Juedisches Krankenhaus Berlin-Wedding (Quelle: image-images)
Audio: Inforadio | 05.01.2020 | Miron Tenenberg | Bild: imago-images

Chirurgischer Eingriff - Muslimische Beschneidung im Jüdischen Krankenhaus

Die Beschneidung ist bei Söhnen aus muslimischen Familien Pflicht. Damit kleine Jungen das möglichst ohne Schmerzen und Komplikationen bestehen, vertrauen Eltern in Berlin auf Chirurgen. Ausgerechnet ins Jüdische Krankenhaus gehen sie gerne. Von Miron Tenenberg

Wenn es um ihre Söhne geht, sind sich die meisten muslimischen Familien einig: die Beschneidung ist ein Muss. Egal welcher Rechtsschule man folgt, ob man gläubig oder traditionell ist, nur feiertags mit der Religion zu tun hat oder säkular lebt: Die Beschneidung der Jungen ist beides - eine Pflicht, die sich aus der prophetischen Sunna ableitet, und etwas Grundlegendes für das Selbstverständnis der eigenen muslimischen Identität.

Zur Beschneidung landen einige der Jungen dann auf dem Tisch von Martin Müller im Weddinger Kiezkrankenhaus. Ausgerechnet hier. Denn der Oberarzt der Chirurgie und Leiter der Rettungsstelle arbeitet im Jüdischen Krankenhaus.

Beschneidung erfolgt in urologischer Abteilung

Dort gibt es schon lange eine urologische Abteilung und "diese Tradition", erklärt der Chirurg. Die Muslime im Wedding sagten sich laut Müller dann: 'Die im Jüdischen Krankenhaus können die Beschneidung durchführen. Warum sollten wir mit unseren Kindern nicht auch dorthin gehen?'

Über das Internet und Mund-zu-Mund-Propaganda würde das Jüdische Krankenhaus für diesen Eingriff immer wieder weiterempfohlen, "weil hier relativ wenige Komplikationen auftreten", sagt Müller.

"Wunschbeschneidung" kostet 500 Euro

150 Beschneidungen würden jährlich im Jüdischen Krankenhaus durchgeführt. Davon seien geschätzt 50 Prozent medizinisch notwendig, also wenn eine Vorhautverengung, die Phimose, diagnostiziert wurde. Und die anderen 50 Prozent würden aus religiösen Gründen vorgenommen, erzählt Martin Müller. Die sogenannte Wunschbeschneidung kostet 500 Euro.

Wann die Beschneidung stattfindet, dafür gibt es unterschiedliche Traditionen: irgendwann zwischen dem siebten Lebenstag und Jahren später, in der Pubertät. Martin Müller erklärt, bei türkischen Muslimen im weitesten Sinne werde in der Regel zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr beschnitten, bei Kindern aus dem arabischen Raum zwischen vier und fünf. Und Kinder aus Nordafrika tendenziell als Säuglinge.

"Folklore" eher selten

Martin Müller ist davon überzeugt, dass viele Eltern ins Jüdische Krankenhaus kämen, weil sie einen hygienisch einwandfreien Eingriff nach klinischem Standard garantiert wüssten und ihren Kindern Schmerzen ersparten.

Demensprechend häufig kämen Muslime mit einem weltlichen Selbstverständnis zu ihm. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum er im Jüdischen Krankenhaus eher selten Jungen in Beschneidungskostümen sieht, mit ihren Umhängen, Zeptern, Hüten und der Schärpe, auf der "Maşallah" steht, also "Was Gott will".

"Manche größeren Kinder bekommen einen, ja sagen wir mal, besonderen Schlafanzug oder Schlafkittel an, der dieser Vorstellung der Prinzenmontur entspricht", sagt Martin Müller. Viel mehr "Folklore" hätte der Oberarzt der Chirurgie aber noch nicht vor einer Operation erlebt.

Und ob es nun jüdische, muslimische oder Eltern eines Jungen mit Phimose sind - die Beschneidung ist im Jüdischen Krankenhaus heutzutage vor allem eins: ein Routine-Eingriff.
 

Hintergrund

Beschneidungen nach deutschem Recht,
Paragraph 1631d Bürgerliches Gesetzbuch
 

Der Bundestag hat 2012 das Gesetz zur rituellen Beschneidung von Jungen jüdischen und muslimischen Glaubens beschlossen.

(1) Die Personensorge umfasst auch das Recht, in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll. Dies gilt nicht, wenn durch die Beschneidung auch unter Berücksichtigung ihres Zwecks das Kindeswohl gefährdet wird.

(2) In den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Kindes dürfen auch von einer Religionsgesellschaft dazu vorgesehene Personen Beschneidungen gemäß Absatz 1 durchführen, wenn sie dafür besonders ausgebildet und, ohne Arzt zu sein, für die Durchführung der Beschneidung vergleichbar befähigt sind.

