Der Jesuiten-Pater und Schulleiter des Canisius-Kollegs, Klaus Mertes (Quelle: dpa/Tirl)
Audio: Inforadio | 14.01.2020 | Interview mit Pater Klaus Mertes | Bild: dpa/Tirl

Interview | Zehn Jahre Canisius-Missbrauchsskandal - "Die Kirche macht in der Aufarbeitung immer wieder Fehler"

Vor zehn Jahren informierten drei ehemalige Schüler des Berliner Canisius-Kollegs Klaus Mertes, den damaligen Direktor, über sexuellen Missbrauch. Im Interview blickt Mertes zurück auf den 14. Januar 2010 und die Folgen für die katholische Kirche.

Herr Mertes, als heute vor zehn Jahren Ihre Bürotür aufging und drei ehemalige Schüler vor Ihnen standen: Haben Sie geahnt, was auf Sie zukommt?

Klaus Mertes: Nicht wirklich. Sie teilten mir mit, dass sie in ihrer Zeit als Schüler in den 1970er Jahren im Canisius-Kolleg missbraucht wurden. Das waren für mich glaubwürdige Geschichten. Mir war auch in dem Moment klar, dass es mindestens noch Hundert Opfer oder mehr geben muss, die ebenfalls betroffen sind. Und daraus ergab sich für mich, dass ich die Verantwortung übernehmen und die ehemaligen Jahrgänge ansprechen musste.

Sie haben einen Brief an etwa 600 ehemalige Schüler geschrieben, darin um Entschuldigung gebeten und signalisiert, dass Sie für Gespräche mit möglichen weiteren Opfern offen sind. Damit haben sie ein Tabu gebrochen. Denn bis dahin wurden derartige Vorgänge in der Kirche vertuscht - eigentlich durch Versetzung der Täter.

Das war für mich kein Tabubruch, sondern eine Selbstverständlichkeit, wenn sie als zuständiger Schulleiter erfahren, dass an ihrer Schule vor 30 Jahren über Hundert Jugendliche von zwei ehemaligen Lehrern, beziehungsweise Jesuiten missbraucht worden sind. Ich habe ja auch nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Schule selbst ein Aufklärungsinteresse daran. Denn es geht um Verantwortung.

Das hat für Sie dazu geführt, dass Sie in einen ziemlichen Zwiespalt geraten sind. Denn Sie wurden auf der einen Seite als Aufklärer gefeiert, vor allen Dingen auch in den Medien, - von der anderen Seite, innerhalb der Kirche, sehr häufig als Nestbeschmutzer. Und damit saßen sie zwischen allen Stühlen. Wie sind Sie damit umgegangen?

Einen dritten Stuhl haben Sie noch nicht genannt. Es war nämlich auch ein Problem, dass die Presse mich als Aufklärer bezeichnet hatte. Das war für die Betroffenen schmerzlich, denn die eigentlichen Aufklärer sind ja die Betroffenen. Ich habe auch nie den Anspruch gehabt, Aufklärer zu sein. Für die Betroffenen war es wiederum schwierig, dass ich in der Öffentlichkeit gelobt wurde und nicht sie. Das hat dazu geführt, dass viele Betroffene mir gegenüber wiederum Vertrauen verloren haben, weil sie sagten: Der inszeniert sich als Aufklärer. Das erhöhte die Komplexität der gesamten Situation.

Trotzdem haben Sie sehr viele persönliche Angriffe in der Kirche aushalten müssen: Sie hätten eine Propaganda-Lawine gegen die Kirche losgetreten, sie seien illoyal. Hat das in den letzten zehn Jahren Ihr eigenes Zugehörigkeitsgefühl zur Kirche erschüttert?

Nein. Mein Zugehörigkeitsgefühl zur Kirche hat es nicht erschüttert, allerdings zur gegenwärtigen Kirchenstruktur. Auch hat es mein Vertrauen zu den leitenden Personen und zu den Kreisen, die bis heute gegen mich agieren, dauerhaft schwer beschädigt.

Bereits im Jahr 2010 wurde der Runde Tisch der Bundesregierung und der Eckige Tisch der Opfer eingerichtet. Es gab sehr viele Gespräche zwischen Jesuitenorden und Betroffenen. Ein Thema war die Prävention. Sind Jesuitenschulen in den letzten zehn Jahren sicherer geworden?

