsbildungsverwaltung anschloss. Die Staatsanwaltschaft sah bislang indes keine Anhaltspunkte für die Mittäterschaft von Mitarbeitenden des Jugendamts.

Wie viele Kinder und Jugendliche genau unter dem Versagen der Behörden leiden mussten, ist nicht klar. Das sei derzeit nicht seriös zu sagen, heißt es von den Wissenschaftlern. Ihr Abschlussbericht soll Anfang dieses Jahres vorliegen.

Kentler, der nach seiner Zeit am "Pädagogischen Zentrum Berlin" als Professor für Sozialpädagogik an der TU Hannover lehrte, wurde für sein "Experiment" nie strafrechtlich verfolgt, weil seine Taten als verjährt galten. An dieser rechtlichen Hürde scheiterten bislang auch Anläufe von Opfern für eine juristische Aufarbeitung.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

13 Kommentare

  1. 13.

    Welche Parteien waren zu dieser Zeit in der Berliner Landesregierung?

  2. 12.

    Sie sind froh über solche Vorgänge?
    Peinlich, seinen eigenen Ost-West-Komplex an diesem Thema abzuarbeiten!

  3. 11.

    Ich finde auch das es keine Verjährungsfrist geben darf. Aber was für mich ebenso wichtig ist, dass endlich das Strafmaß angehoben wird und ausreichend Therapieplätze für die Täter vorhanden sind. Wie oft werden die Täter wieder rückfällig und es gibt dann wieder Opfer. Aber für die Opfer gibt es auch nicht genug Therapieplätze. Und was ich noch schlimmer finde ist dass die Krankenkassen nur noch 60 Stunden am Stück bezahlen statt vorher 80 Stunden. Ich bin selbst betroffen und da reichen keine 60 Stunden. Man muss eine Pause von 2 Jahre einlegen um wieder Anspruch zu haben. Das geht gar nicht.

  4. 10.

    Also ich glaube nicht, dass man darüber „froh“ sein sollte, dass es überhaupt irgendwo passiert ist.

    Aber ich gebe Ihnen recht, wäre es im „Unrechtsstaat DDR“ passiert, wären die Medienberichte nicht so neutral...

  5. 9.

    Pädophile Menschen bleiben ihr lebenlang pädophil. Wie kann dann sexuelle Gewalt, die Folter gleichkommt, gegen Minderjährige verjähren?
    Für die Überlebenden wäre es zumindestens ein Zeichen von Menschenwürde und Respekt, wenn die Verjährung aufgehoben würde.

  6. 8.

    Mensch bin ich froh das dass im Westen passiert ist! Stellt euch mal vor wenn das in der DDR gewesen wäre, was für ein Aufschrei wäre da wieder durch die Medien gegangen aber jetzt? Seltsam ruhig finde ich!

  7. 7.

    Ich erinnere nur daran, dass Teile der Grünen Pädo sogar strafrechtlich nicht mehr verfolgen wollten. Die Debatte war 2013 und ist nie richtig aufgearbeitet worden. Soll heißen, es wurde „Früher“ eben alles etwas anders als heute bewertet. Und das „Kuscheln“ mit Kindern war bus vor Kurzem Bestandteil von einigen Kitas. Es gibt Dinge, die sind halt erschreckend. Aber es gibt sie leider trotz Sensibilität der Gesellschaft immer noch.

  8. 6.

    Es gibt einen Verein der seit Jahren Unterschriften sammelt, damit diese Verjährungsfrist aufgehoben werden soll. Von alleine kommt die Regierung ja nicht drauf mal was vernünftiges in der Hinsicht zu unternehmen.

  9. 5.

    Kentler wurde laut RBB 1928 geboren und ging demzufolge 1993 in Rente. Laut RBB kamen bis 2003 Kinder zu Pädophilen, also 10 Jahrwe nach Kentlers Rentenbeginn. Warum wurde dieses Verbrechen bis 10 Jahre nach Kentlers Rentenbeginn fortgesetzt? Dabei schied Kentler vor seinem Rentenbeginn aus dem Berliner Jugendamt aus, weil er dann an der Uni lehrte.

  10. 4.

    Traurig ist auch die fehlende Aufarbeitung, durch die Landesbehörden selber. Gab es denn wenigstens eine Entschuldigung?

  11. 3.

    Berlin war und ist leider sehr speziell. !!!!!
    Die Verjährungsfristen müssen dringend , dieser Straftat entsprechend, aufgehoben werden, da die Opfer ihr Leben lang traumatisiert sind.

  12. 2.

    Da fehlen einem die Worte. Das so etwas in einem zivilisiertem Land möglich ist. Wo bleibt der Aufschrei der Anständigen! Diesem Sozialpädagogen, der diesen ganzen Mist anzettelte, sollte, würde er noch leben, nur die Höchststrafe in Frage kpmmen.

  13. 1.

    Es ist unglaublich das so etwas überhaupt genehmigt wurde. Da fehlen einem wirklich die Worte.

Das könnte Sie auch interessieren

Collage: Vor einem Berliner Spätkauf sind ein Spritzkuchen und eine Fassbrause positioniert (Bild: dpa/Seidel/Rothermel; imago images/Steinach)
dpa/Seidel/Rothermel; imago images/Steinach

Der Absacker - Fassbrause und Spritzkuchen vorm Späti

Spritzkuchen, Muffins, Eierschecke: Heute wird es ein bisschen kulinarisch, denn Tim Schwiesau liebt Backwaren aus aller Welt. Natürlich dürfen Getränke nicht fehlen, aber Sie müssen uns dringend helfen. Nur beim Alkohol wird's derzeit kritisch.