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18 Kommentare

  1. 18.

    Die Vorhaut ist der sensibelste Teil des Penis mit tausenden Nervenenden (nein, nicht die Eichel) Sie hat wichtige Funktionen, Schutzfunktion und in der Sexualität für Mann UND Frau. Keinem Mann sollte die Möglichkeit genommen werden so viel zu empfinden, wie die Natur ihm zugedacht hat. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit gilt für Jungen genauso wie für Mädchen. Traditionen, wenn sie wissenschaftlich und gesellschaftlich überholt sind, sollten fallen gelassen werden.

  2. 17.

    Ich bin ein erwachsener Mann. Mir darf niemand einen sensiblen und funktionalen Teil meiner Genitalien ungefragt entfernen. Das wäre eine strafbare Körperverletzung. Das selbe gilt für Frauen und für Mädchen.
    Aber alle Jungen wurden am 12.12.2012 entrechtet, um ihr Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit gebracht. Das ist Diskriminierung in Reinform.
    Es ist traurig, eine solche Werbesendung für eine Klinik, in der nicht-indizierte genitalreduzierende Operationen an wehrlosen Jungen vorgenommen werden im öffentlich-rechtlichen Rundfunk erleben zu müssen.

  3. 15.

    Es tut mir leid, aber ich halte die Bescheinigung von hilflosen Kindern für eine Verletzung der Menschenrechte.
    Wenn sie erwachsen sind und sich selbst dafür entscheiden, dann bitte.

  4. 14.

    Heureka! - Beschneidung soll die Zeit bei der gründlichen Genitalwäsche verkürzen.

  5. 13.

    Nicht gesundheitlich nötige Eingriffe sind Körperverletzung. PUNKT. Daran ändert auch eine fiktive Religion nichts.
    Einem Arzt der sowas macht, gehört die Zulassung entzogen.
    "Personensorge" ist mit "nicht erforderliche Beschneidung" nicht vereinbar. Wenn etwas nicht erforderlich ist, dann muss man sich auch nicht sorgen.
    Dieses Gesetz ist ein Gefälligkeitsgesetz für unsere Freunde und widerspricht unseren Grundwerten.
    Andernfalls müsste man ja auch die rituelle Beschneidung von Frauen zulassen. Da wird deutlich, wie absurd das ganze ist.

  6. 12.

    Meiner Meinung nach sollte das Recht auf körperliche Unversehrtheit über dem Recht auf freie Religionsausübung stehen. Das betrifft bei Kindern nicht nur religiös begründete Beschneidungen, Verletzungen (für Narben), Tätowierungen u.a. sondern auch die Verhinderung medizinischer Behandlungen.

    Götter sind meinen Erfahrungen nach in solchen Dingen flexibler als ihre Anhänger und könnten sich bestimmt mit einer Altersgrenze 14+ anfreunden.

  7. 11.

    Es ist an der Zeit, Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen. Dann kann das Recht der körperlichen Unversehrtheit religiösen Motiven nicht mehr geopfert werden.
    Wenn man bedenkt, wie schwer eine Impfung aus gesundheitlichen Gründen durchgesetzt werden konnte.

  8. 10.

    " erst einmal eine Indikation voraus. " und die heißt : pathologische Phimose

    hier handelt es sich aber meist um religiös motivierte Eingriffe , " Die Beschneidung ist bei Söhnen aus muslimischen Familien Pflicht."

  9. 9.

    Es kommt sehr auf den Zungenschlag an. Als ich die Sendung hörte, fand ich den Tenor nicht anstößig, jetzt lese ich ihn hier nach und "merkwürdigerweise" stoße ich jetzt eher daran an. Ich glaube, es liegt am nichthörbaren Zungenschlag.

    Der gehörte Beitrag hob auf das auf den ersten Blick Verwunderliche ab und es lag nichts Schrilles oder Einordnendes in der Stimme. Damit bezieht sich der Beitrag auf die Gedankenwelt der Hörenden, die erstmal dabei stutzen.

    Inwieweit die Beschneidung eine ausgesprochen humane oder inhumane Praktik ist, macht der Beitrag (bewusst) nicht zum Thema. Vielleicht aus gleichem Grund, mit dem Wolfgang Thierse sich seinerzeit die ausdrückliche Einmischung der Mehrheitsgesellschaft in Praktiken speziell der jüdischen (und hier mit der muslimischen) Religionsgemeinschaft verbat: Er möchte nicht in einer Gesellschaft leben, die wieder einmal den jüdischen Religionsangehörigen vorschreibt, wie diese ihre Religion zu praktizieren hätten.

  10. 8.