An unseren Schulen, aber auch an den kirchlichen Schulen, hat sich insgesamt unglaublich viel im Präventionsbereich getan. Es sind Themen ansprechbar, die vorher in den Kollegien gar nicht ansprechbar waren. Nicht nur Äußerlichkeiten, wie zum Beispiel ein polizeiliches erweitertes Führungszeugnis oder Selbstverpflichtungserklärungen, sondern die Grundfragen von Nähe und Distanz sind auf einem Reflexionsniveau angekommen. Auch die Beschwerdeverfahren sind sozusagen in einer differenzierten Weise aufgestellt worden, so dass hier ein großer Fortschritt gemacht worden ist.

Allerdings werden die Bemühungen an der Basis um gute Präventionsarbeit ständig dadurch diskreditiert, dass auf einer anderen Ebene die Aufarbeitung noch gar nicht wirklich vorangeschritten ist. Dies frustriert viele Schulleiter, weil sie hervorragende Präventionsarbeit machen, aber die Kirche in der Aufarbeitung immer wieder Fehler macht, die dazu führen, dass der Schatten auch auf die Institutionen fällt.

In einer unabhängigen Studie von 2018 wurde festgestellt, dass es in dem Untersuchungszeitraum von 1946 bis 2014 in der katholischen Kirche eine konstante Zahl von Tätern, etwa fünf Prozent bei Priestern und Ordensleuten, gab. Was ist faul in der Klerikerkaste?

Es gibt mehrere ganz tiefe, systemische Probleme und auch schwerwiegende Tabuthemen. In der Klerikerkaste können Sie das daran sehen, wie diese Teile das Problem analysieren. Die sagen, es gäbe das alles nicht, wenn sich die Leute an die kirchliche Sexualmoral hielten und wenn Schwule keine Priester mehr werden würden. Das ist die reaktionäre Aufklärungsstrategie, die im Klerus immer noch einen hohen Stellenwert hat.

Es muss das Tabu zum Thema Homosexualität im Klerus aufgebrochen werden. Auch die kirchliche Sexualmoral muss verändert werden. Es muss das überzogene Elitebewusstsein - also das Priesterverständnis - kritisch betrachtet werden. Insgesamt muss sich die Klerikerkaste auf sich selbst besinnen und fragen: Wo sind bei uns die systemischen Risiken dafür, dass wir zum einen Täter anziehen und zum anderen, dass wir dazu neigen, Taten zu vertuschen, wenn sie sichtbar werden?

Sehen Sie entscheidende Schritte, dass das angegangen wird?

Das Gegenargument - auch von der reaktionären Seite - lautet immer: Das ist eine Instrumentalisierung des Missbrauchs für kirchenpolitische Reformagenden. Das ist ein Totschlagargument, und das ist bis heute nicht aus der Welt. Das wird auch von vielen benutzt. Man kommt nicht daran vorbei, an diese systemischen Themen heranzugehen.

Kommen wir zum Thema Entschädigung: Was hatten die Betroffenen damals für Vorstellungen?

Die Vorstellungen waren eigentlich ähnliche wie heute. Ich bin froh, dass das Thema endlich auf der Agenda ist. Die Betroffenen hatten schon damals pauschale Entschädigungsforderungen in sechsstelliger Höhe im Blick. Wir haben damals darauf reagiert, indem wir zwischen Anerkennungszahlungen und Entschädigungszahlungen unterschieden haben. Und wir haben uns dann, ausgehend von dem Basisbetrag der österreichischen Bischofskonferenz, den pauschalen Anerkennungsbetrag von 5.000 Euro zugesagt und in den vielen Einzelfällen Entschädigungen da, wo Schaden durch Zahlungen noch gelindert werden kann, wie zum Beispiel Rentennachzahlungen, Therapiezahlungen oder Zahlungen für weitere Ausbildungen. Also wir haben die pauschalen Entschädigungsforderungen, die in dieser Höhe schon 2010 vor uns standen, in dieser Form abgelehnt und diesen Weg gewählt.

Nun sind 5.000 Euro im Unterschied zu 300.000 oder 400.000 Euro, die jetzt im Gespräch sind, ein Riesenunterschied. Die Deutsche Bischofskonferenz hat nun im Herbst signalisiert, doch erhebliche Summen zahlen zu wollen. Das muss zwar noch ausgehandelt werden, aber was würde das für Ihren Orden, die Jesuiten bedeuten, wenn pro Betroffenen 300.000 oder gar 400.000 Euro bezahlt werden müssten?

