Der Autor Eliyah Havemann (2.v.l.) befestigt eine zuvor abmontierte Stahlplatte wieder auf der umstrittenen Stahlsäule des Künstlerkollektivs "Zentrum für politische Schönheit" gegenüber vom Reichstag in Berlin. (Quelle: dpa/Paul Zinken)»
Video: Abendschau | 05.01.2020 | Jochen Kienbaum | Bild: dpa/Paul Zinken

Umstrittenes Shoa-Mahnmal - Jüdische Aktivisten scheitern mit Abriss der Holocaust-Stele

Der Streit um die Stele eskaliert: Am Sonntag rückten jüdische Aktivisten mit einem Trennschleifer an, um die umstrittene Säule gegenüber dem Reichstag zu entfernen. Sie soll die Asche von Holocaust-Opfern enthalten. Die Polizei verhinderte den Abriss.

Eine Gruppe jüdischer Aktivisten ist am Sonntag damit gescheitert, die umstrittene Stahlsäule des Künstlerkollektivs "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) abzureißen. Wie Polizeisprecher Martin Halweg rbb|24 am Nachmittag sagte, hätten "in der Spitze fünf Personen" versucht, die gegenüber dem Reichstagsgebäude aufgestellte Säule zu demontieren.

ZPS stellt Strafanzeige wegen Sachbeschädigung

Wie auf Twitter zu erkennen ist, wurden die Aktivisten von mehreren weiteren Personen unterstützt. Unter anderem hielten sie eine israelische Flagge hoch. Auf einem ebenfalls hochgehaltenen Transparent stand zu lesen: "Wer Leid konsumierbar macht, ist Teil des Problems" - offenbar eine Kritik am ZPS.

Als die Polizei nach etwa 40 Minuten eintraf, seien die Arbeiten unterbrochen worden. Unter anderem sei ein Trennschleifer verwendet worden, sagte Halweg. Das Künstlerkollektiv ZPS habe erklärt, Eigentümer der Stele zu sein und Strafanzeige wegen Sachbeschädigung erstattet. Ob das umstrittene Kunstwerk an dieser Stelle rechtmäßig oder unrechtmäßig steht, sei unabhängig davon zu bewerten.

Auch Sohn von Wolf Biermann unter den Aktivisten

Die Gruppe, die am Sonntag aktiv geworden ist, tritt unter dem Namen "Aktions Künstler Komitee" (AKK) auf. Wie es in einer am Sonntag verbreiteten Pressemitteilung heißt, hat sie sich allein zu dem Zweck zusammengetan, die ZPS-Installation abzureißen. Die Mitglieder hätten unterschiedliche politische Ansichten und religiöse Zugehörigkeiten.

Prominentestes Mitglied ist der Autor Eliyah Havemann, Sohn des Liedermachers Wolf Biermann. Havemanns Großvater Dagobert Biermann war Jude und wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Sein Großvater mütterlicherseits ist der Chemiker, Widerstandskämpfer und spätere DDR-Dissident Robert Havemann.

"Keine Kunst mit Asche von Holocaust-Opfern"

Sich selbst bezeichnet Eliyah Havemann auf Twitter als "modern-orthodox", als Zionist, als "Israeli und auch als Deutscher". Um die Aktion gegen die ZPS-Stelle zu unterstützen, war er eigens aus Israel angereist. "Mit Asche von Opfern des Holocaust sollte man keine Kunst und Politik machen", sagte Havemann am Sonntag der Nachrichtenagentur dpa.

Von der Aktion des ZPS habe er auf Twitter erfahren. Bei dem Gedanken, dass die Säule auch die Asche seines Großvaters enthalten könnte, sei ihm "akut schlecht" geworden. Das ZPS habe mit seiner Aktion, dem eigentlichen Ziel, nämlich vor der AfD zu warnen, einen "Bärendienst" erwiesen. Daher müsse die Stele weg - "Besser heute als morgen", wird Havemann zitiert. Auf die Klärung der Eigentumsverhältnisse sei er gespannt, twitterte Havemann später.

Bezirk fordert Entfernung der Stele

Das für seine umstrittenen Aktionen bekannte "Zentrum für politische Schönheit" hatte die Säule Anfang Dezember aufgestellt. Weil das Künstlerkollektiv behauptete, die Säule enthalte Asche von Holocaust-Opfern, hatte es heftige Kritik einstecken müssen. Gegner der Aktion hatten unter anderem erklärt, dass man das Leid der Shoa-Opfer nicht in dieser Weise instrumentalisieren dürfe. Daraufhin hatte sich das ZPS entschuldigt. Die enthaltene Asche hatte es nach eigenen Angaben entfernt und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz übergeben, die sie den Angaben zufolge auf einem jüdischen Friedhof beisetzte.

