Symbolbild: An einer inklusiven Grundschule kümmert sich eine Schulhelferin im Unterricht um einen Jungen mit Down-Syndrom. (Quelle: imago-images/Michael Schick)
Audio: Inforadio | 09.01.2020 | Interview mit Andrea Häfele | Bild: imago-images-Symbolfoto/Michael Schick

Interview | Inklusion in der Schule - "Es ist ein gemeinsames Ausprobieren und Überlegen"

Etwa 70 Prozent der Kinder mit besonderem Förderbedarf in Berlin besuchen Regelschulen. Doch klappt die Inklusion dort auch? Andrea Häfele, Mutter eines Jungen mit Down-Syndrom und selber Erziehungswissenschaftlerin, berichtet über ihre Erfahrungen.

rbb: Frau Häfele, Schulsuche ist für viele Eltern ein Aufregerthema. Sie haben einen 13-jährigen Sohn mit Downsyndrom. Ist es für Eltern von Kindern, die beeinträchtigt sind, nochmals schwieriger?

Andrea Häfele: Die Schulsuche ist nicht immer einfach, weil man gar nicht richtig weiß, welche Schule Erfahrung hat mit den verschiedenen Förderschwerpunkten. Bei einem Kind mit Beeinträchtigungen sind viel mehr Personen dran: nicht nur die Lehrkräfte oder Erzieherinnen, sondern eventuell auch Therapeuten, Schulhelfer. Es gibt einfach eine größere Bandbreite an Erwachsenen. Und dann ist natürlich immer die Frage: Wird mein Kind dort gut gefördert? Wird es gut gesehen? Wird es Freunde finden, sich wohlfühlen? Solche Fragen hatte ich natürlich auch bei meinen anderen Kindern. Aber mit meinem Sohn war das noch mal schwerwiegender. Das geht auch anderen Eltern so, mit denen ich mich austausche.

Die UN-Behindertenrechtskonvention ist seit 2009 in Kraft. Damit verpflichtet sich Deutschland, gleichberechtigten Zugang für alle in allen Lebensbereichen zu schaffen - also auch in den Schulen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht mit der Inklusion, dem gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern?

Wir haben eigentlich sehr gute Erfahrungen gemacht. Am Anfang hatte ich ein bisschen Angst davor, wie die anderen Kinder auf meinen Sohn reagieren. Es war dann so berührend, dass die einfach alle sehr offen waren. Das war für die normal, dass da ein Kind ist mit Beeinträchtigung. Er war nur einer von vielen, es gab zehn Kinder mit Down-Syndrom auf der Schule. Die Schule ist auch insofern ganz gut geeignet für Inklusion, weil sie dieses JÜL hat [Jahrgangsübergreifendes Lernen], also Klasse eins bis drei in einem in einem Klassenraum und Klasse vier bis sechs in einem Klassenraum. Da hatten die Lehrer und Lehrerinnen einen guten Blick auf die Vielfalt der Kinder. Und es war egal, ob ein Kind beeinträchtigt ist oder nicht.

Haben sie auch negative Erfahrungen gemacht?

Ja, auf jeden Fall. Seit der dritten Klasse ist unser Sohn nicht mehr zu irgendwelchen Kindern eingeladen worden. Im sozialen Kontext gibt es außerhalb des Schulalltags nicht mehr viele Berührungspunkte. Er hat Freunde, aber das sind alles Freunde mit Beeinträchtigung. Wenn die Schulhelferin oder die Sonderpädagogin nicht da ist, und dann das Team von drei Personen im Klassenverband nicht mehr gegeben ist, dann werden auch mal Bilder gemalt. Ich verstehe, dass eine Lehrperson gucken muss, wie sie es schafft, dass alle an ihren Plätzen sitzen und nicht den Unterricht sprengen. Es ist aber manchmal schon enttäuschend, wenn man mitkriegt, dass die Kinder abgestellt werden. Doch das sind Ausnahmen unserer Erfahrung nach. Aber es kommen auch Eltern zu uns in die Beratungsstelle, deren Kinder in der Inklusionsschule immense Schwierigkeiten haben. Man hat das Gefühl, dass die Lehrkräfte oder das Fachpersonal in den Schulen auf große Schwierigkeiten stoßen, sich wenig im Austausch befinden, und sich auch nicht hilfesuchend an andere Stellen wenden, um zu gucken, wie man die Situation so auflösen kann, um dem Kind ein inklusives Setting zu ermöglichen.

Nun haben manche Eltern von beeinträchtigten Kindern gesagt: Mein Kind geht unter, wenn es mit Nicht-Beeinträchtigten zusammen lernen soll. Umgekehrt haben Eltern von Kindern ohne besondere Förderbedarfe gesagt: Bei der Inklusion geht die ganze Aufmerksamkeit zu den Kindern, die es ganz besonders dringend brauchen. Sind solche Diskussionen noch immer ein Thema?

Nach wie vor ist das tatsächlich ein Thema, immer wieder und jeden Tag. Für uns war es einfach wichtig, auch bei der Oberschulsuche eine Schule zu finden, wo eine große Peergroup ist, wo viele andere Kinder mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung sind, damit unser Sohn nicht in der Masse untergeht. Sondern dass er etwa in den temporären Lerngruppen in seiner Peer Group ist und nicht immer im großen Klassenverband.