Unsere Gelder liegen in den Rücklagen für die Altersversorgung unserer älteren Mitbrüder, zu der wir gesetzlich verpflichtet sind, und in unseren Schulen, Hochschulen und Institutionen. Wenn wir alle unsere Schulen, Hochschulen und Institutionen auflösen würden, alle Immobilien verkaufen würden, würden wir nicht einen Bruchteil dessen bezahlen können, was dann an Forderungen auf uns zukäme.

Das heißt, die pädagogische Arbeit der Jesuiten wäre beendet?

Ja, und das war für uns deswegen auch immer ein Grund zu sagen, hier ist eine Grenze. Es kann nicht sein, dass die heutigen Schüler und die heutigen Eltern Schaden nehmen an dem Missbrauch von vor 30 Jahren.

Sie haben in einem Interview vor einem Freikauf der Kirche gewarnt. Was meinen Sie damit genau?

Dieser Vorschlag beinhaltet eine Versuchung - gerade wegen der Höhe des Betrages. Ich befürchte eine Mentalität zu sagen: Okay, wir zahlen 300.000 Euro pauschal an jeden, der es will. Dann haben wir die Sache hinter uns und es ist Ruhe. Dabei fühle ich mich hineingelockt letztlich in einen Freikauf, beziehungsweise - um es theologisch zu sagen - in eine Ablass-Logik.

Aber damit setzen Sie sich, wenn Sie sich gegen die Bischöfe stellen, wieder zwischen alle Stühle.

Ja, dabei sitze ich zwischen allen Stühlen. Ich will es noch verschärfen, weil die Bischöfe sagen, sie hätten Bereitschaft signalisiert, sich auf erhebliche Zahlungen einlassen. Ich finde, sie haben es nicht signalisiert, sondern sie haben die Forderungen der Betroffenen - die ich gar nicht kritisieren will - schweigend zur Kenntnis genommen. Hintenrum höre ich, dass sie beschwichtigend in den innerkirchlichen Raum sagen, dass es zu so hohen Zahlungen sowieso nicht kommen wird. Das heißt: Dieses Schweigen der Bischöfe - schweigend neben den großen Forderungen zu stehen und nichts dazu zu sagen - ist verantwortlich dafür, dass bei der Betroffenen-Seite die Hoffnung entsteht, dass diese Dinge tatsächlich auch gezahlt werden. Während es zugleich unausgesprochen die Entscheidung gibt, lange nicht so hoch zu zahlen, und das führt wie das einer tiefen Enttäuschung bei den Betroffenen. Das macht mir große Sorgen.

Seit zehn Jahren beschäftigen Sie sich mit diesem Missbrauchsthema. Ihr Name ist immer damit verbunden. Das ist so eine Art Lebensthema. Wie halten Sie das aus?

Klarer Kopf, gute Freunde. Es ist vor allem wichtig, die Dinge zu durchdenken und gegenüber der Öffentlichkeit das zu sagen, was man wirklich denkt. Das zweite ist, die persönlichen Verletzungen, guten Freunden und guten Freundinnen zeigen zu können. Ich bin ja nicht alleine in dieser Geschichte. Sonst würde ich das überhaupt gar nicht durchstehen können. Und drittens kommt hinzu eine große Freude darüber, dass sich so viele Betroffene gemeldet haben und dass ich mit meinem kleinen Brief gewürdigt worden bin, eine so große und heilsame Wirkung auszulösen. Dafür bin ich einfach unglaublich dankbar. Und ich bin auch unglaublich dankbar für ganz viele Begegnungen mit ganz vielen Betroffenen im Laufe der letzten zehn Jahre.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mit Klaus Mertes sprach Margarethe Steinhausen, Inforadio. Der Text ist eine gekürzte und redaktionell bearbeitete Version. Das Original-Interview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Aufmacherbild des Artikels nachhören.

Sendung: Inforadio, 14.01.2020, 10:45 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um eine Antwort zu verfassen.

Antwort auf [Petra] vom 14.01.2020 um 09:16
Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

8 Kommentare

  1. 8.

    Würden Sie bitte erläutern, was Sie hier mit "christlichem Handeln" zum Ausdruck bringen wollen? - Woran erkennen Sie in diesem Zusammenhang eine christliche Haltung?

  2. 7.

    Es ist löblich, dass Klaus Mertens die damaligen Aussagen der drei ehemaligen Schülern ernst genommen hat und so alles in Gang kam, aber was er jetzt von sich gibt muss man differenziert betrachten.
    Das Argument, dass bei Entschädigungszahlungen die Orden in den Ruin driften und so weitere Arbeit des Ordens nicht mehr möglich sei, ist ein Todschlagargument. Dieses Mantra intonieren alle Orden in Deutschland. Die Kirche und somit auch die angeschlossenen Orden sind in der Fürsorgepflicht und das beinhaltet auch einen Schadensersatz für die Opfer von Missbrauch. Das hat nichts mit Ablasshandel zutun, sondern mit christlichen Handeln.

