Archivbild vom 01.03.2019: Verrußung nach dem Brand in einem 17-geschossigen Hochhaus in der Obstallee in Berlin-Staaken (Quelle: dpa/Christian Pörschmann)
Bild: dpa/Christian Pörschmann

Brandschutz bei Wohngebäuden - "Eine Brandgefahr à la Grenfell gibt es bei uns nicht"

Als in der Neujahrsnacht ein Hochhaus im Märkischen Viertel brannte, war schnell von einem Fassadenbrand die Rede - doch solche Brände sind selten. Strenge Brandschutz-Vorgaben helfen, Katastrophen wie in London 2017 zu verhindern. Von Daniel Marschke

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Furchtbare Szenen spielten sich 2017 in London ab, als beim Brand des Grenfell-Towers über 70 Menschen starben. Der 24-Geschosser stand komplett in Flammen - ein Inferno, wie man es normalerweise nur aus Katastrophenfilmen kennt. Seitdem fragen sich viele Menschen, wie sicher Hochhäuser sind - und ob Fassadenbrände auch in Deutschland möglich wären.

Für Hochhäuser gelten höchste Sicherheitsstandards

Eigentlich ist die Antwort darauf relativ einfach: Hochhäuser in Deutschland müssen höchsten Sicherheitsanforderungen genügen, auch beim Thema Brandschutz. Bereits seit den 50er-Jahren gibt es entsprechende Hochhaus-Richtlinien. Damals, zwölf Jahre nach dem Kriegsende, zeichnete sich ab, dass modernes, höheres Bauen auch in Berlin Einzug halten würde. Im Tiergarten wurde damals das Hansaviertel errichtet: Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1957 entstanden Hochhäuser mit bis zu 17 Stockwerken - ein Novum in der Berliner Stadtgeschichte.

Im Laufe der folgenden Jahrzehnte wurden die Vorschriften immer genauer - was unter anderem mit der rasanten Entwicklung der Skyline in Frankfurt am Main zusammenhing, wo die Banken immer höhere Büro-Türme bauten.

Doch schon damals galt: Ab einer Höhe von 22 Metern müssen tragende und aussteifende Bauteile "feuerbeständig sein und aus nichtbrennbaren Baustoffen bestehen". Das geht aus der Muster-Hochhaus-Richtlinie (MHHR) [bauministerkonferenz.de] hervor, die 2008 zum letzten Mal angepasst wurde. Weiter heißt es darin: "Nichttragende Außenwände und nichttragende Teile tragender Außenwände müssen in allen ihren Teilen aus nichtbrennbaren Baustoffen bestehen".

Was aber war der Grund dafür, dass der Grenfell-Tower lichterloh brannte und das Feuer so viele Menschen in den Tod riss? Auf erschreckende Weise macht dieser Großbrand deutlich, dass die Europäische Union manche Bereiche bisher offenbar nicht genügend geregelt hat.

Kein brennbaren Materialen im Hochhausbau

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass an der Fassade sogenannte Wetterschutzplatten verbaut waren, die Polyethylen (PE) enthielten. Der weltweit am meisten genutzte Kunststoff wird unter anderem für Getränkeflaschen und Müllsäcke verwendet. Vom Prinzip her ist PE "schwer entflammbar", doch in Deutschland dürfen brennbare Materialien im Hochhausbau grundsätzlich nicht verwendet werden, es sei denn, in "nichtbrennbaren geschlossenen Profilen". Das gilt auch für die Dämmstoffe. Wärmedämmplatten werden daher in aller Regel hinter einer Außenfassade aus Beton verbaut.

Bei Häusern unter 22 Metern gelten laut Musterbauordnung [bauministerkonferenz.de] weniger strenge Vorschriften, gerade auch im Bereich der Wärmedämmung. Statt "nicht brennbar" gilt das Kriterium "schwer entflammbar". Dennoch sind Fassadenbrände nicht ausgeschlossen.

Kein "Brandüberschlag" im Märkischen Viertel

Akute Sorge herrschte daher auch, als die Feuerwehr in der Neujahrsnacht mit über 60 Mann zu einem Wohnungsbrand im Märkischen Viertel ausrückte. Angeblich hatten sich die Flammen bereits vom fünften bis ins achte Stockwerk ausgebreitet. Schnell war auch dort von einem Fassadenbrand die Rede. Doch die Polizei konnte Entwarnung geben.

