Symbolbild: Krankenhauskost (Quelle: dpa/Cameron)
Video: Mittagsmagazin | 14.01.2020 | Helena Daehler und Marcel Trocoli-Castro | Bild: dpa/Cameron

Krankenhausessen in Berlin - "Es ist nicht nur ungesund, sondern geradezu toxisch"

Ausgerechnet Krankenhausessen ist oft genau so, wie man es sich vorstellt: fade, verkocht, ohne Vitamine. Kein Wunder, wenn man sich anschaut, wie wenig Geld dafür ausgegeben wird. Von Helena Daehler und Marcel Trocoli-Castro

Verkochte Nudeln, wenig frisches Gemüse und Obst und vor allem: kaum Geschmack. Das ist das, was man sich allgemein über Krankenhauskost erzählt. Aber ist es auch ungesund?

In einer zufällig ausgewählten Berliner Klinik treffen wir eine Krebs-Patientin, die uns zeigt, was es bei ihr zu Mittag gibt: Huhn mit Möhren und Kartoffeln. Seit zwei Wochen leidet die 70-Jährige unter dem Essen in der Klinik, zu oft sei es verkocht und schmecke nicht. Da sie erst vor kurzem operiert wurde, brauche sie dringend Folsäure, also Vitamin B9 – das ist gut für die Wundheilung. Außerdem benötigt sie in der Rekonvaleszenz besonders viele Vitamine. Aufgrund ihrer Erkrankung vor allem Vitamin E. Wir dürfen dem Essen Proben entnehmen und bringen sie in ein Labor für Lebensmittelchemie zur Untersuchung.

Vitamine sind nicht nachweisbar

Nach zwölf Tagen liegen die Ergebnisse über die Probe vor. Die Messwerte für die Vitamine A, C, D und E lagen alle im nicht nachweisbaren Bereich. Einzig das Vitamin B9 – also Folsäure – ist in der Statistik aufgetaucht. Während es an Vitaminen eher mangelt, ist der empfohlene Salzgehalt pro Mahlzeit um ein Vielfaches überschritten. Sabine Schäfer, Fachärztin für Ernährungsmedizin, fasst die Werte so zusammen: "Es ist nicht nur ungesund, sondern geradezu toxisch und ernährt uns nicht." Die Empfehlung der Ernährungsmedizinerin: Angehörige kochen lassen und das Krankenhausessen lieber zurückgeben.

Qualitätsstandards nicht verpflichtend

Dabei hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) für Krankenhauskost Qualitätsstandards entwickelt. Demnach sollten täglich mehrmals Gemüse und Obst und zweimal wöchentlich Fisch auf dem Speiseplan stehen. Doch das sind lediglich Empfehlungen, die Umsetzung ist bislang weder auf Landes-, noch auf Bundesebene verpflichtend. Lediglich vier Prozent der rund 2.000 Krankenhäuser in Deutschland haben sich von der DGE zertifizieren lassen. In Berlin ist es ein einziges: das Evangelische Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge in Lichtenberg.

Krankenhäuser sparen weiter

Eine neue Studie des Deutschen Krankenhausinstituts zeigt: Klinken geben immer weniger Geld für Verpflegung aus.  Im Schnitt waren es 2018 – das sind die aktuellsten Zahlen - 3,84 Euro pro Tag und Patient. 2005 waren es noch 4,45 Euro. Die realen Kosten für Krankenhausessen sinken also und bleiben damit gegenüber der allgemeinen Kostenentwicklung zurück.

"Die schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen der Krankenhäuser treffen die Küchen besonders hart", sagt Karl Blum, Leiter des Geschäftsbereiches Forschung. Lediglich ein Drittel der Krankenhäuser will in den kommenden drei Jahren investieren. "Die Küche steht im Vergleich zu anderen Krankenhauskosten nicht an erster Stelle der Prioritäten", sagt Blum und fordert deshalb den Investitionsstau bei Krankenhausküchen abzubauen.

Wurstgulasch statt Mittelmeer-Diät

Eine Ärztin, die in einer großen Berliner Klinik arbeitet und anonym bleiben möchte, prangert das Gesundheitssystem an. Die Krankenhauskost sei aus Sicht einer Medizinerin kaum vertretbar, zumal Ernährungsempfehlungen und die Mahlzeiten im Klinikalltag weit auseinander gehen.