  3. 6.

    "ein Katholik" In erste Linie der Papst und dann kommen die Kardinäle und Bischöfe. Leider hört man hier auch über die Jahre nichts was den Missbrauchsopfer helfen würde. Nur hinhalten und aufsitzen, genau wie in der Politik. Nicht einmal gegen Kardinäle und Bischöfe wurden bis heute, meines Erachtens, Ermittlungen aufgenommen , wegen Vertuschen bzw. Deckung , schwerste Verbrechen an Kinderseelen. Hier hat sich der Staat nicht mit Ruhm beleckern. Staatliche und kirchliche Stellen, scheinen Hand in Hand zu arbeiten im Nichtstun. Leidtragende sind die Opfer, wie so oft in Deutschland.

  4. 5.

    Wie heißen die kirchlichen Versager der Aufarbeitung?

  5. 4.

    Das Argument der Gegenseite, dass es eine Instrumentalisierung des Missbrauchs für Reformzwecke wäre, ist ziemlich dummdreist, das wissen diejenigen sicher auch. Praktische Veränderungen in den Strukturen der Schulen sind der einzig vernünftige und logische Schritt, um so etwas zukünftig zu verhindern. Empört zu tun, weil jemand vermeintich die Interessen der ehemaligen Schüler benutzt, obwohl es doch offensichtlich ist, dass es Herrn Mertes und den Alumni (und sicher vielen anderen) um eine auch zukünftig vernünftige Lösung geht, die eben die Interessen von ehemaligen und jetzigen Schülern im Sinn hat. So eine "Argumentation" ist beliebt bei Leuten, die versuchen ihre eigenen Positionen zu schützen und denen es vollkommen egal ist, wenn es für andere Schaden bedeutet.
    Kirchliche Strukturen sind leider nicht sehr demokratisch.

  6. 3.

    Ich bin auch ein Opfer. Bei mir war es der Erzeuger. So wie die Kirche mit dieser Thematik umgeht tut auch mir weh. Sie haben immer noch nicht verstanden wie ein Opfer sich fühlt und das es darum geht dem Opfer ein Stück Würde wiederzugeben. Der Staat geht aber auch nicht anders mit Missbrauchopfer um. Ich bekomme keine Opferanerkennung weil meine Erinnerungen dafür nicht ausreichen. Damit nimmt mir der Staat die Würde. Damit unterstellt er mir, dass ich aus langeweile eine jahrelange Therapie mache. Zumindest fühle ich es so. Opfer haben in dieser Gesellschaft keinen Platz. Zu dem Interview möchte ich sagen, dass ich es gut finde wie der Direktor damit umgeht. Diese Ehrlichkeit und Offenheit würde ich mir bei allen zuständigen Institutionen wünschen. Dann wären wir einen großen Schritt weiter.

  7. 2.

    Auf radioeins kam die Frage, ob die Kirchensteuerzahler für die Opfer aufkommen sollen. Dazu kann ich nur sagen: Die Kirche hat in 2000 Jahren einen unermeßlichen Reichtum angehäuft. Sicher nicht immer legal. Es wird Zeit für Wiedergutmachung.

  8. 1.

    Wieder dieses übliche Gerede. Wieder ein Interview, das Opfer des Missbrauchs nicht hilft. Das Thema Sexueller Missbrauch wurde schon viel eher thematisiert und zwar, in der Zeitschrift STERN Nr.40 u. 42 aus dem Jahr 2003. Leider hat kein Aufschrei stattgefunden. kirchliche und staatliche Stellen arbeiten weiterhin Hand in Hand um alles zu verzögern. Was ist aus den Fonds Sexueller Missbrauch geworden ? Meines Erachtens ist die versprochene Summe immer nicht nicht eingezahlt worden. Man spart bei den Opfer und verweigert denen die Hilfe. Wenn man denn wirklich wollte, hätte man schon längst eine ordentliche Entschädigung zahlen können, nach all den Jahren. Auch in diesem Interview hat man wieder viele Ausreden, nicht zahlen zu wollen. Der Jesuiten Orden geht nicht " Pleite " Es fehlt nicht an Geld , es fehlt am Willen.

Das könnte Sie auch interessieren