Teilnehmer eines Flashmobs zum Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union singen am Brandenburger Tor in Berlin. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Video: rbb|24 | 01.02.2020 | Material: TeleNewsNetwork | Bild: dpa/Britta Pedersen

Brexit ist "done" - Zum Abschied die Europahymne

Was für den britischen Premierminister Boris Johnson ein Grund zum Feiern ist, versetzt die in Berlin lebenden Briten in Unruhe. Viele von ihnen halten den um Mitternacht erfolgten EU-Austritt für falsch. Auch viele Unternehmer in der Region sind verunsichert.

Exakt um 24 Uhr und mehr als dreieinhalb Jahre nach dem Brexit-Votum hat Großbritannien die Europäische Union in der Nacht zu Samstag verlassen. Mehr als 47 Jahre lang war das Vereinigte Königreich Mitglied in der Staatengemeinschaft und ihren Vorgängerorganisationen.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) bezeichnete den EU-Austritt Großbritanniens als "bitter". Der Brexit verlange von allen, die vorhandenen Brücken zu erhalten und neue zu bauen, wird Woidke in einem Tweet seiner Partei zitiert.

IHK Potsdam fordert zügige Verhandlungen

In Berlin sangen Teilnehmer eines Flashmobs am Brandenburger Tor um Mitternacht die Europahymne und schwenkten britische und Europaflahnen. Der Brexit sorgt hierzulande für Verunsicherung, vor allem in der Wirtschaft und bei den in Berlin und Brandenburg lebenden Briten. Bis Jahresende wollen EU und Großbritannien klären, wie sie nun wirtschaftlich und politisch zusammenarbeiten.

Die Industrie- und Handelskammern (IHK) in Berlin und Potsdam haben auf ihren Webseiten Informationen aufgelistet, was die Unternehmen in der Region nach dem Brexit beachten müssen. Alle Unternehmen sollten dringend prüfen, ob und wie genau sie mit britischen Firmen in Verbindung stünden oder über ihre Lieferketten vielleicht sogar von ihnen abhängig seien, sagte der Präsident der Potsdamer IHK, Peter Heydenblut. Wenn der freie Waren- und Dienstleistungsverkehr ende, könne es neue Zölle oder Steuern geben, Förderungen könnten wegfallen.

Die IHK fordert zügige Verhandlungen. Das Wichtigste sei nun Planungssicherheit. Um seinen Mitgliedern zu helfen, hat die IHK eine Checkliste mit Veränderungen ins Internet gestellt. Brandenburgs Finanzministerin Katrin Lange (SPD) betonte, die Briten seien aus der EU ausgetreten - nicht aus Europa.

"Was ist schon perfekt?"

Auch viele der in Berlin und Brandenburg lebenden Briten bedauern den EU-Austritt ihres Heimatlandes - zumal dadurch auch ihre persönliche Lage unsicherer wird. Eine von rund 18.000 Auslandsbriten in Berlin ist Rose Newell. Die selbstständige Texterin und Übersetzerin ist überzeugte Europäerin und erklärte Brexit-Gegnerin. "Wir haben so viele Brexit-Tage hinter uns", sagte sie am Freitag dem rbb, und an vielen davon habe sie sich gegen den EU-Austritt gesträubt. "Aber man kann irgendwann nichts mehr ändern", sagte Newell der rbb-Abendschau.

Auch die frühere Englisch-Lehrerin Kathleen Smith ist traurig darüber, dass Großbritannien nun eigene Wege gehen will. Seit über 30 Jahren lebt sie in Berlin und glaubt, dass der Brexit ein großer Fehler ist: "Ich bin fest davon überzeugt, dass das falsch ist", sagt die Rentnerin. "Ich glaube an die EU, sie ist zwar nicht perfekt, aber was ist schon perfekt?"

Berlin fühlt sich gut vorbereitet

Politik und Wirtschaft in Berlin fühlen sich gut auf den Brexit vorbereitet. Der Staatssekretär für Europa, Gerry Woop, der Staatssekretär für Wirtschaft, Christian Rickerts, sowie die Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Berlin und der Wirtschaftsförderung Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie, Jan Eder und Stefan Franzke, bedauern zwar die Entscheidung des Vereinigten Königreichs, machen aber auch deutlich, dass sich Berlin intensiv darauf eingestellt hat.
 
So habe der Senat eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um die Unsicherheiten für die britischen Bürgerinnen und Bürger und Unternehmen zu minimieren, teilte die Senatsverwaltung für Kultur und Europa am frühen Samstagmorgen mit. Die zahlreichen Informationsangebote von Senat, der IHK und Berlin Partner seien umfangreich wahrgenommen worden. Seit Sommer 2018 seien die Aktivitäten im Rahmen der "Task Force Brexit" gemeinsam geplant und abgestimmt worden. Auch in der neuen Phase der Verhandlungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU solle dieses Format weiter gepflegt werden, hieß es.

