ARCHIV - Das Türschild des Berliner Canisius-Kollegs, aufgenommen am 01.02.2010 in Berlin. (Quelle: dpa/Robert Schlesinger)
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Zehn Jahre Canisius-Missbrauchsskandal - "Eines der dunkelsten Kapitel der Schulgeschichte"

Vor zehn Jahren wurden die Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg bekannt. Sie erschüttern die katholische Kirche bis heute in ihren Grundfesten. Doch wie hat der Missbrauchsskandal die Berliner Schule verändert? Von Carmen Gräf

Matthias Katsch ist einer der drei Schüler, die vor zehn Jahren den damaligen Direktor des Canisius-Kollegs Klaus Mertes über den Missbrauch an der Schule informierten. Letzte Woche war Katsch noch einmal an seiner alten Schule. Er ging den Weg zum Eingang, die knarzenden Stufen noch einmal hoch.

In den 1970-er Jahren war er Schüler am Canisius-Kolleg und wurde von zwei Jesuiten-Patres missbraucht: dem geistlichen Leiter Peter R. und dem Sportlehrer Wolfgang S. Inzwischen ist Matthias Katsch Sprecher der Opfer-Initiative Eckiger Tisch und Mitglied in der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Ein anerkannter Experte, den die Schule zu einem Vortrag eingeladen hatte.

"All meine Professionalität, die ich entwickelt habe, auch im beruflichen Umfeld, hat mich nicht vor der Aufregung und dem Lampenfieber geschützt", sagt der Coach und Berater. Er sei so aufgeregt gewesen wie vor der mündlichen Abiturprüfung. Doch es gelang ihm, sich nicht von der erdrückenden Erinnerung einholen zu lassen, sondern auf das zu schauen, was er und seine Mitstreiter da ins Rollen gebracht haben.

Ziel: angstfreie Atmosphäre

Der Missbrauchsskandal sollte die Schule und die Kirche verändern. Es habe ein Perspektivenwechsel stattgefunden, sagt der heutige Leiter des Canisius-Kollegs Marco Mohr: Vom Schutz der Institution hin zum Blick auf die Betroffenen und aus ihrem Blickwinkel denkend. Das Ziel sei, eine angstfreie Atmosphäre  zu schaffen, "damit im Zweifel Dinge auch angesprochen werden können, die Grenzverletzungen sind."

Marco Mohr ist seit diesem Schuljahr Rektor am Canisius-Kolleg, Gabriele Hüdepohl seit zwölf Jahren Schulleiterin. Eine patente und in sich ruhende Frau, die so schnell nichts aus dem Konzept bringt. Der systematische Missbrauch von Kindern und Jugendlichen an ihrer Schule hat sie erschüttert. Rund 200 Betroffene aus Einrichtungen des Jesuiten-Ordens haben sich bisher gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein.

Mit den Schülern Schülerrechte entwickelt

Sexuellen Missbrauch will Hüdepohl an ihrer Schule nicht mehr dulden. Sie hat mit dem Kollegium ein Präventionsprogramm entwickelt. Dazu gehört, dass die Schülerinnen und Schüler Ansprechpersonen außerhalb der Schule kennenlernen. Sie besuchen unabhängige Beratungsstellen wie "Kind im Zentrum", "Wildwasser" und "Tauwetter". Auch in den Bereich des sozialen Lernens habe man investiert. "Wir haben mit den Schülern und Schülerinnen gemeinsam Schülerrechte entwickelt, wir haben mit den Kollegen und Kolleginnen zusammen Regeln im Umgang miteinander entwickelt."

Für den neuen Rektor Marco Mohr gehört die sexualisierte Gewalt zu den "dunkelsten Kapiteln der Schulgeschichte". Das will er nicht unter den Teppich kehren. Das Thema sei sowohl beim Tag der offenen Tür präsent als auch bei Informationsveranstaltungen für neue Lehrer und Lehrerinnen.

Komplette Akteneinsicht

In dieser Hinsicht hat die Schule ihre Hausaufgaben offensichtlich gemacht. Doch wie sieht es mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle aus?

Pater Johannes Siebner, der Leiter des Jesuitenordens in Deutschland, betont: Kurz nachdem der Brief von Pater Mertes an die Öffentlichkeit gekommen war, habe man die Rechtsanwältin Ursula Raue und die ehemalige Bundesfamilienministerin Andrea Fischer mit einem Untersuchungsbericht zum sexuellen Missbrauch an der Schule beauftragt. Man habe ihnen komplette Akteneinsicht gewährt.

Kritik: Ursachen des Missbrauchs nicht untersucht

Opfer-Vertreter Matthias Katsch kritisiert jedoch: Die Aufarbeitung sei weder fundiert noch wissenschaftlich gewesen. Die Ursachen des Missbrauchs und wie die Täter zusammengewirkt haben, sei nie untersucht worden. Auch auf eine angemessene Entschädigung würden er und seine Mitstreitenden noch heute warten. Bisher gab es im Durchschnitt nur etwa 5.000 Euro pro Person.

Marek Spitczok kann verstehen, dass die Opfer mehr fordern. Er ist einer der externen Ansprechpartner für Fragen sexualisierter Gewalt in den Einrichtungen des Jesuitenordens. Bei ihm melden sich Absolventen des Canisius-Kollegs, die missbraucht wurden und heute um die 50 Jahre alt oder im Rentenalter sind. Auch wenn sie den Missbrauch verdrängt haben, seien viele Opfer durch die traumatischen Erfahrungen arbeitsunfähig geworden. Sie kämpften mit Depressionen, Angstzuständen und Alkoholproblemen. Die Erinnerungen kämen oft erst Jahrzehnte später hoch: mit Alpträumen und Flashbacks.

Für Matthias Katsch und seine Mitstreiter gibt es noch genug zu tun. Sie haben sich inzwischen mit Betroffenen weltweit vernetzt. Ihr Ziel: den Opfern Gerechtigkeit zu verschaffen und Kinder heute vor Missbrauch zu schützen. Sein Buch "Damit es aufhört" erscheint nächste Woche.

Sendung: rbbkultur, 17.01.2019, 19:04 Uhr  

Beitrag von Carmen Gräf

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