Eine Frau schnaubt in eine Taschentuch (Quelle: dpa/picturedesk.com)
Audio: Radioeins | 27.01.2020 | Interview mit Susanne Glasmacher | Bild: dpa/picturedesk.com

Interview | Robert-Koch-Institut zu Corona und Grippe - "Die Influenza ist die konkrete Gefahr"

Ein erster Verdachtsfall des Coronavirus hat sich in Berlin nicht bestätigt. Dagegen bestätigt sind Hunderte Fälle der Influenza. Warum es fatal ist, die Grippe-Erkrankung nicht mehr ernst zu nehmen, erklärt Susanne Glasmacher vom Berliner Robert-Koch-Institut.

rbb: Frau Glasmacher, kann man den Grippevirus und das Coronavirus vergleichen?

Susanne Glasmacher: Ja, man muss sie sogar vergleichen. Bei den Coronaviren sehen wir im Moment tatsächlich nur ganz wenige Fälle außerhalb von China. Auch die Mensch-zu-Mensch-Übertragung sehen wir fast ausschließlich in China. In der Tat muss man in Deutschland mit importierten Fällen rechnen, zumindest mit einzelnen.

Aber wenn wir sehen, dass wir jetzt bei der laufenden Grippewelle schon über 13.000 bis 14.000 labordiagnostisch bestätigte Influenza-Erkrankungen haben und auch schon über 30 Todesfälle, dann ist das eine ganz andere Nummer. Die Influenza ist tatsächlich die ganz konkrete Gefahr, vor allen Dingen für bestimmte Risikogruppen.

Warum wird denn so wenig darüber gesprochen?

Es wird immer mal wieder darüber gesprochen. Aber es ist natürlich auch ein Phänomen, dass neuartige Erreger eine größere Aufmerksamkeit bekommen. Die Psychologie sagt, dass neuartige Risiken höher gewichtet werden als das, was man kennt. Die Grippewelle haben wir jedes Jahr, allerdings in sehr unterschiedlicher Ausprägung. Wir haben jedes Jahr mehrere Hundert Todesfälle und in der Tat geschätzt deutlich über 20.000 Todesfälle in schweren Grippewellen. Aber das nutzt sich eben ab und man hört es fast jedes Jahr. Es wird nicht mehr so ernst genommen. Und vor neuartigen Erkrankungen hat man eher Manschetten.

Für wen sind diese Grippeviren besonders gefährlich?

Influenzaviren sind vor allen Dingen für die Älteren sehr gefährlich und für diejenigen, die Grundkrankheiten haben. Auch Schwangere sind für einen schweren Verlauf gefährdet, für sich und auch für das ungeborene Kind. Die Schwangerschaft ist eine Situation, in der das Immunsystem sozusagen nicht im Normalbetrieb läuft, sondern leicht reduziert ist, damit das Kind nicht abgestoßen wird. Von daher sollten chronisch Kranke, Schwangere, Ältere, also über 60-Jährige, unbedingt geimpft sein.

Auch wenn die Wirksamkeit der Impfung nicht so gut ist, wie wir das gerne hätten, ist die Impfung das Beste, was wir haben. Selbst wenn man trotz Impfung erkrankt, gibt es einen milderen Verlauf. Die Impfung ist auf jeden Fall sinnvoll für diese Gruppen. Und natürlich auch für diejenigen, die diese Gruppen betreuen, also das Medizin- und Pflegepersonal.

Wie lässt sich eine Grippe von einer heftigen Erkältung unterscheiden?

Eine Influenza beginnt üblicherweise mit einem abrupten Beginn, mit schweren Kopf- und Gliederschmerzen und mit hohem Fieber. Eine Erkältung beginnt meistens eher langsam. Man hat selten oder nur ein bisschen Fieber, und man hat eher Schnupfen und Husten. Es ist natürlich bei jedem individuell auch ein bisschen anders. Es gibt Menschen, vor allem Ältere, die bei einer Influenza häufig gar kein Fieber haben. Im Einzelfall ist das nur durch eine Labordiagnostik zu unterscheiden.

Kann man sich jetzt immer noch impfen lassen?

Unbedingt! Man braucht etwa zwei Wochen bis der Impfschutz voll aufgebaut ist und Grippewellen dauern üblicherweise drei bis vier Monate. Die Grippewelle hat gerade begonnen, das heißt, wir haben noch ein paar Monate vor uns. Von daher lohnt sich eine Impfung auf jeden Fall.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Susanne Glasmacher führt Nancy Fischer, Radioeins.

Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Gespräch können Sie mit einem Klick auf den Playbutton oben im Artikelbild hören.

Sendung: Radioeins, 27.01.2020, 10:20 Uhr

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