Funkturm strahlt in Blau, Weiß und Rot

Der Berliner Funkturm wurde am Freitagabend anlässlich des Brexits in den Farben der britischen Flagge angestrahlt. Die blau-weiß-rote Beleuchtung sei ein "weithin sichtbares Zeichen der Verbundenheit" anlässlich des EU-Austritts Großbritanniens, erklärte der Chef der Messe Berlin, Christian Göke.

Allein seit dem Referendum im Juni 2016 seien rund 46.000 Fachbesucher und 1.200 Aussteller aus Großbritannien zu den Leitmessen in Berlin gekommen. Britische Unternehmen seien bereits seit 1966 auf der Grünen Woche vertreten, seit 1968 auch auf der ITB - bereits Jahre vor dem Beitritt des Landes zur EU-Vorläuferorganisation.

Sendung: Abendschau, 31.01.2020, 19.30

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Antwort auf [fronzek] vom 01.02.2020 um 20:34
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24 Kommentare

  1. 24.

    " Sonst könnten schnell weitere Länder folgen. "

    Dänemark, Italien, Ungarn, Polen könnten auch nachdenklich werden , Geld ist schön und gut, aber nicht um jeden Preis

  2. 23.

    " Katrin Lange (SPD) betonte, die Briten seien aus der EU ausgetreten - nicht aus Europa. "

    was für eine unsinnige Aussage , die EU ist ein künstliches Konstrukt, Europa ein Kontinent, aus dem man nicht " austreten" kann.

  3. 22.

    EWG statt EU , die EWG hat sich bewährt, die EU nicht.

  4. 21.

    Unqualifiziertes Gerede. Die EU-Kommission ist nicht demokratisch legitimiert. Was soll so schwer daran sein, das besser zu machen? Was soll so schwer an wirklicher Demokratie sein ? Die Schweizer machen es uns doch vor! Die wissen schon, warum sie nicht in der EU sind.

  5. 20.

    Eigentlich müsste der Abgang von GB aus der EU ein Weckruf sein, das ganze EU Konstrukt gründlich zu reformieren. Sonst könnten schnell weitere Länder folgen.
    Traditionsgemäß hatte BK Merkel bisher nicht auf die diversen CDU Wahlverluste im eigenen Land reagiert und die Ehrung von Draghi durch Merkel wegen der Nullzinspolitik "wenig Empathie für die Bürger vermissen lässt" (WELT). Stattdessen will Merkel jetzt die Aufnahme von weiteren problematischen Ländern, wie Albanien forcieren, offensichtlich die EU zu einem globalen Transfer-Konstrukt umgestalten. Diese Befürchtungen waren ein Aspekt, dass GB das Weite suchte.

  6. 19.

    Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass der EU ein demokratisches Fundament fehlt ... zumindest die EU-Kommission ist nicht demokratisch legitimiert und die Zusammensetzung des EU-Parlamentes ist ebenfalls nicht demokratisch, da die Stimmen des einzelnen Wählers je nach Land unterschiedlich schwer wiegen.
    Und bestimmen tut der "Europäische Rat" in wichtigen Fragen. Das Europäische Parlament hat vergleichsweise nur geringe Befugnisse. Stimmt die Bevölkerung von Frankreich und die Niederlande gegen die "Europäische Verfassung" macht das nichts, es geht einfach weiter und wird in "Lissabon Vertrag" umbenannt, da wird in Irland dann solange abgestimmt, bis das Ergebnis passt.

  7. 18.

    Ich hoffe, sie werden schnell merken das es ein Fehler ist die EU zu verlassen. Für alle Kritiker der EU sei nur gesagt macht es besser, dann könnt ihr meckern.

  8. 17.

    In seiner Abschiedsrede im EU Parlament wies Nigel Farage, der Hauptakteur des Brexit in GB, auf die seiner Ansicht nach wenig demokratische Legitimation der EU hin. So hätte die Franzosen und Niederländer in Volksabstimmungen die EU Verfassung abgelehnt. Was allerdings zu keiner Reaktion führte. Des weiteren kritisierte er die wenig demokratische Verfahrensweise für höhere EU Funktionäre. (Vielleicht meinte er etwa v.d.Leyen, die stand auf keinem Wahlzettel und war bis kurz vor der Festlegung als Kommissionspräsidentin der Bevölkerung in dieser Funktion völlig unbekannt).

  9. 16.

    Guter Vorschlag!

  10. 15.

    Jetzt kommen die ersten "Befürchtungen". Zum Beispiel vom unterlegenen Spitzenkandidaten der EVP für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten, Manfred Weber. „Wird der Brexit gefühlt ein Erfolg, ist er der Anfang vom Ende der EU“ äußert er in der WELT.
    Es gäbe Kräfte auf dem Kontinent, die wollten nur eine Wirtschaftsunion, aber keine politische Union.

    Bekanntlich hatten die Franzosen und die Holländer schon vor Jahren die Europäische Verfassung abgelehnt. Die Deutschen brauchten sich nicht entscheiden, in Deutschland fand darüber keine Abstimmung statt.