    "Der Bundestag hat 2012 das Gesetz zur rituellen Beschneidung von Jungen jüdischen und muslimischen Glaubens beschlossen."

    Diese Aussage ist Quatsch; das Gesetz bezieht sich nicht auf die Religion des zu verletzenden Jungens. Eltern jeglichen Glaubens (oder Nichtglaubens) dürfen ihre Jungen entsprechend dem Gesetz beschneiden lassen.

  11. 7.

    Lieber RBB, warum betonen Sie, dass Muslime in das Jüdische Krankenhaus gehen? Arbeiten dort ausschließlich Juden? Dürfen Muslime nicht in ein Krankenhaus, das auf solche Eingriffe spezialisiert sind? Sind Jüdische Einrichtungen nur für Juden? Was soll dieser Bericht nun aussagen? Geht es um die Beschneidung an sich oder darum, dass Menschen religionsübergreifend leben können? Möchten Sie eine strikte Trennung der Religionen?

  12. 6.

    Eine sehr beschönigende Darstellung. Die Operationen erfolgen allesamt nicht nach den Regeln der ärztlichen Kunst. Denn diese setzt zuallervorderst erst einmal eine Indikation voraus. Eine Lokalänasthesie ist völlig unzureichend und in den gültigen medizinischen Leitlinien wird eine Vollnarkose zwingend als Vorgabe für diesen Eingriff festgeschrieben. Diese wiederum hat ein derart hoher Komplikationsrisiko, dass es sich an sich schon verbietet, diese ohne Indikation an einem Kind vorzunehmen.

    https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-372013/schmerztherapie-nicht-gesichert/

    Diesen Ärzten gehört eigentlich die Approbation ohne wenn und aber entzogen.

    Hier werden Kinder schwer an den Genitalien verletzt und wir alle schauen weiter betreten beiseite, weil es ja nur Jungen sind und es mit Religion verteidigt wird.

  13. 5.

    Ahja. Der "Willen Gottes". Und woher, wenn man fragen darf, wollen Sie über diesen Bescheid wissen? Und welcher Gott bzw. welcher Gott genau?

    Bei all der aufklärenden Haltung des Berichts verwundert das "ausgerechnet" und wirkt widersprüchlich. Warum denn zur Beschneidung nicht ausdrücklich qualifizierte und erfahrene Ärzt*innen aufsuchen? Es erweckt den Eindruck, Muslim*innen müssten kategorisch antisemitisch sein. Das ist dann wiederum nicht aufklärend und bildend, sondern eine rassistische Unterstellung und Zuschreibung.

  14. 4.

    Kann man alles so sehen, oder auch nicht. Letztlich ist Religion doch auch nur ein Hobby wie viele andere. Man tut sich zusammen mit Leuten, die auch dieses Hobby haben, man trifft sich und hat gemeinsame Rituale, Mythologien und Geschichten, die von anderen zusammengetragen wurden, die früher schon dieses Hobby hatten. Man tut das, weil es interessant oder faszinierend ist, oder um nicht so allein zu sein, weil es irgendwie nett ist so gemeinsam was zu machen, und weil man dann was zu tun hat und nicht einfach nur rumsitzen braucht. Ein Hobby ... nicht mehr und nicht weniger.

  15. 3.

    ... es gibt wohl Dinge die hier verboten werden sollten weil die von hier aus wo anders bekämpft werden...Genitalverstümmelung.. auch bei männlichen Wesen..gehört sich das nicht..

  16. 2.

    Sorry, aber "Pflicht"?! und "möglichst schmerzfrei" - kann ich nicht glauben. Alle die ich kenne berichteten von krassen tagelangen Schmerzen nach der OP (wenn Schmerzmittel abklingen). "Aufgrund der hohen Sensitivität der Vorhaut ist ihre Amputation eine sehr schmerzhafte Operation. Ältere Jungen erhalten zumindest in modernen Kliniken dafür in der Regel eine Vollnarkose, aber die Schmerzen nach der Operation bedeuten dennoch großes Leid für die Kinder." Zum Glück gibt es immer mehr Eltern, die diese Entscheidung ihren Kindern fürs Erwachsenenalter selbst überlassen. "Der Wandel in den Religionsgemeinschaften ist ein langwieriger Prozess und insbesondere die Pioniere sehen sich einem starken sozialen Druck ausgesetzt, dem Gebot und der Tradition zu folgen. Dennoch verzichten auch viele jüdische Eltern mittlerweile auf die „Beschneidung“ ihrer Söhne und feiern statt der traditionellen Brit Mila eine Brit Shalom, ohne körperlichen Eingriff"
    https://intaktiv.de/themen/beschneidung/

  17. 1.

    Die Vorhaut ist Ausdruck des Willen GOTTES. Wer sie entfernt handelt gegen IHN.

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