Der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde Berlin, Sigmount Königsberg, erklärte am Sonntag, wenn die ZPS-Aktivisten die jüdische Kritik an der äußerst umstrittenen Aktion ernst genommen hätten, dann hätten sie die Stele bereits selbst demontiert. Die Bezirksverwaltung von Berlin-Mitte hatte den Verantwortlichen eine Frist zur Beseitigung der inzwischen einbetonierten Säule bis 20. Dezember gesetzt. Dagegen hatte das ZPS Widerspruch eingelegt - und die Stele nicht beseitigt.

Auf Anfrage von rbb|24 bekräftigte das Bezirksamt vor Weihnachten, die Beseitigung solle "schnellstmöglich erfolgen", der Verwaltungsakt könne auch zwangsweise durchgesetzt werden. Allerdings sei die Beseitigung noch nicht terminiert. Die Entfernung müsse zudem behutsam erfolgen, um die unter der Rasenfläche vorhandene automatische Beregnungsanlage nicht zu beschädigen.

Sendung: Abendschau, 05.01.2019, 19.30 Uhr

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41 Kommentare

  1. 41.

    Diese Argumentation ist nicht sonderlich gekonnt - allein deshalb, weil das ZPS (ein Künstlerkollektiv, dass genau auf diese Erinnerungsarbeit und eben ein Mahnmal gesetzt hat) und die Täter des NS Regimes nicht gleich sind. Weder die gleichen Personen, noch vertreten sie die gleichen Ansichten. Ganz im Gegenteil. Debilität in dem Zusammenhang als Schimpfwort zu erwähnen, ist auch wenig sensibel gegen Betroffene. Sie kennen die Bedeutung?

    Im Übrigen hat sich das ZPS nicht beschwert, sondern entschuldigt und die Asche (sofern es welche gab) entfernt. Das emotionale Über-einen-Kamm-Scheren (von Tätern und mahnenden Künstlern) ihres Kommentares ist menschlich, aber dem Sachverhalt wenig angemessen. Kritik an einer Kunstaktion? Ja! Aber nicht in dem man selbst undifferenziert um sich schlägt...

  2. 40.

    Also erst mal 6 Millionen Juden ermorden, dann einen total debilen Quatsch mit der Asche treiben und sich darüber beschweren, wenn die noch Lebenden Befindlichkeiten zeigen?
    Hab' ich Sie da richtig verstanden? Ist das Ihre Einstellung zu dieser Sache?

  3. 39.

    Es spielt überhaupt keine Rolle, was die da rein getan haben.
    Ein bisserl gesunder Menschenverstand hätte gereicht um das zu erfassen.

  4. 37.

    In diesem Zusammenhang von Aussterben zu schreiben, ist einfach nur daneben. Ich empfehle Ihnen einen Besuch in Auschwitz oder eine Fahrt nach Yad Vashem.

  5. 35.

    Mit Leuten wie Ihnen @Berliner ist jede Diskussion sinnlos. Ich schliesse mich der Aussage Havamanns an. Ich bitte wenigstens darum, Menschen jüdischen Glaubens respektvoller gegenüberzutreten.

  6. 34.

    Ist ihnen entgangen oder haben sie bereits wieder verdrängt um was es bei dieser Aktion ging?

    "Die Säule wurde auf dem Gelände der ehemaligen Kroll-Oper aufgestellt, die nach dem Reichstagsbrand als Ausweichquartier des Parlaments diente. Dort hatten im Jahr 1933 bürgerliche Parteien das Ermächtigungsgesetz unterzeichnet und damit die Demokratie den Nationalsozialisten ausgeliefert. Die Aufstellung an diesem Ort richte sich gegen Konservative aus CDU und CSU, die in Erwägung ziehen, mit der in Teilen rechtsextremen AfD zusammenzuarbeiten."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Zentrum_f%C3%BCr_Politische_Sch%C3%B6nheit#%E2%80%9ESucht_nach_uns!%E2%80%9C

    "Auch Lea Rosh, Initiatorin des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, unterstützte die Aktion; sie sei „tiefer, als unser Holocaustmahnmal es ist“.

  7. 33.

    Sie haben mich nicht verstanden oder was ich eher annehme, nicht verstehen wollen. Aber ich wiederhole gerne meine Frage:

    Oder glauben sie auch man wollte bei „Flüchtlinge fressen – Not und Spiele“ wirklich Flüchtende von Raubtieren fressen lassen?

    https://de.wikipedia.org/wiki/Zentrum_f%C3%BCr_Politische_Sch%C3%B6nheit#%E2%80%9EFl%C3%BCchtlinge_fressen_%E2%80%93_Not_und_Spiele%E2%80%9C

  8. 32.

    "Offensichtlich unterstellen Sie den jüdischen Aktivisten damit das Gleiche."

    Wie kommen sie zu dieser infamen Lüge?

    "Sollten Sie mal drüber nachdenken, dass Ihnen die Künstler wichtiger sind, als jüdische Mitbürger. "

    Eine weitere Lüge und hinterhältige Unterstellung, sie sollten mal darüber nachdenken warum sie anderen so etwas unterstellen. Ich kann mir die Gründe vorstellen. Es wäre ja nicht das erste Mal das interessierte Kreise Mitbürger jüdischen Glaubens für ihre miesen Spielchen mißbrauchen. Die Ecke aus der sowas kommt ist wohlbekannt.