"Ein Übersprung der Flammen auf die Fassade war nicht festzustellen", sagte Polizeisprecher Martin Halweg rbb|24. Was bis hinauf in den achten Stock zu sehen war, sei lediglich eine "brandtypische Verrußung". Mutmaßliche Brandursache sei eine Silvesterrakete gewesen, die sich auf einen Balkon im fünften Stockwerk "verirrt" habe - das hätten die Ermittlungen des Brandkommissariats ergeben. Für Thomas Kirstein, Sprecher der Berliner Feuerwehr, ist das "ein typisches Szenario in der Silvesternacht". 

Verschwindend geringe Zahl von Fassadenbränden

Betrachtet man die absoluten Zahlen, kommt es in Deutschland äußerst selten vor, dass Flammen aus brennenden Wohnungen oder von brennenden Balkonen auf die Fassade überschlagen. So rücken die Einsatzkräfte der Feuerwehr nach Angaben des Deutschen Feuerwehrverbandes pro Jahr zu etwa 180.000 Bränden aus, doch gleichzeitig sind für die Jahre 2001 bis 2018 bundesweit nur rund 120 "Brandereignisse" dokumentiert, die in "Verbindung mit brennbaren Außenfassaden" stehen. So geht es aus einer Datensammlung der Branddirektion Frankfurt (Main) hervor [feuerwehr-frankfurt.de].

Gesammelt werden die Daten seit einem Fassadenbrand Ende Mai 2012 in der Adickesallee in Frankfurt am Main, der bundesweit für Aufsehen gesorgt hatte. Bei Arbeiten zur Wärmedämmung waren auf einer Baustelle Dämmstoffe in Brand geraten. Schnell hatten die Flammen auf die nahegelegene Fassade übergegriffen. Das Ausmaß des Brandes und die Höhe des Schadens (rund 1,5 Millionen Euro) führten zur Frage, ob "Wärmedämmverbundsysteme" ein besonderes Brandrisiko darstellen. Seitdem trägt die Feuerwehr Frankfurt relevante Fälle aus der gesamten Republik zusammen.

Brennendes Polystyrol in der Berliner Treskowstraße

Für Berlin sind in der Frankfurter Liste vier Fälle dokumentiert, in denen es zu einem Fassadenbrand gekommen ist. Ein besonders schwerer Fall liegt schon länger zurück und ereignete sich in der Nacht zum 21. Mai 2005 in der Treskowstraße in Niederschönhausen (Pankow).

Ein Wohnungsbrand in der zweiten Etage, ausgelöst durch eine Kerze auf dem Fernseher, führte laut Feuerwehr zu einem "Vollbrand der Fassade" und der Ausbreitung des Brandes in alle darüber liegenden Geschosse. Zwei Menschen starben, drei wurden verletzt. Zur Wärmedämmung war 80 Millimeter starkes Polystyrol verwendet worden, besser bekannt unter dem Markennamen Styropor, einer der am meisten eingesetzten Dämmstoffe. Auch in Berlin kommt er bei der Wärmedämmung von Bestandsbauten häufig zum Einsatz.

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3 Kommentare

  1. 3.

    Wer sich selbst ein Bild machen möchte, soll sich die NDR-Dokumentation "45 Minuten - Wahnsinn Wärmedämmung" (Teil 2) ansehen. Youtube Nr. yctmCsOLohA

  2. 2.

    @rbb Danke, klingt erstmal beruhigend. Doch offenbar gibt es auch funktionale ökologischere Dämmstoffe mit geringerer Brandlast als Styropor. Gut zu wissen bei der Planung von Wärmedämmung! Ein Blick in die Hinterhöfe zeigt, dass die Plastikmülltonnen meist nicht brandsicher eingehaust sind und häufig an der Fassade stehen. Wie leider auch Motorräder die häufig fahrlässig an Hausfassaden und in Innenhöfen an den Fassaden abgestellt werden. Erst vor kurzem breitete sich ein Brand auf ein Wohnhaus aus.
    https://www.ndr.de/ratgeber/verbraucher/Gibt-es-Alternativen-zur-Polystyroldaemmung,waermedaemmung199.html

  3. 1.

    Das Statement hört sich ja so an, wie damals, als die Brücke in Genua einstürzte, dass alle Brücken Berlins sich im besten Zustand befänden.
    Dass das so nicht ist, zeigen die fast täglichen Meldungen von Schäden und Sperrungen.

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