"Wir empfehlen Patienten die sogenannte Mittelmeer-Diät. Sie ist Gemüse-basiert, mit viel pflanzlichen Fetten, Vollkorngetreide, fettarmem Fleisch – und im Krankenhaus kriegen die Patienten dann Wurstgulasch oder Milchreis, was den Ernährungsempfehlungen komplett widerspricht."

Die Ärztin geht sogar noch weiter und sagt: "Ich habe immer das Gefühl, ich würde krank werden, wenn ich dieses Essen jeden Tag essen würde. Wenn ich mir jetzt vorstelle, ich bin schon krank und möchte gesund werden, dann ist dieses Essen bestimmt nicht hilfreich, eher im Gegenteil."

Sendung: ARD-Mittagsmagazin, 14.01.2020, 13.00 Uhr

Beitrag von Helena Daehler und Marcel Trocoli-Castro

40 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 40.

    Ich lag zu Heiligabend bis Silvester im Krankenhaus und habe den schlimmsten Fraß hinter mir. Direkt zu Heiligabend gab es gefrorene grüne Gurke, 2 ausgetrocknete Schnitten, usw. Ich bekam einen Heulkrampf. Das Essen allgemein war der letzte Dreck und weder gesund, noch ein Sattmacher. Ich brauche kein Luxusessen, aber das muss definitiv nicht sein.

  2. 39.

    Ich kann nur jedem abraten sich bei einer Krebsdiagnose in der Uni-Klinik Düsseldorf behandeln zu lassen. Abgesehen von der unfassbar schlechten ärztlichen Behandlung + völlig überlasteten Pflege, ist auch das Essen billigstes Niveau. Es werden den Krebspatienten, die ja eigentlich Gefahr laufen stark untergewichtig zu werden, strikte Begrenzung auf 5 Teile je Frühstück oder Abendessen gestattet... mehr nicht! Dazu zählt jede Wurst- und Käsescheibe einzeln usw. Joghurt wurde ständig 1,5% Fettgehalt serviert, obwohl mehrfach 3,5% in der Liste angekreuzt, Mittagessen teilweise zu wenig, Instantsuppen, nur künstliche Fertigsaucen, Nachtisch billigstes Dosenobst oder chemisch billige Pudding-Mixturen. Schrecklich liebloses und ohnmächtiges Ausgeliefertsein in solchen "Krankenhaus-Fabriken" für Patienten + Angehörige, das weit über das Thema Essen hinaus geht. Wem es sowieso schon schlecht geht, braucht sowas ganz bestimmt nicht. Das Geld + der Arzt stehen im Mittelpunkt, der Patient nicht.

  3. 38.

    Aus Erfahrung in Familie und Bekanntenkreis kann ich die Kritik nur fett unterstreichen. Sie gilt für Kliniken wie für Senioren- und Pflegeheime, vermutlich auch für viele Schulen. Aber in einer Klinik verbringt man in der Regel nur begrenzte Zeit, in einem Seniorenheim aber jahrelang. Zudem ist ein Ausgleich durch die Familie auf Dauer kaum möglich.

    Ich finde es skandalös, dass Unsummen für teure Medikamente und Operationen ausgegeben werden, aber täglich ein paar Euro mehr für die Ernährung sind offenbar nicht drin. Dabei wäre eine gute Ernährung vermutlich in vielen Fällen schon die beste Therapie - wie die Ernährungsdocs regelmäßig aufzeigen.

    An der Mangelernährung in Kliniken und Pflegeheimen muss sich dringend etwas ändern!

  4. 37.

    Ich würde differenzieren: Die uralten Herdschrippen, die die DDR und Ostdeutschland dankenswerterweise beibehalten hat, sind zehnmal bekömmlicher als alle aufgeblasene Mehlbeutel mit tausend Körnern obendrauf, wie sie im so verstandenen Westen seit den 1970ern Mode wurden. Das Gleiche gilt auch für sämtliche Geschmacks- und Aromastoffe.

    Dann gab es in Ostdeutschland, in der DDR, Lebensmittel auf der Basis von geringem Fettgehalt (der Milch), weil die Milch mit hochprozentigem Fettgehalt gegen Devisen ins so bezeichnete "feindliche Ausland" verschoben wurde. Dementsprechend geschmacklos beeinträchtigt waren die Lebensmittel. Die schlechteste Erbsensuppe meines Lebens, die mit Erbsen nicht das Geringste zu tun hatte, habe ich im Havelland gegessen. 1991, war ein überkommenes Rezept, von Neuerung auf dem Land noch keine Spur.