Manch einer könnte denken: Inklusion heißt einfach, es werden alle in eine große Schüssel geworfen, dann wird durchgemixt, und es gilt für alle das gleiche.

Inklusion ist wirklich, die Kinder da abzuholen, wo sie gerade stehen, ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen. Das bedeutet auch, dass ein Kind wie meine Tochter, die keinen Förderbedarf hat, sich aber nicht gut konzentrieren kann, auch mal rausgehen darf mit einer anderen Person und vor der Klassentür ihr Arbeitsblatt bearbeiten kann. Dass der Lernraum so gestaltet wird, wie er oder sie das gerade braucht.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, wenn die Inklusion nicht gut läuft im schulischen Bereich?

Manche Schulen wollen die Inklusion, scheitern aber an ihren Fähigkeiten, und dann ist nicht diese Hilfemöglichkeit der Supervision oder des Austauschs mit anderen Kollegen da. Vielleicht gibt es nur eine Sonderpädagogin auf der Schule oder es ist gar kein Fachpersonal vorhanden, um einen guten Unterricht zu machen. Und dann gibt es natürlich auch Schulen, wo einfach eine inklusive Haltung fehlt. Unsere Einzugsschule hat damals gleich gesagt: Wir können das gar nicht leisten, wir haben ganz andere Probleme. Mit dieser Offenheit, der Transparenz, konnte ich sehr gut umgehen. Wir guckten dann nach einer Schule, die spezialisierter ist auf Kinder, die den Förderbedarf für geistige Entwicklung haben.

Hat Ihnen das auch gezeigt, unter welchem Druck das Berliner Schulsystem insgesamt steht, das nun auch Inklusion schultern soll?

Ich denke schon. Es gibt wenig Fachkräfte. Die Lehrer und Lehrerinnen sind das eine. Aber die Menschen, die tatsächlich an den Kindern dran sind, die Betreuer und Betreuerinnen, die Schulhelfer, Schulhelferinnen, Facherzieher – es sind so viele andere Leute, die noch da sind. Daran fehlt es einfach. Es fehlt auch an Teilungsräumen an den Schulen, an Pflegebädern, an Fahrstühlen. Also es gibt ja eine ganze Bandbreite an Dingen, die wichtig sind für Inklusion.

Was würde Ihr Sohn sagen?

Ich glaube für ihn ist die Schule oft sehr schnell. Das ist nicht sein Tempo. Aber dass er umgeben ist von Kindern, die sich regelgerecht entwickeln, ist für ihn natürlich eine tolle Anregung. Er guckt sich viel ab – wenn auch nicht immer nur die tollen Sachen. Aber ich glaube, dass es für ihn einfach auch schön ist. Für uns war es immer wichtig zu sagen: Wir machen die Inklusion solange, wie er glücklich ist. Und in dem Moment, wo wir merken, das passt für ihn nicht, gucken wir uns nochmal nach einer Förderschule an.

Inklusion in der Schule ist also kein Selbstläufer?

Nein, Inklusion ist ein Prozess. Daran sind alle beteiligt. Es wird nicht so serviert und man nimmt sich das häppchenweise runter wie beim Buffet, sondern es ist auch ein gemeinsames Ausprobieren, und gemeinsam überlegen, was passt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Andrea Häfele sprach Sylvia Tiegs für Inforadio. Der Text ist eine gekürzte und redaktionell bearbeitete Version. Das Original-Interview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Aufmacherbild des Artikels nachhören.

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2 Kommentare

  1. 2.

    Setzen Sie ein Kind was im Zahlenbereich bis max. 10 rechnen kann neben ein Kind das die Bruchrechnung und Verhältnisgleichungen löst. Unsere behinderte Tochter (Autist) war 3 Jahre lang Versuchsobjekt in dem Inklusionsexperiment "ERINA". Rausgekommen ist dabei für uns die Erkenntnis das Inklusion ein Luftschloss und eine
    Illusion ist. Von verschiedenen staatlichen Institutionen und der Uni begleitet und gefördert, bekamen wir am Ende keinerlei Ergebnis zu diesem Projekt. Unser Fazit ist, das jedes Kind die beste Bildung durch individuelle Förderung erfährt.
    Und so unser Schulsystem mit seinen verschiedenen Schulformen, also auch den Förderschulen die beste Lösung für alle.
    Einbindung von Behinderten kann in Nebenfächern und AGs oder Hobbymäßig sehr gut funktionieren.

  2. 1.

    Sehr interessantes Interview! Es ist wirklich viel besser wenn Kinder gar nicht erst so eine komische Unterteilung von sich und ihren Altersgenossen beigebracht bekommen, sondern einfach ein ganz normales Verhältnis zueinander entwicken - wie sie es ja von alleine auch tun würden. Und es wirkt sich immens auf die Zukunft einer Gesellschaft aus! Da muss viel mehr getan werden; wenn das Geld fehlt - vielleicht mal an Stellen Steuern erheben, an denen es nicht an Finanzkraft mangelt.

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