  11. 14.

    Das Leben geht weiter, die Erde dreht sich weiter....allen unzufriedene EU-Bürger können ja nach GB ziehen.

  12. 13.

    Die EU wollte diese Staaten doch unbedingt haben - ehe sie mit den Russen Verträge machen. Hinterher muss nicht geklagt werden. Die EU hat doch auch nur gesehen, dass man sie herumkommandieren kann, wie man will. Wenn diese Länder sich mehrheitlich einig sind, keine Flüchtlinge aufzunehmen - nennt sich das nicht Demokratie. Andere Länder - andere Sitten. Mein Mitleid hält sich in Grenzen, bloß weil sie plötzlich mehr arbeiten müssen. Haben sie sich doch selbst ausgesucht. Wenn Ihnen das zu viel ist, sollen sie kündigen - geht den Menschen wie den Leuten. Deshalb kommt nichts raus - zu viel Arbeit.

  13. 11.

    "prophezeite Katastrophe" Grossbritanien ist schon lange in einen katastrophalen Zustand. Armut, niedrige Löhne, hohe Mieten, das Gesundheitssystem kollabiert uvm. Das hat innenpolitische Gründe wie etwa der Niedergang der Arbeiterbewegung, aber auch der Privatisierungsdruck aus der EU spielte eine Rolle. Jedenfalls ist Grossbritanien heute wieder wie im 19. Jahrhundert in Arm und Reich gespalten. Der erstarkende Nationalismus soll von diesen Einkommensunterschieden ablenken. Ähnliches lässt sich auch in Deutschland beobachten. Der Wirtschaftsliberalismus befeuert den Nationalimus und damit auch Rassismus.

  14. 10.

    Die Briten haben weit weniger eingezahlt als sie ihrer Wirtschaftsleistung wegen eigentlich hätten leisten müssen, trotzdem haben die Briten von EU-Subventionen profitiert. Ausserdem haben sich die Briten immer wieder geweigert Menschenrechte anzuerkennen, wie etwa die Europäische Grundrechtecharta. Deutschland ist die Briten endlich losgeworden. Das ist gut so.

  15. 9.

    Weil es für das neu gewählte EU-Parlament durch den Austritt Englands mehr zu tun gibt, ist auch die erfolgte Gehaltsanhebung der Parlamentarier vollkommen gerechtfertigt. Da kann man sich nur freuen, dass Herr Weber aus Kostengründen nur einen Dienstwagen in Anspruch nimmt. Dieser Riesenapparat wird für den deutschen Steuerzahler immer teurer.

  16. 8.

    Der Austritt GB aus der EU ist bedauernswert, da damit ein Land die EU verlässt welches erhebliche Mittel eingezahlt hat. In der EU selbst wird wie bisher weiterregiert. Bevormundung und alles dauert ewig, siehe Lösung der Frage Sommerzeit. Die Empfängerstaaten verstehen ihre Rolle im Nehmen , nicht im mitmachen. Wenn es Ihnen nicht passt blockieren sie, siehe Flüchtlingsfrage. Das ist für mich kein europäischer Staatenbund.

  17. 7.

    Für mich ist es ein trauriger Tag für Europa.
    Sicherlich ist die EU eine riesige bürokratische Krake und auf der anderen Seite oft ein zahnloser Tiger aber ich liebe die Annehmlichkeiten und die Freiheiten die durch den Zusammenschluss der Länder entstanden sind. Das einzige was man den Briten zugute halten muß ist das sie es konsequent durchgezogen haben auch wenn es ewig gedauert hat und nicht wie andere Osteuropäischen Länder die Gelder der EU nehmen aber sonst ihren eigenen Kurs steuern. Auf diese Mitglieder im Staaten und können wir getrost verzichten. Ich denke die Briten werden an diesem Schritt ein weilchen zu knabbern haben den die Zeiten des Great Empire sind lange vorbei.

  18. 6.

    Großbritannien war und ist weiterhin ein grausamer Kolonialstaat und eine Monarchie, also gerade keine Demokratie mit liberalen Werten. Großbritannien ist einer der grössten Waffenexporteure der Welt und unterstützt aktuell Diktatoren wie Sisi in Ägypten. Das Union Jack ist ein Symbol des Terrors und der Fremdherrschaft in der Welt. Siehe etwa die Geschichte Indiens, Kenias oder jedes anderen Landes das unter der Herrschaft der Briten gelitten hat und leidet.

  19. 5.

    Mal abwarten bis die Brexiteers merken das aus Großbritannien Kleinengland geworden ist.
    Der erste Schock wird kommen wenn Trump das Handelsabkommen diktiert.
    Entstanden ist die ganze Situation wegen Lügen und Volksverdummung , genau so wie es die AfD hier versucht.
    Das auch die EU Fehler gemacht hat ist unbestritten. Tür offen halten, die nächste Generation ist hoffentlich schlauer.

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