    Die Krankenhäuser sind insofern nur ein Spiegelbild der Gesellschaft, gleich welcher. Die werden sich gehaltvollen Lebensmitteln nicht entziehen können.

  5. 36.

    Man kann ja keine Hotel Küche erwarten.
    Aber was mir im Krankenhaus vorgesetzt wurde,, war wirklich kaputt gekochter Kleister. Zur Gesundung trägt es mit Sicherheirheit nicht bei.

  6. 35.

    Seit wann legen ausgerechnet Sie fest, wer hier im falschen Forum ist, wer was äußern darf und was Geschichtsrevisionismus ist? Fakt ist, das Geschichtsbild, das Sie hier gerne verbreiten möchten, hält einer qualifizierten Prüfung nicht stand. Damit können Sie höchstens am Stammtisch punkten.

    "Die Geschichtsaufarbeitung in der heutigen Bundesrepublik ist geprägt durch vereinfachte westliche Erfolgsgeschichten auf der einen und durch ostdeutsche Horrorgeschichten auf der anderen Seite. Geschichtsbetrachtung wird von aktuellen Westnormen bestimmt, ostdeutsche Erfahrungen werden marginalisiert. Der Einigungsprozess wird dadurch stark belastet."

    (Prof. Andrew H. Beattie in "Learning from the Germans? History and Memory in German and European Projects of Integration", University of Technology Sydney, 2007)

  7. 34.

    Das Essen damals war jedenfalls deutlich gehaltvoller und gesünder als die Industriepampe, die heute in den Supermärkten usw. üblich ist. Das weiß ich nicht vom Hörensagen - so wie Sie - sondern aus jahrzehntelanger eigener Erfahrung. Warum es nun ausgerechnet in den Krankenhäusern schlechter gewesen sein soll, bleibt Ihr Geheimnis. Bananen allein sind jedenfalls kein Indikator für gutes Essen.

  8. 33.

    Lieber Herr Schaftlich,
    ich war in vielen Rehakliniken und meine Bekannten waren auch in vielen Rehakliniken und berichten das gleiche. Macht zusammen die meisten.
    Bestimmt gibt es wie auch bei Krankenhäusern Ausnahmen ohne Frage.
    Aber das wissen Sie ja genauso wie ich, nehme ich einmal an.
    Sollten Sie andere Erfahrungen gemacht haben, sind Sie womöglich ein Glückspilz.

  9. 32.

    Sie sind im falschen Forum. Hier wird jedenfalls nicht mal ebenso Rassismus verbreitet. Als gäbe es in Afrika nur Entwicklungsländer. Auch wird hier kein Geschichtsrevisionismus bzgl. DDR fröhlich in die Runde gesät.

    Zum Thema: Die Grundlage des Artikels ist doch bei einem, in Zahlen "1", Krankenhaus und teils anonymen Stellungnahmen sowie der Zuhilfenahme von Aussagen, ausgerechnet(!), der DGE, die keine unabhängige Organisation, sondern eine Repräsentanz sämtlicher Partikularinteressen des Ernährungsmittelsektors darstellt, recht dürftig.

    Wer alles unter Profitmaximierung, inkl. Kostenreduktion, subsumiert, bekommt am Ende u.a. ein Gesundheitssystem voller Fehlanreize: ob KV's oder Ärzt*innen in Konkurrenz zueinander, OP's nach Provision wie im Versicherungsgewerbe oder den niedrigstmöglichen Sozialausgaben für Krankenhäuser, inkl. Personal. Es bräuchte eine Großreform im Gesundheitsbereich, keinen narzisstischen Gesundheitsminister, der an seiner Profilierung arbeitet.

  10. 31.

    Die Massenbewegung von 1989, die ja keinesfalls von außen kam, spricht eher gegen Ihre Aussage. Soweit ich von zahllosen Bekannten und Freunden Aussagen dazu habe, lag die Kost in den DDR-Krankenhäusern keineswegs über denjenigen anderer Krankenhäuser woanders. Um es mal vorsichtig auszudrücken.

    Also kein "Artenschutz" ...

  11. 30.

    Das es möglich ist leckeres vollwertiges Essen in Berlin im Krankenhaus zu bekommen beweist die öffentliche Kantine des Immanuel Kankenhauses am Kleinen Wannsee. Vielleicht hat es was damit zu tun, dass da auch Naturheilkundler der Charité sitzen, die großen Wert auf Ernährung und heilende Gewürze legen. Danke nochmal an die Mitarbeiterinnen und die Küche dort :)
    Erstaunlicherweise gibt es in Berlin an den Hochschulen z.T. ausgezeichnete Mensen. Vielleicht gibt es da was zu lernen - sind Kooperationen möglich?! Die kochen oft sehr gut viele Portionen :)

  12. 29.