  9. 31.

    Schöne Politik ist selten wahr, wahre Politik ist selten schön.

  10. 30.

    In diesem Land kann sich auch jeder über jeden Kram aufregen und ihm wird Gehör geschenkt. Haben wir keine anderen Probleme in dieser Welt als die Befindlichkeiten einzelner, die offenbar sonst keinen Sinn im Leben finden?

  11. 29.

    Da ich glaube, dass auch Sie emphatisch sein können :“ Daraufhin hatte sich das ZPS entschuldigt. Die enthaltene Asche hatte es nach eigenen Angaben entfernt und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz übergeben, die sie den Angaben zufolge auf einem jüdischen Friedhof beisetzte.“. Also bitte, lassen Sie diese Kommentare

  12. 28.

    Gut, dass Menschen (Aktionskünstler*innen) mit Biss nicht aussterben. Es tut mehr denn je Not menschenwürdigen Widerstand zu leisten.

  13. 27.

    Mich wundert vor allem Ihre Entrüstung nicht. Offensichtlich unterstellen Sie den jüdischen Aktivisten damit das Gleiche. Sollten Sie mal drüber nachdenken, dass Ihnen die Künstler wichtiger sind, als jüdische Mitbürger.

  14. 26.

    "Mir wird nur noch schlecht, wenn ich ZPS höre. Widerlich, wie man auf Gefühlen von Shoa-Opfern bzw deren Angehörigen herumtrampelt."

    Wird ihnen auch schlecht wenn Neonazis und Antisemiten oder Faschisten in der AfD " auf Gefühlen von Shoa-Opfern bzw deren Angehörigen herumtrampelt." ?

    Falls nicht, dann wäre ihre Entrüstung aber ziemlich scheinheilig.

  15. 25.

    Wer glaubt in der Stele hätte sich menschliche Asche befunden kennt a) das ZPS nicht und b) glaubt wahrscheinlich auch noch an den Weihnachtsmann.

    Oder glauben sie auch man wollte bei „Flüchtlinge fressen – Not und Spiele“ wirklich Flüchtende von Raubtieren fressen lassen?

    https://de.wikipedia.org/wiki/Zentrum_f%C3%BCr_Politische_Sch%C3%B6nheit#%E2%80%9EFl%C3%BCchtlinge_fressen_%E2%80%93_Not_und_Spiele%E2%80%9C

    Manchmal hilft es außerordentlich den gesunden Menschenverstand einzuschalten.

  16. 24.

    Das Bezirksamt hatte an dem in meiner Straße abgestellten Schrottauto (mit Kennzeichen) auch einen gelben Aufkleber mit Frist zur Beseitigung angebracht. Das war Ende 2018. Das Auto steht noch da, nur die Farbe vom Aufkleber ist weg. Da ist allerdings nicht der Bezirk für zuständig, sondern das "Amt für regionalisierte Ordnungsaufgaben" unter Bezirksstadtrat Dr. Frank Elischewski (AfD)...

  17. 23.

    Wenigstens wurde die Asche entfernt und ordnungsgemäß beigesetzt:

    https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2020/01/berlin-mitte-reichstag-zps-umtrittene-saeule-juedische-aktivisten.html

    "Gegner der Aktion hatten unter anderem erklärt, dass man das Leid der Shoa-Opfer nicht in dieser Weise instrumentalisieren dürfe. Daraufhin hatte sich das ZPS entschuldigt. Die enthaltene Asche hatte es nach eigenen Angaben entfernt und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz übergeben, die sie den Angaben zufolge auf einem jüdischen Friedhof beisetzte."

    So gehört sich das auch. Solche Asche stellt man nicht öffentlich aus. Und nein, man darf die Opfer des Holocaust in der Tat nicht politisch instrumentalisieren und das gilt ausdruecklichst fuer ALLE Parteien im Bundestag und im Bundesrat.

  18. 22.

    Hoffentlich wird diese vom Bezirk eh angeordnete Entfernung jetzt baldestmöglichst durchgezogen:

    https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2020/01/berlin-mitte-reichstag-zps-umtrittene-saeule-juedische-aktivisten.html

    "Die Bezirksverwaltung von Berlin-Mitte hatte den Verantwortlichen eine Frist zur Beseitigung der inzwischen einbetonierten Säule bis 20. Dezember gesetzt. Dagegen hatte das ZPS Widerspruch eingelegt - und die Stele nicht beseitigt."

    "Auf Anfrage von rbb|24 bekräftigte das Bezirksamt vor Weihnachten, die Beseitigung solle "schnellstmöglich erfolgen", der Verwaltungsakt könne auch zwangsweise durchgesetzt werden."

    Der Bezirk soll Nägel mit Köpfen machen und das Teil entfernen. Sowas hat am Reichstag nichts verloren.

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