    Ich war vor kurzem im Sanaklinikum zur OP das Essen was ich dort bekommen habe hatte mit gesunder Ernährung nichts zu tun. Hochachtungsvoll Stoll Karl-Heinz

  13. 28.

    Liebe Heike,
    in wie vielen Rehakliniken wurden Sie denn verköstigt, um diese Aussage treffen zu können? Waren Sie wirklich "in den meisten" ?

  14. 27.

    Vor einigen Jahren mußte ich alle paar Wochen für 24h in ein Berliner Krankkenhaus einziehen. Das Essen war eher na ja; wenn man nicht länger bleiben brauchte, ließ es sich aushalten. Eines Tages erlebte ich, wie eine ältere Mitpatientin ihren freitäglichen Fisch beschaute, probierte und dann sagte: "Ich bete immer für das Tier, das ich jetzte esse -heute bete ich für den Koch:"

  15. 26.

    Ich erinnere mich daran, dass es ähnliche Zustände bezgl. des Essens bereits 1981 im damaligen "Klinikum Steglitz" (heute Charité UKBF) gab. Suppen waren gefärbtes Wasser, Fleischgerichte waren zerkocht, Gemüse ebenso, alles war
    im Wortsinne "geschmacklos" und eher ungeniessbar. Frühstück und Abendbrot waren durch einfachste Zutaten gekenn-zeichnet. Der damalige Krankenpfleger sagte mir, für das Essen stünden bei einem Tagessatz von DM 385,-- ca. DM 3,25 zur Verfügung. Es scheint sich nicht viel verändert zu haben. Vielleicht sollte man das Wort "Ver-pflegung" wörtlich
    nehmen!? Schliesslich liegt man ja auch im Krankenhaus und nicht im Gesundheitshaus. Die deutsche Sprache ist so herrlich präzise!

  16. 25.

    Es sollte doch inzwischen jedem erkenntlich sein, dass man den Namen Krankenhaus wörtlich nehmen muss. Unser sog. "Gesundheitsheitssystem" setzt alles daran, dass wir krank bleiben. Dazu gehört natürlich das entsprechende "Futter".

  17. 24.

    Hallo der von drüben,
    habe doch nichts gegen die Bürger der ehemaligen DDR. Bin selbst von "drüben". Ging mir auch nur um den Vergleich zum Krankenhausessen im Kapitalismus und im real existierenden Sozialismus in der DDR,

  18. 23.

    Die Krankenhausküche unterscheidet nicht zwischen Privat- und Kassenpatienten, teilweise gibt es gar keine Küchen mehr. Das Essen wird tiefgefroren angeliefert und nur noch erwärmt. Wer krank ist, wird in vielen Häusern durch das Essen nicht gesünder. Allergien und Unverträglichkeiten werden abgefragt, dann aber oftmals bei der Essensausgabe ignoriert. Wir hatten onkologische Patienten, die monatelang stationär aufgenommen werden mussten und das Essen verweigert haben. In diesem Land schließt die bestmögliche medizinische Betreuung nicht die nötige Versorgung mit Nährstoffen und Vitaminen ein. Es ist nicht nachzuvollziehen und ein Skandal.

  19. 22.

    Meine Beobachtung im Klinikum Neukölln während 4 Wochen im Sommer 2019: Ein Futter , das da serviert wurde, unglaublich. Unabhängig von Warmgerichten, war ich erstaunt zu sehen, dass es als Nachtisch irgenwelche Industriepuddings mit Sahnetopping der allerbilligsten Sorte gab, wußte gar nicht, dass die gesund sein sollen. Also,ich habe Gottseidank wenig Bekanntschaft mit Krankenhäusern gemacht, bisher. Vielleicht deshalb meine Naivität, denn in meiner Vorstellung stellte ich mir so einen Art gesunde Schonkost vor. Stattdessen gab es Knastverpflegung a la 1960.

  20. 21.

    Das Schulessen ist ähnlich gelagert. Da seit diesem Schuljahr Masse statt klasse angesagt ist. Hauptsache billig und viel Gewinn möglich.

Das könnte Sie auch interessieren